Religiöse Bewegung; Luther. 255 schaft der Heiligen zu begründen auf das lautere Wort Gottes. Wir treten in Luthers größtes Jahr ein, ins Jahr 1520. Während der Anfänge der religiösen Bewegung war Deutschland zugleich in eine politische Aufregung von fast un— absehbaren Folgen gerissen worden. Am 12. Januar 1519 war Kaiser Maximilian gestorben. Wer sollte sein Nachfolger sein? Kaiser Max hatte grundsätzlich niemals eine andere Kandi— datur begünstigt, als die seines Enkels Karl, des Herzogs von Burgund, der jetzt auch König von Spanien und Neapel ge— —00 zusetzen wäre, hatte er auch schon die Mehrheit der Kurfürsten gewonnen. Aber nun war er vorzeitig gestorben, und die Kur— fürsten fanden sich an ihr Wort nicht mehr gebunden. Die Frage, wer gewählt werden solle, war also von neuem offen. Und längst schon vor dem Tode Marens hatte sich außer dem Kaiser auch die europäische Politik mit ihr beschäftigt. Mochte diese Politik realistisch sein im schlimmsten Sinne des Worts, nur auf gegenseitige materielle Übervorteilung be— rechnet, ehr⸗ und treulos, wie kaum jemals später: immer er— kannte sie doch in der fast rein ideell gewordenen Kaiserwürde noch eine wirkliche, allerseits zu erstrebende Macht an. Da erhob nun vor allem Frankreich Ansprüche. Seit dem 13. Jahrhundert folgten die Franzosen einem universalen Zuge ihrer Politik, der anfänglich über den Besitz Neapels zum Orient, nach Palästina führen sollte; in seinem Verlauf waren sie dann im Ausgange des 15. Jahrhunderts machtvoll wenigstens in Oberitalien eingedrungen; und hier, auf altem Reichsboden, war Kaiser Max ihnen unterlegen. Da erschien der Übergang der Kaiserkrone auf Frankreich um so natürlicher, als seit 1515 auf dem französischen Throne in Franz J. ein ebenso ruhmsüchtiger, als leichtsinnig alles wagender Herrscher saß. In der That trat Franz schon lange vor dem Tode des alten Kaisers als Bewerber auf. Und seit Ende Juli 1518 hatte er eine seinen Absichten günstige Konstellation