Geistesleben im späteren Mittelalter. 271 borgen. Ein geistig, nicht bloß sinnlich intimer Verkehr Gleichgesinnter war angebahnt: es sind erste, sehr wunderliche Anfänge der modernen, auf geistiger Grundlage aufgebauten höheren Gesellschaft, die nie wieder verloren worden sind. Zu— —E0 lichen, sowie in der ihm entwachsenen Spekulation unsere Sprache erst recht zum Denkwerkzeug entwickelt worden. Eine erste philosophische und theologische Prosa eigensten deutschen Lebens erblühte damals, und sie leistete Großes in der Aus— weitung der sprachlich zu buchenden Begriffswelt, namentlich auf psychologischem Gebiete. Und wurde durch fortdauernde Selbstbeobachtung jetzt nicht überhaupt erst das Ich entdeckt und der Anfang empirisch-psychologischer Erklärung gefunden? Gewann nicht im Kreise dieser Betrachtungen das Gefühlsleben eine ganz andere Stelle als bisher? Und erwachte nicht in dem der Intuition gewürdigten Menschen ein ganz anderes Selbst— gefühl, das sich fühlte frei an sich und nur noch in Gottes Gnade gebunden? Es schien, als sollte mit dieser Bewegung der Sieg des modernen Individualismus, die Sprengung der mittelalterlichen Welt erreicht werden. Aber es schien nur so. Denn der be— geisterte Mystiker ließ in der Verzückung seine Persönlichkeit aufgehen in die Gottheit, wenn nicht gar in ein pantheistisch vorgestelltes All; und er verlor sich außerhalb des mystischen Rahmens in den strikten Gehorsam gegenüber dem bestehenden Dogma. Es war so immer noch eine Bewegung gebundenen Geistes, die von ihm ausging, wenn sie auch mit Macht gegen die äußersten Schranken der alten Kirche und des mittelalter— lichen Wesens drängte Doch als sie schließlich im Zentrum der deutschen Geistesbewegung, an Rhein und Donau, unter— drückt ward, verschwand sie doch nicht völlig, sondern ward, wie so manches Kleinod deutscher Entwicklung, in die peri— pherischen Teile des nationalen Gebietes gerettet. In der Schweiz ist später Zwingli, im äußersten Sachsen Luther auf— getreten; zunächst schienen die Fortschritte der religiösen Be— wegung an die Niederlande gekettet.