248 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. aus — der nahm die Sache anfangs sehr leicht —, sondern von dem Meister des apostolischen Palastes Silvester Mazzolini, genannt Prierias. Er entzog sich auf einige Tage den Tiefen seiner thomistischen Studien, um den fernen, ihm gefährlich erscheinenden Mönch abzuthun. Es geschah geringschätzig und grob, und grob und geringschätzig antwortete Luther. Hier zum erstenmal zeigte sich völlig die urbaner Formen bare, bauern⸗ haft heroische Freiheit von Menschenfurcht, die Luther niemals verloren hat. Und schon handelte es sich in diesem Streit, dem Vorspiel für das kommende psychologische Drama der allmählichen Ab— wendung Luthers von Rom, um die prinzipiellsten aller Fragen, um die Autorität des Papstes und der Konzilien: und Luther ging so weit, die Denkbarkeit des Irrtums beider zu behaupten, wenn ihre Fehlbarkeit auch geschichtlich noch nicht erwiesen sei. Und dieser Hintergrund, dies Grundthema einer neuen An— schauung zeigte sich auch schon klar, gleich dem durchblickenden Blau eines sonst noch wolkenbedeckten Himmels, in einer von Luther behandelten Einzelfrage: er behauptete, der Bann trenne nur von der Kirchengemeinschaft, nicht von der Gemeinschaft der in Christo uns gegebenen geistlichen Güter, und er verstieg sich zu dem Satze: „Selig ist und gebenedeiet, wer da stirbt in ungerechtem Bann, denn um der Gerechtigkeit willen wird er die Krone empfahen.“ Es waren Betrachtungen, die Luther freilich fast unbewußt nahetreten mußten. Denn in Rom, wo der von Luther an— genommene Zwiespalt zwischen kirchlicher und scholastischer Lehre keineswegs bestand, war man schon längst nicht mehr gewillt, mit ihm zu disputieren; es bestand nur die Absicht, ihn mundtot zu machen auf irgend eine Art. Schon im Frühjahr 1518 war an der Kurie der Ketzer— prozeß gegen Luther eingeleitet worden; zu Richtern waren bestellt der Bischoff von Ascoli und — Silvester Prierias. Luther ward vor ein Gericht citiert, dessen Urteil nicht zweifel— haft sein konnte; er rief den Schutz seines Landesherrn an. Nun befand sich Kurfürst Friedrich der Weise damals auf