Entwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschafi. 175 Sinne alle aufwärts strebenden Kreise der Nation. Auch die hervorragenden Bürger der Städte, die großen Kaufleute, die den kriegerischen Schutz ihrer umwallten Heimat übernommen hatten, gehörten ihr an; sie haben nach Ritters Art gelebt; sie haben nicht selten Verschwägerungen gesucht mit den edlen Geschlechtern des platten Landes, und aus ihrem Daseinskreise ist Gottfried von Straßburg hervorgegangen, der wollüstige Sänger höfischen Liebesleids. So entstand, wenn auch nicht völlig in sich gleichartig, so doch im wesentlichen ühereinstimmend, eine erste große nationale Laienbildung besonderer Art: zum erstenmal sammel⸗ ten sich die höheren Stände, wie sie sich der gärenden Zeit der neuen Berufsschichtung zu entringen begannen, unter dem Banner einer gemeinsamen höheren Bildung. Die Gleichheit gemeinsamen Bewußtseins und identischer Denkrichtung aller Volksgenossen war damit für immer durchbrochen; der Bauer blieb zurück hinter dem neuen Aufschwung in alternder, bald deralteter Geisteskultur; darum konnte sein Leben von der ritterlichen Dichtung zum erstenmal als ein fremdes poetisch erfaßt und bald verherrlicht bald satirisch behandelt werden. War damit die geistige Einheit der Nation überhaupt zerrissen? Es wäre eine sehr mechanische Auffassung. Auch die Einheit des persönlichen, individualen Bewußtseins beruht nur auf menschlicher Vorstellung. In Wahrheit giebt es nur eine Menge von Sondervorgängen, die sich zumeist kontrastweise innerhalb des Individuums ablösen; und je verschiedenartiger sie sind, je rascher sie in voller Klarheit und Energie wechseln, um so reicher erscheint die Ausstattung des Einzelnen. Die Ein⸗ heit des Bewußtseins aber, die sie verknüpft, ist nur eine Ge⸗ gebenheit, ein Erzeugnis menschlichen Schlusses. Nicht anders im sozialen Körper. Auch hier eine Reihe grundsätzlich von einander unabhängig verlaufender Vorgänge; auch hier um so größerer Reichtum, um so höhere Kultur, je glücklicher die Mannigfaltigkeit und der Wechsel; aber auch hier immer über alledem das menschlich erzogene Bewußtsein von der nationalen Einheit der stets verwickelter verlaufenden Bewegung.