52 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel. Der deutsche Kaufmann aber wurde der Verlegung des orientalischen Handels nach dem äußersten Westen Europas, wenn auch mit Anstrengung, so doch zunächst noch vollkommen gerecht. Große Handelsherren knüpften unmittelbare Verbin— dungen mit den portugiesischen Königen an, und den zahl— reichen kleineren Häusern Mittel- und Süddeutschlands ward Antwerpen, seit dem Ende des 14. Jahrhunderts die Erbin Brügges, zum Mittelsort zwischen der Heimat und der portu⸗ giesischen Hauptstadt. Die Stadt blühte damals mächtig empor; es ist die Zeit, da Dürer in dem Tagebuch seiner Reise nach den Niederlanden von der majestätischen Entfaltung ihres Verkehrs ein Bild gesunder Treue und naiver Gegen— ständlichkeit hinterlassen hat. Zugleich aber hielten die süddeutschen Häuser den Handel nach Italien fest. Man wußte wohl, daß man ihm die erste Blüte verdankte; man begegnete seinem Einfluß daheim in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts auf Schritt und Tritt im Bau der Häuser, in der heiter freien Anlage neuer Straßen, in der Anwesenheit italienischer Gelehrter und Künstler, in der Mitarbeit einheimisch gewordener Handelshäuser italienischer Herkunft: und noch war die Handelsgröße Italiens nur zum kleineren Teil durch die Einwirkungen der Portugiesen in den arabischen und indischen Meeren unterbunden. Wie die Ver— treter der großen Handelshäuser in Antwerpen und Lissabon saßen, so wahrten sie ihr altgewohntes Heim in den gastlichen Städten Italiens, in Genua und Mailand, vor allem in Venedig. Die Universalität jeder Höhezeit geht durch die Handelswelt dieser ersten Zeit des 16. Jahrhunderts; man kennt keinen winkelhaften Abschluß, man ift überall zu Hause, soweit der Himmel und die eigene Kraft reichen. So ward Deutschland zu einem Lande großen Verkehrs; massenhaft strömten jetzt orientalische Waren und Gewürze herein, aber auch englische Tuche, englisches Ale und Oofter— bier in Austausch gegen rheinischen Wein, ja selbst notwendige Lebensmittel, Vieh und Getreide wurden importiert: es war der Beginn eines Güteraustausches im modernen Sinne.