Religiöse Bewegung; Luther. 258 diesen Brief am 8. März 1519 geschrieben. Er war demütig im Tone, grundsätzlich vergab er den Anschauungen Luthers nichts. „Ich bekenne frei, daß der römischen Kirche Gewalt über alles sei, und ihr nichts, weder im Himmel noch auf Erden, könne vorgezogen werden, denn allein der Herr Jesus Christus, der Herr über alles.“ Sollte ein solcher Akt nur scheinbarer Fügsamkeit der Anfang dauernden Friedens sein? Die Thätig— keit Miltitzens war bestimmt, als Zwischenhandlung zu enden. Und schon ward auch von anderer Seite her dafür ge— sorgt, daß dieser Ausgang eintrat: die Bedingung vorläufigen Schweigens ward von den Gegnern Luthers nicht beachtet. Zwischen Karlstadt, einem theologischen Kollegen Luthers an der Wittenberger Universität, und dem Ingolstadter Eck bestand seit länger eine litterarische Fehde, und die Gegner waren übereingekommen, sie auf einer Disputation zu Leipzig auszufechten. Als Vorspiel hierzu gab nun Eck am 12. De— zember 1518 zwölf Thesen heraus: — aber diese Thesen be— schäftigten sich fast weniger mit Karlstadt, als mit Luther. Und auch hinsichtlich Luthers hatten sie wieder eine besondere Spitze. Sie betonten aufs schroffste den anfänglichen Primat des Papstes. Sie forderten Luther heraus, seine gegensätzliche Ansicht klar zu formulieren und sich dadurch als offenbarer Ketzer von der Kirche zu scheiden. Die Absicht war unverkennbar, und Luther war nicht der Mann, sie zu übersehen. Er wollte sich dem Gegner in Leipzig stellen; den ganzen Winter 1519 widmete er sich emsiger Vor— bereitung. Und je mehr ihn Ecks Thesen in geschichtliche Studien hineintrieben, um so mehr erschien ihm der ganze Rechts- und Verfassungsbau der Kirche nicht bloß unberechtigt, sondern als das gerade Gegenteil ursprünglicher Anlage der christlichen Kirche — schon am 183. März 1519 schrieb er an Spalatin: „Ich beschäftige mich für meine Disputation auch mit den Dekretalen und (ich flüstere es dir ins Ohr) ich weiß nicht, ist der Papst der Antichrist selbst oder sein Abgesandter.“ Inzwischen nahte die Zeit der Disputation. Ihr Aus—