78 Elftes Buch. Zweites Wapitel. Dem Papst war die Bitte nicht unwillkommen gewesen. Schob er ihre Erfüllung einstweilen auf den Termin des 2. Februar 1312 hinaus, so war es ihm doch wünschenswert, zur Erhaltung seiner Selbständigkeit gegenüber Frankreich einen Rückhalt an Heinrich, sei es als Kaifser, sei es noch besser als Bewerber um die Kaiserkrone, zu besitzen. Ja selbst die Ent— wicklung einer neuen deutschen Herrschaft in Oberitalien, vor— ausgesetzt, daß diese nicht allzu stark ward, schien ihm, als Gegen⸗ gewicht gegen die Fortschritte Frankreichs im Rhonethal, nicht unzulässig. Und auch Frankreich widersprach zunächst dem Wunsche Heinrichs nicht. König Philipp glaubte schwerlich an andere als Scheinerfolge Heinrichs in Italien. Zudem fand sich Heinrich mit den Bestrebungen Frankreichs an der deutschen Grenze eben wegen seiner italienischen Pläne eilig und in einem für Philipp günstigen Sinne ab: er gab z. B. die Frei— grafschaft Burgund unter Aufschub der Huldigung an einen Sohn Philipps; Frankreich heimste so den Gewinn der Rom— fahrt ein, noch eh sie begonnen war. Die Lage in Italien aber war für eine deutsche Kriegs⸗ fahrt nicht eben günstig. Zwar in Unteritalien ließ sich die noch immer vorhandene Spannung zwischen den sizilischen Königen und den Anjous von Neapel ausnutzen, und in Mittelitalien waren größere Schwierigkeiten nur von dem wel— fisch gefinnten Toscana zu erwarten. Mißlicher aber, weil un— klar, lagen die Dinge in den zunächst zu betretenden Gebieten Oberitaliens. Hier tobte noch von den staufischen Zeiten her ein wüster, mit allen Mitteln der Kraft und List geführter Kampf der Parteien, der, durch keinerlei höhere Gewalt be— herrscht und durch keinerlei allgemeine Gegensätze geregelt, sich in ein wirres Durcheinander städtischer Feindschaften innerhalb einzelner Gegenden, persönlicher und fraktioneller Streitigkeiten innerhalb einzelner Städte aufgelöst hatte. Nur langsam waren in diesen Krieg aller gegen alle neue beherrschende Gärungsstoffe gedrungen. Gegenüber den alten Patrizierherrschaften in den Städten hatte sich das Volk der Handwerker und Kleinbürger erhoben und Teilnahme an der Verfassung geheischt und erhalten.