Religiöse Bewegung; Luther. 229 sich ein Jahrfünft später den Papst doch zunächst nicht anders vorstellen, denn als treuherzig und gerade, gleich sich selbst. Im ganzen aber blieb der erste Eindruck: „Ich wollte nicht hunderttausend Gulden dafür nehmen, daß ich nicht auch Rom gesehen hätte; ich müßte mich sonst immer besorgen, ich thäte dem Papste Gewalt und Unrecht; aber ꝰwas wir sehen, das reden wir?.“ Mit diesem Ergebnis wanderte Luther aus der ewigen Stadt heim nach dem kleinen Wittenberg. Der Gegensatz konnte kaum größer sein. Schon die Umgebung der heimat— lichen Stadt, deren Wesen noch heute fast nichts als das Zeit— alter des Reformators widerspiegelt, hatte zu dem liebens— würdig bedauernden Reim Anlaß gegeben: Ländiken, Ländiken, Du bist ein Sändiken. Die Stadt selbst war ein wirres und schmutziges Durcheinander weniger, mit Lehmhütten besetzter Straßenzeilen, aus dem einige bessere kirchliche und weltliche Gebäude hervorragten; in ihr lebte eine Bevölkerung von etwa 3000 Seelen. Luther mußte sich darin gleichsam an den Grenzen jener Okumene der Kultur fühlen, als deren Mittelpunkt Rom noch immer gelten konnte; noch im Jahre 1186 ist der Landstrich um Wittenberg ein locus ab infidelibus prius occupatus genannt worden. Nun war freilich seitdem die Besiedlung des Ostens erfolgt, und seit dem 14. Jahrhundert waren Lichtwellen höherer Bil⸗ dung von Prag und Erfurt her auch über die Binnenlande jenseits der Elbe gedrungen. Ja, vom deutschen Standpunkte aus, den Blick auf die Zukunft gerichtet, konnte man sich schon versucht fühlen, Wittenberg nicht so sehr als an den Grenzen deutscher Bildung, denn vielmehr als im Centrum der mutter— ländischen und der kolonialen Teile der Nation gelegen zu denken: unvergleichlich vielleicht für einen Agitator des Geistes, der von hier aus sich in einem mittleren Dialekt nach allen Seiten verständlich machen konnte!. S. Genaueres hierüber unten Kapitel 2 Nr. L, J.