Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 309 ein Protest gegen jeden Dogmatismus, das Programm einer lebenden und leben lassenden, schönheitstrunkenen, optimistischen Gesellschaft. Luthern erregte die Schrift Entrüstung, Ekel, Verachtung; er gesteht, er sei bei der Lektüre versucht gewesen, sie unter die Bank zu schleudern. In der That: was hatte der huma— nistische Idealmensch des Erasmus, dessen Religion Lebens— philosophie ist, gemein mit dem Christenmenschen Luthers? Offen zu Tage lag der Bruch zwischen humanistischer und reforma⸗ torischer Weltanschauung. Aber Luther war gegenüber einem Gegner, wie Erasmus, gehalten, dies auch offen zu betonen. Lange hat er an der Gegenschrift gedanklich gearbeitet; erst nach den großen Kämpfen des Jahres 1525 hat er sie geschrieben. Im Dezember 1525 erschien sein Buch De servo arbitrio. In selten geschlossener Beweisführung, mit einem Feuer des spekulativen Denkens, das er sonst kaum wieder erreicht hat, vertritt Luther hier die Willensgebundenheit in Gott. Gott wirkt alles in allem, Gutes und Böses; er ist die alleinige bewegende Kraft unseres Daseins. Man frage nicht, warum Gott Böses wirken könne; die Lösung dieses Rätsels ist einer anderen Welt vorbehalten. Aber der Mensch glaube sich determiniert: sonst ist er ein Lucian und Epikuräer und heimlicher Atheist, sonst giebt er nicht Gott die Ehre, sondern sich selbst und seiner Vernunft, der tollgewordenen, die alles bestimmen und messen will. Am allerwenigsten aber gehe er der strikten Frage nach Willens— freiheit und Willensgebundenheit aus dem Wege, wie Erasmus sich zu thun vermißt: „Wenn du die Frage nach der Willens— freiheit und göttlicher Gnade als für Christen unnötig erklärst, dann tritt ab vom Kampfplatz: wir haben nichts miteinander gemein!“ Nach dieser Auseinandersetzung der führenden Geister konnte es sich nur noch um eine weitere Scheidung auch der gesamten Bewegungen und der in sie verflochtenen Personen handeln. Sie hat sich in den folgenden Jahren, im wesent⸗ lichen zu Gunsten der Reformation, vollzogen; der philologische