Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 313 die Straßburger, in deren Mauern sich lutherische und eras— misch-zwinglische Anschauungen besonders hart begegneten, über den Charakter des Abendmahls in Zweifel gerieten und zu dessen Lösung einen Diakonus nach Wittenberg sandten, Luthers Meinung zu hören. Es war Ende November 1524. Luther antwortete zunächst in einem kurzen Schreiben vom 15. Dezember 1524, bald darauf, Ende 1524, ausführlich in der Schrift „wider die himmlischen Propheten, von den Bildern und Sakrament“. Es ist eine der bedeutendsten, persönlichsten Schriften Luthers; Luther hat sehr wohl gefühlt, in ihr Ent— scheidendes zu sagen. In der That liegt in ihr seine Abend— mahlslehre im Gegensatz zur schweizerischen Lehre vom bloßen Gedächtnismahl schon vollständig ausgeprägt vor!; andere Meinungen werden mit den Worten abgelehnt: „wo die h. Schrift etwas geredet zu glauben, da soll man nicht weichen vpon den Worten, wie sie lauten.“ Damit war der Bruch mit dem schweizerischen Christen— tum, wie es weit verbreitet war in den oberdeutschen Städten, förmlich und für immer vollzogen; neben Luthers religiösem Individualismus machte sich ein anderer, weniger inniger, aber subjektiv weiter fortgeschrittener Individualismus geltend: die religiöse Bewegung teilte sich. Und schon standen Luthertum und Zwinglianismus nicht mehr allein. Neben ihnen hatten sich radikalere religiöse Rich— tungen entwickelt, die man unter den Namen des Schwärmer— tums und der Wiedertaufe zusammenzufassen pflegt. Nicht überall, wo man an der alten Kirche irre geworden war, hatte sich alsbald eine neue Seelsorge der reformatorischen Bewegungen gebildet. Vielfach standen die Laien, die ihren Gott suchten, allein; nichts als der reine Text der Bibel war nach den großen reformatorischen Vorbildern ihr Leitstern. Aber Kolde, Luther 2, 168.