210 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel. der streng realistischen und dennoch idealisierten Malerei Lionardos. Es waren Erlebnisse, welche die Künstlernatur Holbeins erst vollends entbanden; indem er sie verarbeitete, gewann er die Kraft zu seinen größten malerischen Schöpfungen auf deutschem Boden, den Bildnissen des Boni— facius Amerbach und der Dorothea Offenburg, der Solo— thurner Madonna des Jahres 1522, dem Abendmahl der Baseler Kunstsammlung und der Darmstädter Madonna der Jahre 1525 — 1526. Und nicht minder schuf er im Holz— schnitt jetzt das Höchste, was ihm erreichbar war. Wohl noch der ersten Hälfte der zwanziger Jahre gehören die Zeichnungen zu dem Totentanz an, der 1538 zu Lyon erschienen ist. Es sind Bilder, die mit volkstümlichem Humor, doch alle früheren Darstellungen durch die Kraft persönlicher Auffassung über— ragend, den Tod als Gleichmacher feiern, nicht im mittel— alterlich-abgeschiedenen Sinne transcendentaler Aufhebung aller sozialen Unterschiede, sondern modern, von der sittlichen Er— fahrung des Tages her. So geht der Tod gegen einen Grafen an und schlägt ihn mit seinem Wappenschild darnieder, so reißt er dem Kaiser die Krone vom Haupt: aber den armen Greis führt er unter trostreichem Zitherspiel, wenn auch höhnisch, zur ersehnten Ruhe des Grabes. Es sind die letzten großen Werke, die Holbein in Deutsch— land vollendet hat. Wie mit der Durchführung der Reforma— tion in Basel der Humanismus abstarb, bis selbst Erasmus den Wanderstab ergriff und nach Freiburg zog, so wurde auch der Kunst der Lebensodem entzogen. Die Aufträge blieben aus; 1526 wanderte Holbein nach England. Hier ist er seit— dem mit wenigen Unterbrechungen bis zu seinem Tode im Jahre 1543 thätig gewesen. Der Entwicklung der deutschen Kunst war er damit verloren, so sehr er auch ein deutscher Künstler geblieben ist, und so gern ihn, namentlich zu Beginn seines englischen Aufenthalts, die hansischen Kaufleute des Stahlhofs mit Aufträgen unterstützten. In Holbein findet der Einfluß der italienischen Rengissance einen gegen den germanischen Geist wohlabgewogenen Ausdruck;