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        <title>Deutsche Geschichte</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Lamprecht</surname>
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        EIOGETOMI
D203
— J
——
K

2

5744
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        Deutsche Geschichte.

Fünfter Band.
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        Deutsche Geschichte

Karl Tamprecht.

Fünfter Band.

Erste

Bälfte.

Berlin 1894.

R. Gaertners Verlagsbuchhandlung
Hermann Heypfelder.
3W. schnebergerstraße 26.
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        —
        <pb n="5" />
        Inhalt.

Fuͤnleitungg eeeee *
Wirkungen der eintretenden Geldwirtschaft auf die natio—
nale Geschichte: Territorien und Städte vom 15. bis zum
19. Jahrhundert. Einheit der Kultur dieser Zeit: Indivi—
dualismus. Zusammenhang der Renaissance und des Huma—
nismus mit dem Individualismus. Bedeutung der Reforma—
tion für den Individualismus. Verlauf des individualistischen
Zeitalters; sein Unterschied von der subjektivistischen Kultur
des 19. Jahrhunderts.

Seite
1212

Bierzehntes Buch.
Erstes Kapitel. Die habsburgische Hausmacht unter Kaiser
WMaximifian J.; Königtum und fländischer Jöderalismusl.

 Umschwung in den Machtverhältnissen des Hauses
Habsburg; Anfänge Maxrimilians J.
Allgemeine Lage des Reiches im vorletzten und drittletzten
Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts. König Mar. Burgundische
Bestrebungen gegen das Reich und die Schweiz, Fall Karls
des Kühnen. König Max in den Niederlanden, Vermählung
mit Maria von Burgund, Verhältnis zu Frankreich. Ande—
rung der Lage im Reichscentrum, Stärkung des habsbur—
gischen Einflusses, Gründung des schwäbischen Bundes. Um—
schwung im Südosten, Wiedererwerb sterreichs, Begründung
von Erbansprüchen auf Ungarn und Böhmen.

1524
        <pb n="6" />
        VI

Inhalt.

II. Föderalistische Reformversuche im Reiche; Be—
gründung eines ständischen Reichsregiments. ..
Vorspiel der Reform seit 1485; Erringung der Reichs—
standschaft der Städte. Max und Karl VII. von Frankreich,
französische Politik in Italien, deutscher Widerstand. Reichs—
tag zu Worms 1495; Ewiger Landfrieden und Reichskammer⸗
gericht. Folgen der Wormser Beschlüsse nach außen: traurige
Lage Maxens gegenüber Frankreich und Italien, Verlust der
Schweiz. Einführung des Reichsregiments.

III. Sturz des Reichsregiments; Versuch eines Aus—
gleiches zwischen ständischer und königlicher Ge—
walt. 1500 — 1507...
Konkurrierende Wirksamkeit des Königs und des Reichs—
regiments; Verfall des Regiments, Aufschwung des Königtums.
Erfolgloser Versuch monarchischer Reichsreform im Jahre 15085.
Zurücksinken der föderalistischen Bewegung und der monarchi—
schen Forderungen auf den Boden der alten Reichsverfassung;
Matrikularverfafssung.

IV. Vollster Verfall der Reichsgewalt und der föde—
ralistischen Reformversuche, 1307 — 1519..
Vorgehen Maximilians in Italien bis zur Liga von
Cambray, Kampf gegen Venedig. Die Liga von Cambray
1508 und ihre Folgen: Augsburger Reichstag vom Jahre
1510. Wirrer Ausgang der äußeren Politik Maximilians.
Verfall der inneren Zustände des Reiches, vergeblicher Ver—
such einer Reform der Reichsritterschaft. Ergebnisse der Re—
gierung Maximilians.“

Seite

24—33

33238

—38248

Zweites Kapitel. Wirtschaftliche und soziale Vandlungen
vom 14. zum 16. Jahrhundert.

l. Individualistische Durchbildung der Geldwirt—
schaft ..

—2

·

19256

Entwicklung großer internationaler Handelsbeziehungen:
Italien, Portugal, Flandern, nordische Beziehungen. Ent—
stehung von Manufakturen und Bergwerken, Verstärkung des
Binnenhandels. Territoriale Verkehrserleichterungen, Zoll,
Geleit, Münzwesen. Steigender Kapitalreichtum in den
Städten, Kapital als Unternehmerfonds.
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        Inhalt.

II. Umwälzungen in den Städten.
1. Entwicklung kapitalistischer Berufsformen;
Kleinhandel, Großhandel (Entwicklung des Geldhandels, Unter—
nehmertum, kaufmännisch- kapitalistische Associationen, Kom—
menda, offene Handelsgesellschaft, Ringe) ... .—
2. Kapitalistische Umbildung der Zünfte. An—
fänge städtischer Hausindustrie. Die Gesellenverbände und
ihre Stellung zu den Zünften . ... F
3. Proletarische Bildungen: Deklassierte, Bauern,
Taglöhner, zugewanderte Bürger zweiter Ordnung. — Kampf
der Gemeinde gegen die exklusive Zunftverfassung. Politische
Entartung der Zunfte. Verfall des Rats und der städtischen
Verwaltung. Korruption und Klassengesetzgebung. Städtische
Revolutionen des 15. und 16. Jahrhunderts. Sozialisftische
Strömungen.

III. Sozialer Verfall der ländlichen Bevölkerung.
1. Verfall der markgenossenschaftlichen Ver
fassung in Gerichtsverfassung, Kriegsverfassung, Wirt schafts.
leben des Dorfes
2. Verfall der grundherrlichen Verfassung:
landesherrliche Tendenzen der kleinen Grundherren, Erweite
rung der Fronden, Entwicklung der Leibeigenschaft, Erweite—
rung der Markherrlichkeit. 7
3. Nachteilige Einwirkungen der städtischen
Geldwirtschaft: Abschluß der Städte vom platten Land,
unsinniger Luxus des Adels, Bauepynplackerei, Übers chwemmung
des Adels mit bürgerlichem Kapital, Verschuldung. Der
Bauer als Paria der sozialen und geistigen Entwicklung..

[V. Eingreifen der öffentlichen Meinung und der
staathichen Gewalten. ...
Die öffentliche Meinung über den kapitalistischen Indivi—
dualismus, das Proletariat des Bettels, den ländlichen Adel.
Die Fürsten und die soziale Lage. Die Reichsgefetzgebung
und die soziale Frage, ihr Verhalten vornehmlich gegenüber
den kaufmännischen Gesellschaften und Ringen. Zersetzung
des Rechtsbewußtseins; deutsches und kanonisches Recht, Re—
zeption des römischen Rechtes, Stellung des römischen Rechtes
zu den sozialen Gegensätzen. Die Rezeption und die öffent⸗
lichen Gewalten.

VII

Seite

56 68

63268

68 -74

75 -79

80 —284

8489

90 104
        <pb n="8" />
        VIII

Inhalt.

V. Revolutionäre Anfänge . ..
Entwicklung des mittelalterlichen Kommunismus und
Sozialismus: nationale und biblische Anschauungen, Armuts—
bewegung und christliche Sympathie für Kleinbürger und
Bauern. Auftauchen des husitischen Giftes. Vorbild der
Schweiz. Anfänge revolutionärer Bewegungen: städtische
Aufstände, Judenschlachten, grundhörige Empörungen, terri⸗
toriale Forderungen und Aufstände, Entwicklung eines all—
gemeinen halb sozialistischen Programms. Idealisierung der
allgemeinen Forderungen durch ihre Bezeichnung als Gerech—
tigkeit Gottes.

Seite
104 — 116

Drittes Kapitel. Entwicklung der individualistischen
Gesellschaft.
l. Ursprung der neuen Gesellschaft .117-129
Ergebnis der politischen und sozialen Wandlungen auf
geistigem Gebiete: Hervortreten des höheren Bürgertums.
Beistige Befruchtung der bürgerlichen Kreise: Verkehr und
Kaufmannschaft, Hebung der Technik der geistigen Vermitt⸗
lung (Buchdruck, polygraphische Gewerbe), keine gesellschaftliche
Teilnahme der Frauen. Anschluß anderer Stände, Möglich—
keit rein geistiger Berufsthätigkeit. Teilnahme des Adels
und der Fürsten: Mäcenat.

II. Charakter der neuen Gesellschaf tt
Entstehung der individualistischen Persönlichkeit durch
oollendetere Beherrschung der Außenwelt (Verständnis des
Ethnographischen und der Landschaft), und durch vollendetere
Beherrschung der menschlichen Umgebung (Sittenbild, erweiter—
ter Sinn für Geschichte und Statistik, Nationalitätsbewußtsein;
 Selbsterkenntnis, Selbstbiographien, Charakteristik An—
derer, Porträt). Bewältigung der Welt und des Menschen
vom individuellen Standpunkt: Pflege der äußeren und der
inneren Individualität.

II. Die neue Gesells chaft und die alten Kultur—
mächte....
Recht und Sitte: Festhalten an den alten genossenschaft—
lichen und familienhaften Zusammenhängen; Nachwirkungen
des mittelalterlichen Rechtslebens auf dem Gebiete des materi—
ellen Rechts wie des Prozesses. Kirchliches Leben: Bedeutung
der mittelalterlichen Kirche für alle Kreise der Nation, Volks—

129 - 139

139 - 150
        <pb n="9" />
        Inhalt.

5
—3

Seite

tümlichkeit ihrer Einflüsse in den niederen Klafsen. Kritik
der höheren Klassen. Gleichwohl keine tiefe Opposition;
Frömmigkeit des 15. Jahrhunderts. Philosophie und Reli—
gion; Realismus und Nominalismus; Sitz des Nominalis—
mus; Reaktion des frommen Gefühls und der kirchlichen
Lehre, Anfänge einer freieren VPhilosophie, Kues und Wessel.

IV. Antike und französische Rezeption, Renaissance
und Humanismusßs.. ...
Drei Phasen der Renaissance und des Humanismus
in Italien. Einwirkung der italienischen Entwicklung auf die
deutsche: Zeit Karls IV., 15. und 16. Jahrhundert (Unter—
schied zwischen der Einwirkung des Humanismus und der—
jenigen der künstlerischen Renaissance). Verschiedenheiten der
deutschen und der italienischen individualistischen Kultur.

151 - 168

Biertes Kapitel. Erste Blüte individunalistischen
Geistessebens.

J. Zeitalter des reinen Naturalismus in der Kunst.
1. Nordwestdeutsche Malerei. Entstehung des Natu—
ralismus, sein Verhältnis zur Gotik. Niederländer: die van
Eycks, Rogier v. d. Weyden, Bouts, Memlinc u. a. Kölner:
Stephan Lochener, spätere Meisterrr..
2. Oberdeutsche Malerei. Illustrationstechnik und
polygraphische Künste in ihrer Bedeutung für die Malerei.
Kolmarer Schule, Schongauer. Sonstige oberdeutsche Schulen
in Ulm, Nürnberg, Augsburg, Tirol (Michael Pacher). ..
3. Die Bildnerei. Entwicklung des plastischen Natu—
calismus. Schwäbische und bayrische Bildnerei; niederlän—
dische und nordostdeutsche Kunst, Hans Brüggemann. Frän—
kische Schule: Stoß, Kraft und Vischer. Ergebnis der
Intwicklung der Plastike.

II. Der Humanismus.
1. Vorstufen. Hof Karls IV., Enea Silvio. Erste
humanistische Träger deutschen Geisteslebens; Gregor von
Heimburg und Nicolaus von Kues. Frühe humanistische Va—
ganten. Humanistische Neigungen auf den Mittelschulen.
2. Gewinpung der Universitäten. Die zwei Perio—
den mittelalterlicher Universitätsgründung. Mittelalterlicher

16423178

1734178

178 183

183 - 186
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        Inhalt.

Seite

Studienbetrieb. Eingreifen des Humanismus in Wien, an
den südwest-⸗ und mitteldeutschen Universitäten. Begründung
zumanistischer Akademieen.... V
3. Humanistische Wissenschaft. Deutsche Bürger
als Pfleger des wissenschaftlichen Humanismus. Grasmus
Reuchlin. Reuchlins Streit mit Pfefferkorn und den Kölnern,
die Dunkelmännerbriefe, Sieg des Humanismus über die
mittelalterliche Wissenschaft.. ..
4. Der Humanismus als Lebenshaltung, Idea—
listen und Enthusiasten. Voraussetzungen für die Mög⸗
ichkeit einer humanistischen Lebenshaltung, ihr Charakter
Celtes und andere Typen. Ulrich von Hutten, seine besondere
Bedeutung. .—

II. Idealistische Blüte der Malerei.“
l. Die Koloristen. Möglichkeiten für die Entwicklung
der Malerei im Beginn des 16. Jahrhunderts. Grünewald,
Lranach, Baldung und Altdorfer. Verfall des Kolorismus
2. Holbein und die Augsburger Schule. Der
iltere Holbein. Burgkmair. Der jüngere Holbein, seine
pecifische Bedeutung.... —W
3. Dürer und die Nürnberger Schule. Ältere
Nürnberger Malerei. Pleydenwurff und Wolgemut. Dürer,
Entwicklungsgang und Ziele seines malerischen Individualis⸗
nus .—

—862191

—91 2197

—19725 202

2032207

2072211

2112217

Fünfzehntes Buch.
Erlles Kapitel. Religiöse Rewegung; Tuther.
l. Geistige Entwicklung Luthers.
l. Jugend-und Lehrjahre, 1183 — c. 1512. Kinder—
zeit; Mansfeld, Magdeburg und Eisenach. Erfurt: Univer—
sität und Studium; das Kloster: Charakter der Augustiner⸗
eremiten, Seelenkämpfe des Novizen, Bibelstudium, Gotteskind
schaft. Priesterweihe, Versetzung nach Wittenberg. ...
2. Erringung der neuen Lebensanschauung,
. 1512-1517. Reise nach Rom; Promotion zum Doktor
der h. Schrift. Auswirkung und Abklärung der religiösen
Lebensanschauung im akademischen Hörsaal; Rückkehr nach
Wittenberg; Augustin und Tauler. Geschichtlicher Charakter
und geschichtliche Konsequenzen der Lebensanschauung Luthers 2282 288
        <pb n="11" />
        Inhalt.

—*9

Seite

II. Die großen Jahre Luthers, 1317- 1520.
l. Der Ablaßhandel. Sakramentslehre und Sakra—
mentspraxis der alten Kirche. Der Ablaß, seine Entwicklung
im Zusammenhang mit dem Bußsakrament und seine geld—
wirtschaftliche Durchbildung. Die Kurie und der Ablaß.
Der Tetzelsche Ablaßhandel. Luther als Seelsorger der
Wittenberger Gemeinde, seine Thesen und ihre Wirkung ..
2. Augsburg und Leipzig, Cajetan und Eck.
Erste Gegner der Thesen, Eck und Mazzolini; Verhältnis
Luthers zum Papst. Prozeß gegen Luther; Luthers Citation
nach Augsburg. Cajetan. Abweisung der Appellation Luthers
durch den Papft, Appellation an ein Konzil. Zwischenhand⸗
ung Miltitzens. Leipziger Disputation. .. 4
3. Bruch mit Rom. Wahl Karls V., Stellung der
europäischen Politik und der Nation zu ihr. Luthers Ver⸗
hältnis zu den nationalen Gewalten: „An den christlichen
Adel deutscher Nation.“ Absage an Rom: „De captivitate
Babylonica ecelesiae pracludium.“ Erster Aufbau des
eigenen Systems: „Von der Freiheit eines Christenmenschen.“
Luthers schriftstellerische Persönlichkeit. VPävstlicher Bann
Verbrennung der Bannbulle...

lIII. Luther, Kaiser und Reich.
1. Stellungnahme Karls V. Lage in den Nieder
'anden und in Spanien. Europäische Hindernisse und Vor
aussetzungen der Machtenfaltung Karls. Karls Persoönlichkeit
und Hof. Erste Maßregeln des Kaisers im Reiche: Württem—
bernn. 3
2. Der Reichstag zu Worms, 1521. Früheste Maß—
nahmen des Kaisers gegenüber Luther. Stimmung in Deutsch—
land bei Beginn des Reichstags. Erste Verhandlungen.
Schlechte Lage der äußeren Politik des Kaisers. Die religiöse
Frage wird aufgeworfen. Karl willigt in die Berufung
Luthers. Luther vor dem Reichstag in Worms. Gegenschlag
Karls V.; Luther zur Warthurg gebracht; Wormser Edikt.

2338 246

246 255

255—273

2732278

278-2290

zweites Kapitel. Weiterbildung der religiösen Ideen,
soziale Revolution.

J. Fortschritte des Luthertums.
1. Luther auf der Wartburg, kirchliche Ge—
meindebildung in Wittenberg. Litterarische Thätig—
        <pb n="12" />
        x

Inhalt.

Sette

keit auf der Wartburg; die Bibelübersetzung und ihre Voraus—
setzungen. Karlstadts Wirken in Wittenberg, Invocavitpredigten
Luthers. Gemäßigte Gemeindebildung in Wittenberg, neuer
Gottesdienst, Kirchenlied.. .
2. Anderweitige Fortschritte des Luthertums.
Religiöse Volkslitteratur; Parteigänger Luthers im Klerus;
Bauernprediger. Die Großstädte und das Evangelium.
Stellungnahme der Fürsten: Freunde und Gegner der Refor—
mation. Reichstage zu Nürnberg 1522 auf 1528 und 1524;
Plan einer Nationalversammlung zu Speier. Widerstreben des
Papstes, Einspruch des Kaisers. Lage gegen Schluß des
Jahres 1524...

(J. Weitere religiöse Bewegungen.
1. Luther und der Humanismus, die Kirche
Zwinglis. Luthers tiefere Stellung zum Humanismus
überhaupt. Verhältnis zu den Humanisten um 1517, gegne⸗
rische Stellungnahme seit der vollen Entwicklung der evange—
lischen Lebensanschauung, Luther und Erasmus. Werdegang
Zwinglis, Charakter seiner Reformation. Ausdehnung der
zwinglischen Reform auf Oberdeutschland; Zusammenstoß und
Auseinandersetzung mit Luther. 56
2. Die Schwarmgeister. Grundlagen des religiösen
Schwärmertums; Enthusiasten und Quietisten, Wittenberg
und Zürich. Die Zwickauer Schwarmgeister, ihr Auftreten in
Wittenberg. Karlstadt in Orlamünde, Munzer in Allstädt.
Mühlhauser Ereignisse. Das oberdeutsche Schwärmertum
in Zürich. Vertreibung aus Zürich, Wiedertaufe, weitere Ver
breitung, Hans Denck. Charakter und Propaganda der ober
deutschen Schwärmer.

III. Soziale und politische Lage der führenden
Klassen, 1521 - 1524.
. Reichsregiment, Fürsten und Städte. Städte
und Fürsten in ihrem Verhältnis zum Reiche bis zur Wahl
Karls V. Verhandlungen wegen Errichtung eines Reichs—
regiments, das Reichsregiment fürstlich. Finanzielle Pläne
des Reichsregiments, Widerspruch der Städte; der Kaiser auf
Seite der Städte 2* —V
2. Revolution des Adels, Sickingens Fall,
Ruin des Reichsregiments. Verfall des Adels seit
Mitte des 15. Jahrhunderts. Haltung seit 1519; Verbindung

291 -298

298 3805

305 —3818

3132329

322 827
        <pb n="13" />
        Inhalt.

xim

Seite

mit Reformation und Humanismus, Hutten und Luther.
Bärung in' Schwaben und am Rhein, Losbrechen Sickingens
gegen Trier. Peinliche Lage des Reichsregiments; die Fürsten
schlagen die Adelsrevolution nieder. Das Reichsregiment, von
den Fürsten aufgehoben, wird kaiserliche Behörde — Ende des
alten Föderalismus. ..

V. Bauernkrieg und Schwärmertum.
1. Fortschritt der revolutionären Ideen im
Bauernkrieg. Aufstände des südlichen Schwarzwalds,
wirtschaftliche und soziale Beschwerden, Anfänge religiöser
Einwirkung. Aufstand in Oberschwaben; religiöse Grund—
iagen der Zwölf Artikel. Rheinische und österreichische Auf—
standsgebiete; territorial⸗politische Reformideen. Fränkischer
Aufstand; Programm einer Reichsrefornmn...
2. Unterdrückung der Bauern, Sieg der Fürsten.
Stellung Luthers zum Bauernkrieg. Dämpfung der Aufstände
in Süddeutschland, Ende der hessisch-thüringischen Bewegung
Folgen des Bauernkriegs für die ländlichen Stände: leidliches
Schicksal des Bauern, endgiltiger politischer Verfall des Adels
3. Schicksale der Schwarmgeister. Gegenseitiges
Verhältnis des Schwärmertums und der bäuerlichen Revolu—
tion. Erneute Kräftigung der Schwärmer in Oberdeutsch—
land. Verfolgungen; Anwendung und Übertragung des
Schwärmertums nach Mähren und in die Niederlande. Der
Münsterische Aufruhr. Ausgang des Schwärmertums in
Deutschland, Schicksal außerhalb der deutschen Grenzen.
Schwärmertum und lutherische Reformation.

3273386

337-345

345—352

3522358
        <pb n="14" />
        Einleitung.

Lamprecht, Deutsche Geschichte V.
        <pb n="15" />
        Mit der Entwicklung der Geldwirtschaft in ihren ersten
Spuren seit dem 12. und 13. Jahrhundert war eine erste, noch
lange verborgene und gleichsam insgeheim wirkende Grundlage
gewonnen für den Übergang in die Perioden der Neuzeit. Der
bolle Durchbruch geldwirtschaftlicher Tendenzen mit ihren Folgen
auf sozialem und, großenteils hierdurch vermittelt, auch auf
geistigem Gebiete, mußte die Neuzeit selbst heraufführen. Das
ist der Grundzug der deutschen Entwicklung vom 14. bis zum
17. Jahrhundert.
Allein diese grundsätzlich so einfache Tendenz wurde, vornehm⸗
lich infolge der politischen Lage des Reiches, in Wahrheit zu einer
äußerst verwickelten. Große Strömungen auf wirtschaftlichem und
sozialem Gebiete bedürfen fester Leitung von oben her; durch
die ausgleichende Einwirkung der Staatsgewalt soll in ihnen
nicht Egoismus und Partikularismus die Oberhand gewinnen
über eine dem Gedeihen aller gerecht werdende Entwicklung.
War nun das Reich irgendwie imstande, eine solche Einwirkung,
ija auch nur eine Aufsicht auszuüben? Wären die Persönlich—
keiten der Kaiser hierzu auch noch so geeignet gewesen, schon
der schwache Bestand der Reichsgewalt an realer Macht verbot,
an diese Rolle auch nur zu denken. Möglich waren hier nur
Erfolge klugen Lavierens und gelegentlichen Gängelns, wie sie
Karl IV. erreicht hat.
So entfalteten sich denn die allgemeinen Tendenzen der
Entwicklung ungeordnet in den Einzelkreisen der Nation, in
Territorien zumal und in Städten. Nun waren aber diese
beiden Hauptaruppen des politischen Lebens der Nation in
        <pb n="16" />
        Einleitung.

sehr ungleicher Weise geeignet, den geldwirtschaftlichen Fort—
schritt in sich aufzunehmen und zu verkörpern.
Die Territorien blieben hier naturgemäß im Rückstand;
nur mühsam warfen sie die alte feudale Staatsform, unter der
auch sie noch teilweis entstanden waren, ab und suchten den
neuen Beamtenstaat unter fürstlicher Obergewalt zu verwirklichen;
und erst die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts ermöglichte ihnen
durch das Aufkommen juristischer Laienbildung langsam die
Rekrutierung ihrer Beamten aus anderen, als den natural—
wirtschaftlichen Kreisen des einheimischen Adels. So vermochten
sie sich sogar im äußeren politischen Wettbewerb anfangs nur
mühsam gegen die potenziell viel weniger mächtigen Städte zu
halten; erst seit der Mitte des 15. Jahrhunderts etwa war
ihr Übergewicht mit einiger Sicherheit entschieden, und erst
seit der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts erreichten ihre
Fürsten mit mehr oder weniger Klarheit das Verständnis für
eine auf geldwirtschaftlichen Grundlagen zu entwickelnde Lebens—
führung und Herrschaft.
Ganz anders die Städte. War die territoriale Entwick—
lung übermäßig langsam, so muß die städtische Entwicklung
als überhastet, als hypertrophisch bezeichnet werden. Hier, in
räumlich eng begrenzten Kreisen, machten sich all die Be—
strebungen einer nach vorwärts gerichteten Volkswirtschaft
geltend; hier trafen sich in fast zu klein abgemessenen Brenn—
punkten alle höheren Wirtschaftsneigungen der Nation. Und
gleichzeitig setzte seit dem 18. Jahrhundert eine Verschiebung
der internationalen Handelsverhältnisse ein, die Deutschland
bis tief ins 15. Jahrhundert hinein zum Centrum auch mehr
als nationaler geldwirtschaftlicher Bestrebungen machte: die
heimische Entwicklung, an sich übersäftig und geil, wurde noch
weiter angefacht durch fremden Einfluß.
Die Folge war ein völliger Dualismus in der bisher ein—
heitlichen nationalen Entwicklung. Wir haben hier nicht seine
schweren wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen im einzelnen
zu betrachten; es wird davon gelegentlich der bäuerlichen Be—
wegung des 15. und 16. Jahrhunderts, sowie auch sonst noch
        <pb n="17" />
        Einleitung.

die Rede sein. Genug, daß dieser Dualismus bis in die ersten
Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts immer stärker hervortrat, um
dann nur langsam zu verschwinden. Mehrere Generationen hin⸗
durch, von Luthers Auftreten an etwa gerechnet, dauerte nun das
Abflauen dieser Bewegung; es begann mit einzelnen Machtver⸗
schiebungen zwischen Territorien und Städten, von denen diese in
den politischen Gängen der Reformationsgeschichte Schaden litten
und von Karls V. steigender Universalgewalt bedrückt wurden,
jene durch die kirchlichen Neuerungen gewannen und über die
centralen Bestrebungen Karls V. schließlich den Sieg behielten;
es endete in der allgemeinen naturalwirtschaftlichen Reaktion
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die ganz Mittel⸗
europa betraf und vornehmlich durch die Verschiebung des
internationalen Handels an die europäischen Westküsten bedingt
ward.

