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        <title>Deutsche Geschichte</title>
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            <surname>Lamprecht</surname>
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      <div>Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 67 
Satz zu durchbrechen und namentlich die Frage des Vertrags— 
bruches günstiger für die Gesellen zu lösen. Und dem schlossen 
sich andere Bestrebungen an; die Arbeitszeit, die täglich etwa 
13 bis 15 Stunden betrug, sollte dadurch verkürzt werden, daß 
der blaue Montag zum Baden freigegeben ward, und es sollte 
den Gesellen erlaubt sein, frei für sich zu arbeiten: ein dunkles 
Streben nach Gewerbefreiheit brach herein. 
Die Mittel, all diese Ziele zu erreichen, waren gegeben in 
der langsamen Zerbröckelung der Zunft und in der ultima ratio 
des Ausstands. Wirksamer war auf die Dauer das erste; hier 
gelang es den Gesellen, die Sorge für die Lehrlinge und damit 
für die technische und soziale Zukunft des Handwerks zum 
guten Teile—j in ihre Hand zu bekommen und Vertreter ihres 
Verbandes in das Gewerbegericht und in die Verwaltung ihrer 
Zunft einzuschieben: einen Pfahl im Fleische der Zunft, der 
um so gefährlicher werden mußte, je kapitalistischer sich diese 
entwickelte. 
Und all diese Bestrebungen des emporwachsenden neuen, 
rein auf die Arbeit gestellten, proletarischen Standes wurden 
von der Sympathie weiter Massen des niederen Volkes getragen, 
und frisch und keck traten sie hervor. Die Feste der Gesellen, 
die Hamburger Höge der Brauknechte, der Badgang der Schuh— 
knechte in Nürnberg, der Schäfflertanz der Münchener Böttcher, 
das große Wursttragen der Fleischergesellen an vielen Orten, 
sie alle wurden zu wirklichen Volksfesten; sie bedeuteten eine 
Verbrüderung der Gesellen mit den unteren Klassen der städtischen 
Bevölkerung. 
Das war um so bedenklicher, als sich der Anbruch eines 
kapitalistischen Zeitalters in den Städten nicht bloß in der 
Differenzierung der gewerblichen Arbeiter in wohlhabende Zunft— 
brüder und arme Gesellen geäußert hatte, sondern auch sonst 
mit dieser Wandlung der Unterschied zwischen reich und arm 
ganz außerordentlich gewachsen war: auch außerhalb der Ge— 
sellenverbände stand den wohlhabenden Schichten der Bevölke—</div>
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