230 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. Und weitere Vorteile bot die Landesherrschaft einem Manne freien und kühnen Denkens. Das Haus der Wet— tiner, der alten Fürsten an Saale und Elbe, hatte seit dem Erwerb der sächsischen Kurwürde im Jahre 14231 einen bemerkenswerten Aufschwung genommen. Zwar hatten um die Mitte des 15. Jahrhunderts blutige Verwandtenkriege stattgefunden, und im Jahre 1485 war es in Leipzig zu einer endgültigen Teilung der Gesamtlande gekommen, indem die ältere Linie der Ernestiner die Kur samt dem größten Teil Thüringens und des Osterlandes, sowie die fränkischen und voigtländischen Besitzungen erhielt, während die jüngere Linie der Albertiner mit Nordthüringen und Meißen ausgestattet ward. Indes diese Teilung wurde für die ältere Linie, der auch Wittenberg als eine der Residenzen zugehörte, durch die Persönlichkeit des Herrschers noch zum guten Teile wett gemacht. Kurfürst Friedrich der Weise erfreute sich als ein zwar entschluß⸗ schwerer, aber verständiger und nüchterner Politiker allgemeiner Achtung im Reiche; er galt für einen der ersten Führer im Rate der Fürsten; nicht selten fiel ihm die Vermittlung entgegenstehender Bestrebungen zu. Das gab seinem Lande erhöhtes Ansehen, um so mehr, als er es trefflich, ein guter Haushalter und Finanzmann, regierte. Dazu brachte er den religiösen Dingen besonderen Anteil entgegen. Er war fromm im Sinne der Zeit; unendliche Reliquien hat er in seinem Wittenberger Hof— stift angehäuft, das allen Heiligen gewidmet war. Aber de— mütig, war er religiösem Fortschritt nicht unzugänglich; er pflegte zu sagen: „Was man sonst liest von weltlichen Dingen oder Weisheit, das will ich wohl verstehen; aber wenn Gott redet, das ist zu hoch, das ergreift und ergründet man nicht so bald.“ Es war eine Gesinnung, die den Kurfürsten zum zögernden Freunde lutherischen Strebens machen mußte, zu— mal er der Förderung seiner Universität sich aufs lebhafteste zuwandte, als deren bervorragender Lehrer Luther bald gelten mußte. Vgl. darüber Band IV.