Das Ergebnis war damit schließlich, völlig deutlich seit
der Wende des 16. und 17. Jahrhunderts, der Zusammenbruch
der städtischen geldwirtschaftlichen Hypertrophie, der Sieg der
Territorien mit ihrer langsamen Entfaltung höherer Wirt—
schaftsformen, und in diesem territorialen Werden eine neue
Einheit der nationalen Geschicke. Dieser Grundlage entsprießt
die Entwicklung des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie kann
deshalb gegenüber den vorschnellen Fortschritten der städtischen
Kultur des 15. und 16. Jahrhunderts wesentlich Neues zunächst
nicht bringen; nur in anderen Formen und höheren Wendungen
erreicht in ihr jetzt der Gesamtkörper der Nation, was für die
bevorzugten bürgerlichen Kreise schon um manche Generation
früher, in Wahrheit freilich noch ungesichert, errungen schien.
Aus dieser eigenartigen Entwicklung auf politischem und
wirtschaftlichem Gebiete ergiebt sich die Einheit der deutschen
Kultur des 15. bis 18. Jahrhunderts. Es ist ein Zeitalter,
genau getrennt von dem vorhergehenden der mittelalterlich—
konventionellen Kultur des Bürgertums wie von dem folgenden
der subjektivistischen Bildung des neunzehnten Jahrhunderts;
es ist die Zeit individualistischer Durchbildung der deutschen
Persönlichkeit.
        <pb n="18" />
        *

Einleitung.

Mit der Entwicklung der städtischen Geldwirtschaft des
15. Jahrhunderts tritt zum erstenmal der Gegensatz zwischen
frei individualer und sozial-gebundener Anschauung des Daseins
schroff hervor; hatte bisher die Gesellschaft geherrscht über die
Person vermöge der Mittel familienhafter und genossenschaft—
licher Bindung, so beginnt sich jetzt in den oberen bürgerlichen
Kreisen und demfolgend auch an den Höfen der Fürsten das
individualistische Prinzip, der Gedanke einer Gestaltung der
Welt unter der Voraussetzung der gesellschaftlichen Freiheit des
Individuums, zu bilden. Kein Zweifel, daß diese geistige Revolu—
tion als eine unmittelbare Folge sozialer, ihrerseits wiederum
dielfach politisch und wirtschaftlich bedingter Verschiebungen
angesehen werden muß; der Nachweis wird in den folgenden
Kapiteln in tausend Einzelheiten erbracht werden.
Aber freilich darf demgegenüber Eins nicht übersehen
werden. Nicht anders, als der Einzelmensch, bewegt sich die
Menschenwelt in den Gegensätzen des Natürlichen und des
Geistigen. Damit steht die Geschichtswissenschaft vor denselben
Problemen, wie die Wissenschaft vom Einzelmenschen; sie sieht
eine materielle und eine spirituelle Seite vor sich, und auch
für sie erhebt sich die große Frage nach dem Wie der beider—
seitigen Verknüpfung. Wird diese Frage jemals, für den
Einzelmenschen wie für die geschichtliche Welt, eine auf voll—
kommen induktivem Wege gefundene Antwort erhalten? Oder
heißt es in beiden Fällen: Ignorabimus? Was hier die Zu—
unft auch bringen mag: die Gegenwart hat zu gestehen, daß
sie nur die gegeneinander laufenden Fäden beider Pole, des
geistigen und des körperlichen, bis zu gewissen Punkten hin zu
verfolgen vermag, ohne das tiefste Geheimnis ihrer Verknüpfung
zu erkennen; und die Geschichtswissenschaft wird daraus, nament—
lich soweit sie in Geschichtsschreibung übergeht, die bescheidene
Folgerung ziehen müssen, daß eine volle Schilderung des
Werdens der Menschheit genau so, wie eine befriedigende
Darstellung des Einzelmenschen, nur von intuitivem, künst—
erischem Standpunkte aus möglich ist.
So viel aber mindestens ist für unsere Periode empirisch
        <pb n="19" />
        Einleitung.

zewiß: mit dem Augenblicke, da die Erscheinungen der Geld—
wirtschaft sozial deutlich zu Tage treten, setzt auch eine geistige
Entwicklung ein, die zum Individualismus des 16. bis 17.
Jahrhunderts hinüberleitet. Auf dem Gebiete der Kunst wie
der Litteratur und der Wissenschaften, im Kreise der ästhetischen
wie der intellektuellen Bethätigung verschieben sich die Interessen;
das Bestreben nach naturalistischer Beherrschung der Außenwelt
tritt auf; die Malerei erreicht den im einzelnen unübertroffenen
Realismus der van Eycks und ihrer Nachfolger bis zum Schluß
des 15. Jahrhunderts; die Litteratur nähert sich der persön⸗
lichen Charakteristik in den ersten Formen der Satire und des
Dramas, und die Wissenschaft sucht die realen, geschichtlichen
geographischen Probleme und befreit sich langsam von der
Herrschaft der Scholastik eines Thomas und Bonaventura.
Gestärkt wird diese eigenständige Bewegung durch die
zroßen Strömungen der Renaissance und des Humanismus.
In ihnen ergreift der deutsche Geist ohne weiteres oder durch
italienische Vermittlung, was immer von der Entwicklung
namentlich des römischen Altertums ihm dienlich erscheint für
die Förderung der eigenen, in verwandten Bahnen verlaufen⸗
den Geschichte; und unmittelbar vor allem wirken die klassischen
Autoren wie die Denkmäler antiker und antikisierender Kunst
als erziehende Mächte höherer Bildung.
Indes gesichert für immer wird diese Bildung erst durch
das wichtigste, nationalste Ereignis dieses Zeitalters, durch die
Reformation. Luther ist es, der dem Individualismus auf
dem tiefsten Gebiete des Geisteslebens, auf dem religiös—
ohilosophischen, freie Bahn bricht, indem er die Einzelperson
unmittelbar, ohne die Dazwis chenkunft irgendwelcher Sakraments⸗
anstalt, dem göttlichen Prinzip gegenüberstellt; indem er die
Erfüllung bringt des schwermütigen Gebets des heiligen Augustin:
Dic animae meae, salus tua ego sum, dessen Gewähr
die mittelalterliche Kirche trotz ihres unablässig vergrößerten
religiös-kirchlichen Apparates nicht hatte finden können. Und
mehr. Indem Luther den Wust kirchlicher Überlieferung kühn
beiseite schob und nur auf das reine Evangelium selbst zurück—
        <pb n="20" />
        Einleitung.

ging, breitete er zugleich vor seiner Zeit die Fülle einer Offen—
barung aus, deren Einzelheiten sich ganz auf dem Niveau des
neuen Geisteslebens bewegten. Denn mag auch die Über—
lieferung des Urchristentums und der Geschichte Jesu auf uns
nur in gleichsam reflektiertem Lichte gekommen sein, durch sehr
verschiedenartige Personen, Begriffskreise, Litteraturformen ver—
mittelt: so viel ist doch klar, daß jegliche Form treuerer Über—
lieferung uns den vollen Individualismus des Stifters unserer
Religion und die sichere Bewältigung der religiös-ethischen
Vrobleme einer hohen Kultur gewährleistet.
Aber waren nun alle Kreise der Nation reif für die Auf—
nahme so vornehmer geistiger Kost? Luther wandte sich an
alle; hat er aller Herzen nicht bloß gerührt, sondern auch mit
dem Geiste seiner Lehre erfüllt? Der Reformator selbst läßt
nicht ab, sich über diesen Punkt in den bittersten Klagen zu
ergehen. Der großen Menge war er in den jungen Jahren
der religiösen Bewegung vor allem der Agitator gegen die
Schäden der alten Kirche, weniger der Begründer einer neuen;
nach dem Bauernkrieg des Jahres 1525, als er offen aufdeckte,
wie sehr ihn die unteren Kreise mißverstanden hatten, ward er
auf lange Zeit einer der unpopulärsten Männer im Reiche.
Es ist nicht anders: das Evangelium in seinem wahren Ver—
stand blieb noch Generationen hindurch ein geistiges Manna
vornehmlich der Gebildeten; es war mehr ein Ferment künftiger
religiöser Haltung auch der nationalen Tiefen, als ihr unver—
äußerliches Besitztum; nur so erklären sich die Erfolge der
Gegenreformation schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahr—⸗
hunderts.
Und stand es mit Renaissance und Humanismus anders?
Noch viel mehr waren sie Eigentum nur geringer Teile der
Nation; vornehmlich nur in den vornehmen Bürgerhäusern,
an den Fürstenhöfen, an den Universitäten waren sie zu Hause.
Nur langsam entstanden von diesen Stellen aus Kanäle, die
tiefer führten; die Entwicklung des Kunsthandwerks der Re—
naissance, die Ausbildung eines höheren humanistischen Schul—
vesens vor allem haben hier eingewirkt.
        <pb n="21" />
        Einleitung.

Vorläufig aber blieb es bestehen: die neue individualistische
Kultur mit ihrem künstlerischen und litterarischen Realismus,
mit ihrer Begeisterung für das klassische Altertum und mit
hrem tiefern Verständnis der Lehre Luthers war auf an Zahl
geringere Kreise beschränkt. Und wie hätte es anders sein
können? Nur die Stellen fast, in denen eine Lösung mittel—
alterlichen Geisteslebens durch starke geldwirtschaftliche Ein—
wirkung eingetreten war, kamen für sie in Betracht. Die un—
gleichmäßige Entwicklung der materiellen Kultur spiegelte sich
wider in den zerstreuten, ungleichmäßigen Fortschritten des
Geisteslebens; wie auf dem einen Gebiete, so blieb auch auf
dem andern die Masse der Nation zurück. Es ist der Punkt,
von dem aus sich der wesentlichste Unterschied der italienischen
und der deutschen individualistischen Entwicklung begreift. Die
Renaissance und der Humanismus Italiens erhoben sich
auf einer atomisierten Gesellschaft, welche, auf geldwirtschaft⸗
licher Grundlage lebend, keinerlei lehnsrechtliche, genossenschaft—
liche und sonstige Fesseln des Mittelalters mehr kannte. Darum
ergab sich ihre Kultur als dauernd errungen und unzerstörbar;
sie ist wohl zeitweis hispanisiert worden, aber niemals unter—
gegangen. In Deutschland dagegen waren die materiellen und
sozialen Voraussetzungen der individualistischen Kultur nur
dünn gesäet in der überquellenden Kultur der Städte und dem
langsamen Heranwachsen der Territorien zu modernen Staaten;
aur auf religiösem Gebiete erschien eine bestimmte Grundlage
unauslöschlich gewonnen. So mußte sich lange Zeit hindurch
Reaktion und Fortschritt kämpfend eben auf religiösem Gebiete
treffen; die besondere Lage der materiellen Kultur erklärt damit
die höchst merkwürdige und einzigartige Bedeutung des Pro⸗
testantismus vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, ja noch bis
tief hinein in unsere Zeiten.
Dem 17. und 18. Jahrhundert blieb die Aufgabe, die im
16. Jahrhundert erreichte Höhe der Geisteskultur nun auch
wirtschaftlich und sozial dauernd zu stützen. In welcher Form
dies durch die Entwicklung der Territorien zu Staaten geld⸗
wirtschaftlicher Kultur geschehen ist, wird später zu erzählen
        <pb n="22" />
        —10

Einleitung.

sein. Hier kann nur das Ergebnis festgestellt werden: gegen
Schluß des 18. Jahrhunderts erscheint die Nation thatsächlich
in weiten Kreisen der individualistischen Kultur zugeführt und
ergiebt sich zugleich eine Demokratisierung der Gesellschaft an—
gebahnt, die schon hinüberführt in eine weitere, grundsätzlich
von dem Zeitalter des 15. bis 18. Jahrhunderts verschiedene
Entwicklung, in die des modernen Subjektivismus.
Es gehört darum zu den verhängnisvollsten geschichtlichen Irr—
— DDDDDD
der Geisteskultur der Reformationszeit durch unmittelbare Zu—
sammenhänge verbunden seien, daß der Individualismus dieser Zeit
noch heute zukunftsreich schaffend fortlebe. Außerlich verschuldet
ist dieser Irrtum wohl vornehmlich durch eine geläufige geschichtliche
Einteilung, welche die Zeit seit dem 16. Jahrhundert als eine in
sich gleichartige Masse, als Neuzeit, vom Mittelalter zu sondern
pflegt. In Wahrheit ist die Kultur des Individualismus im
Absterben begriffen seit ihrer ÜUberwindung durch die hellenische
Renaissance des vorigen Jahrhunderts, durch den subjektivistischen
Charakter unserer Nationallitteratur im Zeitalter Schillers und
Goethens und vor allem durch die Wirkungen der Philosophie Kants.
Die Einzelpersönlichkeit lebt darum heute nicht mehr unter
dem Freiheitskanon, den die Zeit der Reformation entwickelt
hatte. Gewiß erstrebte man auch im Reformationszeitalter
schon die absolute Freiheit der Persönlichkeit: dies Streben ist
so alt, wie die individualistische Entwicklung überhaupt: schon
Dante läßt die Vernunft zum Menschen sprechen:

Ruh' oder wandle hier auf heiterm Pfad,
Nicht harre fürder meiner Wink' und Lehren,
Frei, grad, gesund ist, was du wollen wirst,
Und Fehler wär' es, deiner Willkür wehren:
Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst.

Aber innerhalb des geschichtlichen Verlaufs standen so
idealen Forderungen doch bedeutende Hindernisse entgegen. Man
hat sich hier zu erinnern, daß Subjektivität und Autorität,
geschichtlich gefaßt, keineswegs absolute Gegensätze sind. Die
Subjektivität, Vernunft und Gewissen des Einzelnen, ist ja selbst
        <pb n="23" />
        Einleitung.

14

wieder vielfach ein Erzeugnis der geschichtlichen Entwicklung;
von ihrer jeweils erreichten Ausgestaltung ist der Mensch nicht in
der Lage, sich völlig loszusagen. Nun sind aber dieselben geschicht—
lichen Mächte, deren Einwirkungen die durchschnittliche Grund—
lage für den Charakter der Subjektivität verdankt wird, auch
die bindenden Kräfte der Autorität: Subjektivität und Autorität
beruhen mithin in vieler Hinsicht auf dem gleichen Grunde
einer großen Anzahl geschichtlicher Begebenheiten. Deshalb
stehen beide, geschichtlich betrachtet, nur in fließendem Gegen⸗
satz; es besteht eine Wechselwirkung zwischen geschichtlicher
Notwendigkeit und persönlicher Freiheit, in welcher die beider—
seits ausschlaggebenden Werte schwanken und sehr verschieden—
artig bemessen sein können.
Und hier waren nun in der Kultur des 15. bis
18. Jahrhunderts die Werte der Autorität entschieden noch
stärker entwickelt, als in der Kultur der Gegenwart. Selbst
der Humanismus schloß die Subjektivität in unserem Sinne
aus; denn ihm war fuür das Leben des Diesseits die Zeit des
klassischen Altertums unbedingte Autorität; in diesem Sinne
eben wurde der Begriff „klassisch“ entwickelt. Und diese Auto⸗
rität wurde in Deutschland noch viel stärker betont, als etwa
in Italien; der Gedanke der Würde des Menschen als solchen,
wie ihn Pico della Mirandola in seiner Oratio de hominis
dignitate entwickelt hatte, und wie er nachmals dem Zeitalter
Schillers und Goethens so geläufig war, ist zur Zeit des
deutschen Humanismus wohl niemals gleich scharf formuliert
worden. Gewiß wies der Humanismus auch auf sittlichem
Gebiete schon hin auf ein Ideal unabhängigen, vom Christen⸗
tum nicht umfaßten ethischen Lebens, wie es die Alten in
langer Geschichte errungen zu haben schienen; aber dies Ideal
blieb verschleiert; erst von Kant ist es, wenn auch in anderer
Färbung, zweifelsohne enthüllt worden. In der Kultur des
16. Jahrhunderts dagegen rüttelte der Mensch noch kaum an
dem christlich⸗religiösen Fundament des Daseins, und auch im
17. und 18. Jahrhundert war die Zahl der kühnen Geister,
die dies grundsätzlich thaten, gering. Damit aber war auf
        <pb n="24" />
        2

Linleitung.

diesem wichtigsten Gebiete der Entwicklung eine volle Ungebun⸗
denheit des Individuums noch nicht erreicht. Gewiß ward nach
der Lehre Luthers der Einzelne für seinen Glauben nur an
die erhabensten, göttlichsten Urkunden weltgeschichtlicher Über—
lieferung verwiesen, und er hatte sich ihren Inhalt, wie ihn die
Zeit verstand, anzueignen in persönlichem Ringen: aber immer⸗
hin blieb doch grundsätzlich die Abhängigkeit von der Tradition,
also einer objektiven, außer uns stehenden Macht, gewaährt.
Schaut man freilich rückwärts auf das Mittelalter, so
war das ein religiöser Fortschritt außerordentlichster Art; nicht
mehr die Kirche, eine rohe, ins materielle Leben der Gegenwart
—DDDD—
religiösen Halt, sondern das größte, zu neuem Leben erweckte
supranaturalistische System aller Vergangenheiten; und auch
in weltlichen Dingen wurden die höchsten Kreise der Nation
jetzt nicht mehr so sehr durch soziale Autoritäten, wie Familie
und Genossenschaft, gebunden, als vielmehr durch die geistigen
Traditionen der glänzendsten weltgeschichtlichen Periode dies—
seitigen Lebens, durch die Überlieferungen des Altertums.
Aber vorwärts gesehen, hinein in die Zeit des 19. Jahr—
hunderts, erscheinen diese geistigen Mächte doch eben als
Fesseln. Der Gegensatz wird klar an einem Vergleich der
Lehre Kants und Luthers. Nach Luther macht nur der Glaube,
die unbedingte Hingabe an die Gnade Gottes, gerecht; in
Kants Augen ist nichts auf der Welt so gut, als ein in
sich gefesteter Wille, der freiwillig dem Gesetze des Guten
gehorcht. Es sind also allerdings beide, Luther wie Kant,
Individualisten. Aber Luther weist den religiösen Individua—
lismus noch an die Offenbarung des Evangeliums (und damit
auch an die daraus abgeleiteten kirchlichen und dogmatischen
Autoritäten); Kants ethischer Subjektivismus dagegen verwirft
jede statutarische Autorität und stellt das Individuum nur auf
sich und damit auf den Begriff einer menschlichen Freiheit, die
sich allein ihre Gesetze giebt. Das sind Gegensätze, die den
vollen Unterschied zweier Zeitalter bedeuten.
        <pb n="25" />
        Vierzehntes Buch.
        <pb n="26" />
        Erstes Kapitel.

Die habsburgische Hausmacht unter Raiser
Marimilian J.; KFönigtum und ständischer
Föderalismus.

