276 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. von vornherein stark gebunden, erschien der junge Fürst in den Niederlanden, ward er in Achen gekrönt, schrieb er nach Worms seinen ersten Reichsstag aus zum 6. Januar 1521. Und noch ehe er dort erschien, hatte er, wenn nicht dem deutschen Volk, so doch den deutschen Ständen einen bestimmten Eindruck seiner Person und seines Handelns gegeben. Die Stände hatten Karl allerdings niemals bloß als den treuherzig biederen Enkel Maximilians angesehen; in der Wahlkapitula— tion des Jahres 1519 hatten sie sich vor absolutistischen Neigungen nicht minder gesichert, wie vor dem etwa zu be— fürchtenden Einfluß fremder, undeutscher Anschauungen. Trotz— dem waren die Fürsten, die den Hof Karls in den Niederlanden besuchten, von dem fremden Thun peinlich überrascht. Karl war der deutschen Sprache „nicht bericht“; er und sein Hof redeten wallonisch; konnte man bei ihm von anderen, als rein dynastischen Interessen sprechen, so fühlte er sich als franzö— sischer Burgunder. Und die Umgebung des Herrschers, soweit sie wallonisch war, machte den Fürsten einen gleich abstoßenden Eindruck; gegenüber den Spaniern am Hofe aber empfanden sie sofort den tiefen Haß, der die Deutschen der folgenden Generationen immer noch steigend beherrscht hat: sie er— schienen ihnen lächerlich stolz und in ihrer Bettelarmut dennoch erpressungssüchtig; und ihr unendlich ceremonielles Wesen war ihnen nicht minder zuwider, wie die sengende Glut ihrer religiösen Empfindung. Und bald glaubte man auch an Karl einige spanische Züge zu entdecken, namentlich auf dem wichtigen Gebiete religiösen Gefühls. Er hatte nichts von der derben, weltfrohen Frömmigkeit der Vlaamen; er betete mit jener leidenschaftlichen Inbrunst, wie sie später ein Ribera gemalt hat; er führte die Heiligenbilder zu häufigem Kusse an seine Lippen. Und von diesem Standpunkte religiösen Gefühls aus hielt er ganz an den kaiserlichen Idealen der Vergangenheit fest. Trotzdem er in Achen bei der Königskrönung nach dem Vorbilde Maxens zum „erwählten römischen Kaiser“ ausgerufen worden war, erstrebte er doch aufs innigste die religiöse Weihe auch durch