Entwickelung und Wesen der ritterlichen Gesellschaft. 191 Von jeher hatte sich vom Niederrhein her ein lebhafter Verkehrsstrom nach Oberdeutschland ergossen; er folgte zunächst dem Flusse bis Basel und darüber hinaus; aber früh auch finden sich schon Kölner Kaufleute in Baiern, vornehmlich an der Donau, in Regensburg. Mit ihnen zogen die Stoffe heimischer Dichtung zum Oberland, die Schwanensage Kleves, die Siegfriedssage Xantens, die von Normannenluft durch⸗ wehte Erzählung Gudrun. Aber auch französische Stoffe ge⸗ langten in diesem Strome nach Süd und Südosten, die Sagen des karlingischen Kreises, die Geschichten von Reinecke Voß. Und nicht bloß die Stoffe, auch die Dichter wanderten mit ihnen. Schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts finden wir rheinische Dichter in Baiern, das nun bald zum Lande all⸗ gemeiner litterarischer Gastlichkeit wird: sie verbreiten neben den fremden Stoffen auch die Technik der französischen Dichtung, und sie tragen das Ideal französischen Rittertums, höfischer Geselligkeit ins Land. Nirgends aber finden diese Anregungen fruchtbareren Boden, nirgends auch scheinen sie dichter gesät worden zu sein, als in österreich, Täuscht nicht alles, so verband sich hier mit der alten Handelsströmung von Westen her noch eine weitere Ein⸗ wirkung, die unmittelbar nach Flandern zurückweist. Osterreich mit seinem Zubehör war im 12. Jahrhundert eines der Länder hoffnungsreichster Kolonisation; in der gewaltigen Bewegung, die damals die deutschen Bevölkerungsüberschüsse des Westens zur Besiedlung des heutigen deutschen Ostens über das Mutter⸗ land hinwegschob, wurden Vlaemen vornehmlich auch die Donau hinab bis Ungarn, späterhin Moselfranken noch weiter bis Siebenbürgen getrieben?. Sie haben auf das gesellige Leben in sterreich den größten Einfluß geübt; auch in den niederen Kreisen galt es hier später, während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als fein zu „olaemen“, und der junge Helm⸗ brecht, der ein Ritter sein will, redet seinen Vater und seine Schwester an, als ob er in Brabant geboren wäre. 1 S. unten S. 379 ff.