Im vorletzten und drittletzten Jahrzehnt des fünfzehnten
Jahrhunderts war im Westen des Reiches die burgundische Herr—
schaft, mit mehr als zwei Dritteln ihres Gebietes innerhalb
der alten Reichsgrenze gelegen, zu einer ständigen nicht mehr
bloß deutschen, sondern schon westeuropäischen Gefahr heran⸗
gewachsen; im Norden war Holstein verloren und die Hanse in
vollem Rückgang; im Osten erschien das Deutschordensland von
Polen aufgesogen, die Lausitz, Schlesien, Böhmen und Mähren
don Ungarn; Polen stand auf seiner ersten großen Machthöhe;
in Wien residierte Matthias Corvinus; der Kaiser aber irrte
landflüchtig in den centralen Resten des Reiches umher, die
oon lokalen Fehden und allseitigem Mißtrauen erfüllt waren.
Das waren die Zustände des Reiches, die einem Vertreter des
eben emporkommenden Humanismus wohl gestattet haben würden,
mit Tacitus von den urgentia fata cadentis imperii zu reden.
Es war die Lage, unter der der junge Marimilian, der
Sohn Kaiser Friedrichs, gegen den Willen seines Vaters am
16. Februar 1486 zum römischen König gewählt ward.
        <pb n="27" />
        16

Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Mit König Max tritt ein lebensfrisches Element an die
Führung der deutschen Geschicke. Er war ein mutiger Fürsten—
sohn, ein Meister aller körperlichen Übungen, ein leidenschaftlicher
Jäger. Hohe geistige Begabung zeichnete ihn aus; mit Leichtigkeit
meisterte er acht Sprachen; und mit der linguistischen Fertigkeit
verband er praktisch-mathematischen Sinn; als Ingenieur
und militärischer Techniker hat er Hervorragendes geleistet. So
war höchstens seine Vielseitigkeit sein Unglück; fie gab ihm eine
Versatilität des Geistes, die, von den Zeitgenossen bewundert,
den nachgeborenen Betrachter seiner Politik in Schrecken setzt.
Und ein so reicher Geist, stand er zudem noch an der Grenz—
scheide zweier Zeitalter! Es konnte nicht anders sein, als daß
er sich mit phantastischen Vorahnungen einer kommenden, neuen
Zeit nicht minder durchdrang, als mit zäh realistischen, von früher
her überlieferten Bildungselementen der alternden; er war
zugleich der Mäcen der Renaissance und der letzte Ritter.
A—
wechselnd, ja unstet erschien er in seinen Entschlüssen ; und bei
allem liebenswert Menschlichen, das ihm eine wohlverdiente
Volkstümlichkeit eintrug, ist er schließlich doch an dem Mißtrauen
andrer nicht minder, wie an eigner Enttäuschung gescheitert.
Doch von diesem Ausgange ahnte das Jahr 1486 noch
nichts; es kannte König Max vielmehr als einen Mann, der
wiederholt schon mit glücklichster Hand über die astrologischen
Träumereien des Vaters hinweg in die Geschicke der Nation
eingegriffen hatte.
Vor allem im Westen war das geschehen. Hier hatte Herzog
Karl der Kühne von Burgund kein Hehl aus der Enttäuschung
gemacht, mit der er aus den Trierer Verhandlungen des Jahres
1473 mit dem Kaiser geschieden war!. Sein Mittel war von
nun ab die Gewalt: sede Einwirkung, die ihm die deutschen
Verhältnisse zur Trübung des Reichsfriedens gewährten, ward
von ihm freudig begrüßt.
Eine Lage, diesen Zielen entsprechend, ergab sich bald am

S. Band IV Buch XIII Kapitel 3 Nr. III.
        <pb n="28" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 17

Niederrhein. Hier war das Kölner Erzstift aus der Soester
Fehde des Jahres 1444 mit schwerer finanzieller Belastung
hervorgegangen!. Die Folgen waren immer schwierigere Zwiste
zwischen den Ständen des Landes und den Kurfürsten, welche
die finanziell unumgänglichen Bedürfnisse durch ständische
Steuern zu decken hatten. Schließlich kam es zum offnen
Streit; die Stände sagten dem Erzstuhl den Gehorsam auf.
Darauf rief der Wittelsbacher Ruprecht, seit 1468 Erzbischof,
Burgund zu Hilfe. Herzog Karl griff begierig zu; mit einem
gewaltigen Heere zog er zum Rhein; für ihn handelte es sich
nicht nur um den Schutz des Erzbischofs, sondern um die
Eroberung des Erzstifts, ja vielleicht aller niederrheinischen
Gebiete.
Der Kampf, der nunmehr entbrannte, ballte sich um Neuß
zusammen, den strategischen Schlüssel des Niederrheins; seit
Juli 1474 ward die Stadt vom Herzog belagert. Aber in
Deutschland begriff man diesmal, durch die Trierer Verhand—
lungen gewarnt, was auf dem Spiele stand. Die Stadt erntete
hohes Lob in hartnäckiger Verteidigung; von allen Seiten aus
dem Reiche nahten Unterstützungen, ja Kaiser Friedrich selbst
machte Anstalten, sich zu regen; Jangsam zog er mit einem
Reichsheer rheinabwärts und kam wirklich noch rechtzeitig genug,
um den Abzug des burgundischen Heeres von Neuß mit anzusehn,
Juni 1475. Im ganzen hatten diesmal die Bürger einer Stadt,
wie bei Sankt Jacob einst die Schweizer Bauern, die West⸗
grenze des Reiches gerettet, zum Zeichen, was der mutige Einsatz
einzelner Reichsglieder für das Ganze noch immer trotz alles
Verfalles vermochte.
Der Herzog von Burgund aber wandte sich nunmehr vom
Niederrhein weg den oberrheinischen Interessen zu. Hier hatte
fich die Lage inzwischen eigenartig geändert. Wir wissen, daß
der ruhselige Herzog Sigmund von Tirol gegenüber dem
schweizerischen Vorwärtsdrängen nach Norden die vorderöster—

1S. Band IV Buch XII Kapitel 3 Nr. II.
Lamprecht, Deutsche Geschichte V.
        <pb n="29" />
        18

Vierzehntes Buch. Erstes RKapitel.

reichischen Lande von Schaffhausen bis zum Oberelsaß an
Burgund verpfändet hatte!: das hieß den habsburgischen
Besitz in Südwestdeutschland aufgeben fast genau ein Jahr—
hundert nach dem kühnen Versuche Herzog Leopolds, diesen
Besitz durch Eroberung der Schweiz aufs festeste mit dem habs—
burgischen Südosten zu verschmelzen. Jedenfalls betrachtete
Karl der Kühne sich als dauernd im Besitz dieser Lande, und
schon drang sein rauher Landvogt, Peter von Hagenbach, von
ihnen aus gegen die Schweiz hervor. Es war zur selben Zeit,
da die Schweizer Kantone, namentlich Bern, auch von der
Freigrafschaft aus durch burgundische Anmaßungen im Waadt—
land bedrängt wurden.
Diese Lage, für die Schweiz namentlich höchst bedenklich, führte
nunmehr alle Widersacher Burgunds im Süden: den König
Ludwig XI. von Frankreich, den Herzog Sigmund und die
Eidgenossen, zusammen. Und kaum wußten sich die Schweizer
durch den Herzog von Tirol im Rücken gedeckt, so gingen sie
gegen Burgund vor, während die Franzosen gleichzeitig in
Flandern einfielen. Es war zur Zeit der Belagerung von Neuß;
Herzog Karl geriet in die gefährlichste Lage; er half sich, indem
er von Neuß abzog und mit dem Reiche Frieden, sowie mit
dem französischen Könige neunjährigen Waffenstillstand schloß
(13. September 1475).
Es war klar, worauf all diese Maßregeln abzielten: es
galt jetzt allein der Schweiz. Im Herbst 1475 rückte Karl
nach Süden vor, nahm Lothringen fast ohne Schwierigkeit
ein und näherte sich um die Jahreswende den westlichen Schweizer—
gebieten. Allein hier trat ihm am 1. März und am 22. Juni
1476 die Macht der Eidgenossen bei Granson und Murten ent—
gegen, und er unterlag ihr. Es war eine Katastrophe, die
alsbald auch Lothringen wieder verloren gehen ließ; Herzog
René kehrte aus Frankreich nach Nancy zurück. Herzog Karl
aber, der gesagt haben soll, nur drei Herren könne die Welt
ertragen, Gott im Himmel, den Teufel in der Hölle, auf Erden

S. Band IV Buch XII Kapitel 8 Nr. II.
        <pb n="30" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 19

ihn, plante einen neuen Angriff. Im November 1476 erschien
er vor Nancy. Aber die Schweizer kamen dem bedrohten
lothringer Herzog zu Hilfe, und in der furchtbaren Niederlage
des 5. Januars 1477 verlor Karl Reich und Leben.
Die Katastrophe von Nancy ließ die schöne Prinzessin
Maria als Erbtochter der burgundischen Länder zurück. Es
war selbstverständlich, daß von Frankreich her ihr Erbe bestritten
werden würde. Das Haus Habsburg aber fußte ihr gegenüber
auf Verhandlungen früherer Jahre, in deren Gewebe die Ver—
mählung Maxens mit Maria wohl den beständigsten Einschlag
gebildet hatte. Max eilte nach den Niederlanden, vermählte
sich am 19. August 1477 mit Maria und nahm den Kampf
gegen Frankreich auf. Es ist der entscheidende Schritt für die
anbrechende internationale Größe des Hauses Habsburg.
In den Kämpfen der nächsten Jahre, die in dem
Siege bei Guinegate gipfelten (7, August 1479), wußte sich
Mau gegenüber Frankreich mit Erfolg in den Niederlanden,
soweit sie deutsch waren, ja darüber hinaus festzusetzen;
das Jahr 1482, für Marx freilich durch den Tod Mariens
getrübt, brachte in dem 1483 bestätigten Frieden von Arras
eine Auseinandersetzung mit Frankreich, wonach diesem end—
gültig die Picardie und die Bourgogne zufielen, während zugleich
die spätere Vermählung des Dauphins mit Margaretha, der
Tochter Maxens, verabredet ward, wobei dieser das Artois
sowie die Freigrafschaft mit der Grafschaft Charolais, Macon,
Auxerre und Bar-sur-Seine als Mitgift zufallen sollten.
Eine volle Aussöhnung mit Frankreich wurde allerdings
auch hierdurch noch nicht erreicht, da sich einzelne burgundische
Länder, vor allem Flandern, der neuen Herrschaft nur schwierig
fügten und somit der französischen Krone immer neue Eingriffe
nahe legten. Als Mar, zum römischen König gewählt, nach
seiner Krönung zu Achen im Mai 1486 in die Niederlande
zurückkehrte, fand er Flaͤndern weithin von französischem Einfluß
unterwühlt, und als er diesem diplomatisch und militärisch
entgegentrat, nahmen ihn die Bürger von Brügge am 1. Februar
1488 gefangen. Der Streich ward im Reiche aufs schmerzlichste
*
        <pb n="31" />
        20 Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

empfunden; ein deutscher Edelmann, Wilwolt von Schaumburg,
hat ihn wohl mit dem Verbrechen der Juden an Christus ver—
glichen. Noch mehr als im Kampfe um Neuß regte sich das
kriegerische Gewissen der Nation, Kaiser Friedrich konnte mit
einem nicht unbedeutenden Heere an die Grenzen der Nieder—
lande ziehen, und Max ward am 16. Mai 1488 seines
Gefängnisses ledig. Darauf wurde die Züchtigung der über—
mütigen Vlaamen dem Herzog Albrecht von Sachsen, einem
der reichstreusten Fürsten und besten Feldherren der Zeit, über—
tragen und von ihm bis zum Oktober 1489 erfolgreich durch—
geführt; König Max selbst wandte sich den Verhältnissen im
Centrum und Südosten des Reiches zu.
Vornehmlich in Schwaben, Franken und Bayern hatten
sich in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts die größten
Gegensätze der fürstlichen Parteiungen abgespielt. Führer waren
die Wittelsbacher“ auf der einen Seite, auf der andern der
Hohenzoller Albrecht Achilles von Ansbach gewesen. Von
ihnen beruhte die Macht der Wittelsbacher mehr auf dauernder,
territorialer Grundlage; Albrecht verfügte in erster Linie nur
über seine groß angelegte Persönlichkeit.
Nun war aber Albrecht im Jahre 1471 zum Kurfürsten von
Brandenburg aufgerückt und dadurch den süddeutschen Händeln
mehr oder minder entzogen worden. Die Folge war, daß die
Wittelsbacher mächtig um sich griffen. Vor allem auch gegen⸗
über OÖsterreich. Albrecht IV. von Bayern-⸗München wußte sich
mit dem Herzog Sigmund von Tirol und Vorderösterreich so
gut zu stellen, daß dieser, ohne legitime Erben, dabei lustig
und verschwenderisch, wie einst Herzog Welf zu staufischer Zeit,
seit Ende der siebziger Jahre Stück für Stück seiner Herrschaft
an die bayrischen Wittelsbacher zu verpfänden begann, bis er
das Ganze in den Jahren 1486 und 1487 an sie verkaufte.
Damit erlangten die Wittelsbacher die Aussicht auf den Erwerb
von ganz Schwaben; denn wie sollten die kleinen Zwischengebiete
zwischen ihrem Stammesbesitz und dem erworbenen Vorder—
österreich auf die Dauer widerstehen können?
Gegenüber dieser Aussicht gedachten sich aber die kleinen
        <pb n="32" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 21

Reichsstände Schwabens, Städte, Grafen und Ritter, tapfer
zur Wehr zu setzen, und sie schauten dabei hoffnungsvoll auf
den Kaiser, der mit dem Übergang der tiroler und vorderöster⸗
reichischen Herrschaften an Baiern die letzten Aussichten seines
Hauses in Deutschland schwinden sah. Und sie hofften in
diesem Falle nicht vergeblich; in Sachen seiner Hausmacht war
Friedrich empfindlich. Am 26. Juni 1486 erließ er von Nurnberg
aus ein Mandat an die schwäbischen Stände: es sei seine
Aufgabe, darauf zu achten, daß in Schwaben jedermann bei
seinem hergebrachten Recht und Landfrieden bleibe; er lade die
Stände zum 26. Juli nach Eßlingen zur Beratung in diesen
Dingen.
Die Versammlung zu Eßlingen brachte die ersten Ver—
handlungen zur Begründung eines schwäbischen Bundes. End—
gültig errichtet ward der Bund am 14. Februar 1488. Damals
traten als Bundesglieder zum Schutze ihrer Rechte und ihres
Friedens zusammen: Herzog Sigmund von Tirol — es war
gelungen, ihn von den Wittelsbachern zu trennen —; ferner Graf
Eberhard von Württemberg, der Sankt Georgenschild, eine in
vier Kantone geteilte Rittergesellschaft, die fast den ganzen
schwäbischen Adel umfaßte, und 22 Reichsstädte des Landes.
Sie bildeten als vier besondere Teile die Grundlage einer sehr
beachtenswerten, gemeinsamen Landfriedens- und Militärver—
fassung, die im Ernstfall bis zu 18000 Mann zu Fuß und
1800 Mann zu Roß aufbringen konnte: der wirksamste Wider—
stand gegen die Wittelsbacher war gewonnen. Einer der ersten
Erfolge des Bundes war es, daß Herzog Sigmund am 16. März
1490 zu Gunsten König Maximilians auf seine tiroler Herrschaft
verzichtete; es war zugleich, nachdem die Ungarn österreich
eingenommen hatten, ein erster Schritt zur Erneuerung einer
führenden habsburgischen Hausmacht im Südosten. Aber darüber
hinaus noch bedeutete die Begründung des schwäbischen Bundes,
der fast ein halbes Jahrhundert unter österreichischem Schutze
bestanden hat, eine wesentliche Verstärkung des habsburgifchen
Einflusses in Süddeutschland überhaupt; namentlich ward durch
sein Dasein eine Verbindung und ein sicherer gegenseitiger
        <pb n="33" />
        22 Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Bestand der vorderösterreichischen und der Donaubesitzungen
hergestellt, den durch die Eroberung der Schweiz zu erringen
den Habsburgern weder im 14. noch im 15. Jahrhundert
gelungen war.
Zudem blieb der Bund nicht auf Schwaben beschränkt.
Er erstreckte sich bald auch nach Oberfranken und nach dem
Rheine zu; am 29. September 1489 trat ihm sogar der Kurfürst
von Trier bei: seine ursprünglichen Ziele erweiterten sich dadurch
aufs wesentlichste; es schien schon jetzt und nicht erst in den
späteren Zeiten Karls V., als könne aus ihm eine Wiedergeburt
des Reiches hervorgehen; jedenfalls war in ihm ein großes
Werkzeug künftigen königlich-habsburgischen Einflusses mitten
im Reiche gewonnen. Und das zur selben Zeit, da sich auch
die alte Hausmacht der Habsburger weit über Tirol hinaus im
Südosten wieder befestigt hatte, da die Gefahr einer Überholung
des deutschen Einflusses durch Ungarn, Böhmen oder Volen
im Schwinden begriffen war.
König Mathias von Ungarn war seit dem J. Juni 1485
im Besitze Wiens und Österreichs. Das Reich bot demgegenüber
kriegerische Hilfe auf; schon bei dieser Gelegenheit bewährte
sich die strategische Kunst Albrechts von Sachsen; aber erreicht
ward nichts als der Vertrag von Markersdorf vom 22. November
1487, nach welchem Mathias die Eroberungen bis zur Bezahlung
der Kriegskosten beibehielt. Das hieß die Entscheidung auf
lange vertagen; im Vollbesitz der österreichischen Lande mit
Ausnahme der Herrschaft Sigmunds von Tirol ist Mathios am
ß. April 1490 gestorben.
Mit seinem Tode eröffneten sich nun dem Hause Habsburg
Aussichten nicht bloß auf die Erwerbung Osterreichs, sondern auch
Ungarns; denn nach dem Vertrage des Jahres 1468, der Ungarn
den Habsburgern zuwies, falls Mathias unbeerbt stürbe, waren
Kaiser Friedrich und König Max erbberechtigt, da Mathias im
rechten Bett erzeugte Söhne nicht hinterlassen hatte. In der
That beanspruchte jetzt König Max, während er Ästerreich
einnahm, zugleich auch Ungarn.
Aber neben ihm traten noch andere Bewerber auf, so der
        <pb n="34" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 23

illegttime Sohn des Königs Mathias, Johann Corvinus, und
namentlich zwei Brüder aus dem polnischen Königshause, Wla—
dislaw und Johann Albert; von ihnen war Wladislaw seit dem
Jahre 1471, als Nachfolger Johann Podiebrads, schon König von
Böhmen. Die Wahl in Ungarn fiel zwiespältig aus; beide
Polen wurden gewählt und kämpften miteinander, bis Johann
Albert am 21. Februar 1491 zu Gunsten des Bruders ver—
zichtete. Darauf ward Wladislaw allgemein anerkannt.
Es waren Ereignisse, die dem Hause Habsburg nicht voll—⸗
kommen günstig waren. Immerhin aber war wenigstens Österreich
wieder gewonnen, denn der unbedeutende Wladislaw konnte nicht
daran denken, das Land bei Ungarn zu halten. Zudem gab Max
seine Ansprüche auch auf Ungarn nicht ohne weiteres auf. Es kam
vielmehr am 7. November 1491 zu einem von den ungarischen
Ständen später anerkannten Vertrage zwischen ihm und Wladislaw,
wonach er den ungarischen Königstitel behielt und ihm, falls
Wladislaw ohne männliche Erben sterben sollte, die Nachfolge
in Ungarn versprochen ward. Damit waren, da Wladislaw dem
Könige auch seine Unterstützung für den dereinstigen Erwerb
der böhmischen Krone versprechen mußte, immerhin die Ansprüche
auf den Besitz Ungarns und auch Böhmens wiederum erneuert.
Wichtiger aber war, daß beide Länder unter der Herrschaft
Wladislaws keine Gefahr mehr für den wiedererworbenen öster—
reichischen Hausbesitz boten. In Böhmen war es bald nach Podie—
brads Tode zu religiösen Wirren und zu Blutthaten gekommen,
die erst in den Verhandlungen des Landtags von Kuttenberg
(1485) einem Religionsfrieden wichen. Nun ward hier allerdings,
zum erstenmal in einem abendländischen Staate, der Grundsatz
der religiösen Duldung verkündet, und die kirchlichen Zwiste
traten zurück. Aber dafür zeigten sich die Schäden sozialen
Verfalls. In den bewegten Jahrzehnten der Husitenzeit und
Podiebrads hatte sich der Adel wiederum zum beherrschenden
Stande entwickelt; jetzt begann er mit Versuchen, die Bürger
und Bauern zu unterdrücken, ohne doch die volle Kraft zu ihrer
gänzlichen Vernichtung zu besitzen. Und auch in Ungarn bean—
spruchte der Adel die volle Herrschaft. Er unterdrückte die
        <pb n="35" />
        24

Vierzehntes Buch. Erstes LNapitel.

Landleute, die mit dem furchtbaren Aufstand der Kuruzzen ant—
worteten; er setzte den König Wladislaw matt; er stellte schließlich
in Johann Zapolya einen Gegenkönig auf, den Wladislaw die
Schwäche hatte zum siebenbürgischen Wojwoden und Kriegs⸗
hauptmann des Reichs zu ernennen.
So war das Haus Habsburg seiner östlichen Länder sicher.
Und mit ihnen verband es jetzt den erneuten Besitz der vorder⸗
österreichischen Lande sowie die Herrschaft über Flandern und
die innerhalb der Reichsgrenzen gelegenen Gebiete des ehemaligen
Reiches Burgund; es war ein unerwarteter Aufschwung. Kaiser
Friedrich hat ihn noch erlebt; weder über ihn verwundert, noch
für ihn sonderlich thätig, fest überzeugt von der selbstverständ—
lichen Erfüllung seiner astrologischen Vorhersagungen über die
Größe seines Hauses, ist er am 19. August 14983 gestorben.
König Max aber besaß jetzt eine Grundlage äußerer Macht,
die schon in ihrer Verteilung über die wichtigsten Grenzen des
Reiches hin für ihn die Aufforderung enthielt, ein König der
ganzen Nation zu sein, und die ihm zugleich gegenüber rein föde—
ralistischen Bestrebungen im Sinne der Fürstenwelt des dritten
Viertels des 18. Jahrhunderts einen Rückhalt gewährte. Die
mehr oder minder große Stärke und Elastizität dieses Rückhalts
mußte für das Schicksal seiner inneren Regierung ebenso ent⸗
scheidend sein, wie die Verquickung seiner Hausmachtspolitik
mit der Reichspolitik für das Schicksal der äußeren.

II.

Waren nun die deutschen Stände bereit, ohne weiteres
mit dem Aufschwung der habsburgischen Hausmacht zu rechnen?
Das Gegenteil war gewiß. Allerdings war Max aus reichs—
patriotischen Gründen zum König gewählt worden; aber man
war zu sehr gewöhnt, von den Königen Zugeständnisse zu
verlangen für die Begünstigung ihrer Wahl, als daß man dies
jetzt hätte unterlassen sollen auch war die föderalistische Strömung
im Reiche zu alt, als daß sie sich auf einmal selbst hätte unter—
brechen können. So gingen die Fürsten in ihren föderalistischen
        <pb n="36" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 25

Forderungen weiter. Und bedeutungsvoll war da für ihre
Aussichten, daß sich ihnen die großen Städte seit den achtziger
Jahren in Sachen der Reichspolitik immer mehr zu nähern
begannen. Von der alten Gleichstellung der Territorien und
Städte konnte jetzt freilich in vollem Ernste nicht mehr die Rede
sein; es war klar, daß die Fürsten politisch gesiegt hatten.
Aber eben diese Lage konnte sie veranlassen, die Städte an
zweiter Stelle gelten zu lassen, und die Reichstagsverhandlungen
der siebziger Jahre hatten sogar gezeigt, daß man diesen Platz
den Städten bei ihrer finanziellen Bedeutung nicht vorenthalten
konnte. Zudem ergab die Gründung des schwäbischen Bundes,
in dem Städte und Fürsten zugleich vertreten waren, daß ein
Zusammenwirken beider Stände zur Sicherung der Herzgebiete
des Reiches wohl möglich sei: sollte dies Beispiel nicht auch
auf die Verfassung des Gesamtreichs von Wirkung sein?
Während dieser Verschiebungen der inneren Lage begann
Kurfürst Berthold von Mainz, ein geborener Graf von Henneberg,
sich auf viele Jahre zum Führer der Stände in der Richtung
auf eine föderalistische Umbildung des Reiches emporzuarbeiten.
Er legte im Jahre 1485 auf einem Reichstag zu Frankfurt
einen Reformplan vor, der nach der Wahl König Maxens im
Jahre 1486, als der Kaiser Mittel zum Kriege gegen die Türken
forderte, von neuem eingebracht ward. Dieser Plan gipfelte
in den Forderungen einer einheitlichen Münze, eines allgemeinen
Landfriedens in modernen Formen, und eines obersten Reichs⸗
gerichts, dessen Rechtssprechung vor allem diesem Landfrieden
dienen sollte. Kaiser Friedrich, damals noch Herrscher im Reich,
verhielt sich alledem gegenüber ablehnend; sein ausschließliches
Ideal blieb ein dürftiger Landfriede in den veralteten Formen
des 14. Jahrhunderts.
Allein die Fürsten hielten an ihrem Plane fest, und sie
suchten gegen den Kaiser die Bundesgenossenschaft der Städte,
indem sie eine vom Kaiser begehrte Türkenhilfe unter dem
Vorwand versagten, es bedürfe zur endgültigen Beschlußnahme
hierüber der Zustimmung der Städte. Die Städte, deren
Politiker die Möglichkeit erkannten, bei dieser Gelegenheit neben
        <pb n="37" />
        26

Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

den Fürsten zu geordneter Reichsstandschaft zu gelangen, sprangen
dieser Anschauung der Fürsten alsbald bei und erklärten fich
zugleich zur Verstärkung ihres Gewichts am 2. Februar 1487
in der Frage der Bewilligung von Reichssteuern solidarisch.
Dem Kaiser blieb darauf schließlich doch weiter nichts übrig,
als nachzugeben; er versprach, ein Reichskammergericht einzusetzen
und den Landfrieden in modernem, dem Föderalismus günstigem
Sinne durchzuführen; erst hierauf bewilligte ihm ein fürstlich—
städtischer Ausschuß der Reichsstände die Türkenhilfe. Nun
hat Kaiser Friedrich allerdings sein Versprechen nicht gehalten.
Um so mehr bildete sich zwischen Fürsten und Städten die An—
schauung heraus, daß sie aufeinander angewiesen seien; und
fie führte dazu, daß die Städte nunmehr eine geordnetere
Stellung im Reichstag und damit in der Reichsverfassung
erhielten. Auf den Frankfurter Reichstag von 1489 finden sich
„alle und jegliche“ Städte eingeladen; sie erscheinen als in sich
geschlossene Körperschaft; sie erwachsen zur dritten Kurie neben
denen der Fürsten und Kurfürsten.
Es war ein erster, ungemein wichtiger Erfolg auf der
Bahn zum Föderalismus. Seine Wirkungen hat König Max
alsbald gespürt. Um die finanzielle und militärische Unter—
stützung seiner auswärtigen Politik zu erlangen, hat er noch
auf dem Reichstag des Jahres 1489 versprechen müssen, mit
allen Mitteln zur Errichtung des Reichskammergerichts beitragen
zu wollen — jenes Gerichts, das der Kaiser als ein Element
föderativer Art und eine Institution zu dauernder Beschränkung
der persönlichen Gerichtsgewalt des Kaisers nach wie vor verab—
scheute. —
Nun nahmen aber die auswärtigen Schwierigkeiten des
Königs, der jetzt neben dem Kaiser immer mehr in den Vorder—
grund trat, außerordentlich zu.
König Max hatte Karl VIII. von Frankreich gelegentlich
seiner niederländischen Politik unnötig gereizt, indem er gegenüber
den Wühlereien der Franzosen in Flandern den phantastischen
Plan gefaßt hatte, Anna, die Erbtochter der Bretagne, zu
heiraten, um dann Frankreich von der Bretagne her bedrohen
        <pb n="38" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 27

zu können. Es war eine Politik, die Kaiser Friedrich mit den
Worten „liederliche Händel, die keinen Grund noch Bestand
auf ihnen tragen“ richtig gekennzeichnet hattei. Zu alledem
kam aber die Heirat nicht einmal zustande, vielmehr vermählte
sich Anna eben mit Maxens Gegner, König Karl. Diese Wen—
dung legte natürlich erst recht den Grund zu einer dauernden Ver—
stimmung zwischen dem deutschen und dem französischen Herrscher.
Dazu kamen noch wichtige sachliche Differenzen. Während
das deutsche Reich in der zweiten Hälfte des Mittelalters, in
sich zerfallen, seine italienischen Besitzungen nicht vermocht hatte
zu halten, hatte in Frankreich der umgekehrte Gang der innern
Entwicklung, die immer stärkere Befestigung der Monarchie im
Verlaufe des 15. Jahrhunderts, auch für Italien zu umgekehrten
Folgen geführt. Schon seit dem 12. und 13. Jahrhundert
waren die französischen Könige immer mehr nach Süden vor—
zedrungen; die Albigenserkriege hatten sie in der Westfront des
Rhonethals heimisch gemacht. Hier hatte sich zugleich, eben
von diesen Jahrhunderten ab, ein alter Austausch des geschicht—
lichen Lebens mit Oberitalien immer lebhafter entwickelt. Die
vrovengalische Poesie ging nach Italien über; als die Päpste
in Avignon residierten, lebte Petrarca an ihrem Hofe. Diese
Endosmose der gegenseitigen Kulturen lenkte auch den Blick der
französischen Könige nach Italien; bald folgten politische An—
sprüche; namentlich auf Mailand war es abgesehen. Je mehr
die Krone erstarkte, um so rascher wiederholten sich kühne
Versuche, es zu erwerben; und eben die Vermählung Karls VIII.
mit Anna von der Bretagne hatte das Königtum von einem letzten
heimischen Hindernis des Fortschritts im Süden befreit, wie es
in einer feindseligen Haltung der Bretagne bisher jeden Augen⸗
blick hatte eintreten können. Indem aber König Karl die
italienische Politik seiner Vorgänger wieder aufnahm, fand er
ihr auch im einzelnen schon längst durch französische Verbin—
dungen in Italien bis hinauf in die Gebiete der Eidgenossen⸗
schaft dauernd vorgearbeitet.

