Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 347 die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern.“ Es ist eine ergreifende Mahnung an die Fürsten, vor allem die evangeli⸗ schen, nochmals den Versuch gütlicher Verhandlung zu machen: sollte er aber scheitern, dann auch keinen Augenblick zur blutigen Unterdrückung der Revolution zu verlieren. Denn dann bilden die Bauern nach Luther eine Landesgefahr, der sich jeder zu erwehren hat, wie des eindringenden Wolfs einer fernen Urzeit oder des landesfeindlichen Räubers im Mittelalter. Das Gerüfte, das Landgeschrei gleichsam erhebt der Reformator dann gegen die bäuerliche Blutgier: „Steche, schlage, würge hier, wer da kann! Bleibst du darunter tot, wohl dir, seligeren Tod kannst du nimmermehr überkommen. Denn du stirbst im Gehorsam göttlichen Wortes und im Dienste der Liebe, den Nächsten zu retten.“ Es war die Sprache eines stahlharten Herzens, des Junkers Jörg gleichsam von der Wartburg; sie trug Luthern den bittersten Haß ein, aber niemals hat er sie verleugnet. Noch später hat er einmal gesagt: „Ich, Martin Luther, habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen, denn ich habe sie totschlagen heißen: alle ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich weise es auf unsern HErrn Gott; der hat mir das zu reden befohlen.“ Ein sozial—⸗ zkonomisches Verständnis der bäuerlichen Unruhen war durch diesen Standpunkt freilich ausgeschlossen. Es ist eine der eigen⸗ artigsten Wendungen unserer Entwicklung im 16. Jahrhundert; die beiden großen Bewegungen der Zeit, die soziale und die religiös— individualistische, gingen aneinander vorbei, ja sie gerieten in Gegensatz. Denn die Stellung, die Luther einnahm, war keine persönliche: die lutherischen Prediger auch Süddeutschlands haben nicht anders gedacht als er. Und niemand, der, von geldwirtschaft— lich-individualistischen Geistesströmungen getragen, die mittelalter— liche Welt im religiösen Individualismus Luthers überwunden hatte, konnte anders denken: denn die bäuerliche Bewegung war in gewissem Sinne reaktionär, sie wandte sich zum guten Teile gegen die Konsequenzen des geldwirtschaftlich-städtischen Fortschritts. Klar aber war, daß Luthers Stellungnahme den Fürsten