Religiöse Bewegung; Luther. 251 seiner Irrtümer; das Versprechen, sie auch künftig zu meiden, und das Gelübde, in der Kirche niemals Verwirrung zu stiften. Es scheint nun, daß Luthers Befangenheit den Kardinal von der vollen Durchführung seines Vorhabens ablenkte; er ließ sich schließlich doch in eine Erörterung ein. Da aber, auf dem Kampfplatz wissenschaftlicher Gründe, unter gleichverteiltem Licht und Schatten, ward Luther sicherer: es kam zu einer förmlichen Disputation. Natürlich ging man dabei mit den gegenseitigen Gründen aneinander vorbei; Luther konnte sich nicht für besiegt erachten. Und so protestierte er am folgenden Tage (13. Oktober) gegen ein einfaches Verdikt, erbot sich aber zur Annahme eines akademisch-wissenschaftlichen Schiedsgerichts. Der Kardinal lächelte über den Vorschlag: es kam zu er— neuten Disputationen: was konnten sie nützen? Schließlich ging man im Zorn auseinander. Es war ein fuür Luther persönlich peinliches Ende, bei all seiner Sicherheit in der Sache. Er warf fich vor, zu hitzig gewesen zu sein; er wollte noch ein letztes Mittel versuchen, ehe er an die oberste Autorität innerhalb der Kirche, an ein allgemeines Konzil sich berufe. Am 16. Ok— tober appellierte er auf den Rat seiner Freunde, kirchlichen Vorschriften entsprechend, vom schlecht unterrichteten an den besser zu unterrichtenden Papst. Wenige Tage darauf ist er aus Augsburg entflohen, nachts, notdürftig bekleidet, durch ein kleines Pförtchen der Stadtmauer, in einem jähen Ritte von acht Stunden, nach dem er totmüde vom Pferde sank. Am 31. Oktober war er wieder in Wittenberg. Es war bei den von der Gegenseite vorbereiteten Maßregeln vielleicht ein sehr notwendiger Abschluß. Aber was nun? Konnte Luther von seiner Appellation noch etwas erhoffen? Und war es aussichtsvoll, an ein all— gemeines Konzil zu appellieren? War jetzt überhaupt die alte Ehrfurcht vor dem päpstlichen Recht noch am Platze? Und waren Kurie und Kirche überhaupt noch zwei verschiedene Dinge? Inzwischen kam von Cajetan die Weisung an Kurfüurst Friedrich, den Mönch nach Rom zu senden oder wenigstens aus dem Lande zu jagen. Der Kurfürst sandte den Brief an