Ulmann, Kaiser Marximilian 1, 11.
        <pb n="39" />
        28

Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Alle diese Bestrebungen machten nun Front gegen den alten
italienischen Besitz des Reichs und noch mehr fast gegen den
geheiligten Begriff des Kaisertums; sie eröffneten das System
einer realistischen Politik ebenbürtig gedachter Königreiche West—
und Mitteleuropas, aus dessen Durchführung schließlich die
Idee des europäischen Gleichgewichts hervorgegangen ist.
Und sie hatten zunächst außerordentlichen Erfolg. Im
August 1494 überschritt Karl VIII. die Alpen; bald lag ihm
alles Land bis zu dem aragonesischen Königreich Neapel zu
Füßen; erst allmählich erhoben sich die an ihrem Leibe betroffenen
Mächte, Ferdinand von Aragon, der Papst, Mailand, Venedig,
und bildeten einen Bund zur Vertreibung des Eindringlings.
War es nicht Pflicht des römischen Königs, diesem Bunde
beizutreten? Persönliche Gründe wie Gründe der Reichspolitik,
daneben auch Gründe einer Hauspolitik, die nach Italien aus—
greifen wollte, ließen Max die Frage bejahen. Er stärkte darum
Mailand durch Verleihung der Herzogswürde an dessen Herrscher
Ludovico Sforza und trat am 30. März 1495 der italienifchen
Liga gegen Frankreich bei.
Vor allem aber kam es nun darauf an, das Reich für
diese groß angelegte und würdige Politik zu gewinnen. König
Max machte einen Versuch hierzu auf dem am 26. Mai 1495
eröffneten Reichstag zu Worms: der König von Frankreich
gehe darauf aus, die Freiheit der Kirche zu vernichten und das
Reich zu unterdrücken; sehe man länger zu, so werde das
Imperium der Nation entzogen werden und niemand mehr
seiner Ehre, seiner Würde, seiner Freiheiten gewiß sein. Zum
Schutze Mailands sei eine „iemlich eilende“ Hilfe, außerdem,
als Anfang eines wenigstens auf 10 bis 12 Jahre ständig
gedachten Heeres, eine „währende Hilfe“ zu beschließen; mit
ihr werde der König jeden Abbruch des h. Reiches hindern.
Die Stände waren demgegenüber bedenklich. Vor allem
die Städte. Sie blieben bei ihrem Kirchturmshorizont; sie
berechneten die Kosten. Es kam zu einem Hin und Her von
Reden und Verhandlungen; schließlich schien ein Ausweg in
        <pb n="40" />
        Aaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 29

der Aufstellung föderalistischer Gegenforderungen von seiten der
Stände gefunden zu sein.
Diese Gegenforderungen wurden vornehmlich vom Kur⸗
fürsten Berthold von Mainz formuliert. Sie bestanden im
wesentlichen in zwei Punkten. Es sollte zunächst eine allgemeine
Reichssteuer, der gemeine Pfennig, in Gestalt einer sehr rohen
Vermögens- und Kopfsteuer erhoben werden; als Erhebungs—
gebiete sollten, da das Reich eine allgemeine Verwaltung nicht
mehr besaß, die Kirchspiele, als Erhebungskommissare die
Pfarrer dienen; die Einnahmen würden unmittelbar an die
Lentralstelle fließen. Es war der Gedanke einer durchaus
centralistischen Reichsfinanzverfassung. Wie aber war die
Centralstelle gedacht! Neben dem König sollte ein Reichs—
regiment errichtet werden von 17 Mitgliedern, die mit Ausnahme
des Vorsitzenden nicht vom König, sondern von den Ständen
zu ernennen seien: und diesem Regiment war die Vollstreckungs—
gewalt fast in jeder Hinsicht, auch in militärischer zugedacht;
es sollte ganz nach eignem Ermessen handeln; nur in „merklich
schweren“ Sachen sollte es die Zustimmung, aber nicht bloß
des Königs, sondern auch der Kurfürsten einholen.
Es war klar: dem König blieb nach diesem Vorschlag eben
noch der Titel; seine Annahme hätte den vollsten auch finanziell
sicher gestellten Sieg der ständischen Elemente bedeutet. Max
würde sich selbst aufgegeben haben, hätte er ihn sich angeeignet.
Er legte darum nach langem Bedenken am 22. Juni 1495 einen
Gegenentwurf vor, der, äußerlich dem der Stände sehr ähnlich,
in Wahrheit sein Gegenteil war; sehr geschickt war namentlich
das Reichsregiment in ihm so gut wie völlig beseitigt.
Nun folgten neue, langwierig ausschauende Verhandlungen.
Doch die Fortschritte Karls VIII. drängten zur Eile. Und so
kam man am 7. August 1495 zum Ende. Der Plan der
Reichsfinanzverfassung wurde zum Beschluß erhoben; der Gedanke
des Reichsregiments fiel; im ganzen hatte der König gesiegt.
Doch sollten die Eingänge der Reichssteuer durch die Jahres—
versammlung der Reichsstände kontrolliert werden; außerdem
        <pb n="41" />
        30

Vierzehntes Buch. Erstes Rapitel.

wurde der ewige Landfriede im Sinne der Stände verkündet
und zu seiner Wahrung ein kaiserliches Obergericht wesentlich
ständischer Natur errichtet: der Vorsitzende wurde vom Kaiser
ernannt, die 16 Beisitzer, zur Hälfte Juristen, zur Hälfte ritter—
bürtige Laien, von den Ständen. Zugleich ward der König
ermächtigt, zur Führung des Reichskriegs in Italien sofort eine
Anleihe von 150 000 Gulden auf den gemeinen Pfennig auf—
zunehmen.
Es schien eine ungemein günstige Lösung; in der That
erfreute sich das Reich bald des Landfriedens und der, zwar
gelegentlich noch unterbrochenen, im ganzen aber doch regel—
mäßigen Thätigkeit des Reichskammergerichts. Allein im wich—
tigsten Punkte, in der Lösung der finanziellen Frage, versagten die
Beschlüsse. Der gemeine Pfennig kam nicht ein, der König
ward von Reichstag zu Reichstag vertröstet; noch am 3. Januar
1497 wurde ein Reichsbeschluß gefaßt, nun solle aber wirklich
jedermann den Pfennig bis spätestens zum 5. März an den
Reichsschatzmeister abführen. Aber auch jetzt versagte der
Beschluß; auf dem Reichstag des Jahres 1498 mußte unter
den heftigsten gegenseitigen Vorwürfen zwischen König und
Ständen festgestellt werden, daß der Pfennig nur aus den
Städten ziemlich ohne Rest, dagegen äußerst unregelmäßig aus
den Territorien eingegangen sei; die Reichsritterschaft gar
hatte von vornherein jede direkte Belastung als mit ihren Privi—
legien unvereinbar abgelehnt.
Inzwischen hatten sich die Franzosen in Italien völlig
eingenistet. Was sollte König Max dagegen thun? Er suchte
Mailand und Venedig mit finanzieller Unterstützung dieser
Staaten zu verteidigen; fast als italienischer Condottiere, des
Reiches nicht eben würdig, zudem kriegerisch erfolglos, hat er
manchen Monat in Italien zugebracht. Und mit dem Tode
Karls VIII. (7. April 1498) wurde seine Lage noch kritischer.
Karls Nachfolger Ludwig XII. wußte bald im eignen Lande
Ruhe zu schaffen; er forderte von König Mar Burgund und
legte sich die Titel eines Königs beider Sizilien und eines
Herzogs von Mailand bei: sein auswärtiges Programm war
        <pb n="42" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 31

klar. Und energisch schickte er sich an, es auszuführen. Er
gewann am Niederrhein den Herzog Karl von Geldern für sich;
er schloß mit Philipp, dem Sohne Maxens und der Maria,
dem Marx die selbständige Herrschaft über die Niederlande hatte
übergeben müssen, einen Vertrag ab, wonach dieser seine Ansprüche
auf Burgund für seine und Ludwigs Lebzeiten aufgab: so im
Norden gedeckt, vermochte er die Kriegskräfte Frankreichs aus—
schließlich auf den italienischen Boden zu werfen.
Und hier brachte er es bald zu einer Diversion, die König
Max und dem Reiche dauernd verhängnisvoll ward.
Schon längst hatten sich die Eidgenossen in Wahrheit vom
Reiche zu entfernen begonnen: wie hätten die fortwährenden
ergebnislosen Versuche des Hauses sterreich, sie mehr oder
minder zu unterjochen, sie anziehen, wie der Vergleich ihres
eignen Ruhms und der traurigen Politik eines Kaisers Friedrich
auf sie lockend wirken sollen! Raschen Schrittes gingen sie der
Ausbildung eines eignen Staatswesens entgegen. Hierin wurden
sie nun durch die Reichsreformen des Jahres 1495 und die auf
ihnen beruhenden Forderungen und Organisationen von Reichs
wegen gestört. Sie verweigerten die Zahlung des gemeinen
Pfennigs, was sie freilich von vielen anderen Reichsgenossen
noch nicht trennte; aber sie erkannten auch die Zuständigkeit des
Reichskammergerichts nicht an. Andrerseits waren sie mit
Frankreich seit den letzten burgundischen Kämpfen in immer
nähere Berührung gekommen: schon nahten die Zeiten, da fast
alle ihre führenden Familien und Staatsmänner Pensionäre
Frankreichs werden sollten: und leicht lehnten sie sich schon jetzt
gegenüber den neuen Forderungen des Reiches an Frankreich an.
König Max blieb unter diesen Umständen nichts übrig, als
im Jahre 1499 den offenen Kampf gegen sie aufzunehmen.
Aber er ward vom Reich fast gar nicht unterstützt! Nur mit
Hilfe des schwäbischen Bundes konnte der Krieg überhaupt
geführt werden. Und schmachvoll verlief er. Überall zogen
die Truppen des Königs den Kürzeren; Max mußte sorgen,
Frieden zu schließen; noch im Jahre 1499 kam er zu Basel
zustande. Er befreite die Eidgenossen von Reichssteuer und Reichs—
        <pb n="43" />
        32 Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

kammergericht und schied sie dadurch fast völlig vom Reiche;
in der losen Stellung von „Reichsverwandten“ sind sie freilich
noch formell bis zum Jahre 1648 beim Reiche geblieben.
Die Niederlage in der Schweiz wirkte natürlich auf Italien
urück; im August 1499 nahmen die Franzosen Mailand ein;
Maximilians Schwiegervater Ludwig Sforza mußte fliehen.
So war mit Ausgang des Jahrhunderts die äußere Politik
des Königs völlig gescheitert und die Ehre des Reichs hatte
zelitten. Der Rückschlag auf dem Gebiete der inneren Volitik
ieß nicht auf sich warten.
Auf dem Reichstage zu Augsburg, im Jahre 1500, forderte
König Max von neuem kriegerische Hilfe. Sollte man wieder
hersuchen, sie auf dem Wege eines gemeinen Pfennigs aufzu—
bringen? Sollte das Reich es nochmals wagen, eine direkte
Steuer einzufordern ohne die Handhabe einer eignen Verwaltung?
—A0
so wenig konnte man sich doch entschließen, das Reich mit indi—
rekten Steuern auszustatten, deren Bestand ohne weiteres eine
Stärkung des Königtums, eine Schwächung der föderalistischen
Bestrebungen bedeutet haben würde. Man versuchte anderweitig
auf direktem Wege vorwärts zu kommen. Man verständigte
sich im wesentlichen über eine unmittelbare militärische Aus—
hebung. Je 400 Personen sollten einen Knecht ausrüsten, jeder
Graf und Herr einen Reisigen auf je 4000 Gulden jährlicher
Rente. Städte und geistliche Korporationen sollten von je
10 Gulden jährlichen Einkommens einen Gulden zahlen, die
Juden einer Kopfsteuer von jährlich einem Gulden unterliegen.
König Max berechnete das Ergebnis des Anschlags auf ein
Heer von etwa 30000 Mann; es wäre eine des Reiches allenfalls
würdige Kriegsmacht gewesen.
Aber was muteten die Stände dem König gegen die Be—
willigung dieses Heexes zu! Der König sollte jetzt auf jenen
alten Plan eines Reichsregiments vom Jahre 1495 völlig ein⸗
gehen. Und er konnte nicht umhin, sich zu fügen. Das
Regiment sollte jetzt aus 20 Mitgliedern, alle ständischer
Ernennung, bestehen; an ihrer Spitze sollte sich ein unabhängiger
        <pb n="44" />
        HNaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 33

Reichsfürst befinden. Die Stellen der Mitglieder sollten von
den Ständen so besetzt werden, daß den Fürsten, vornehmlich
den Kurfürsten, die vollste Beeinflussung des gesamten Regiments
gesichert war; den Städten hatte man zwar zwei Stellen ein—
geräumt, aber diese wurden durch Zuwahl bürgerlicher Mitglieder
seitens der fürstlichen Vertreter besetzt. In Wahrheit bildete
somit das Reichsregiment einen fürstlichen Areopag. Und diesem
war nun eine beinahe königliche Gewalt nach allen Seiten ge⸗
geben; er war gedacht als ein fast völliger thatsächlicher Ersatz
des Königs: um die Aushebung eines Heeres zum Schutz des
Reiches auf höchst bedenklicher, bei den Executivmitteln des
Reiches wahrscheinlich niemals herzustellender Grundlage be—
willigt zu erhalten, hatte der König sich auf die Repräsentation
der Monarchie beschränken, in Wahrheit so gut wie absetzen
assen müssen!

III.

Das Reichsregiment trat noch im Jahre 1500 in Nürnberg
zusammen. Die innere Politik kam dabei zunächst weniger in
Betracht; hier fehlte dem Regiment noch mehr, wie dem
Könige, jegliche Handhabe vollstreckender Gewalt. Auf dem
Felde der äußeren Politik dagegen vermochte es wirksam
neben dem Könige aufzutreten: und hier ergab sich das
Unglaubliche, daß beide, Regiment und König, im Entgegen—
kommen gegenüber Frankreich, dem Berauber des Reichs in
Italien, in Wettbewerb gerieten.
Die Fürsten hatten längst die Kämpfe des Königs in
Italien mit geteilten Empfindungen begleitet; für die alte
Größe des Reichs fühlten sie nicht mehr; bei Max setzten sie
habsüchtige Hausinteressen voraus. Zudem hatte Ludwig XII.
schon früh Verbindungen mit einzelnen wichtigen Fürsten ange—
knüpft, vor allem mit dem Kurfürsten Philipp von der Pfalz.
So erklärt es sich, wenn das Reichsregiment seine äußere Politik
damit begann, daß es dem Könige Ludwig in feierlicher Gesandt—
schaft gegen Zahlung von 80000 Dukaten die Belehnung mit
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 3
        <pb n="45" />
        34

Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Mailand von Reichs wegen anbot. Ludwig ging hierauf natürlich
ein; ein französischer Gesandter erschien zu Nürnberg und verhan—
delte, unter geringschätziger Behandlung des Königs in gleicher
Zeit, offen mit dem Reichsregiment über die Liquidation von
Reichsrechten in Italien und einen längeren Waffenstillstand.
Der König war mit Recht im höchsten Grade erbittert.
Aber was konnte er thun? Es blieb ihm nichts übrig, als ebenfalls
mit Ludwig in Verbindung zu treten und das Reichsregiment
zu überbieten. In der That gelang ihm das; am 13. Ok—
tober 1501 wurde zwischen ihm und Ludwig XII. vorläufig
berabredet, er werde in die Belehnung mit Mailand willigen,
falls Ludwig XII. ihn in seinem Romzug unterstütze. Indes
nachdem auf diese Weise die Verhandlungen des Reichsregiments
mit Ludwig lahm gelegt worden waren, begann Max in seinen
Verhandlungen zu zögern; schließlich brach er sie ab: mit guter
Art hatte er sich der auswärtigen Aktion der Fürsten entledigt.
Das Reichsregiment hatte sich inzwischen mehr auf die
nnere Politik geworfen. In den Tagen vom 28. Juli bis
zum 14. September 1501 ratschlagte in Nürnberg ein verstärkter
Regimentstag und beschloß, das Reichsregiment wie das Reichs—
kammergericht nach Frankfurt zu verlegen — weiter ab von
den Ländern und dem Einflusse des Königs. Der König trat
diesen Emanzipationsbestrebungen mit einer vielleicht nicht er—
warteten Energie entgegen. Die Beschlüsse des Reichstags zu
Augsburg vom Jahre 1500 über Aufstellung eines direkt con—
tingentierten Heeres hatten natürlich wiederum keinerlei Erfolg
gehabt. Demgegenüber griff jetzt Max auf die älteren Formen
der Reichsverfassung zurück; er bot von sich aus kraft Lehns—
rechts die fürstlichen Vasallen zum 1. Juni 1502 zu einem
Türkenfeldzug auf; außerdem forderte er wenige Monate darauf
dem Kurfürsten Berthold von Mainz das Reichssiegel ab, das
er als Kanzler führte.
Berthold, der Führer der ständischen Bewegung, war unklug
genug, diese Schritte mit einem Rekurs ebenfalls auf ältere
Einrichtungen der Verfassung zu beantworten. Er berief einen
Kurfürstentag ein; gewaltig wurde auf ihm gegen den König
        <pb n="46" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 35

losgezogen; man soll bis zu dem Gedanken fortgeschritten sein,
ihn auch formell noch abzusetzen.
Indes klar war schließlich doch nur eins: beide Parteien,
König wie Fürsten, hatten in ihrem gegenwärtigen Kampfe den
Boden der neuen Verfassung verlassen. Es war eine Lage, die
ohne weiteres zum Vorteil des Königtums, als der geschichtlich
tiefer begründeten Macht, ausschlagen mußte. Vollendet ward
der Umschwung durch die Uneinigkeit der Fürsten. Wieder
zeigte sich einmal, welchen Vorteil die Krone schon in der Einheit
ihres Trägers besaß gegenüber den zahlreichen im Regiment
bertretenen Ständen, die bereits in der Frage der finanziellen
Unterhaltung des Regiments Anlaß zu nie endenden Streitig—
keiten fanden. Schließlich wurden die Summen zur Besoldung
des Regiments nicht mehr aufgebracht; ja auch das Kammer—
gericht, die erste Errungenschaft der ständischen Bewegung, ging
aus Mangel an finanzieller Sicherung zeitweis auseinander.
So sahen die Jahre 1502 und 1503 den vollen Triumph
des Königs. Er trat auch äußerlich zu Tage. Neben dem
alternden Fürstengeschlecht, dem Träger der föderalistischen
Ideen, war jetzt eine jüngere Generation von Fürsten empor—
gewachsen, die zu dem etwas älteren und erfahreneren König
nicht minder emporsah, als die für den ritterlichen Herrscher
begeisterten Massen der Nation. Ihr Einfluß zeigte sich besonders
lebhaft in den bayrischen Wirren der Jahre 16030 1505. Nach
dem Tode Herzog Georgs des Reichen von Landshut erhob sich
nämlich zwischen dem pfälzischen Wittelsbacher Ruprecht und
den bayrisch-münchener Wittelsbachern Albrecht und Wolfgang
Zwist über das Erbe des Verstorbenen. In diesen Streit suchte
Max vermittelnd einzugreifen, indem er zugleich einige Teile
des Erbes für das Haus Habsburg beanspruchte. Allein Ruprecht
wollte von solcher Vermittlung nichts wissen und setzte sich in
die Gewalt des Erbes. Hiergegen ging nun Max entschieden
vor, ächtete Ruprecht und wußte mit Hilfe der pfälzischen
Rachbarn die Acht kriegerisch zu vollstrecken; überall sah man
den Fortschritt der königlichen Waffen, als Ruprecht starb.
Darauf riß der König die Schlichtung der Streitigkeiten
        <pb n="47" />
        36 Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

