Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 197 die Herren Langschneiderius, Hafenmusius, Scheerenschlei⸗ ferius, Buntemantellus, Dollkopfius und andere über Deutsch— land verteilte Käuze. Auch dem Inhalt nach zeigen sie sich im ganzen Negligé; sie sind elende Hungerleider, die Schwelgen und Prassen über alles schätzen; sie sind, obgleich Cölibatäre, jedem Liebesabenteuer, besonders aber ungefährlichen Verhältnissen zugethan, gleichwie ihr vergöttertes Haupt Ortwin Gratius in der Gattin Pfefferkorns ein sicheres Schätzchen gefunden hat. Es war unerhört, aber genial. In Köln schrie man auf; doch konnte selbst eine Flut von Flugschriften den ersten Eindruck der Dunkelmännerbriefe nicht wieder verwischen. Es blieb bei der litterarischen Vernichtung des alten Universitäts— betriebs und der alten Wissenschaft, und die zwanziger Jahre sahen überall humanistische Reformen der Universitäten, vor allem auch Kölns. Und längst schon war eine Generation jüngerer Huma—⸗ nisten aufgetaucht, die der errungenen Wissenschaft froh dahin— lebte, der die Stoffmassen klassischen Wissens nicht mehr roh vorlagen, sondern abgeklärt in dem Sammelbecken entwickelter gelehrter Arbeit, bereit zu künstlerischem Gebrauche. Sie wollte nicht mehr bloß aneignen; sie wollte leben in der antiken Welt; das Allerheiligste wollte sie schauen, nachdem die Vor— höfe in emsiger Arbeit gereinigt waren. Eine Romantik gleich— sam des klassischen Altertums ward dadurch heraufgeführt; wie die Romantiker des 18. und 19. Jahrhunderts sich zurück— versetzten in die Poesie des Mittelalters, so beanspruchten diese jüngsten Humanisten ein thatsächliches Leben in der reinen Luft der Antike. Absichten in diesem Sinne waren schon früh vorhanden gewesen; bereits die Vaganten des 15. Jahr— hunderts hatten der Ineinssetzung von Vergangenem und Gegenwärtigem nachgestrebt. Aber jetzt erst wurden diese Nei— gungen völlig Lebenshaltung und Modesache; und so bedeu— tende Köpfe, wie die hauptsächlichsten Verfasser der Dunkel— männerbriefe, Eobanus Hessus und Hutten, schworen ihr zu.