310 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel. Betrieb des Humanismus flüchtete in den Bereich des neuen Glaubens; und dieser siegte über den Paganismus der Huma— nisten, über den Versuch einer rein auf das Verständnis der Antike gestützten Anschauung der Dinge. Ehe indes dieser Sieg über den Kern der humanistischen Weltauffassung entschieden war, war aus den Keimen humani—⸗ stischen Denkens heraus im südlichsten Deutschland eine neue religiöse Reformbewegung entstanden, die kräftig emporgedieh, die Reformation Zwinglis. Zwingli ist, wie Luther, ein Bauernkind; er ist am 1. Januar 1484 in Dorf Wildhus, im Toggenburgischen, geboren. Aber nicht in Trübnis und Entbehrung, in Seelenkampf und Askese gingen seine ersten Jahrzehnte dahin, wie die Luthers; seine Eltern waren angesehene Leute, und der harmonisch begabte, weltfrohe Jüngling studierte frei unter den Humanisten Wiens. Hier hat er die grundlegende Richtung seines Lebens empfangen, durch die seine Beanlagung nur gefestigt und erweitert ward: die klare Übersicht über die weltlichen Dinge, die Auffassung der Frömmigkeit als einer wesentlich kirchlichen Daseinsform, die Sicherheit in der Vermeidung religiöser Untiefen, die Be— trachtung des Dogmas im Sinne einer christlichen Philosophie, deren Sätze an der Hand philologischer Interpretation des Neuen Testaments zu entwickeln seien. Es waren Anschauungen, die den Schweizer Reformator, trotz größerer Strenge kirchlichen Denkens und religiöser Gesinnung, wie mit den italienischen Humanisten, so namentlich mit Erasmus zusammenführten; er verehrte in Erasmus seinen Meister und hat später viele Ab— weichungen seiner Lehre von derjenigen Luthers auf Anregung eben erasmischer Schriften zurückgeführt. Offentlich hervor trat Zwingli zuerst als Patriot, wie er denn stets mindestens ebenso lebhaft politisch als religiös ge— fühlt hat; als Pfarrer zu Glarus wirkte er seit 1606 in zün— dendem Wort gegen das Unwesen des Reislaufs und die An— nahme französischer Jahrgelder. Die Schäden der Kirche aber lernte er erst als Priester an dem berühmten Wallfahrtsorte Maria Einsiedeln recht kennen; und zu ihrer öffentlichen Kritik