234 Neuntes Buch. Drittes Kapitel. setzung vor allem auch für das Eindringen von französischen Sagenstoffen und von Gedichten, welche diese behandeln. In Frankreich war die epische Dichtung schon um die Mitte des 12. Jahrhunderts längst nicht mehr Volksdichtung, die etwa aus den cantilenae rusticae allein geschöpft hätte. Die französischen Epiker begannen damals schon ältere Gedichte umzuarbeiten, zogen lateinische Chroniken zu Rat und entlehnten den spätklassischen Geschichts- und Fabelbüchern neue Stoffe. Vor allem aber führten sie die bretonischen Sagen in ihren Kreis ein, Traditionen, die, um die Person des Königs Artus gesammelt, vielleicht vom normannischen Hofe in England, namentlich aber von der Bretagne her nach Nordfrankreich vor— drangen. All diese Stoffe voll phantastischen Reichtums, lebensfähig durch die unendliche Zahl verschiedenartig möglicher Kombinationen ihrer Einzelheiten, verarbeiteten nun die franzö— sischen Dichter zu großen Romanen der höfischen Gesellschaft, indem sie ihnen durchweg ritterliches Leben und ritterliche Ideale unterlegten und auf diesem Grunde die mannigfachsten Zu— sammenstellungen ursprünglich getrennter Stoffe vornahmen. Und diese fruchtbare Produktion ergoß sich dann in ihren besseren Erzeugnissen nach England und nach Norwegen, nach Italien und nach den Niederlanden, und nicht minder nach den Kernlanden des deutschen Südens. Hier nahm man diese Litteratur, die in den Niederlanden einfach übersetzt wurde, nicht mit gleichem Entgegenkommen auf. Zwar an der großen stofflichen Erfindung ändern auch die deutschen Bearbeiter nur selten. Dagegen übersetzen nur wenige unmittelbar und wörtlich, die meisten gießen freier um und versenken sich in die tiefere Darstellung der Gemütsbewegungen, überhaupt in eine bessere Motivierung, sowie in die umfänglichere Ausführung der gegenständlichen Schilderungen von Hoffesten und Turnieren, von Kleidung und Waffen. Beides ist charakteri— stisch. Wie der deutsche Heldensang schon im 10. Jahrhundert den reißenden Fluß der Darstellung verloren hatte und an seiner Stelle das Sagelied emporgediehen war mit seiner mehr anekdotenhaften, gern verweilenden Schilderung, so wächst jetzt