36 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel. häufig nicht mehr Teil an den geselligen Unterhaltungen der Meisterfamilie. Weit schlimmer aber entwickelten sich die Ver— hältnisse der Gesellen. Bisher war die Gesellenzeit fast nur eine Durchgangszeit gewesen zum Meistertum, und dementsprechend hatte jeder Meister durchschnittlich wohl kaum mehr als einen Gesellen be⸗ schäftigt. Nun aber, mit der inneren Umwandlung der Zunft im kapitalistischen Sinne, wurden die Meister kleine Unternehmer; sie hielten zwei, drei, ja funf und mehr Gesellen. So war bei dem gleichzeitigen Schlusse der Zünfte der Zahl ihrer Meister nach nicht mehr daran zu denken, daß jeder Geselle einmal Meister werden könne: die Gesellen wurden zu einem in sich gefesteten Stand handwerkerlicher Hilfsarbeiter. Und dieser Stand sonderte sich immer mehr aus dem Zunftleben aus, er entwickelte seine eigenen Interessen, und er schuf alsbald zu ihrer Vertretung eine neue Form der mittelalterlichen Genossen— schaft. Zunächst waren es in vielen Fällen wohl nur gesellige Verbände zur kirchlichen Repräsentation, zur Teilnahme an gewissen Prozessionen, zum feierlichen Aufstecken von Kerzen vor dem Altar des Zunftheiligen, welche die Gesellen je eines Handwerks begründeten: zum Entgelt für die Leistungen eines solchen Verbandes konnten sie des Entgegenkommens der Geist— lichen bei Leichenbegängnissen und Seelmessen gewiß sein. Aber bald entwickelten diese Verbände auch eine soziale Seite, sie übernahmen den Schutz gegen Krankheit und Verarmung ihrer Genossen, den einst die Meister gewährt; sie begründeten eigene Trinkstuben und Herbergen; sie bildeten eine besondere Standes— ehre aus. Und früh schon ging man noch weiter. Man zog das Verhältnis zu Meister und Zunft in den Kreis der Ver— handlung. Bisher war der Lohn von den Meistern taxweise bestimmt worden: nun sollte er freier Vereinbarung zwischen Meistern und Gesellen unterliegen. Bisher hatte Pflicht— vergessenheit im Dienste eines Meisters von der Anstellung bei jedem anderen Meister ausgeschlossen: jetzt strebte man, diesen