272 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. Flugschriften so zu runden verstand, daß sie ein Ganzes zu bilden schienen, geeignet zur Aufnahme durch den Geringsten des Volks im Verlaufe flüchtiger Minuten; wenn er trotzdem die Fülle dieser Abschnitte zu packendem Schlusse zu schürzen wußte und ihnen lebendigstes Leben verlieh durch ein niemals oersagendes Pathos: — so trat er andererseits in einer Schrift, wie der von der Freiheit eines Christenmenschen, als Freund dem Freunde nahe in den stillen Angelegenheiten des Herzens; es schien, als spräche einsam Seele zu Seele, als zffnete sich allen offenbar und doch verborgen das Geheimnis tiefsten sympathischen Austauschs. So erklärt sich der unglaubliche Erfolg der lutherischen Schriften: der Person des Reformators vor allem wird er verdankt trotz aller günstiger Vorbedingungen der Sprache, des Wohnorts und des geistlichen Standes. Und welchen Wider— hall fand Luther in der Nation! Die Zahl der deutschen Drucke hatte 1513 erst 90 betragen, 1519 stieg sie auf 2852, 1520 auf 571, 1523 auf 944: erst Luther hat die Deutschen zffentlich reden und laut denken gelehrt. Und das war's, was er bezweckte. Er war fern jeder unduldsamen Rechthaberei; schon seine echte Herzenshöflichkeit bei aller Roheit der Formen schloß das aus; Grobheit war ihm nur Bedürfnis grotesken Humors. So hat er einmal, in lebhafter Erwartung von Gegenäußerungen, sagen können, das Evangelium könne nicht ohne Rumor gepredigt werden. Jetzt war er da, dieser Rumor; das Volk war aufgestanden: nicht Luther, Deutschland lautete das Feldgeschrei. Und Rom? Was hatte es den fröhlichen und unerhört offenen Angriffen Luthers zu erwidern? Ihm blieb nur das berbrauchte Mittel des Banns; und ungewiß der künftigen Haltung des neuen Königs wagte es selbst mit ihm kaum kraftvoll zu handeln; matt, tastend erfolgte der Gegenschlag. Eck hatte schon kurz nach der Leipziger Disputation zur Bannbulle gedrängt; erst im Mai 1520 ward man mit dem Entwurfe fertig. Und noch zögerte man; erst am 15. Juni hatte Eck das Schriftstück in Händen, das Luther als den