Religisse Bewegung; Tuther. 288 der Gotteskindschaft! Die Menschen dieser Zeit suchten statt dessen die objektive Bürgschaft äußerer Mittel. Diese aber ruhten in der Hand der Kirche. Indem die Priesterschaft die Sakramente verwaltete in der Kraft objektiver Seligmachung für jedermann, indem sie Askese und Kontemplation als Mittel religiöser Verzückung sich einverleibte und regelte, beherrschte sie die mittelalterliche Welt; wie zu einer gütigen Mutter, die alle guten Gaben verteilt, schauten die Laien zu ihr empor. Dem entsprach ihre Haltung. Sie forderte nicht Glauben, sondern Gehorsam; sie wollte nicht die Anerkennung inneren Erlebens, sondern die Fügsamkeit halb unbewußter Existenz; sie hielt nicht auf Uberzeugung, sondern auf Ruhe; sie kannte keine Individuen, sondern nur Massen. Dem allen widersprach nun Luther. Er forderte ein Verhältnis des Einzelnen zu Gott. Es war ein Wagnis, nicht denkbar ohne furchtbaren Zwiespalt zwischen Wollen und Sollen, ohne anfängliches persönliches Schuldbewußtsein gegen— über einem allgerechten Gott. Aber dies Bewußtsein, dieser Zwiespalt führte zur Selbstentsagung, zur Demut und zu dem ernstesten Vorsatz des persönlichen Vertrauens auf die göttlich geoffenbarte Gnade als die wirkende Kraft der eigenen Tugend. Es war der schärfste Gegensatz zur Seligkeitstheorie der mittelalterlichen Kirche. Dort als Mittel des Heils die sakra— mental, magisch gewirkte Gnade der Kirche, ein dingliches Gut; hier die subjektive, im eigenen, natürlichen Erlebnis erfahrene Gnade Gottes als eines Vaters, eine persönliche Errungenschaft. In der That: persönlich errungen im höchsten Grade war das Verhältnis Luthers zu seinem Gott. Wie oft hatte er, hbevor er Gewißheit der Gnade erlangte, dem erbarmungslosen göttlichen Richter in unendlicher Verlassenheit gegenüberge— standen mit dem faustischen Wort: Weh, ich ertrag dich nicht! Sein Selbst schien zu zerschellen vor dem Unendlichen; seine Seele erschien ihm ausgespannt mit Christo, daß man ihre Gebeine zählen konnte, und es gab keine ihrer Falten, die nicht er— füllt gewesen wäre von bitterster Bitternis. Aber Luther hat in dem immer wiederholten Kampfe obgesiegt. Und er siegte —