226 — — — Neuntes Buch. Drittes Kapitel. duzer rosenvarwer munt, chum unt mache mich gesunt; ehum unt mache mich gesunt suzer rosenvarwer munt! Man sieht, es ist eine Lyrik von ebensoviel Gemütstiefe wie Leidenschaft und gelegentlich überlegenem Humor; dabei sind die Formen von einfachster Art, die Verse kunstlos, wenn⸗ gleich im höchsten Maße musikalisch, das Metrum, außer etwa bei Tanzliedern, niemals verwickelt. Die erwachende ritterliche Kultur hat diese Lyrik nicht ohne weiteres aufgenommen oder fortgesetzt: erst in ihren Späãtzeiten läßt sich ein unmittelbarer Einfluß wahrnehmen. Aber sie hat anfangs noch das Verhältnis der Liebenden, wie es die bäuer⸗ liche Kultur kannte, beibehalten — nicht der Mann, sondern das Mädchen, die Frau ist die Werbende — und sie hat sich zum Ausdruck sehnender Liebe vielleicht einer epischen Form des einheimischen Heldensangs bedient. Es sind Anfänge ähnlich denen der ältesten uns bekannten germanischen, der angel⸗ ächsischen Lyrik: auch hier spricht sich lyrisch⸗elegische Stimmung in episch geformten Monologen aus. Während aber hier sich die berschiedensten typischen Personen des Volkslebens lyrischer Em— pfindung hingeben, der Recke, der Seefahrer, der Wanderer, er⸗ zählen die ältesten epischen Ergüsse der deutsch-⸗ritterlichen Zeit, wie sie in der Strophe des Nibelungenliedes unter dem Namen des Kürnbergers überliefert sind, fast nur von den Gefühlen der Frau. Da steht die Frau wohl auf weiter Heide, einsam, des Geliebten harrend, dem entgegen fie einen Falken fliegen sieht: so wol dir valke, daz du bist! Es ist eine Lyrik, die nicht reflektiert und analysiert; episch ist noch die Einkleidung ihrer Empfindungen, episch der Ton, und in den typischen Formen des Heldensangs bewegt sie sich selbst dann noch, wenn die ursprüngliche erzählende Einkleidung gefallen ist und die Frau sich ohne sie in unmittelbarer Anrede an den Geliebten wendet. Die Heimat dieser Poesie, wie sie wohl um die Mitte des 2. Jahrhunderts erblühte, ist Osterreich — jenes Osterreich, von