0 Elftes Buch. Zweites Kapitel. die höchste Meinung von seiner Würde; nicht mit den Parteien Italiens, über ihnen wollte er herrschen. Und überraschend ge— lang ihm das zunächst; die Macht der Idee hob eine Zeitlang Volk wie Herrscher über die gemeine Lage des Tages. Doch bald nahte der Umschwung. Heinrich vermochte nicht die er— habene Stellung über Ghibellinen und Guelfen zugleich festzu— halten; so unparteiisch er verfuhr, so galt er doch bald aͤls Ghibelline. Die alten Parteigegensätze erwachten, die Deutschen mußten mit dem Schwerte Ruhe schaffen zu Mailand und Crema, zu Cremona und Lodi; Brescia erlebte eine erbitterte viermonatliche Belagerung. Und Heinrich war ein strenger Herr, er strafte gewaltig; und die deutschen Barbaren plünderten. Zugleich trübte sich die internationale Lage. Frankreich hatte nie mehr gethan, als den Zug geduldet. Der Papst fand jetzt unter französischem Einfluß, daß sich Heinrich in Italien sicherer festsetze, als billig; schon im August 1310 hatte er den neapolitanischen Anjou König Robert zum Statthalter der Romagna, des alten päpstlichen Exarchals um Ravenna, er⸗ nannt: dem deutschen König ward sein ärgster italienischer Feind in die Flanke gesetzt. Aber Heinrich ließ sich nicht irren. Uber Genuag und Pisa, wo er am 6. März 1312 den glänzendsten Empfang der Ghibellinen fand, strebte er vorwärts gegen Rom. Seine Gegner, die seinen Rückzug erwartet hatten, waren sprachlos. Was thun? Dem Papst blieb kaum etwas übrig, als durch Verhandlungen zwischen dem König von Neapel und Heinrich den Versuch eines Aufschubs der Entscheidung zu machen. Ver— gebens. Da besetzte König Robert einige Teile Roms, an— geblich, um bei der kommenden Kaiserkrönung würdig vertreten zu sein. Auch das schreckte Heinrich nicht. In anderen Teilen Roms nahm er Quartier; am 29. Juni 1312 ward er mit der kaiserlichen Krone geschmückt. Sein Ziel konnte jetzt kein anderes mehr sein, als gegen Neapel zu kämpfen; der blutige Schatten Konradins des Staufers stieg einpor und forderte Rache. Da noch einmal suchte der Papst, nun ganz französisch, das Unvermeidliche zu vereiteln; er gebot auf ein Jahr Frieden