72 Elftes Buch. Zweites Kapitel. tischen Bankerott seines Vorgängers und Freundes zu liqui— dieren; mitten in ihr ist er im Juli 1804 gestorben. Der nächste Papst, Clemens V., konnte schon nicht mehr daran denken, seine Stellung noch so frei zu nehmen wie seine dritt- und viertletzten Amtsvorgänger, geschweige denn Bonifaz VIII.: er war ein Franzose und der Erwählte der fran— zösischen Partei im Kollegium der Kardinäle. Ein schwankender Charakter, dem man außer Nepotismus, Simonie und schnöder Habgier auch eine Liebschaft mit der Gräfin von Perigord vor— warf, wiederholt schwer erkrankt, versuchte er sich wohl, wenngleich seit 1309 in Avignon ansässig und niemals südlich der Alpen residierend, neben Philipp in einer eigenen politischen Rolle. Aber nur in unwichtigeren Fragen hatte er Erfolg; im ganzen war er schon, wenn auch meist widerwillig, ein Werkzeug in der Hand des französischen Königs. Wie aber hätte das unter seinen Nachfolgern anders werden sollen? Clemens V. hatte seinen Aufenthalt in Avignon noch für vorübergehend gehalten, als einfacher Gast hatte er im Kloster der Dominikaner gelebt. Sein Nachfolger dagegen, Johann XXII., richtete sich in dem bischöflichen Palaste neben der Kathedrale prächtig ein; er benutzte die gewaltigen Mittel, die seine Finanzpolitik noch weit über die Künste seiner nächsten Vorgänger hinaus der Kirche abzwang, soviel es sein Geiz zuließ, zur Errichtung der Anfänge einer päpstlichen Residenz; und an dem neuen Hofe drängte sich der Klerus der abend— ländischen Welt, trafen sich Dichter und Künstler, herrschte ein völlig entwickeltes kuriales und weltliches Treiben. Sollte sich da das Papsttum, nun auf mehr als ein Menschenalter an Avignon gefesselt, dem französischen Einflusse haben ent— winden können? Die Anjous waren als Könige von Neapel Lehnsmannen des Papstes, als Grafen der Provence Schutz- — stoßende Gedanke einer Verbindung der sizilischen Vasallität mit der Vogtei über das Papsttum war eingetreten. Und die Anjous waren die nächsten Verwandten und Vertrauten der französischen Könige, deren Machtbereich sich immer sicherer