292 Zwolftes Buch. Drittes Kapitel. Grisaillen aber waren noch eine beliebte Malform Dürers und Holbeins; ihnen kann man die Passion in der Albertina und noch mehr die herrlichen Bilder Holbeins im Prager Museum zuzählen. Auch nach den Tagen unserer ersten großen Malerei in den frühen Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts starb diese Art der Modellierung noch nicht aus. Aber wurde sie bis dahin als Ergebnis eigner ansteigender Entwicklung sicher und natürlich gehandhabt, so erschien sie jetzt unter dem Einfluß der Italiener bald als grobe Manier; schon Lukas von Leiden hat gelegentlich auffallend ausgedehnte weiße Lichter, anderer un— mittelbarer Nachahmer der Italiener nicht zu gedenken. Erst die letzten Vorgänger der großen niederländischen Koloristen, namentlich in Flandern, lassen den weißen Aufsatz des Lichts ziemlich vollständig verschwinden, so Coxcyen, die Pourbus, van Orley und andere; aber auch sie behalten doch noch die im Umriß feste Abgrenzung der Farben, also die zeichnerische Manier eines Dürer und Holbein, die von der mechanischen Behandlung des Lichtes unzertrennlich ist. Der Fortschritt ging hier teilweis aus von den Meistern, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Umrisse weniger zu betonen und darum die Farben zu vertreiben begannen, einem Barthel Bruyn z. B. und anderen. Und gleichzeitig lief neben diesem Bestreben ein anderes, noch viel wichtigeres her: das Gehen ins Lichte. Beides war die Art der späteren Kölner, so namentlich des sog. Meisters vom Thomasaltar, sowie der ersten Vorläufer der zweiten vlamisch-holländischen Blütezeit; hierher gehört das große Leidener Bild des Lukas von Leiden und nicht minder die Malerei des Quentin Massijs. In Oberdeutschland aber erblühte schon vor diesen Meistern in Mathias Grünewald ein Kolorist, der den Niederländern weit voraus war, und neben ihm standen Maler, wie Hans Leu, Baldung und Altdorfer!. Leider wurde dann freilich dieser ganze Aufschwung durch Aufnahme italienischer Einflüsse ge— stört. Aber völlig ging er darum doch nicht verloren. Immer Val. Band V, 1S. 203 f.