260 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. in der der höchste Paroxysmus papaler Theorieen erreicht ward; findet sich doch in ihr der Satz: „Unzweifelhaft kann der Papst weder von einer Kirchenversammlung noch von der ganzen Welt rechtmäßig abgesetzt oder gerichtet werden, auch wenn er so schändlich wäre, daß er die Völker haufenweise zum Teufel führte.“ Es waren Außerungen, die Luthers Vorsatz, an sich zu halten, beseitigten: „Das Geheimnis des Antichrists muß offenbar werden,“ schreibt er an Spalatin, „es drängt selbst dazu; es will nicht länger verborgen bleiben.“ Das war die Stimmung, aus der heraus er als Motto für sein nächstes Buch die Worte nahm: „Die Zeit des Schweigens ist ver— gangen, und die Zeit des Redens ist gekommen,“ aus der her— aus er sein Manifest „An den christlichen Adel deutscher Nation, »on des christlichen Standes Besserung“ schrieb. Es ist die Schrift, in der Luther die Wendung von der Kirche zu den weltlichen Mächten, zu Kaiser, Fürsten und Adel, As den Garanten einer künftigen Freiheit der Kirche, vollzieht. Mitte August 1520 ist sie erschienen; in wenigen Tagen waren biertausend Exemplare davon verkauft. In hohem Tone spricht sie; klar, selbstbewußt, schneidend, donnernd ist ihr Stil; die ZSätze fallen wuchtig oder eilen in vornehmem Gange daher, mag ihr Inhalt auch unter der Maske des Hofnarren vor⸗ gebracht werden, dem alles zu sagen erlaubt ist. In der That: eine Ausschüttung des ganzen Herzens Luthers, all seiner kritischen Bedenken ist dies Manifest vor allem. Aber es er—⸗ weitert sich zu positiven Vorschlägen, und in wohldurchdachten Forderungen einer zunächst noch äußerlichen, weltlich-kirchlichen Reformation, als der rechten Hülle gleichsam eines zu er— wartenden neuen religiösen Lebens, geht es zu Ende!: „Nun wollen wir sehen die Stücke, mit denen Päpste, Kardinäle, Bischöfe und alle Gelehrten billig Tag und Nacht umgehen sollten, wo sie Christum und seine Kirche lieb hätten. Zum ersten ist es greulich und erschrecklich anzusehen, daß der Oberste in der Christenheit, der sich Christi Stellvertreter und Das Folgende giebt einen Auszug der positiven kirchlichen Vor— schläge, thunlichst im Anschluß an einzelne Sätze Luthers selbst.