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        <title>Deutsche Geschichte</title>
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            <surname>Lamprecht</surname>
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      <div>—10 
Einleitung. 
sein. Hier kann nur das Ergebnis festgestellt werden: gegen 
Schluß des 18. Jahrhunderts erscheint die Nation thatsächlich 
in weiten Kreisen der individualistischen Kultur zugeführt und 
ergiebt sich zugleich eine Demokratisierung der Gesellschaft an— 
gebahnt, die schon hinüberführt in eine weitere, grundsätzlich 
von dem Zeitalter des 15. bis 18. Jahrhunderts verschiedene 
Entwicklung, in die des modernen Subjektivismus. 
Es gehört darum zu den verhängnisvollsten geschichtlichen Irr— 
— DDDDDD 
der Geisteskultur der Reformationszeit durch unmittelbare Zu— 
sammenhänge verbunden seien, daß der Individualismus dieser Zeit 
noch heute zukunftsreich schaffend fortlebe. Außerlich verschuldet 
ist dieser Irrtum wohl vornehmlich durch eine geläufige geschichtliche 
Einteilung, welche die Zeit seit dem 16. Jahrhundert als eine in 
sich gleichartige Masse, als Neuzeit, vom Mittelalter zu sondern 
pflegt. In Wahrheit ist die Kultur des Individualismus im 
Absterben begriffen seit ihrer ÜUberwindung durch die hellenische 
Renaissance des vorigen Jahrhunderts, durch den subjektivistischen 
Charakter unserer Nationallitteratur im Zeitalter Schillers und 
Goethens und vor allem durch die Wirkungen der Philosophie Kants. 
Die Einzelpersönlichkeit lebt darum heute nicht mehr unter 
dem Freiheitskanon, den die Zeit der Reformation entwickelt 
hatte. Gewiß erstrebte man auch im Reformationszeitalter 
schon die absolute Freiheit der Persönlichkeit: dies Streben ist 
so alt, wie die individualistische Entwicklung überhaupt: schon 
Dante läßt die Vernunft zum Menschen sprechen: 
Ruh' oder wandle hier auf heiterm Pfad, 
Nicht harre fürder meiner Wink' und Lehren, 
Frei, grad, gesund ist, was du wollen wirst, 
Und Fehler wär' es, deiner Willkür wehren: 
Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst. 
Aber innerhalb des geschichtlichen Verlaufs standen so 
idealen Forderungen doch bedeutende Hindernisse entgegen. Man 
hat sich hier zu erinnern, daß Subjektivität und Autorität, 
geschichtlich gefaßt, keineswegs absolute Gegensätze sind. Die 
Subjektivität, Vernunft und Gewissen des Einzelnen, ist ja selbst</div>
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