Keligiöse Bewegung; Luther. 265 schuldig zu sagen; könnte ich, so wollte ich auch also thun. Es ist mir lieber, die Welt zürne mit mir, denn Gott; man wird mir ja nicht mehr denn das Leben nehmen können. Gott gebe uns allen einen christlichen Verstand und sonderlich dem — DD0 geistlichen Mut, der armen Kirche das Beste zu thun: Amen!“ — Die Schrift an den christlichen Adel deutscher Nation galt den mehr äußeren, verfassungsmäßigen Schäden der Kirche; die Frage nach der kirchlichen Ausprägung der tieferen religiösen Wahrheiten des Christentums ließ sie unerörtert. Aber sie entstand schon unter der Voraussetzung, daß eine Kritik dieser Seite der Papstkirche bald folgen werde: „Wohlan, ich weiß noch ein Liedchen von Rom. Juckt sie das Ohr, ich will's ihnen auch singen und die Noten aufs höchste stimmen. Ver⸗ stehst mich wohl, liebes Rom, was ich meine?“ Am 6. Oktober 1520 erschien die Schrift „De captivitate Babylonica ecelesiae praeludium“. Sie wandte sich gegen den entscheidenden Punkt der römischen Glaubenslehre, gegen die Art, in der die alte Kirche den Seelen das Heil vermittelte, gegen die Sakramente. Ihre Aufgabe war zu zeigen, daß Rom durch gewinnsüchtige Verdrehung der alten, wie durch herrschsüchtige Aufstellung neuer Sakramente die ursprüngliche Freiheit des Christentums in Fesseln geschlagen, die Kirche in habylonische Gefangenschaft geführt habe. Luther wandte sich mit diesem Thema nicht so sehr an weite Kreise des Volkes, als an den Klerus und die Gebildeten. Die Sprache ist darum lateinisch, die Beweisführung die der üblichen Methode schola⸗ stischen Denkens, der Ton ruhig, wenn auch schneidend scharf ind von tiefster Überzeugung getragen; doch nur selten erhebt sich die Rede zu rhetorischer Höhe und zeigt das Pathos des Agitators. Von den sieben Sakramenten der alten Kirche: Abendmahl, Taufe, Buße, Firmung, Ehe, Priesterweihe und letzte Olung: läßt Luther nur drei, ja eigentlich nur zwei als schriftgemäß bestehen, das Abendmahl und die Taufe; doch will er den ibrigen Sakramenten ihren Sinn als harmlos fromme Bräuche