hollends an sich und schied mit erhöhtem Ansehen und nicht
ninder bemerkenswertem Gewinn an Land und Leuten für seine
Hausmacht aus den mehrjährigen Kämpfen.
Und auch in den internationalen Beziehungen bahnte sich
in diesen Jahren eine andre, gewaltigere Stellung des Hauses
Habsburg an. Der Sohn des Königs und Mariens von
Burgund, Philipp, war vermählt mit Juana, der Tochter
Ferdinands von Aragon und Isabellens von Castilien, jenes
Elternpaars, dessen Thatkraft den Grund zur Größe Spaniens
im 16. und 17. Jahrhundert gelegt hat. Nun starb Isabella
im Jahre 1504, und Juana war die rechtmäßige Erbin von
Castilien. Nach Ferdinands Tode aber hatten Philipp und
Juana als seine Nachkommen die volle Gewalt auch über Aragon
uind das Königreich beider Sizilien zu ihrem castilischen und
niederländischen Besitz hinzu zu erwarten: es war eine große
europäische Machtstellung des Hauses Habsburg, deren kommende
Bedeutung sich die Zeitgenossen schon beim Tode Isabellens vor
Augen führen mochten.
Unter diesen Umständen, unter äußerer wie innerer Kräf⸗
tigung des Königtums, ward die Sache der Reichsreform im
Jahre 1508, auf einem Reichstage zu Köln, von neuem beraten.
Der König glaubte jetzt im Sinne einer energischen Stärkung
der Centralgewalt vorgehen zu können, und er hatte eingesehen,
daß es sich dabei zunächst nicht so sehr um die Begründung
direkter Einnahmen des Reichs, als um die unerläßliche Vor—
bedingung zur Realisierung solcher Einnahmen, um die Ein—
richtung einer wirklichen Reichsverwaltung handeln müsse. So
brachte er bei den Ständen unter scheinbarem Festhalten an
dem Gedanken ihres Reichsregiments den Entwurf einer streng
monarchischen, mit den ersten Verwaltungsorganen eines
modernen Staats ausgestatteten Verfassung der Centralgewalt
ein. Ein neues Reichsregiment sollte begründet werden, bestehend
aus einem königlichen Statthalter, einer königlichen Kanzlei
und zehn ständischen Beisitzern. Es sollte aber nicht mit der
königlichen Gewalt auf dem Gebiete der Vollstreckung im Wett—
bewerb stehen, sondern nur als beratendes Kollegium ins Leben
        <pb n="48" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 37

treten, wenn auch Mar sich gehalten wissen wollte, für den
Fall, daß er mit dem Rate des Regiments in wichtigen Dingen
nicht übereinstimme, die Fürsten und Kurfürsten zur endgültigen
Mitentscheidung anzugehen. Diesem Körper zur Seite sollte
dann eine Kriegsgewalt des Reichs unter dem König gebildet
werden, an der Spitze ein Reichshauptmann und vier Marschälle.
Es waren Vorschläge, die dem Reiche unter weitestem
Entgegenkommen an die föderalistische Strömung immer noch
den Kern einer künftigen Centralverwaltung gegeben haben
würden. Aber eben deshalb fanden sie selbst bei der jetzigen
Machtstellung des Königs keinen Anklang. In dem Augenblick,
da die Stände ihren föderalistischen Gedanken eines Reichs—
regiments ins königliche Interesse umgebogen sahen, ließen sie
ihn fallen: ja, sie wollten nun von der Reichsreform uͤberhaupt
nichts mehr wissen. Auch den Vorschlag eines neuen gemeinen
Pfennigs, den der König gemacht hatte, lehnten sie jetzt ab:
sie zogen sich auf den alten Boden der Reichsverfassung zurück,
auf den Boden der Matrikularbeiträge und der matrikularen
Kriegshilfe. Man bewilligte dem König eine Geldsumme und
ein Heer von 4000 Mann, damit er die in diesem Augenblicke
gerade bestrittenen Aussichten seines Hauses in Ungarn sichere:
mit einem solchen, gleichsam persönlichen Entgegenkommen
zlaubte man sich bei dem unsteten Wesen des Königs am
wirksamsten allen weiteren Plänen einer monarchischen Reichs—
reform entzogen zu haben.
In der That traf diese Rechnung zu. Der König hatte
nun doch immerhin ein Heer erhalten: und so forderte er auf
dem Reichstage zu Konstanz im Jahre 1507 auf der gleichen
Grundlage ein neues Heer zur Romfahrt; d. h. er nahm auf der
Grundlage der Matrikularverfassung den Kampf für die deutsche
Herrschaft in Italien und gegen Frankreich, die Politik der
Schlußjahre des 15. Jahrhunderts, wieder auf. Natürlich
waren ihm auch diesmal die Stände gegen Sicherung der bis—
herigen ständischen Errungenschaften, namentlich des Reichs—
kammergerichts, zu Willen. So bahnte sich unter Drangabe
veiterer Reformabsichten von beiden Seiten her ein Ausgleich
        <pb n="49" />
        38

Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

monarchischer und föderalistischer Interessen an; und Matrikular—
umlage und Matrikularkontingentierung haben dann jahrhunderte—
lang in ihrer Grundanordnung nach der Anlage des Jahres 1507
zegolten. Aber freilich: mit diesen Einrichtungen war auch
erschöpft, was unter Maxens Regierung dauernd aus der
gärenden Reformbewegung von mehr als zwei Jahrzehnten
— —
zu Köln beschlossene Kreiseinteilung, die endlich die Begrün—
dung einer wirklichen Vollziehungsgewalt im Reiche vorbereiten
sollte, blieb bei Lebzeiten Maxens auf dem Papier und ist erst
neun Jahre später durchgeführt worden.
Was war nun erreicht? Die schließlich sehr geringfügigen
Errungenschaften hatten im wesentlichen ständischen Charakter,
so vor allem das Reichskammergericht. Alle Versuche, die
monarchische Gewalt zu stärken, sei es durch Begründung aus—
reichender Reichsfinanzen, sei es durch Errichtung der Anfänge
eines Reichsverwaltungskörpers, waren gescheitert: das Äußerste,
was König Max hatte durchsetzen können, bestand darin, daß
der alte, halb chaotische Zustand der königlichen Rechte erhalten
blieb. Das letzte Jahrzehnt der Regierung Maxens aber hat
über diese Lage nicht hinausgeführt. Es ist eine Zeit fort—
währenden Hin- und Herschwankens der königlichen Gewalt auf
der mit dem Jahre 1507 mühsam erreichten Höhe und eines
schließlichen, tiefen Sturzes.

IV.

Im Januar 1506 war Philipp der Schöne, der Sohn
Marximilians, nach Castilien gezogen, um das Königreich als
Erbe seiner Gemahlin Juana in Besitz zu nehmen. Es war
der Augenblick, da der Stern des Hauses Habsburg über Europa
aufzuleuchten begann; naturgemäß fühlte auch König Max sich
zu großen Thaten angeregt. Da mußte es sich vor allem um
die Kaiserkrone handeln und um die Herrschaft über Italien.
Dementsprechend begehrte und erhielt der König vom
sonstanzer Reichstag des Jahres 1507 eine Beihilfe zur Rom—
        <pb n="50" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 39

fahrt. Und schon im Jahre 1506 hatte er den Zug vorbereitet.
Vor allem mußte da der Durchzug von sterreich nach Mittel—
ttalien gesichert werden. Er führte zunächst durch das vene—
lianische Gebiet, das sich von der Lagunenstadt weit nach Osten
bis ins Friaul und westlich bis über Bergamo erstreckte. Nun
erhob aber die Signorie Schwierigkeiten; sie wollte Maximilian
wie einst König Friedrich III. nicht mit einem Heere, sondern
nur mit einem Reisezug ihre Staaten durchmessen lassen. Und
sie fand Rückhalt an Frankreich wie an Aragon: weder
Ludwig XII., der Herr des Venedig benachbarten Herzogtums
Mailand, noch König Ferdinand, der zugleich Neapel beherrschte,
waren einem Erscheinen der deutschen Macht südlich der Alpen
günstig.
Unter diesen Umständen wurde für König Max die Haltung
der schweizerischen Eidgenossen von großer Bedeutung; traten
sie für ihn ein, so ließ sich von Westen her in Italien ein—
brechen und war gleichzeitig dem Könige von Frankreich der
Hauptwerbeplatz für seine Heere verschlossen. Max begann
deshalb sofort mit den Eidgenossen zu verhandeln; aber ver⸗
zebens: sie waren durch einen Vertrag an Frankreich gebunden
und hielten an diesem fest.
Es war ein erstes Vorzeichen kommenden Mißerfolgs.
Bald folgte ein zweites. Anfang 1508 mußte festgestellt werden,
daß von der Beihilfe, die der Konstanzer Reichstag versprochen
hatte, an Mannschaft zu Roß und zu Fuß noch nicht ein ganzes
Tausend, an Geld nur 30—40000 Gulden eingekommen waren;
der Einmarsch in Italien schien unmöglich.
Aber Max unternahm trotz allem den Zug; durch Tirol
drang er südwärts. Freilich sah er bald ein, daß schon der
nun unvermeidliche Kampf gegen Venedig ihn auf unabsehbare
Zeit in Anspruch nehmen werde, und so nahm er am 4. Februar
1508 mit Zustimmung des Papstes zu Trient resigniert den
Titel eines erwählten römischen Kaisers an bis auf die Zeit,
da er die Krönung in Rom erlangen werde. Der Krieg mit
Venedig aber verlief unglücklich; die Venetianer besetzten fast
zanz Istrien, und schließlich fiel auch Fiume ihnen zu, der
        <pb n="51" />
        10

Vierzehntes Buch. Erstes LKapitel.

letzte Hafen der habsburgischen Besitzungen, auf dessen Be—
herrschung Friedrich III. noch zäh gehalten hatte.
Dem Kaiser blieb nichts übrig, als auf eine Reichshilfe, die
ein „eilender Reichstag“ gewähren sollte, zu hoffen und inzwischen
mit Venedig einen Waffenstillstand zu schließen. Und als sich
das Reich ihm, wie vorauszusehen war, versagte, da mußte er
erkennen, daß eine Durchführung der italienischen Pläne allein
mit der Kraft seiner Hausmacht nicht möglich sein werde:
der erste Schritt gegen Italien war mißlungen.
In dieser Lage zeigte sich dem Kaiser von anderer Seite
her ein freilich nach allem Früheren demütigender Ausweg
aus den Schwierigkeiten, in die seine Politik ihn verstrickt
hatte.

Sein Sohn Philipp von Castilien war am 28. September
1506 zu Burgos vorzeitig gestorben. Damit waren dessen
Rechte übergegangen auf seine beiden Söhne, Karl, den nach⸗
maligen Kaiser Karl V., und Ferdinand, den späteren Kaiser
Ferdinand J.; und als ihr Vormund hatte Maximilian diese
Rechte zunächst zu überwachen. Er hatte in dieser Eigen—
schaft die Regierung der Niederlande, des ihm am nächsten
liegenden Teils der großen Erbschaft Philipps, mit Ein—
willigung der Stände am 22. April 1507 seiner Tochter,
der klugen und feingebildeten, politisch überaus begabten
Erzherzogin Margarethe übergeben. Dadurch wurden nun die
Niederlande zu einem eigenen politischen Centrum in nächster
Verbindung mit Kaiser Max. Andererseits aber sah Marga⸗
rethe bald ein, daß sie die Lande nur im Einvernehmen
mit dem stets intriguensüchtigen Frankreich in gutem Frieden
werde regieren können. Sie drang daher, zunächst von nieder—
ländischem Standpunkte aus, zur Verständigung mit demselben
Frankreich, mit dem Kaiser Max seit den ersten Anfängen seiner
oolitischen Selbständigkeit in dauerndem Gegensatz gelebt hatte.
Aber war es jetzt, nach dem italienischen Mißerfolg, nicht auch
für Max politisch richtig, sich mit Frankreich zu stellen? Würde
nicht ein verständiges Zusammengehen zwischen Ludwig XII.
und dem Kaiser erlaubt haben, Italien unter beide Herrscher
        <pb n="52" />
        Kaiser Maximilian J.; Uönigtum und Reichsstände. 41

zu teilen, während ihr Zwist vielleicht jeden von ihnen von
größeren Erfolgen ausschloß? Dazu kam, daß Frankreich neuer—
dings von Venedig verletzt worden war; im Kampfe gegen
die adriatische Handelsrepublik schien daher für Frankreich
und den Kaiser ein gleich nahe liegendes Ziel gemeinsamen
Handelns gegeben.
Diesen Gedankengängen, die auch Papst Julius II. be—
zünstigte, um die nordischen Mächte von Mittelitalien abzu—
halten, ist die Liga von Cambrai vom 10. Dezember 1508
entsprungen. In ihr verpflichteten sich der Kaiser, der Papst
und der König von Frankreich, Venedig anzugreifen und seines
in der östlichen Lombardei liegenden Besitzes zu berauben, wobei
jedem aus diesem Besitze gewisse, sofort bezeichnete Anteile zu—
fallen sollten; außerdem erkannte der Kaiser das Herzogtum
Mailand als französischen Lehnsbesitz aus der Hand des
Reiches an.

Auf Grund dieses Vertrages lebte nun der Krieg gegen
Venedig in verstärkten Maße auf. Der Papst ging mit geist⸗
lichen Strafen vor, die Franzosen besiegten die Venetianer bei
Agnadello am 14. Mai 1509, und rasch stürzten sich beide
Vertragsmächte auf die ihnen im voraus zugesicherten Besitz⸗
teile. Nur der Kaiser fehlte. Vergebens hatte er auf einem
Reichstag zu Worms um neue Mittel zur Kriegsführung ge—
beten; die Stände verstanden nach der Schwenkung auf die
Seite Frankreichs seine Politik nicht mehr; sie sahen kein
Reichsinteresse in Gefahr, sie mißtrauten dem Kaiser. Fast
nicht minder vergebens wandte sich Marximilian an die Stände
seiner Hausmacht. Vergebens endlich suchte er auch bei seinen
Verbündeten eine verftändige Berücksichtigung seiner Lage;
auch hier mißtraute man seinen Absichten; das Wort fiel, daß
über ihn reden so gut sei, wie über die Trinität disputieren.
Endlich, während Frankreich und der Papst sich schon zurück—
zuziehen begannen, erschien Max mit einem Heere vor Padua,

Ulmann 2, 379.
        <pb n="53" />
        44

Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

dessen sich die Venetianer am 17. Juli 1509 durch Über—
rumpelung bemächtigt hatten. Er leitete die Belagerung der
Stadt sicher und kraftvoll ein; gleichwohl scheiterte sie. Damit
war der Feldzug des Jahres 1509 verloren; später anrückende
Truppen des französischen Königs und des Papstes richteten
nichts mehr aus.
Und schon zeigten sich deutlich die ersten Spuren eines
Bruches im Verhältnis der Vertragsmächte. Frankreich hatte
in Oberitalien erreicht, was zu erreichen war; nur der Form
nach beteiligte es sich noch am weiteren Kampfe. Der Papst
hatte ein Übergewicht der Deutschen und Franzosen in Italien
niemals gewünscht; nachdem die Diversion gegen Venedig zum
Vorteil Frankreichs ausgeschlagen war, tauchte bei ihm der
Gedanke einer heiligen Liga der italienischen Mächte, darunter
auch Venedigs, auf, zu dem Zwecke, Frankreich und erforder—
lichen Falles auch den Kaiser aus dem Lande zu jagen. So
war der Kaiser in der traurigsten Lage; er war vereinsamt,
und er hatte mit dem Frontwechsel gegenüber Frankreich zu—
gleich die ganze alte Sicherheit und den einzigen, noch nicht
bezweifelten Zug seiner Politik verloren.
Was das für seine Stellung sowohl in Deutschland wie nach
außen bedeutete, sollte sich bald zeigen. Auf einem Reichstage
zu Augsburg, 1510, konnte er nicht umhin, von neuem finan—
zielle und militärische Unterstützung zu fordern. Um sie zu
erreichen, war er jetzt bereit, auf wesentliche Punkte der föde—
ralistischen Forderungen der Jahre 1495 und 1500 einzugehen.
Völlig erfolglos. Man war an ihm irre geworden; man erwartete
von ihm nichts mehr, und man bewilligte nichts. So blieb dem
Kaiser, nachdem er nochmals einen reifen und trefflichen Reform—
plan vergebens eingereicht hatte, nichts übrig, als sich in sein
Schicksal zu ergeben. Er mußte mit ansehen, wie man in
Deutschland auf die besseren Zeiten nach seinem Tode zu hoffen
begann, und seine äußere Politik zeigt von nun ab ein immer
rastloseres Hin und Her diametral entgegengesetzter Pläne und
ein immer traurigeres Mißlingen.
        <pb n="54" />
        Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 48

Zunächst mußte zu einer Liquidation der italienischen
Politik geschritten werden. Das war unter den weiterhin
erfolgenden Verschiebungen des gegenseitigen Verhältnisses der
großen Mächte nicht leicht. Der Papst lebte mehr und mehr
in dem Gedanken seiner heiligen Liga; die italienischen Mächte
sollten die Vertreibung der Franzosen aus Italien in die Hand
nehmen. Doch da sie hierzu nicht stark und geschlossen genug
waren, so bedurfte es der Beihülfe auch Englands, der Schweiz
und — des Kaisers. Sollte aber der Kaiser in dieser Kombination
den anderen Mächten gleichstehend auftreten, eine Voraussetzung,
unter der allein die Führung des ganzen Bundes dem Papste
verbleiben konnte, so galt es, zunächst den Kaiser so weit zu
schwächen, daß er sich fügsam einordnete. Julius II. suchte
das Ziel zu erreichen, indem er den Kaiser diplomatisch voll⸗
kommen isolierte und seinen noch immer bestehenden Zwist mit
Venedig zu einer dauernden, niemals zu schließenden Wunde
zu machen bestrebt war.
Demgegenüber hat sich der Kaiser wohl auf Frankreich
stützen wollen. Der abenteuerliche Gedanke tauchte auf, daß
König Ludwig ihn nach Rom führen solle: dann wolle man
die Frage der Kirchenreform aufwerfen und gemeinsam ein
Konzil berufen, ja Max hat wiederholt mit dem Gedanken,
selbst Papst zu werden, gespielt. Phantastische und verzweifelte
Einfälle, welche die kluge Margaretha, die Regentin der Nieder⸗
lande, mit stillem Grauen auftauchen sah. In Wahrheit hatten
sie nur zur Folge, daß der Kaiser in immer arößere Abhängig⸗
keit von Frankreich geriet.
Hierin brachte nun allerdings das Jahr 1513 einen be—
trächtlichen Umschwung. Die Franzosen, jetzt nahezu die Herren
Oberitaliens, wurden in ihrem Bestreben nach vollster Be⸗
gründung einer italienischen Macht den Eidgenossen verdächtig.
Die Schweiz schützte deshalb den von ihr vornehmlich ein—
gesetzten Herzog von Mailand, und ihre Heere schlugen die
Franzosen bei Rovara (6. Juni 1518). Der päpstlichen Politik
war dies ein hoch willkommenes Ereignis. Die heilige Liga,
        <pb n="55" />
        Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

aufrecht erhalten auch von Leo X., dem Nachfolger des am
21. Februar 1513 gestorbenen Papstes Julius II., wurde jetzt
mehr entwickelt, denn je; neben England trat auch Ferdinand
von Aragon ihr näher, und Mar schien jetzt unbedeutend
genug, ihr gleichfalls anzugehören.
So hatte denn der Kaiser abermals eine vollständige
Schwenkung seiner Politik vollzogen; dem alten Wunsche der
Kurie gemäß hatte er sich der Liga zu-, von Frankreich ab—
gewendet. Aber der auffallende Schritt brachte keine Vesserung
seiner politischen Lage. Der Krieg der Liga gegen Frankreich,
der nunmehr ausbrach, führte zu keinem nennenswerten Er—
gebnis. Die Eidgenossen, die gegen die Bourgogne zogen,
meuterten im entscheidenden Augenblick und kehrten thatenlos
heim; die Engländer siegten unter der Führung des Kaisers
zwar bei dem festen französischen Städtchen Térouanne, wußten
aber den Sieg nicht zu nutzen. Und der den Feldzügen
folgende Winter 1518 auf 1514 brachte die Entzweiung der
Bundesgenossen und einen Zustand allgemeinen Mißtrauens.
Frankreich aber rüstete jetzt zum energischen Angriff auf
Italien, und der Thronwechsel, der nach dem Tode Ludwigs XII.
(1. Januar 1515) die Krone an Franz J. brachte, unterbrach
diese Absichten nicht, sondern förderte sie. Es kam im Laufe des
Jahres 1515 zu dem Siegeszug der Franzosen in Italien, der
Mitte September mit dem großen Erfolge von Marignano
abschloß; er machte Mailand zu einer rein französischen
Dependenz und die Franzosen zu Herren Italiens sowie
zu notgedrungenen Freunden der wetterwendischen Kurie und
Venedigs.

Zugleich erreichte Frankreich auch an der burgundischen
Grenze zweifellose Fortschritte. Am 5. Januar 1515 war der
junge Karl, der Enkel Kaiser Maximilians, mündig geworden;
er nahm die Regierung der Niederlande aus den Händen seiner
Tante Margaretha in Empfang. Und da er nicht mehr in
dem Grade, wie Margaretha, an Rücksichten auf die Politik
Maximilians gebunden und zudem durch einheimische Ratgeber
        <pb n="56" />
        LKaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 45

im reinen Interesse nur der Niederlande selbst geleitet war,
so suchte er alsbald die Freundschaft Frankreichs. Sie
ward erreicht in einem Vertrage von Noyon vom 18. August
1516.
Was vermochte nun der Kaiser gegenüber dieser allgemeinen
Wendung? In Italien versuchte er im engen Verbund mit
England die franzosenfeindliche Sache aufrecht zu erhalten:
völlig vergebens. In den Niederlanden konnte er unmöglich
gegen die Politik seines Enkels vorgehen; es wäre der Selbst⸗
ord des Hauses Habsburg gewesen. So änderte er seine
Politik nochmals radikal; am 8. Dezember 18516 warf er sich
von neuem Frankreich in die Arme, indem er dem Vertrage
von Noyon beitrat.

