316 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel. sobald es sozial bedenklich erschien, nicht länger geduldet; der Rat schritt ein, und die Propheten wurden eingekerkert oder entflohen. Münzer entkam nach Böhmen, um die Bibel als Buchstaben, die Offenbarung als Geist zu verkünden; Storch und einige andere wandten sich Ende 1521 nach Wittenberg. Es war, wie wir uns entsinnen!, der Augenblick, da Karlstadt seine radikale Umformung des alten Gottesdienstes in der Wittenberger Gemeinde durchzusetzen begann; mit offnen Armen nahm er die Schwärmer auf. Die Folgen sind bekannt; es kam zum Bildersturm und zum Sturz der Altäre; Luther trat auf; in den gewaltigen Invocavitpredigten reinigte er die Gewissen seiner Wittenberger Gemeinde vom Spuk radikaler und schwärmerischer Ideen. Das veranlaßte den Abzug der Schwärmer aus Wittenberg, unter ihnen auch Karlstadts. Storch ging nach Süddeutschland; Karlstadt, nun ganz Enthusiast geworden, zog aufs Land nahe Wittenberg; er wollte werden, wie die Kindlein; er kaufte ein Gut, ging barhäuptig und ließ sich von den Bauern nicht mehr Doktor nennen, son— dern Nachbar Endres; so hatte der Geist es ihm eingegeben. Allein nicht lange litt es ihn in dörflicher Ruhe; er wanderte weiter nach Orlamünde im Thüringischen und ward zum schwärmerischen Pfarrer des Orts. Und er hatte Erfolg. Die Gemeinde hielt es mit seinen Erleuchtungen, stürzte mit ihm zum Bildersturm und zerriß die Altäre. Luther, der ihm persönlich gegenübertreten wollte, erhielt in Orlamünde den übelsten Willkomm; es blieb ihm nichts übrig, als bei Kur— fürst Friedrich die Ausweisung Karlstadts zu erwirken. Karl—⸗ stadt wandte sich nach Süddeutschland. Inzwischen war Münzer zum weit gefährlicheren Agitator geworden. Von Prag aus war er im Jahre 1522 auf kurze Zeit in Wittenberg erschienen, dann ging er Anfang 1523 als Pfarrer nach Allstedt bei Sangerhausen. Hier verheiratete er sich und begann seine Ideen agitatorisch zu verwerten. Er ließ keinen Zweifel, daß er die Gemeinschaft mit Gott in S. oben S. 294.