Religiöse Bewegung; Luther. 287 suchte auch Luther den Gewinn seiner Kämpfe mit Gott nicht in irgendwelchem dogmatischem Abschluß, sondern in den weiten Friedensräumen einer allgemeinen religiös-sittlichen Haltung des Lebens. Von so hohem Standpunkte aus mußte ihm alle Hierarchie als Hindernis persönlich-religiöser Erfahrung erscheinen, als eine Cernierungstruppe gleichsam, die da wehrt durchzudringen zur vollen Klarheit der Kinder Gottes. Für ihn konnte darum die Kirche grundsätzlich nur aus denen bestehen, die an der Hand der Offenbarung in eigenem Kampfe Gott finden gelernt haben, eine unsichtbare, geistige Erscheinung, eine Gemeinde der Heiligen. Und praktisch konnte er einen schlechten, sterblichen Rahmen einer solchen Gemeinde nur in einer demokratischen Kirchenverfassung erkennen. Diese Gedanken führten weiter. Ein vergeistigt-persönlicher Glaube bedarf keiner besonderen Lebenshaltung überhaupt; er steht weit über dem Berufsgewirr dieses Lebens. Bezieht man ihn aber auf die Gestaltung des Zeiklichen, so wird er adeln, wen er nur immer ergreift. So zerfließt das Ideal äußer— licher kirchlicher Vollkommenheit, das Ideal der letzten Genera— tionen des Mittelalters; ein jeglicher kann vollkommen sein vor dem Vater im Himmel. Diese Welt aber steht an sich außerhalb der Religion; ihre Lebensgebiete unterliegen ihr nicht und nicht der Kirche. Frei sind Wissenschaft und Staat, frei Beruf und Ehe — das Zeitalter kirchlicher Emancipation, geistiger Säkularisation bricht an. Und frei vor allem ist das Individuum in dem Sinne, daß ihm gegenüber kein Wider— stand berechtigt und erfolgreich ist, wenn Gott ihm zur Seite steht. So ist das Freiheitsbewußtsein zwar noch gebunden an die Gottesvorstellung des neuen Glaubens, aber nicht mehr an die Kirche: es ist selbständig geworden in der Gnade Gottes. Das etwa sind die wichtigsten, aber zunächst noch keines— wegs völlig bewußt gezogenen Konsequenzen jener Lebens— anschauung, die Luther um das Jahr 1517 hegte. Er hat sie später wohl vollkommen erkannt; er hat die bittere Wahr— heit ausgesprochen: „Ich habe dem Papst nicht allein die