Geistesleben im späteren Mittelalter. 283 Diese Umformung ist in Deutschland hier und da versucht worden!; gelungen ist sie zuerst und bald in vollendeter Weise im Norden Frankreichs, da, wo der leicht zu bearbeitende Kalk— stein der Isle de France das trefflichste Material für statische und konstruktive Versuche abgab. Von hier ist dann der neue Stil, hinweg über alle tastenden einheimischen Anfänge, nach Deutschland gedrungen, nicht anders, wie in der Entwicklung der höfischen Gesellschaft und der kontemplativen Mystik uns Frankreich vorangegangen ist und unsere Entwicklung darum heeinflußt hat. Die ersten Einbruchsstellen liegen im Westen, sie werden bezeichnet durch die Trierer Liebfrauenkirche (seit 1227), durch Kirchen an den westlichen Seitenflüssen des Mittelrheins und in Nassau, durch die Elisabethkirche in Marburg (seit 1235), endlich durch den Kölner Dom, dessen Grundstein im Jahre 1248 gelegt ward. Daneben finden sich schon früh tiefe, aber vereinzelte Vorstöße bis nach Magdeburg und Hildesheim; endgültig aber ward das Zentrum Deutschlands erst in der zweiten Hälfte, das koloniale Gebiet gar erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts gewonnen: Chorin im Norden (nach 1272) und Klosterneuburg im Süden (zwischen 1270 und 1294) be— zeichnen hier die ersten großen Erfolge. Es war eine Zeit, da die Baukunst noch von den Sym— pathien und Mitteln der hohen Geistlichkeit, ja des Klerus uüberhaupt getragen ward: fast alle frühgotischen Kirchen und Kathedraͤlen sind noch geistlichen Ursprungs. Und ihr Aufriß Das muß ebenso festgehalten werden, wie die Thatsache, daß der rheinische Übergangsstil wesentlich deutschen Ursprungs ist. Daß die fran⸗ zösische Travee in den Übergangsbauten nicht einfach herübergenommen st, zeigen anders verlaufende Erperimente, aus dem gebundenen System herauszukommen, z. B. die spitz bogigen Tonnengewölbe von St. Severus in Boppard — oder soll hier wieder auvergnatische Übertragung vorliegen? Der Riß zwischen deutscher Entwicklung und französischer Tradition läßt sich wohl nirgends besser verfolgen, als an der Stiftskirche von Münster— maifeld, zumal, wenn man dem Meister dieser Kirche noch die Kirche zu Sinzig zuschreibt (so Dohme, Gesch. der deutschen Baukunst (1887), S. 128 f.). Vgl. zuletzt G. Dehio, Histor. Zeitschr. 86, 385 ff.