Es war das Ende seiner äußeren Bestrebungen; nichts
hatte er aus ihrem völligen Schiffbruch gerettet, als die Einheit
und die künftige Größe seines Hauses. Der Kaiser fühlte zu
deutsch, als daß ihm dieser Abschluß hätte genügen können; es
bezeichnet seine Stimmung, wenn er in seinen letzten Jahren
wiederholt geäußert hat: „Mir ist auf der Welt keine Freude
mehr.“ Und wenn er traurig hinzusetzte: „armes deutsches
Land“, so hatte er mit diesem Ausrufe leider nicht bloß im
Hinblick auf die äußere Lage des Reiches, sondern ebenso mit
Rücksicht auf die inneren Zustände recht.
Seit dem Reichssstag von Konstanz, 1507, war es wohl
noch zu den mannigfachsten Anläufen einer Reform, nicht mehr
aber zur Reform selbst gekommen. Dagegen waren bei dem
stets schwächer werdenden Interesse am Reiche selbst und seiner
Zukunft sowie bei dem gänzlichen Verfall der monarchischen
Gewalt die ständischen Gegensätze wieder stärker hervorgetreten.
Wir werden bald sehenn, wie der zunehmende Reichtum der
Burger in den Städten Erscheinungen großkapitalistischer Wirt⸗
schaft geschaffen hatte, deren Gewicht schwer auf den allgemeinen
wirtschaftlichen Zuständen der Nation lastete. Gewiß that man

S. unten Kapitel II
        <pb n="57" />
        46

Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

recht, wenn man seit dem Kölner Reichstag des Jahres 1512
das Mittel der Gesetzgebung gegen ihre Auswüchse anwandte.
Aber nach Lage der Dinge erschloß ein solches Vorgehen, zumal
da es schließlich in seinen zunächst erwarteten Wirkungen ohne
Ergebnis blieb, doch zugleich wieder die kaum überbrückten
Spaltungen zwischen Fürsten und Städten. Und der Kaiser
zeigte sich völlig unfähig, diese von Jahr zu Jahr zunehmenden
Gegensätze zu versöhnen oder zu unterdrücken.
Unter dem großen Gegensatze zwischen den Fürsten und den
Städten aber liefen die nicht minder großen Spannungen des
platten Landes zwischen Adel und Bauern her. Namentlich
über den Adel ward da geklagt; in der That erging er sich in
einem immer roheren und immer weniger bestraften Fehdewesen,
das völlig zum Raub entartete. Es wäre der völlige Bankerutt
der Reichsgewalt gewesen, hätte sie gegen dies Unwesen nicht
irgendwie Abwehr getroffen. Kaiser Max legte darum dem
Mainzer Reichstag des Jahres 1517 Vorschläge zur Reorgani—
sation des Adels vor, zunächst der Reichsritterschaft, die besonders
argem Ruine verfallen war. Allein seine gute Absicht scheiterte
vollständig. Die Stände erklärten mehr oder minder verblümt,
daß sie von der Thätigkeit des Kaisers nichts mehr erwarteten,
folglich auch nicht die Absicht hätten, auf sie einzugehen; nur
eine völlige Umwälzung schien ihnen noch weiter führen zu
können: der sahen sie unthätig und pessimistisch entgegen. Allen
Eifer aber, den sie etwa noch hatten, wandten sie an die
hämische Kritik der geringfügigen, bisher erreichten Ergebnisse der
Reichsreform: der Landfriede habe die Unsicherheit vermehrt,
das Reichskammergericht sei eine elende Einrichtung. Und diese
Stimmung war nicht vorübergehend; auf dem Augsburger
Reichstag des Jahres 1518, dem letzten Maximilians, kehrten
die gleichen Klagen wieder.
So muß diese Stimmung als Endergebnis der Regierung
Kaiser Maximilians bezeichnet werden. Und mit welchen Hoff—
nungen hatte man im Jahre 1486 den jungen Herrscher begrüßt!
Frisch, offen, allem Großen zugänglich, deutsch gesinnt, hatte er,
von neuem ein Herrscher der ganzen Nation, die schwere Schuld
        <pb n="58" />
        Kaiser Maximilian J.ʒ Königtum und Reichsstände. 47

begleichen sollen, die die nächsten Vorgänger am Reiche, vor
allem sein Vater, auf sich geladen hatten. Und der Aufschwung
der habsburgischen Hausmacht, wie ihn Max zunächst glänzend
erlebte und keilweis persönlich herbeiführte, schien diesen Hoff⸗
nungen die festeste Grundlage zu geben.
Wodurch waren nun diese Erwartungen so zu nichte
geworden?
Die föderative Entwicklung war doch schon zu weit vor—
geschritten gewesen, um noch ganz gehemmt werden zu können.
Mußte aber ein ehrliebender König, dem eine größere Hausmacht
zu Gebote stand, nicht eben dies versuchen? Mußte nicht gerade
ihm die Entwicklung der obersten Befugnisse im Reich im
Sinne einer modernen centralistischen Gewalt erstes Ziel sein?
König Max hat dem zunächst in seinen besten Tagen nach—
gestrebt; darum versagte er den entgegengesetzten Versuchen der
Stände, soweit er vermochte, seine Zustimmung. Aber dann
zeigte sich doch, daß er, gleichzeitig nach außen hin der Rekon⸗
ftruktion des Reiches zugewandt, der Stände, ihrer militärischen
wie finanziellen Hilfe bedurfte. So mußte er zugestehen, daß
er den Bogen zu straff gespannt habe, und sich dem Programm
der Stände bequemen. Aber als er das that, war es zu spät.
Die Stände erinnerten sich nun seiner früheren Absichten und
versagten sich. Und sie vermochten das mit einigem Grunde,
da sich Maximilian in den Plänen seiner auswärtigen Politik
mittlerweile als ein überfliegender Phantast und unsteter
Bundesgenoß erwiesen hatte. Wäre unter den bestehenden
Verhältnissen schon der nüchternste und bedachteste Staatsmann
leicht gescheitert: wie hätte der liebenswürdige, aber unzu—
verlässige kaiserliche Planmacher sie meistern sollen? Er sank
von Stufe zu Stufe; am Ende seines Lebens war er machtlos
und das Reich verworren. Es waren Zustände, weit schlimmer,
als diejenigen, unter denen Kaiser Friedrich III. verschieden war.
Und hätte es sich nur um einen politischen Verfall gehandelt!
Dieser Verfall war — und das allein erklärt ihn ganz —
einstweilen nur der einzige, vollkommen sichtbare Ausdruck
schmerzlichster sozialer Verschiebungen, die seit mehr als einem
        <pb n="59" />
        18

Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Jahrhundert eingetreten und teilweise seit vielen Jahrhunderten
vorbereitet worden waren. Diese Verschiebungen, von keinerlei
Centralgewalt mehr unterdrückt oder verdeckt, mußten jetzt offen
in ihren Konsequenzen hervortreten, und ihr nahes Drohen
berechtigte mehr noch, als die politische Lage an sich, zu dem
trostlosen Pessimismus, mit dem man um 1518 in die Zukunft
hinaussah.
        <pb n="60" />
        Zweites Kapitel.

Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom
14. zum 16. Jahrhundert.

Bis etwa zur Mitte des 14. Jahrhunderts verbrauchten
zie geschichtlichen Nationen Europas den größten Teil ihrer
wirtschaftlichen Arbeitskraft im Ausbau und in der Koloni—
sation ihrer Länder, in der Nutzbarmachung der einfachsten
Nahrungsquellen, wie sie ihnen in Grund und Boden, in Klima
und Breitenlage, in den natürlichen Vorbedingungen geschicht—
lichen Daseins zur Verfügung standen. Seitdem konnten die
Hauptländer Europas als wirtschaftlich erobert gelten; und
der Austausch ihrer verschiedenartigen Erzeugnisse begann nun—
mehr die einzelnen nationalen Kulturen zu bereichern. Es sind
die ersten, noch geringen Anfänge einer in wirklichen Bedürf—
nissen motivierten weltwirtschaftlichen Bewegung; sie mußten
alsbald den Verkehr dauernd befruchten!.
So sehen wir namentlich von Deutschland, dem Lande der
Mitte, nach allen Seiten hin Verbindungen ausgehen. Die
Hanse erschließt die nordischen Meere, Polen und Rußland;
bom Westen her besucht man eifriger als bisher die Messen
der Champagne und Brie; es fuüllen sich die deutschen Höfe
und Straßen in Provins, Troyes und Bar-sur-Aube. Auch

Dies Kapitel ist, mit einem Vorwort und belegenden Anmerkungen
bersehen, schon in der Zeitschr. für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
Band J S. 191-263 gedruckt worden.
damprecht. Deutsche Geschichte V.
        <pb n="61" />
        50 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

nach Ungarn nimmt der Verkehr zu; vornehmlich die Rhein—
länder sind, wie vor alters, daran beteiligt.
Vor allem aber tritt Deutschland jetzt zum erstenmal in die
Beziehungen eines wahrhaften Welthandels. Der Rhein hatte
zwar stets auf England gewiesen, einzelne Waren waren immer
aus Byzanz und Italien gekommen, und von Flandern her
bezog man orientalische Artikel seit der Eröffnung regelmäßiger
Schiffahrt vom mittelländischen Meer über Gibraltar nach
Brügge. Allein was besagten diese dünne Verkehrsadern gegen⸗
über dem Handelsstrom, der sich im Laufe des 14. Jahrhunderts
erhob! Nun griff die Hanse im Norden ganz anders kräftig
ein, vor allem Westen und Osten verbindend, und in Süd—
deutschland entwickelte sich ein ungemein reger Verkehr mit den
italienischen Städten, die inzwischen den orientalischen Handel
an sich gezogen hatten. In Venedig erblühte der Fondaco dei
Tedeschi, das Kaufhaus der Deutschen, auch in Mailand wurde
später der Plan eines Fondaco gefaßt. Spätestens mit Beginn
des 15. Jahrhunderts aber gab es in den Alpen schon Porten,
geschlossene Transportgesellschaften für den Warenverkehr über
die deutsch-italienischen Pässe; sie haben noch vor dem Ein—
dringen des römischen Rechts ein eigenes Transportrecht ent—
wickelt. So vermochte sich in Süddeutschland Groß und Klein
am italienischen Handel zu beteiligen und die Schätze des
Orients weiter den Rhein hinab und nach Nürnberg zu ver—
frachten; die Städte am Nordrand der Alpen, von Basel bis
Wien, blühten empor; Deutschland wurde zum erstenmal zur
Durchgangsstelle, zum Mittelpunkt eines wahrhaft internatio—
nalen Handels.
In der ersten Hälfte und um die Mitte des 15. Jahr—
hunderts entfaltete der deutsch-italienisch-orientalische Handel
seine glänzendste Blüte. Den größten Vorteil von ihm trug
Italien davon. Verkehrdurchzogen erhob es sich zur idealen
Höhe einer von uns noch heute bewunderten Kultur Kaufleute
waren seine ersten Mäcene und begründeten selbst den Glanz
fürstlicher Herrschaft.
        <pb n="62" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 51

Aber bald erkannte man auch außerhalb Italiens die
materielle Grundlage der italienischen Größe, und so versuchte
man dem Lande den Vorrang in den orientalischen Beziehungen
abzulaufen; das Problem einer näheren Verbindung mit Indiens
fabelberühmten Schätzen außerhalb des Mittelmeers tauchte auf;
schon lange vor Kolumbus erhitzte es die Köpfe kaufmännischer
Reisender und geographischer Gelehrter. Keine Nation aber
wandte sich diesen Plänen mehr zu, als die portugiesische.
Hier lag der Gedanke einer Umschiffung Afrikas zur Gewinnung
des Seewegs nach Ostindien in der Luft: schon im Jahre 1460
starb Prinz Heinrich der Schiffer, jener kühne Held, dessen
Zeiten die Entdeckung der Azoren sahen, und 1484 entdeckte
die Expedition des Diego Cani unter der geographischen Leitung
des deutschen Reisenden Behaim die Küste am Kongo. Aber
erst am 20. Mai 1498 erreichte Vasco de Gama nach den
Anstrengungen und Mühen vieler Jahrzehnte Kalikut an der
Küste Malabar. Wie aber wußten nun die Portugiesen das
kühne Wagen ihrer Seehelden kaufmännisch zu befruchten!
Völlig klar über die nächstliegenden Aufgaben nannte sich
König Emanuel schon im Jahre 1499 Herr der Schiffahrt, der
Eroberungen und des Handels von Afrika, Arabien, Persien
und Indien, und er wie seine Nachfolger setzten alles daran,
dem Pomp dieses Titels die Bedeutung eines Ausdruckes that—
sächlicher Verhältnisse zu geben. In ruhmreichen Kriegen zer⸗
störten sie die Handelsstraßen, die von Indien über Arabien nach
Italien führten, und monopolisierten die Schiffahrt nach der
neuen Welt des Reichtums in ihren Händen. So ward, wäh—
rend Italien zurückging, Lissabon schon um etwa 1510 zum
Brennpunkt des indischen Handels. In Indien aber blieben
die Portugiesen auf länger noch als eine Generation Herren
der Lage; hier, unter tropischem Himmel, schuf ihr größter
Dichter seine unsterblichen Luisiaden, und erst der politische
Verfall der Heimat in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
—ä
portugiesischen Handels.
        <pb n="63" />
        52

Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Der deutsche Kaufmann aber wurde der Verlegung des
orientalischen Handels nach dem äußersten Westen Europas,
wenn auch mit Anstrengung, so doch zunächst noch vollkommen
gerecht. Große Handelsherren knüpften unmittelbare Verbin—
dungen mit den portugiesischen Königen an, und den zahl—
reichen kleineren Häusern Mittel- und Süddeutschlands ward
Antwerpen, seit dem Ende des 14. Jahrhunderts die Erbin
Brügges, zum Mittelsort zwischen der Heimat und der portu⸗
giesischen Hauptstadt. Die Stadt blühte damals mächtig
empor; es ist die Zeit, da Dürer in dem Tagebuch seiner
Reise nach den Niederlanden von der majestätischen Entfaltung
ihres Verkehrs ein Bild gesunder Treue und naiver Gegen—
ständlichkeit hinterlassen hat.
Zugleich aber hielten die süddeutschen Häuser den Handel
nach Italien fest. Man wußte wohl, daß man ihm die erste
Blüte verdankte; man begegnete seinem Einfluß daheim in den
ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts auf Schritt und Tritt
im Bau der Häuser, in der heiter freien Anlage neuer Straßen,
in der Anwesenheit italienischer Gelehrter und Künstler, in der
Mitarbeit einheimisch gewordener Handelshäuser italienischer
Herkunft: und noch war die Handelsgröße Italiens nur zum
kleineren Teil durch die Einwirkungen der Portugiesen in den
arabischen und indischen Meeren unterbunden. Wie die Ver—
treter der großen Handelshäuser in Antwerpen und Lissabon
saßen, so wahrten sie ihr altgewohntes Heim in den gastlichen
Städten Italiens, in Genua und Mailand, vor allem in
Venedig. Die Universalität jeder Höhezeit geht durch die
Handelswelt dieser ersten Zeit des 16. Jahrhunderts; man
kennt keinen winkelhaften Abschluß, man ift überall zu Hause,
soweit der Himmel und die eigene Kraft reichen.
So ward Deutschland zu einem Lande großen Verkehrs;
massenhaft strömten jetzt orientalische Waren und Gewürze
herein, aber auch englische Tuche, englisches Ale und Oofter—
bier in Austausch gegen rheinischen Wein, ja selbst notwendige
Lebensmittel, Vieh und Getreide wurden importiert: es war
der Beginn eines Güteraustausches im modernen Sinne.
        <pb n="64" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 53

Selbstverständlich fiel ihm die bisherige Abgrenzung der
lokalen deutschen Handelsgebiete zum Opfer. Hatte man noch
im 13. Jahrhundert von einem halb geschlossenen Rhein-⸗, Donau⸗
und Elbgebiet des Handels sprechen können!: jetzt brachen
diese Schranken zusammen und nur die große Scheidung zwischen
dem süddeutschen Handel Nurnbergs, Augsburgs, Ulms, Straß⸗
burgs, Frankfurts, und dem norddeutschen Handel der Hanse
blieb noch bestehen, bis auch sie durch das Vordringen der
Süddeutschen nach Ungarn, Polen und Rußland wenigstens
teilweis durchbrochen ward.
Aber bevor und während der internationale Handel lösend
wirkte, waren in Deutschland selbst die Vorbedingungen einer
reißenden Zunahme des Verkehrs geschaffen worden. In den
süddeutschen Städten erwachten größere Manufakturen; im
15. Jahrhundert war hier schon die Art des Unterschiedes
zwischen Tagelohn und Stücklohn, waren die Vorteile moderner
Arbeitsteilung bekannt. Und im 16. Jahrhundert erwuchsen
diese Städte wohl mit zu den größten Industriecentren in
Europa überhaupt, sehr im Gegensatz zu den reinen Handels—
städten der norddeutschen Hanse; noch heute sieht man, wenn
man von Lübeck her über die alten wendischen Hansestädte
Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald nach Berlin fährt,
erst in Eberswalde eine auffallende Zahl von Fabrikschorn—
steinen. Um so reger waren die norddeutschen Städte wenig—
stens am Vertrieb der süddeutschen Industrieerzeugnisse beteiligt;
die nordischen Völker standen noch bis ins 17. Jahrhundert
hinein unter der industriellen Obmacht Deutschlands, und in
verwandter Lage waren Polen und Ungarn.
Neben die städtischen Industrien aber traten seit dem
14. Jahrhundert immer einschneidender ländliche. Vor allem
der Bergbau kommt hier in Betracht, wenngleich sich in seinen
Mittelpunkten rasch Städte mit gleichsam amerikanischer

Vgl. Band III S. 18 ff., besonders S. 21f.
        <pb n="65" />
        Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.
⏑ ——e

Schnelligkeit erhoben: Goslar, unter König Heinrich J. noch
ein einsamer Hof an der Gosse, 979 schon Pfalz an Stelle
der Pfalz Werla, wovon es bis dahin abhängig gewesen war,
zählte in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts bereits vier
Pfarrkirchen, zwei Stifter und zwei Klöster, und seinem Vor—
bild rapiden Wachstums folgten in der Zeit, die uns hier
beschäftigt, Freiberg und Schneeberg, Kuttenberg und Iglau.
Denn in Sachsen und Böhmen vor allem, ferner in Tirol war
der deutsche Bergbau zu Hause, obwohl seit dem 14. Jahr—
hundert auch in den Vogesen, im Schwarzwald und sonstwo
geschürft ward. So entstanden vielerorten große bergbauliche
Unternehmungen, anfangs im Sinne sozial⸗-kooperativer freier
Gewerkschaften, wie sie den älteren Pfännerschaften der Salinen
nachgebildet wurden, später auch im Sinne angehender indivi—
zualistischer Großindustrie, und massenhaft wurde ihre Ausbeute
auf den Markt, in den Strom des immer zunehmenden Ver—
kehrs geworfen. Schon am Ende des 15. Jahrhunderts gewährte
der deutsche Bergbau auf Silber die Möglichkeit, von der
spärlichen Ausprägung von Goldmünzen und Wertzeichen
dünneren Silberblechs hinweg zur Ausprägung schwerer Silber⸗
stücke überzugehen; in Oberdeutschland erscheinen die Dick—
blafferte, in Tirol, Osterreich und Sachsen die großen Groschen
im Werte der rheinischen Goldgulden und bald die Thaler,
bis das Reich in der Ettlinger Münzordnung die reine Silber—
währung einführt.
All diese Thatsachen erklären, daß auch der Binnenhandel
im Verlaufe des 14. und 15. Jahrhunderts mächtig anschwoll.
Jetzt kamen die großen Messen empor, zuerst die von Frankfurt
am Main, seit 1330 zweimal im Jahre abgehalten, seit 1384
in ihrer Dauer um je 14 Tage erweitert, dann die Messen zu
Leipzig und Frankfurt an der Oder. Jetzt nahm der Rhein—
handel einen gewaltigen Aufschwung; weit hinaus wuchs die
Zahl der Rheinschiffe über die kleinen Häsen der Frühzeit,
deren einer noch heute in Dordrecht erhalten ist, und der Um—
jatz in Köln stieg von etwa 87 Millionen Mark im Jahre
        <pb n="66" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 55
1368 auf etwa 210 Millionen Mark in dem Jahre 1464 auf
14651.
Und schon machte sich der Handel als interterritoriale
Macht geltend und unterzwang sich die steigende Gewalt der
Landesherren. Überall wurden tastende Versuche zur Herstellung
allgemein geltender Münzeinheiten unternommen; im Südwesten
des Reiches drang das Hellersystem durch, in Hsterreich ging
man zurück auf den seit 1284 geprägten venetianischen Dukaten,
in Lübeck und am Rheine ahmte man in der ersten Hälfte des
14. Jahrhunderts den Florentiner Gulden nach. Es konnte
nicht ausbleiben, daß auch die großen Territorien in diese
Strömung eintraten. So namentlich am Rhein. Hier trafen
hereits seit Mitte des 14. Jahrhunderts die vier Kurfürsten
einleitende Schritte zur Begründung gemeinsamen Maßes,
gemeinsamen Gewichts und gemeinsamer Münze; und im Jahre
1386 wurde wenigstens auf dem Gebiete des Münzwesens ein
Erfolg erreicht, indem im rheinischen Gulden die allgemeine
Handelsmünze dieses Hauptverkehrsgebietes der Nation gefunden
ward. Später hat sich dann über die Territorien hinaus das
Reich der unabweisbaren Bedürfnisse des Handels angenommen.
Im Jahre 1524 kam es nach vielen vergeblichen Anläufen zu
einer gemeinsamen deutschen Münzordnung, freilich hatte sie
zunächst fast keinen praktischen Erfolg, und auch die weiteren
Ordnungen von 1551 und 1559 bewährten sich noch wenig
und fanden geringen Anklang.
Auch auf anderen Gebieten, im Geleitswesen wie in der
allgemeinen Sicherung des Landfriedens, in der Regelung der
Zölle, in der beginnenden territorialen Wirtschaftspolitik über—
haupt, machte sich der Einfluß steigenden Handels geltend.
Indes nirgends ist er gleich augenscheinlich, wie in der Ent—
wicklung des Münzwesens. Denn eben in der wachsenden
Heldflüssigkeit, im zunehmenden Reichtum an baren Mitteln

Der gesamte hansische Verkehr kann um 1862 nach
bei Schaefer, K. Waldemar S. 855 f., im wesentlichen auf
amsatz von mindestens 120 Mill. Mark berechnet werden.

den Angaben
einen Jahres—
        <pb n="67" />
        36

Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

zeigte sich am deutlichsten der Erfolg des neuen Verkehrslebens.
Hatte im 14. Jahrhundert der Zinsfuß für Rentenkäufe im
allgemeinen noch auf 1000 gestanden, so sank er in Basel seit
den achtziger Jahren dieses Jahrhunderts auf 80/0, seit den
ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts auf 50/0, später auf
M/a, ja zeitweise 40/0. Und im Gebiete der Mosel und des
Mittelrheins war der Verlauf ganz ähnlich. Dem entsprach
es, wenn die Preise unter sonst wesentlich gleichbleibenden
Verhältnissen zu steigen begannen. Hierin aber lag ein neuer
Anreiz zur Produktion wie zur kaufmännischen Spekulation
der bürgerlichen Kreise; immer rascher ward der durch den
Handel an sich schon beschleunigte Verlauf wirtschaftlicher
Thätigkeit. Ein Hasten kam in die städtische Bevölkerung des
ausgehenden Mittelalters, das den Zeitgenossen im Vergleich
zu früherer Muße nicht minder auffiel, als uns die Emsigkeit
unserer Tage; der Begriff der Zeit in moderner Auffassung
begann durchzudringen; in Nürnberg schlugen im 16. Jahr—
hundert vier Turmuhren schon die Viertelstunden; zuviel Feier⸗
tage galten bereits als Unglück, und Sebastian Franck nannte
zum erstenmal die Zeit ein teures Gut, dessen wir so karg sein
sollen, daß wir niemals etwas Unnützes thun.
Eine neue Lebenshaltung, die Lebenshaltung des kapital⸗
reichen Unternehmertums war aufgekommen; sie mußte zu einer
pölligen Revolution der bürgerlichen und städtischen Verhält—
nisse des 14. Jahrhunderts führen.

II.

