Geistesleben im späteren Mittelalter. 295 oder die Bibel, oder Rechtsbücher und Schriften sittlich-erbau— lichen Inhalts. Der Mensch ist ihr Thema, und sie bewältigt ihn ganz in schon fast vollem Naturalismus des Konturs; nur entfernt klingt die stilistische Einwirkung der Gotik an. Und auch an Farbe fehlt es schon nicht mehr; hastige Hände haben in die Zeichnungen der Papierhandschriften eine oberflächliche Kolorierung mit Wasserfarben, oft völlig fabrikmäßig, einge— tragen. In der That handelt es sich hier um fabrikmäßige Her— stellung. Schon heute sind einige Inhaber wahrhafter Illustrations— werkstätten bekannt, vor allem Diepold Louber in Hagenau; andere wird die fortschreitende Forschung hinzufügen. Es waren Verleger von Handschriften und Illustrationen zugleich, sie arbeiteten auf Bestellung und für den Markt, sie segelten im — DDD tums, schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts haben sie geblüht. Aus ihrem Betriebe heraus wohl entwickelte sich die Litteratur der Blockbücher für den Unterricht der bürger— lichen Laienwelt und nach Erfindung des Buchdrucks der unglaublich reiche Verlag illustrierter Drucke in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und in der Reformationszeit: sie mit ihren Folgeerscheinungen haben die außerordentliche Höhe populär⸗-ästhetischen Verständnisses im 16. Jahrhundert hervor⸗ zaubern helfen!. Und auch auf die große Kunst der Malerei, soweit sie national war, wirkten sie ein. Die Illustrationen der Armen— bibeln der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, wie die flandrisch-burgundischen Miniaturen seit etwa 1880 atmen schon vielfach den Geist der Tafelmalerei des 16. Jahrhunderts; hier wird die genrehafte Auffassung heiliger Scenen, hier die gemütstiefe Anderung eingerosteter Motive der Bewegung und Stimmung in hergebrachten Andachtsbildern, hier der ganze Naturalismus angebahnt, der um einige Generationen später im Tafelgemälde durchbricht. Vorläufig allerdings war die Tafelmalerei überhaupt der 1 S. Vand V, 1S. 113 f.