228 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. 1511 und 1512, seine Reise nach Rom und die Erwerbung der Doktorwürde der heiligen Schrift. Von seiner Reise nach Rom hat Luther oft gesprochen. Gleichwohl wissen wir nicht genauer, in welchem Auftrage seines Ordens er sie angetreten hat; wir kennen auch nicht ihren geschäftlichen Ausgang. Wir hören überhaupt von Luther über Land und Leute nur wenige Einzelheiten. In einer Zeit, in der die Kunst der modernen Reiseschilderung entwickelt zu werden beginnt, aus Orten, die von jeher der Deutschen ganze Teilnahme fanden, erzählt Luther fast nur von den schönen Spitälern von Florenz, dem ambrofianischen Meßkanon zu Mailand; und Rom, das Rom der Renaissance, der mittel⸗ alterlichen Päpste, des alten Imperiums, dessen Gegenwart und Vergangenheit damals noch ganz anders vielstimmig redete, denn heute, ringt ihm kaum ein Wort der Bewunderung ab. Zwar steht er überwältigt vor der unvergleichlichen Größe der klassischen Bauten, aber unter welcher Geringschätzung des Modernen: „Rom, wie es jetzund ist und gesehen wird, ist wie ein totes Aas gegen die vorigen Gebäude.“ Und was waren ihm schließlich selbst die Reliquien der Jahrtausende! Nur der religiöse Gedanke beherrschte ihn. „Da ich Rom erst sahe, fiel ich auf die Erde, hub meine Hände auf und sprach: Sei gegrüßt, du heiliges Rom!“ Aber wehe: welch eine Ent—⸗ läuschung wartete seiner. Die feine gläubige Stadt ist zur Hure geworden. Die Priester sind rasch fertig mit dem Hand— werk; im Hui haben sie eine Messe geschmiedet. Und zum Himmel schreien die Thaten der Päpste: „Es soll keiner Papst geworden sein, er sei denn ein ausgefeimter, übertrefflicher Schalk und Bösewicht.“ Tausend Einzelheiten verbanden sich zu Einem Eindruck; Luther sah, wie arg, wie elend die Kirche geworden war. Und es waren unauslöschliche Erfahrungen. Zwar find sie noch einmal, wenigstens gegenüber dem obersten Haupte der Kirche, gleichsam untergetaucht; der loyale Mann konnte