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        <title>Deutsche Geschichte</title>
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            <surname>Lamprecht</surname>
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      <div>312 — Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

religiöse Glut Luthers, nie Luther die staatsmännische Klarheit
Zwinglis besessen. War Luthern das Neue Testament die Macht,
deren Geheimnisse er mit der Inbrunst gläubigsten Vertrauens
umfaßte, so war die Bibel Zwingli zwar auch die Grundlage
der Religion und der Kirche, aber er verstand sie mit Hilfe
der kühlen Interpretationskunst des Erasmus.
Unter diesen Umständen mußte namentlich in der Lehre
von den Sakramenten der tiefe Zwiespalt des gegenseitigen
Wesens offenbar werden. Luther ist nur in vereinzelten Augen—
blicken geringerer Klarheit der Anschauung der Schweizer näher
gekommen, daß die Sakramente, namentlich das Abendmahl,
bloße äußerlich-symbolische Zeichen seien; seiner Grundanschauung
nach mußte er diesen Gedanken fliehen, obwohl er sah, welchen
Stoß er mit der schweizerischen Art der Betrachtung der hyper—⸗
sakramentalen alten Kirche hätte versetzen können. Für ihn
stand es festh, daß Gott mit dem Menschen auf zweierlei Art
handle, nämlich äußerlich durch das Wort des Evangeliums
sowie leibliche Zeichen, die Sakramente, und innerlich durch
den Glauben; und er fand, daß zwischen dem äußeren Mittel
des Worts und der Sakramente und der inneren Wirkung des
Glaubens ein für Wort und Sakrament gleich geheimnisvoller,
aber auch gleich zweifelloser Zusammenhang bestehe. Für
diesen Zusammenhang waren ihm, soweit das Abendmahl in
Betracht kam, die Einsetzungsworte: das ist mein Leib' voll⸗
kommenes Zeugnis: „Ich sehe hier dürre, helle, gewaltige Worte
Gottes, die mich zwingen zu bekennen, daß hier Christi Leib
und Blut im Sakramente sei.“ Das war gegenüber der eras—
misch-zwinglischen Auslegung dieser Worte im Sinne eines
bloßen symbolischen Hinweises auf das Gedächtnis Christi eine
Abweichung innerlichster Art, die niemals ausgeglichen werden
konnte. Und alsbald hat Zwingli, der Luthers Anschauungen
früher kennen lernte, als Luther die Zwinglis, den abweichen—
den Geist der Lutherischen vollkommen erkannt. Schon in den
537 Thesen des Jahres 1523 tritt hier und da der Gegensatz
gegen die lutherische Art hervor.
Zu völliger Klarheit kam es von dem Augenblick an, da</div>
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