Die Bürger des 18. und 14. Jahrhunderts waren im
allgemeinen nicht reich gewesen. Was sie an Kapital besaßen,
war im wesentlichen Arbeitskapital gewesen, die für das
Geschäft des Handwerkers oder Kaufmanns notwendige Aus—
stattung mit Werkzeug und geschäftlichen Hilfsmitteln. Es
hatte zwar auch schon Leute gegeben, die ihr Kapital als einen
Fonds von Renten anlegten, meist in der Form von, Hypo⸗
theken; und das 14. und 15. Jahrhundert erweiterte die Zahl
        <pb n="68" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 57

dieser Rentner wie die Möglichkeit ihrer Existenz durch Aus—
gabe von Anteilen an Salinen und Bergwerken, an Reedereien
und Handelsgeschäften, sowie durch die Entwicklung des öffent⸗
lichen Kredits. Im allgemeinen aber war Kapital als bloßer
Rentenfonds noch selten, und seine einfache Ausnutzung im
Zins ohne selbstthätige Arbeit galt noch dem 16. Jahrhundert
zumeist als sittlich verwerflich.
Dagegen erfreuten sich die Generationen des ausgehenden
14. und des beginnenden 15. Jahrhunderts in den Städten
vielfach steigender Ersparnisse; wirtschaftlich glückliche Familien
vermochten damals auch in bescheidenen Verhältnissen leicht
eine kleine Summe über das bloße Arbeitskapital hinaus zu
sparen. Die Vermögensverhältnisse der Baseler Bürger, die
in dieser Richtung hin genauer bekannt sind, beweisen das;
und Macchiavelli, der Deutschland wenigstens teilweise aus
eigener Anschauung kannte, erklärt die Thatsache mit der noch
andauernden naturalwirtschaftlichen Bedürfnislosigkeit der Na—
tion: die Deutschen machen weder Aufwand für Bauten, noch
für Kleider, noch für Hausgerät; es genügt ihnen, Überfluß
an Brot und Fleisch zu haben und sich im warmen Zimmer
gegen Kälte zu schützen.
In den Händen kleiner Leute führte nun der steigende
Kapitalbesitz leicht zum halbmüßigen Kleinhandel: die Pfennig⸗
krämer waren eine Plage schon des ausgehenden 14. Jahr—
hunderts. In Frankfurt finden sich um diese Zeit Beutler,
Bäcker und Riemenschneider, die zugleich Krämer sind, und der
Verfasser der sog. Reformation Kaiser Sigmunds klagt um 1488:
ss ist.. ein args in stetten und auf dem land an vil
enden . ., wer bas mag, der kauft und verkauft, welcherlai
 im denk den pfenning zu bringen. Ein Jahrhundert
später bildete dann die Übersetzung des wild und regellos
emporwachsenden kleinen Zwischenhandels in den Augen der
Zeitgenossen geradezu eine soziale Gefahr. Männer und Frauen
verließen ihre Arbeit, strichen in Städten und Flecken umher,
kauften alle Lebensmittel auf und machten damit Aufschläge,
so daß schier Niemand mehr auf die Jahr- und Wochenmärkte
        <pb n="69" />
        58 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

jetzt zu feilen Käufen fährt, trägt und bringt, das da einer
zu seiner Notdurft zu Wege bringen könnte, es sei denn zuvor
in der dritten oder vierten Hand gewesen“.
Und doch, was besagte die Plage der kaufmännischen
Kleinkapitalisten gegenüber den Zuständen, die sich durch Ent—
wicklung von Großkapitalien in den Händen einzelner Bürger
gebildet hatten!
Schon im 14. Jahrhundert gab es einzelne reichere Groß—
kaufleute; so mag z. B. der Hamburger Handelsherr Vicko
von Geldersen etwa eine Viertel Million Mark in unserem
Gelde besessen haben, und ähnliche Vermögen haben sich um
die Wende des 14. und 15. Jahrhunderts in Basel gebildet.
Was besagte aber solcher Besitz gegenüber der enormen An—
häufung von Kapitalien in einzelnen Händen im Verlauf des
15. und 16. Jahrhunderts! In Augsburg machte im Jahre
1527 der Bankier Höchstetter einen Bankerott mit über einer
halben Million Gulden Passiven, starb im Jahr 1548 Graf
Anton Fugger mit Hinterlassung von 6 Millionen Goldgulden
in Forderungen und Bar, abgesehen von seinem großen Besitz
in Liegenschaften.
Woher nun diese grundstürzende Wandlung? Sie ist nicht
bloß Folge einfacher Kapitalvermehrung. Die Kapitalnutzung
war im Verlauf von etwa fünf Generationen eine andere ge—
worden. Der frühere Handel war Eigenhandel gewesen, Ge—
schäfte im Sinne unserer Kommission und Spedition waren
fast nicht vorgekommen. Zugleich war der Handel reell gewesen
im eigentlichsten Sinne des Wortes; Differenzgeschäfte hatte
man nicht gekannt, und die Zahlung war noch überwiegend in
Bar erfolgt.
Jetzt hatte sich nun der Kredit, zunächst in seinen kauf—
männischen Formen, entwickelt. Früh schon erlebte man eine
außerordentliche Umwandlung und Ausdehnung des alten Real⸗
kredits durch Mobilisierung der fundierten Häuserrente; daneben
trat, in Flandern bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts, ein
immer zunehmender Wechselkredit. Im inneren Deutschland
bürgerte sich dieser Kredit, wie andere Formen des kaufmänni—
        <pb n="70" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 59
schen Kredits, anfangs nur langsam ein; noch im Jahre 1391
ließ der Frankfurter Rat einen Mann pfänden, weil er mit
Wechseln zahlte. Im 15. Jahrhundert jedoch entwickelte sich
das Geldgeschäft vollkommen. In Frankfurt z. B. wurde trotz
der soeben berührten Stellungnahme des Rates im Jahre 1891
schon im Jahre 1402 eine förmliche Bank errichtet, deren In—
haber zum Teil mit städtischen Kapitale arbeiteten. Und ein
Jahr darauf wurden aus ihr vier Banken gemacht, eine rein
städtische und drei von Rats wegen konzessionierte, und der
Gewinn aus den drei konzessionierten, der zu zwei Drittel an
den Rat abgeführt werden mußte, betrug bald bis zu 30 000
Mark jährlich in unserem Gelde. Und wie in Frankfurt, so
entstanden auch anderwärts, zumeist auf Grund des alten
Münzregals obrigkeitlich entwickelt, größere Banken, so in
Lübeck das bancum Lubécense vom Jahre 1421, und sie
tauchten immer wieder auf trotz anfangs zahlreicher Bankbrüche.
Indem erweiterte sich ihr Geschäftskreis zusehends; beschränkten
sie sich anfangs auf Pfandgeschäfte und Realisierung von
Wechseln, so gingen sie doch bald auch zum Depositen- und
Girogeschäft über: schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts
waren die notwendigsten Formen kaufmännischen Kredits vor—
handen, und die Städte bauten sie aus durch vollkommeneren
rechtlichen Schutz des Gläubigers, stracke Vollzugsformen gegen⸗—
über Zahlung weigernden Schuldnern und Aberkennung des
Bürgerrechts oder wenigstens der kaufmännischen Fähigkeiten
gegenüber leichtsinnigen Bankerotteuren. Ja, seit Beginn des
16. Jahrhunderts suchten sie auch das Reich zu weiterer Für—
sorge auf diesem Gebiete zu veranlassen und gingen namentlich
—DD0
torien zur Privilegierung einzelner Kaufleute getrieben ward.
So wurde das ganze Feld des eigentlichen Geldgeschäfts
angebaut; es sonderte sich aus aus dem kaufmännischen Groß—
betrieb, und es wurde zugleich, auch auf dem Gebiete des
Pfandgeschäfts, immer mehr den Juden entrissen. In Nürn⸗
berg errichtete man im Jahre 1490 ein Leihhaus und vertrieb
zugleich die Juden; in Augsburg erklärte eine gegen die Juden
        <pb n="71" />
        30 Vierzehntes Buch. Zweites Rapitel.

gerichtete Verordnung alle Darlehensgeschäfte für ausschließlich
dem städtischen Leihhause zuständig. Im 16. Jahrhundert war
dann der Kredit, trotzdem daß die öffentliche Meinung ihn
noch nicht als sittlich zulässig anerkannte, in den Städten ganz
allgemein; sogar besondere Kreditanstalten wurden schon für
Gruppen vornehmlich kapitalbedürftiger Handwerker begründet.
Wie mußten nun all diese Vorgänge die Bedeutung kapital—
kräftiger Bürgergeschlechter heben! Ihre wirtschaftliche Kraft
verdoppelte sich gleichsam; schon seit dem 15. Jahrhundert
waren sie dem Großunternehmen, wie es nicht bloß Kapital,
sondern auch Kredit verlangt, gewachsen. Hatte man im
14. Jahrhundert noch gelegentlich ungewiß sein können, ob
die hervorragendsten Geschlechter der Stadt mehr Ritter, Land⸗
wirte, Rentner oder Kaufleute seien, so war jetzt kein Zweifel
mehr: das kaufmännische Element überwog alles andere. Darum
beteiligten sich jetzt die reichen Büurger am Bergbau und an
der Ausnutzung von Salinen, an der Begründung hausindu—
strieller Thätigkeit mit weitsichtigem Export, endlich an den
vollkommen modernen Gewerben der Popierherstellung, des
Buchverlags und des Buchdrucks. Daneben aber wurde das
alte großkaufmännische Geschäft festgehalten und das Geld—
geschäft entwickelt. Eine Mannigfaltigkeit kaufmännischer Be—
triebe ergab sich, von der man früher nichts geahnt hatte.
Und ihr entsprachen neue geschäftliche Formen. Den über—
mächtigen Anforderungen der Großunternehmer war der Einzelne,
wie kapitalkräftig immer, doch nicht gewachsen. Das Prinzip
der Association des Kapitals trat auf. Im Norden waren
Kompagniegeschäfte über „See und Land“ schon länger her—
gebracht und nötig gewesen wegen des ungewöhnlichen Risikos
der Piratengefahr und der Meeresgewalt; schon früh kommen
darum Sechzehntelparte an Schiffen vor, und gern teilte man
namentlich die Verantwortung für Schiffsgefäß und Befrach—
tung. Jetzt wurde diese Form kapitalistischer Association, bisher
noch gern genossenschaftlich gebunden, auf den reinen Boden
des Geschäfts gestellt und zugleich verallgemeinert; so entstand
die Form der kaufmännischen Kommanditgesellschaft. Eine andere
        <pb n="72" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 61

Form kaufmännischer Association entwickelte sich von der Schei—
dung des Familien- und des Geschäftsvermögens her. Wie sich
in den landesherrlichen Familien des 15. Jahrhunderts die
Tendenz des Erstgeburtrechts geltend machte, um einer Zer—
splitterung der erworbenen Territorien vorzubeugen, so mußte
erst recht jede kaufmännische Familie von dem Drang beherrscht
sein, den Zusammenhang des einmal Errungenen über die
Person des Erringenden hinaus zu wahren, denn nur in seinem
Zusammenhang war das einmal angelegte Kapital wahrhaft
wirksam. Hierzu bedurfte es nun nicht der Begründung eines
Erstgeburtsrechts mit Ausschluß der übrigen Erben. Das Geschäft
trug in sich die Kraft der Erweiterung, und bald waren mehrere
Kräfte nötig, es sicher zu leiten. So empfahl sich die im deutschen
Rechte für ländliche Verhältnisse von alters her entwickelte
Form der Ganerbschaft, des vollen Eintritts aller Erben in
den ungeteilten Nachlaß und des Fortbetriebes des alten Ge—
schäftes zu gesamter Hand. Indem diese Form gewählt ward
und für große Unternehmen Nachahmung fand, auch ohne daß
die zusammentretenden Teilhaber Erben und Verwandte gewesen
wären, entwickelte sich die offene Handelsgesellschaft; schon in
den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts ist sie gebräuchlich.
In den neuen Handelsgesellschaften wirkte nunmehr das
Kapital mächtig ein auf den Fortschritt der materiellen Kultur,
um so mehr, als sich neben Kaufleuten anfangs auch Edelleute
vom Lande an den neuen Associationen beteiligten. Und die
Gewinne, die gemacht wurden, waren außerordentlich; schätzt
doch ein erfahrener Beurteiler um das Jahr 1488 den legitimen
Gewinn kaufmännischen Kapitals auf jährlich 480 bis 4500/0
bei hundert werbenden Tagen. So begreift es sich, daß jetzt
überall große Gesellschaften aufstehen, die „jusammen spannent
und treiben groß Kaufmannschatz“.
Und bald ging man von einfachen kaufmännischen Geschäften
zur Ringbildung über. Kaufherren fuhren schon in den ersten Jahr⸗
zehnten des 15. Jahrhunderts zu den südlichen Importhäfen, etwa
gen Venedig. Am fremden Ort kauften sie dann ausländische
Waren, Goldbrokate, Sammete, Seiden, Gewürze: Ingwer,
        <pb n="73" />
        62 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Pfeffer, Näglein, Zimmetrohr und anderes, beratschlagten
gemeinsam den Preis mit allen Kaufleuten des Reichs und
verkauften daheim nach dieser Verabredung. Das System, in
dieser Zeit noch in den Anfängen, ward dann im Laufe der
nächsten Generation zu einer wahren Plage der Nation, zur
Fundgrube unerhörten Reichtums für den Großkaufmann; nicht
bloß ausländische Waren, auch einheimische Kurzwaren, Me—
talle, Leder, Unschlitt, ja sogar Landesprodukte wurden ihm
unterworfen. Wenn einige Kaufleute, so schildert Luther die
Ringbildung für seine Zeit, allein noch von einer Ware haben
und keine Beischaffung solcher in nächster Zeit mehr zu erwarten
steht, so steigern sie die Preise ganz unbillig, oder sie kaufen
gar alle Waren einer Gattung zu diesem Zwecke auf, oder ver—⸗
abreden sich untereinander zu einem höheren Preis und lassen
denen, die sich an der Verabredung nicht beteiligen, ihre Ware
durch fremde abkaufen; kommen sie selbst hierdurch nicht zum
Ziel, so geben sie plötzlich die Ware so billig, daß die anderen
kleineren Kaufleute geschlagen sind und sie doch Herren der Lage
bleiben. Luther nennt ein solches Verfahren eitel Monopolia,
die schon das heidnische Gesetz verbiete. Denn sie haben, fährt
er fort, alle Ware in den Händen und machen damit, was
sie wollen, und treiben ohne Scheu die erwähnten Stücke, daß
sie steigern und niedrigen nach ihrem Gefallen, und drücken und
verderben die geringeren Kaufleute, gleich wie die Hechte die
kleinen Fische im Wasser, als wären sie Herren über Gottes
Kreatur und frei von allem Gesetz des Glaubens und der Liebe.
Es ist eine Beurteilung, die auch von unserm sittlichen
Standpunkte aus noch durchaus zutrifft, und die zugleich zeigt,
in wie vollkommener Weise sich der kapitalistische Großhandel
des 15. und 16. Jahrhunderts in Gegensatz gestellt hatte zu
den sozialistischen Idealen der städtischen Wirtschaft des 18.
und 14. Jahrhunderts. Wo war hier noch die Rede von dem
Gedanken, jeder Bürger solle womöglich gleiche Nahrung mit
seinen Mitbürgern haben oder wenigstens niemals von seiner
Nahrung verdrungen werden? Wo war der genossenschaftliche
Charakter des alten Bürgertums geblieben? Das individuga—
        <pb n="74" />
        Wirtschastliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 63

listische Wesen des Kapitals als Unternehmerfonds hatte völlig
gesiegt über die ältere Auffassung. In der That waren, sieht
man ganz ab von den Ringen, welche den sittlichen Anschauungen
der Zeit und den idealen Kräften jeder vernünftigen sozialen
Fortbildung Hohn sprachen, auch schon die kaufmännischen Ge—
sellschaften, die offene Gesellschaft wie die Kommanditgesellschaft,
auf einem Boden erwachsen, der mittelalterlichen Anschauungen
fern, ja feindselig gegenüberstand. Die mittelalterliche Ge—
nossenschaft stellte die Person in den Vordergrund, darum kannte
sie als Wirtschaftskraft grundsätzlich nur die Arbeit; das
Kapital konnte nur als Beigabe der Arbeit Anerkennung finden.
Der kaufmännischen Gesellschaft dagegen sind die Personen nur—
Beigaben des Kapitals; sie unterhält zu ihnen nur eine sach—
liche, durch das Kapital vermittelte Verbindung an Stelle der
persönlichen der mittelalterlichen Genossenschaft; ihre Vertrags—
beziehungen sind objektiver Art, unpersönlich; sie lassen dem
einzelnen Teilhaber seine Sonderexistenz, seine individuale
Freiheit gegenüber der personalen Gebundenheit der alten
Genossenschaft.
Es waren unvereinbare Gegensätze; es war ein vollkommener
Bruch mit dem Leben der mittelalterlichen Stadt. Und er be—
schränkte sich nicht bloß auf die kaufmännischen Kreise. Auch
die Zünfte waren zum guten Teil kapitalreich geworden: sie
mußten der gleichen Einwirkung, wenn auch in verminderter
Stärke unterliegen. Sie aber waren die politisch führenden
Kreise des 15. Jahrhunderts, die Träger der städtischen Ver—
fassung; mit ihrer Wesenswandlung mußte zusammenstürzen,
was nur an Großem und Schönem aus der mittelalterlichen
Entwicklung der Städte hervorgegangen war.

Die Zünfte haben sich gegen den drohenden Umsturz lange
und kräftig zur Wehr gesetzt. Sie wollten festhalten an dem
sozialistischen Ideal ihrer Genossenschaft. Sie suchten mit
—DDD
        <pb n="75" />
        64 Vierzehntes Buch. Zweites KLapitel.

Meister klein zu halten; sie sprachen das Verbot kapitalistischer
Association einzelner Meister aus, sodaß die Ringbildung im
Handwerk erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts dauernd
gedeihen konnte; sie hintertrieben jeden übermäßigen Wettbewerb
in der Beschaffung der Rohstoffe, in der Durchführung der
Arbeit und im Vertrieb der Erzeugnisse des Handwerks.
Vergebens. Die ungleichmäßige Kapitalbildung fand gleich—
wohl auch im Handwerk Eingang. Bereits im 14. Jahrhundert
finden sich vielfach reiche Handwerker; sie werden noch gezwungen,
ihr Kapital in Hausrenten anzulegen oder aus den Zuünften
heraus und hinüber zu treten zu den Vereinigungen der alten
patrizischen Geschlechter. Allein früh schon durchbrachen reiche
Zunftbrüder diese Sicherheitsmaßregeln, in Straßburg z. B.
schon ums Jahr 1368; und nun bildete sich, vielfach wenigstens,
ein wohlhabender Kreis von Handwerkern. Es sind die mate—
riellen Voraussetzungen, denen wir die Blüte unseres Kunst—
handwerks im 15. Jahrhundert und die Entwicklung einer
großen Kunst seit spätestens etwa 1450 verdanken. Wirtschaftlich
und sozial aber führten diese Anfänge weiter. Bald gab es
Zünfte, in denen überhanpt nur noch Kapitalisten zugelassen
wurden; ein kastenartiger Abschluß erfolgte. Früh trat er ein,
wo Werkzeug und sonstige geschäftliche Voraussetzungen von
vornherein kostspielig waren, wie bei Fischern, Bäckern, Metzgern,
aber auch sonst ließ er nicht auf sich warten. Nun war die
Zahl der Meisterstellen eine begrenzte; nun begann man die
Meisterkinder als unfehlbare künftige Meister anzusehen und
von vornherein zu bevorzugen; nun war es leicht, Produktions—
ringe für Steigerung der Warenpreise zu bilden; in Nürnberg
mußten schließlich städtische Brauereien begründet werden, um
die Bürger von der Preisschraubung der Brauerzunft zu be—
freien. Aber schon Rulman Merswin klagt in seinem Buche
von den neun Felsen (vor 1882) über die Preisübervorteilung
der Handwerker, und die Reformation Kaiser Sigmunds aus
dem Jahre 14388 tritt aus dem gleichen wie anderen Gründen
—
Vor allem aber war die kapitalistische Umbildung der
        <pb n="76" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 65

Zünfte sozial von verhängnisreichen Folgen. Eine Reihe von
Zunftbrüdern blieb jetzt arm zurück; sie vermochten nicht
anders, als nur mit einem Fuße noch dem Handwerk weiter
anzugehören und sich in irgend eine, von Wettbewerb freiere
Spezialität desselben einzuarbeiten, im übrigen aber auf anderen
Gebieten Nebenerwerb zu suchen. So gingen sie vielfach halb
und halb in den Kleinhandel über: in der Ulmer Krämerzunft
befinden sich schließlich Säckler, Taschenmacher, Weißgerber,
Handschuhmacher, Sattler, Spengler, Nadler, Seiler, Bürsten—
macher, Glaser, Würfelmacher, Pergamenter, Spindeldreher,
Weinzieher, Tüncher, Pflasterer, Maler und Bildschnitzer.
Andere Zunftgenossen dagegen gerieten unmittelbar in
kapitalistische Abhängigkeit von ihren reicheren Brüdern, die sich
nun ihrerseits von der persönlichen Ausübung des Handwerks
zurückzogen und nur noch dem kaufmännischen Vertrieb der von
anderen verfertigten Waren oblagen. So bildeten sich die
Anfänge der städtischen Hausindustrie, und mit den ehemaligen
Zunftbrüdern als Verlegern wetteiferten bald Kaufleute beliebiger
Ausbildung und Herkunft. Es ist eine neue Betriebsform, die
zuerst in den Hansestädten emporgekommen zu sein scheint: hier
finden sich die Repschläger in Lübeck, Riga, Reval, die Böttcher
in Rostock, die Gewandfärber und Wandbereiter in Hamburg
und Lübeck derartig organisiert; aber auch in Süd- und West—
deutschland lassen sich die Spuren des industriellen Verlegertums
vielfach bis tief ins 165. Jahrhundert rückwärts verfolgen.
Zumeist aber kam es noch nicht bis zur Sprengung der
alten Zunftverfassung durch völlig neue Gebilde, sondern nur
zu ihrer Ausweitung und Wesensveränderung durch eine neue
Stellung des gewerblichen Unterpersonals.
In der guten Zeit des 14. Jahrhunderts hatte jeder Meister
nur wenige Lehrkinder und Lehrknechte zu halten das Recht
besessen; sie hatten bei ihm im Hause gelebt, sie waren Teil
seines Gesindes, seiner Familie gewesen. Jetzt, mit steigendem
Reichtum des Meisters, änderte sich diese Lage. Die Lehrlinge
nahmen zu, sie galten nicht mehr als Hauskinder, sie hatten
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. *
        <pb n="77" />
        36 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

häufig nicht mehr Teil an den geselligen Unterhaltungen der
Meisterfamilie. Weit schlimmer aber entwickelten sich die Ver—
hältnisse der Gesellen.
Bisher war die Gesellenzeit fast nur eine Durchgangszeit
gewesen zum Meistertum, und dementsprechend hatte jeder
Meister durchschnittlich wohl kaum mehr als einen Gesellen be⸗
schäftigt. Nun aber, mit der inneren Umwandlung der Zunft
im kapitalistischen Sinne, wurden die Meister kleine Unternehmer;
sie hielten zwei, drei, ja funf und mehr Gesellen. So war bei
dem gleichzeitigen Schlusse der Zünfte der Zahl ihrer Meister
nach nicht mehr daran zu denken, daß jeder Geselle einmal
Meister werden könne: die Gesellen wurden zu einem in sich
gefesteten Stand handwerkerlicher Hilfsarbeiter. Und dieser
Stand sonderte sich immer mehr aus dem Zunftleben aus, er
entwickelte seine eigenen Interessen, und er schuf alsbald zu
ihrer Vertretung eine neue Form der mittelalterlichen Genossen—
schaft.
Zunächst waren es in vielen Fällen wohl nur gesellige
Verbände zur kirchlichen Repräsentation, zur Teilnahme an
gewissen Prozessionen, zum feierlichen Aufstecken von Kerzen
vor dem Altar des Zunftheiligen, welche die Gesellen je eines
Handwerks begründeten: zum Entgelt für die Leistungen eines
solchen Verbandes konnten sie des Entgegenkommens der Geist—
lichen bei Leichenbegängnissen und Seelmessen gewiß sein. Aber
bald entwickelten diese Verbände auch eine soziale Seite, sie
übernahmen den Schutz gegen Krankheit und Verarmung ihrer
Genossen, den einst die Meister gewährt; sie begründeten eigene
Trinkstuben und Herbergen; sie bildeten eine besondere Standes—
ehre aus. Und früh schon ging man noch weiter. Man zog
das Verhältnis zu Meister und Zunft in den Kreis der Ver—
handlung. Bisher war der Lohn von den Meistern taxweise
bestimmt worden: nun sollte er freier Vereinbarung zwischen
Meistern und Gesellen unterliegen. Bisher hatte Pflicht—
vergessenheit im Dienste eines Meisters von der Anstellung bei
jedem anderen Meister ausgeschlossen: jetzt strebte man, diesen
        <pb n="78" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 67

Satz zu durchbrechen und namentlich die Frage des Vertrags—
bruches günstiger für die Gesellen zu lösen. Und dem schlossen
sich andere Bestrebungen an; die Arbeitszeit, die täglich etwa
13 bis 15 Stunden betrug, sollte dadurch verkürzt werden, daß
der blaue Montag zum Baden freigegeben ward, und es sollte
den Gesellen erlaubt sein, frei für sich zu arbeiten: ein dunkles
Streben nach Gewerbefreiheit brach herein.
Die Mittel, all diese Ziele zu erreichen, waren gegeben in
der langsamen Zerbröckelung der Zunft und in der ultima ratio
des Ausstands. Wirksamer war auf die Dauer das erste; hier
gelang es den Gesellen, die Sorge für die Lehrlinge und damit
für die technische und soziale Zukunft des Handwerks zum
guten Teile—j in ihre Hand zu bekommen und Vertreter ihres
Verbandes in das Gewerbegericht und in die Verwaltung ihrer
Zunft einzuschieben: einen Pfahl im Fleische der Zunft, der
um so gefährlicher werden mußte, je kapitalistischer sich diese
entwickelte.

