Geistesleben im späteren Mittelalter. 293 mehr näherte man sich im Laufe des späteren 16. Jahr— hunderts, nun vor allem wieder im Niederland, dem unmittel— baren malerischen Ergreifen des Lichtes; die Lehrer von Rubens und Rembrandt, Otto van Veen und Pieter Lastman, und Landschafter wie Roelant Saverij, standen nur noch wenige Schritte von der glücklichen Beantwortung der Frage. Gelöst ward sie durch die Malerfürsten der vlamischen und holländischen Schule des 17. Jahrhunderts. Bei ihnen ist der zeichnerische Umriß verschwunden; Dürer war Meister des Kupferstichs, Rembrandt ist Meister der Radierung. So ist jetzt die Farbe ins vollste Recht getreten; ein Frans Hals malt in späterer Zeit nur durch Aneinandersetzen farbiger Klexe. Auf diesen Errungenschaften erhebt sich dann die erste malerische Wiedergabe des Lichtes. Freilich nicht naturalistisch wird es zunächst erfaßt; es wird unbewußt stilisiert, gleichsam orna— mentiert, wie der Umriß anfangs, wie auch die Farbe stilisiert worden war. Der Meister derart stilisierten Lichtes ist Rem⸗ brandt. Aber auch Rubens steht ganz auf diesem Boden: das ergiebt sich alsbald, wenn man die Landschaften Rembrandts und Rubens' vergleichend betrachtet. Die Brüsseler Landschaft des Rubens aber wiederum hat fast völlig genau Stimmung, Ton und Belichtungsart des Judenkirchhofs von Ruisdael in der Dresdner Galerie. Auf dem Boden unbewußt stilisierter Bewältigung des Lichtes stehen sie alle, die Großen und Kleinen des 17. Jahrhunderts, Vlamen wie Holländer; und ihre Errungenschaften haben den Gang der Malerei bestimmt, bis mit der Freilichtmalerei unserer Tage die naturalistische wie auch schon die bewußt stilisierte Wiederaabe des Lichtes begonnen hat. Kehren wir zur Stellung der Malerei im 14. Jahrhundert zurück, so wird nach dem Gesagten einleuchten, daß sie weniger an sich, denn als Ruhepunkt alter, als Ausgangspunkt neuer Entwicklungen Bedeutung hat. Sie hat ein Doppelgesicht, sie ist noch bürgerlich konventionell und gotisch gebunden, aber sie drängt doch schon auf vollen Naturalismus des Umrisses hin und auf weniger trockene Behandlung der Farbe.