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        <title>Urzeit und Mittelalter</title>
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      <div>Sonderbildungen des deutschen Wesens in Flandern und Holland. 317 
die Partei der Lilien zu verlassen. Mächtig aber und un— 
gleich entschiedener erhoben sich unter ihnen die niederen Bürger 
gegen den fremden Zwingherrn. 
Im Jahre 1301 tobte der Aufruhr in Brügge, März 1802 
in Gent. Und entsetzlich beantwortete germanische Leidenschaft 
die herbe Unterdrückung dieser Empörungen: am 18. Mai 1302 
kam es zu einem Blutbad, einer sizilianischen Vesper gegen alle 
Franzosen in Brügge. Es war das Zeichen allgemeinen Auf— 
stands. Unter dem edlen Webervorstand Pieter de Coninck 
und dem Führer der Fleischer Jan Breydel, zwei Brügger 
Bürgern und längst schon Verteidigern der gemeinen Freiheit, 
erhob sich das Volk; vergebens trat Frankreich gewappnet ihnen 
entgegen; in der Sporenschlacht von Kortrijk (11. Juli 1302) 
siegte der grobe Vlaminc über den französischen Kavalier; die 
Körper von fünfundsiebenzig Prinzen und Herzögen, Grafen 
und Baronen deckten die Wahlstatt. 
Das Ereignis erinnert an die gleichzeitigen Vorgänge in 
der Schweiz: an beiden äußersten Peripherieen deutschen Wesens 
verteidigten demokratische Elemente von herber Kraft ihre alt— 
hergebrachte oder werdende Freiheit gegen den Anspruch fürst- 
licher Herrschaft. 
Die Vlamingen aber vermochten bei der Übermacht Frank⸗ 
reichs nicht die volle Frucht ihres Sieges zu ernten, zumal sie 
in sich nicht mehr innig gefestet waren. Die Zünfte, nun ihrer 
Vollgewalt gewiß, zog germanisches Empfinden wie wirtschaft⸗ 
licher Vorteil auf die Seite Englands; die Poorters, die die 
Zeiten demokratischen Regimentes nahen sahen, hielten schon 
aus Gegensatz zu den Zünften bald wieder zum aristokratischen 
Frankreich. Nun gelang es zwar nach langen Verhandlungen 
im Jahre 1320 eine endgültige Auseinandersetzung mit Frank 
reich herbeizuführen: Französisch-Flandern sollte an den fran— 
zösischen König fallen, Deutsch-Flandern erhielt Robert von 
Bethune, ein Sohn des Grafen Vijt. Allein was war damit 
für den inneren Frieden gewonnen? Das Land ging den furcht— 
barsten Revolutionen entgegen. Diese aber mündeten schließlich 
ein in den weltgeschichtlichen, mehr als hundertjährigen Streit</div>
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