Und all diese Bestrebungen des emporwachsenden neuen,
rein auf die Arbeit gestellten, proletarischen Standes wurden
von der Sympathie weiter Massen des niederen Volkes getragen,
und frisch und keck traten sie hervor. Die Feste der Gesellen,
die Hamburger Höge der Brauknechte, der Badgang der Schuh—
knechte in Nürnberg, der Schäfflertanz der Münchener Böttcher,
das große Wursttragen der Fleischergesellen an vielen Orten,
sie alle wurden zu wirklichen Volksfesten; sie bedeuteten eine
Verbrüderung der Gesellen mit den unteren Klassen der städtischen
Bevölkerung.

Das war um so bedenklicher, als sich der Anbruch eines
kapitalistischen Zeitalters in den Städten nicht bloß in der
Differenzierung der gewerblichen Arbeiter in wohlhabende Zunft—
brüder und arme Gesellen geäußert hatte, sondern auch sonst
mit dieser Wandlung der Unterschied zwischen reich und arm
ganz außerordentlich gewachsen war: auch außerhalb der Ge—
sellenverbände stand den wohlhabenden Schichten der Bevölke—
        <pb n="79" />
        38 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

rung jetzt ein ausgedehntes Proletariat im besseren Sinne
des Wortes, ja eine nicht unbedeutende Anzahl reiner Bettler
gegenüber.

Schon die soziale Entwicklung in den Städten an sich
mit ihren raschen Sprungen hatte eine große Anzahl von De—
klassierten geschaffen, die keineswegs immer die Stadt ver⸗
ließen, sondern bald in den Vorstädten, bald in dürftigen
Buden, die der Stadtmauer angeklebt waren, oder sonst in
verdächtigen und entfernten Straßen der Stadt weiter lebten,
ein allzeit gewärtiges Element des Aufstands. Ihnen gesellten
sich bald große Teile der landbauenden Bevölkerung der Städte
zu, die Gärtner und Häcker, die Winzer und Waidbauer. Sie
hatten im 14. Jahrhundert noch neben den Zünften eine
gleich geachtete Klasse der Bevölkerung ausgemacht. Jetzt
waren sie zurückgeblieben und ihr Besitz vielfach zersplittert,
neben ihnen aber war ein junger Stamm ärmlichster Land—
bauer auf dem parzellierten Boden der alten patrizischen Höfe
aufgeschossen, der sich mit ihnen vermischte. Das war schon
traurig genug. Dazu kam aber, daß die Stadtverwaltung
sich fast nur noch den gewerblichen und kommerziellen Inter⸗
essen widmete: die Landbauer waren vergessen. Kein Wunder,
wenn sie unzufrieden waren mit der jüngsten Entwicklung.
Das Gleiche traf auch für die freien Tagelöhner zu. Schon
früh war deren Stand vorhanden, aus Worms wissen wir von
ihm vermutlich schon aus dem Jahre 1207. In der That
bedurften die Städte aus den mannigfachsten Gründen von
jeher freier kräftiger Arme. Die vielen Markthelfer, die
städtischen Maut-, Wage- und Meßbeamten waren den freien
Lohnarbeitern entnommen, und die blühend entwickelte Hauderei
wie das Saumtierwesen des Großhandels, endlich die volle
Kriegsbereitschaft der Stadt waren ohne sie undenkbar. So
spielten sie in den Städten des 18. und 14. Jahrhunderts
eine unverächtliche Rolle, an manchen Orten nannten sie sich,
in einen korporativen Verband zusammengeschlossen, stolz die
        <pb n="80" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 69

Freiheit, in anderen waren sie völlig den Handwerkern ent—
sprechend in Zünften der Bauhandlanger, Sackträger, Wein—
knechte u. s. w. organisiert. Aber nun wurden die anderen
Zünfte kapitalistisch befruchtet, nun sonderten sie sich aus aus
dem bisherigen Begriffe der Zunft als Arbeitsgenossenschaft.
Die Folge war, daß die wenigen Zünfte im alten Sinne, die
übrig blieben, eben die der Lohnarbeiter, verfielen — und die
Arbeiter mit ihnen. Sie traten zurück in die steigende Flut
der unteren städtischen Klassen, und sie teilten deren Un—
zufriedenheit und Emanzipationslust um so mehr, je mehr der
gemeine Tageslohn und damit ihre materielle Lebensunterlage
im 15. Jahrhundert zu sinken drohte.
Und mit der heimischen Unzufriedenheit mischte sich die
Enttäuschung oder der von vornherein oppositionelle Sinn der
zuwandernden Klassen. Bei der außerordentlichen Sterblichkeit
ihrer Einwohner bedurften die mittelalterlichen Städte be—
sonders starken und ständigen Zuzugs vom Lande her. Und
er ward ihnen im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts in der
That zu teil. Indes je länger dieser Zuzug in Anspruch ge—
nommen ward, um so weniger tüchtige Elemente wies er auf;
das platte Land als Rekrutierungsgebiet erschöpfte sich. Schon
gegen Ende des 14. Jahrhunderts erkannte man in vielen
Städten die Thatsache; sie mußte um so mehr auffallen, je
mehr Energie und Wohlhäbigkeit innerhalb der städtischen
Mauern selbst gestiegen waren. Was jetzt thun? Man konnte
daran denken, alle weniger kräftigen Elemente der Zuwande—
rung abzuwehren durch die Forderung des Nachweises eines
bestimmten Vermögens. So geschah es z. B. in Ulm; hier
wurde seit dem Jahre 1417 ein Vermögen von 200 Pfund
Heller (etwa 3000 Mk. nach Kaufkraft unseres Geldes) zur
Vorbedingung für die Verleihung des Bürgerrechts gemacht.
Allein eine solche Maßregel konnte nur vorübergehend getroffen
werden; man bedurfte des ländlichen Zuzugs. So entschloß
man sich schließlich vielfach, ein niedrigeres Bürgerrecht, ein
bloßes Niederlassungsrecht zu begründen für die minder wohl—
habenden Elemente des Zuzugs. Die Folge scheint zunächst
        <pb n="81" />
        70 Vierzehntes Buch. Zweites KRapitel.

ein stärkeres Anwachsen der städtischen Bevölkerung seit etwa
der Mitte des 15. Jahrhunderts gewesen zu sein.
Allein war es denn zu verhehlen, daß auf diese Weise
eine Bürgerschaft zweiter Klasse geschaffen ward? Daß damit
ein Rahmen hergestellt ward zur Sammlung aller in Bildung
begriffenen Elemente niedrig bürgerlicher Art, zur Begründung
einer großen, unmündigen Gemeinde? Und wie, wenn diese
Gemeinde sich berechtigter Forderungen sozialer und politischer
Natur gegenüber den herrschenden Klassen bewußt ward und
sie geltend zu machen suchte im Kampfe gegen die bestehende
Verfassung?
Die eigentlichen Träger der Verfassung waren jetzt die
Zünfte. Gegen sie begannen zunächst die Gesellen nicht bloß
im eigenen Interesse, sondern hier und da auch schon im all—
gemeineren der Gemeinde aufzutreten; es konnte an einzelnen
Orten gelegentlich scheinen, als ob, wie die Großkaufleute das
fürstlich-stadtherrliche und die Zünfte das patrizisch-stadtherrliche
Regiment gestürzt hatten, so nunmehr die Gesellenverbände das
Zunftregiment beseitigen würden. Und schon verfügten die Ge—
sellen hierzu über eine interurbane Macht. Seit dem 15. Jahr⸗
hundert war das Wandern der Gesellen allgemein, waren diese
selbst ein Teil der fluktuierenden Bevölkerung geworden; höch—
stens bildeten Nord- und Süddeutschland noch gesonderte
Wandergebiete. Dementsprechend hatten sich die Gesellen—
verbände mächtig erweitert, und vielfach waren die lokalen Ver—
einigungen zu landschaflichen Gesamtverbänden zusammen—
geschossen. In dieser Form verfügte der Stand gewerblicher
Handarbeit über eine Organisation, die den Zunftregierungen
nicht selten Schrecken verursacht hat; blieb sie gleichwohl im
15. Jahrhundert noch ohne politische Wirkung, so ist dafür
namentlich der Standeshochmut der Gesellen verantwortlich zu
machen, der sie immer wieder von den übrigen Bestandteilen
der unteren Klassen in entscheidenden Augenblicken getrennt hat.
Die leidliche Sicherheit, die den Zünften von seiten der
Gesellenverbände einstweilen noch in Aussicht stand, gestattete
ihnen noch, auch in politischer Hinsicht die Folgerungen aus
        <pb n="82" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 71

ihrer kapitalistischen Umwandlung zu ziehen. Der mittelalter—
liche Gedanke, daß sie seit den Zunftunruhen durch ihre wirt—
schaftliche und politische Emanzipation auf den Boden der
privilegierten Klassen gehoben und demgemäß die Staatsgewalt
in ihrem Interesse zu nützen befugt seien, gelangte immer mehr
zum bitteren Ausdruck. Die Zünfte entrissen dem Rat die
Aufsicht über ihre personale und wirtschaftliche Organisation;
sie suchten womöglich kleine Staaten im Staate zu werden.
Sie behandelten die Gewerbegerichtsbarkeit als ein Gebiet
eigensten und angeborenen Rechtes, sie übten eine willkürliche
Gewerbepolizei, die nicht auf Mahnungen und Klagen der
Gemeinde hörte. Sie machten als Körperschaften Schulden
und erhoben Steuern, sie nahmen fremde Elemente auf, die
nicht vom Handwerk waren, wenn sie ihnen nur sonst zu—
sagten, sie befreiten sich eigenmächtig vom Kriegsdienst und be—
lasteten damit die Gesellen. So wurden sie zu autonomen,
übermütigen Verbänden mit Ringbildung und Cliquenwirt-—
schaft; und der Rat vermochte dem nicht entgegenzutreten,
denn er selbst war aus dem neuen zünftlerischen Patriziat zu—
sammengesetzt. Wo anders sollte da eine Hülfe zu finden sein,
als bei der Gemeinde?
Der Rat und die Ratsverwaltung boten auch sonst Anlaß
zu bitteren Klagen. Zwar war die eigentliche Verwaltung von
der Zunftbewegung direkt nur wenig berührt worden: nach wie
vor wurden die einzelnen städtischen Verwaltungszweige aus den
Mitgliedern des Rates in alter Weise besetzt. Aber mittelbar
war der Einfluß der neuen, zünftlerischen Ratsverfassung um
so größer. Der Rat hatte in den Zunftverfassungen an Zahl
seiner Personen meist sehr zugenommen; oft war er bis auf
hundert Mitglieder vergrößert worden. So hatte man freilich
im Rat Kandidaten genug für die immer weiter greifende Ver—
zweigung der Geschäftsstellen: aber wie sollte die Einheit der
Verwaltung gewahrt werden? Der Rat der alten Geschlechter—
verfassung war vor allem kollegialische Verwaltungsbehörde
gewesen, der Rat der Zunftverfassungen war ein kleines Par—
lament. Wo lag da die nötige Sicherheit für die einheitliche
        <pb n="83" />
        72 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Besorgung aller städtischen Geschäfte? Fast überall suchte man
sie vergebens. Der natürliche Ausweg, die Entwicklung einer
Regierungsbehörde aus dem Rat, wurde zumeist verabscheut,
da er die teilweise Depossedierung des Rates zur Folge gehabt
hätte. Statt dessen traten willkürliche Kombinationen auf,
man tappte im Dunkeln, die Geschäfte verwirrten sich, und in
den Verhandlungen des Rates über eine Reihe von Dingen,
die nur der Einzelbeamte nach Pflicht und Gewissen entscheiden
kann, waren der Korruption die Thore geöffnet. Sie zog um
so rascher ein, je mehr das Leben materiell gerichtet war.
Man blieb bei der Käuflichkeit der Ratsherren, der Bestechlichkeit
der Gerichte nicht stehen: eine volle Klassengesetzgebung zu
Gunsten der Zünfte und des zünftlerischen Patriziats ent—
wickelte sich, namentlich auf dem Gebiete der Besteuerung, und
wirkte um so erbitternder, als die Finanzen der meisten Städte
seit den großen Entscheidungskämpfen gegen die fürstlichen
Gewalten in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts einen
fast unverwindlichen Stoß erlitten hatten.
Das alles waren Erscheinungen, die den städtischen Ge—
meinden schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wohl
bekannt waren, obwohl sie von den Stadtregierungen fast gar
nicht zu Rate gezogen wurden. Woll man innen weérden,
—
1488, das stett gùüt wurden und jedermann dem andern
tréu wär, so tät man zunft ab, und wär manglich gemain,
und wär niemant dem andern beistandig, und wurd der
rat lauter. Und man handelte nach dieser Einsicht. Schon
im Anfang des 15. Jahrhunderts beginnen die Bestrebungen
der Gemeinden gegen die Räte, unterstützt von der taboritischen
Bewegung, wie einst die Zunftunruhen durch den staatskirchen—
rechtlichen Kampf unter Ludwig dem Bayer gefördert worden
waren. Man wußte genau, was man wollte: Verhinderung
des Entstehens von Kolossalvermögen durch Handelsgesellschaften
und Ringe, Aufhebung der Zünfte oder völlige Rückbildung
derselben in kapitalfeindlichem Sinne, Regelung der städtischen
Lebensverhältnisse zu Gunsten der Minderhäbigen, Erleichterung
        <pb n="84" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 78

des Eintritts in die Bürgerschaft und damit Demokratisierung
der Gemeinde: vor allem aber wirkliche Souveränetät dieser
Gemeinde, und Beibehaltung des Rates nur im Sinne eines
Vollstreckungsorgans gemeindlicher Gesetze.
Das sind die Punkte, die mehr oder minder deutlich in
den Streitigkeiten zwischen Gemeinde, Zünften und Rat her—
vortreten, die wir im zweiten und dritten Jahrzehnt des
15. Jahrhunderts in Lübeck, Wismar, Rostock, Hamburg,
Magdeburg, Bautzen, Görlitz, Breslau und vielen böhmischen
Städten verfolgen können; sie liegen auch den Auflehnungen
derselben Zeit in Erfurt, Bamberg, Achen, Köln, Mainz,
Speyer, Straßburg und Konstanz zu Grunde. Erreicht wurde
freilich volle Klarheit weder damals, noch in den massenhaften
Aufständen, die sich von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis
zum Beginn der Reformation hinziehen; nur in wenigen
Städten ist es zu einem Ausgleich der entgegenstehenden Forde—
rungen gekommen. So vor allem in Straßburg. Hier wurde
in der That eine weitgehende Isopolitie der verschiedenen, schon
völlig auf dem Boden der Geldwirtschaft stehenden Bevölkerungs⸗
klassen verwirklicht: es entstand ein Rechtsstaat, verwaltet durch
eine gut ausgebildete Büreaukratie, gefördert durch eine doppelte
Volksvertretung, kontrolliert durch die öffentliche Meinung und
oberste, außerhalb der Verwaltung stehende Instanzen, ein
Staat, den Erasmus rühmend eine monarchia absque tyrannide,
 aristocratia sine factionibus, democratia sine tumultu
nennen konnte.
In den meisten Städten dagegen blieben die Schwierig—
keiten der Lage ungestört und wuchsen. Wuchsen um so mehr,
je mehr das Proletariat und die fluktuierende Bevölkerung zu—
nahm. Auf dem Reichstag zu Frankfurt im Jahre 1897 waren
500 Briefträger oder Boten mit Büchsen, 600 Pfeifer, Gaukler
und sonstige Fahrende, endlich 797 Dirnen zugelaufen; im
15. Jahrhundert hören wir von noch größeren Ziffern der
Verlorenen und Unsteten; namentlich Pilger, Bresthafte und
Bettler vermehrten sich ins Unendliche. In Hamburg galten
in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 200/0 der Ein—
        <pb n="85" />
        74

Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

wohner als verarmt, in Augsburg zählte man 1520 3000
Nichtshäbige, etwa 12—5150/0 der Bevölkerung. Nun geschah
allerdings viel zur Beseitigung der Not dieser Unglücklichen;
abgesehen von der reichen kirchlichen Hülfe verfügten die Städte
des 15. Jahrhunderts schon über eine rationelle Teuerungs—
politik, und in einer Stadt wie Nürnberg gab es zahlreiche
soziale Anstalten zur Hebung der untersten Klassen.
Gleichwohl konnte die im Flusse befindliche Entwicklung
nicht gestaut werden; das Proletariat im eigentlichsten Sinne
nahm immer mehr zu, und die Forderungen der städtischen
Gemeinden erhielt einen immer dringlicher betonten sozialistischen
Charakter. Hatte Peter Suchenwirt um 1390 gemeint:

Den reichen sind die chasten vol
den armen sind si laere:
dem povel wirt der magen hol,
das ist ein grozzew swaere,

so zogen die in Betracht kommenden Kreise schon früh daraus
die entsprechende praktische Lehre; in Würzburg hieß es:
Der pfaffen unde juden guͤt,
das wmacht uns all ein frien müt.

Völlig ausgesprochen war diese Stimmung dann gegen—
über den Reichen überhaupt seit der zweiten Hälfte des
15. Jahrhunderts. Mochten die vornehmen Geschlechter der
Stadt einer immer ausgesprocheneren Verschwendungssucht ver⸗
fallen, mochten sie sich des Tages mehrmals umkleiden, mochten
sie dem fürstlichen Lurus des Bauens huldigen, mochten sie
bisher ungekannte Bäöder und Sommerfrischen besuchen: die
große Masse der städtischen Bevölkerung glaubte zu wissen,
was sie von ihnen zu halten habe. Das gegenseitige Ver—
hältnis war aufs äußerste gespannt: ein Ruck noch, und der
Bogen mußte brechen.
Nicht minder aber, ja fast noch mehr trieb das platte
Land einer sozialen Revolution entgegen.
        <pb n="86" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 75

III.

War die städtische Entwicklung einer geldwirtschaftlichen
Hypertrophie anheimgefallen und von Verfassungsstufe zu Ver—
fassungsstufe in voreiliger Rastlosigkeit weitergestürmt, so litten
die sozialen Schichten des platten Landes am entgegengesetzten
Mangel der Entwicklung. Hier war alles stabil geblieben, und
in den Verfassungsformen der dörflichen Markgenossenschaft spie—
gelten sich noch Anschauungen wider, die einst in früher Vor—
zeit einmal lebendig gewesen waren.
Da konnte es denn freilich nicht anders sein: die Ver—
fassungsformen waren zur bloßen Hülle geworden; der Kern
gegenwärtigen Lebens war ihnen längst entschwunden, nur
wenige Reste ursprünglichen Wesens zeigten sich noch, und
auch sie drohten im 14. und 15. Jahrhundert zu veralten.
Die große hundertschaftliche Markgenossenschaft war ur—
sprünglich Schauplatz militärischer, gerichtlicher und wirtschaft—
licher Thätigkeit zugleich für die inwohnenden Genossen gewesen.
Diese fördersame Eintracht aller öffentlichen Interessen war
aber schon in karlingischer Zeit gesprengt worden. Entsprechend
der zunehmenden Intensität des wirtschaftlichen Lebens hatten
sich zunächst engere Wirtschaftsbezirke im alten Hundertschafts—
bezirke gebildet; auf diese war dann später, in der Entwicklung
der Untergerichte unter dem Hochgericht der Hundertschaft, ein
Teil der gerichtlichen Organisation übertragen worden. Und
aus den Untergerichtsbezirken als Wirtschaftsgemeinden hatten
sich abermals, gleichsam in dritter Generation, noch kleinere
Wirtschaftsgemeinden, die Markgenossenschaften der Dörfer, zu
nahezu vollkommen abgesondertem Leben ausgeschieden.
Es war ein unvermeidlicher Vorgang steigender Kultur;
nach seiner guten Seite hin bedeutete er das engere Verwachsen
der Nation mit dem Boden des Vaterlands und damit eine
erweiterte Gewährschaft für die Ständigkeit unserer Geschichte.
Aber freilich zerriß während dessen die alte Konstruktion der
politischen Stellung des einzelnen Volksgenossen, und keine
andere, gleich glückliche, trat an die Stelle. Der Germane der
        <pb n="87" />
        76 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Urzeit hatte seine wirtschaftlichen Rechte vom politischen und
militärischen Gesichtspunkte aus konstruiert gesehen: der Staat
hatte im Vordergrunde seiner Privilegien und seiner Genüsse
gestanden. Jetzt war es umgekehrt. Das Wirtschaftsleben ge—
staltete sih in den immer kleineren Marken immer intensiver,
der Krieger von ehedem ward zum Bauern. Damit beschränkte
sich der Gesichtskreis des Einzelnen auf die Acker und Almende—
stücke der heimatlichen Flur; kaum daß wirtschaftliche Beziehungen
aus der älteren Zeit der größeren Markgenossenschaften, wie sie
im Gemeinbesitz von Wäldern und Weiden gelegentlich fest—
gehalten waren, das Auge noch wieder zur weiteren Umschau
zwangen: im ganzen war im 15. Jahrhundert das Dorf die
Welt des Landbewohners.
Darüber hinaus führte nur noch, auf gerichtlichem Gebiete,
die Teilnahme am Hochgericht. Aber wie selten waren die
alten hundertschaftlichen Hochgerichtsbezirke jetzt noch völlig er—
halten! Statt ihrer bestanden fast überall nur noch elende
Splissen, deren die Landesgewalten eine größere Anzahl in
größere Bezirke neuen Datums oft gewaltsam genug zusammen—
faßten. Und selbst da, wo das alte Hundertschaftsgericht noch
bestand, war doch die Teilnahme der Gerichtsgemeinde an ihm
veraltet. Das Versinken der weit überwiegenden Mehrheit aller
Landbauer in irgendwelche Formen der Hörigkeit und der
privatrechtlich konstruierten Unterthanschaft hatte den Kreis der
Gerichtsgenossen stark beschränkt, und wo Hochgerichte grund—
holder Leute entstanden waren, da brachten sie es zumeist nur
zu einem unselbständigen Abklatsch des freien Vorbilds. Zu—
gleich aber verfiel das deutsche Recht und noch mehr die
Gerichtsverfassung des ausgehenden Mittelalters unheilbarem
innerem Siechtum, ja völliger Verdorrung, da es an großen
staatlichen Organen der Fortbildung fehlte. Was blieb, war
schließlich nur die äußere Hülle. Noch zog die Gerichtsgemeinde
mit blankem Spieß alljahrs dreimal zur alten Malstatt; aber
die Kraft ihres Urteils war erlahmt und das alte Recht selb—
ständigen Richtens erschien als drückende Last: jede Stärkung
        <pb n="88" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 77

freiheitlichen, gar staatlichen Gefühls durch richterliche Verant⸗
wortlichkeit war geschwunden.
Wie hätte sich da die kriegerische Bedeutung des Land⸗
volkes erhalten können. Noch immer zwar galt Waffengeschrei
und Aufgebot zur Landwehr, aber vom Auszug, von keckem
kriegerischem Wagen, von wirklicher Waffenlust war seit spätestens
dem 11. Jahrhundert nicht mehr die Rede. Die Bildung der
Ritterheere hatte hinweggesehen über die unendlichen militä⸗
rischen Kräfte in den Tiefen der Nation und diese erschöpften
sich nun in elender privater Rauflust und in der Blutrache
bäuerlicher Geschlechter: kaum daß dem überschäumenden
Jugendmut der ländlichen Bevölkerung in den geringen Söldner⸗
heeren der Kaiser und Fürsten seit dem Ende des 12. Jahr—
hunderts ein Ausweg zu geordneter Bethätigung gebahnt ward.
Gewiß ließ sich die alte Kriegsbereitschaft der Bauern Mann
für Mann nicht mehr fordern; nur in Holstein zog wohl der
Bauer noch bis ins 12. Jahrhundert reisig zu Feld, und nur
an anderen peripherischen Gebieten der deutschen Entwicklung,
in Friesland, in der Schweiz, in Tirol, führte er noch die
Armbrust und schwang die altnationale Keule. Wohl aber
wäre es möglich gewesen, den kleinen Mann zum Bogenschützen
auszubilden gleich dem englischen Archer. Aber nur in den
Städten ist es hier und da, in Köln, in Straßburg, geschehen;
für das platte Land versäumte die Reichsgewalt ihre Pflicht,
und die Landesgewalten entwickelten sich erst in der kritischen
Zeit und besaßen nicht bereits die volle Macht organisatorischen
Eingriffs. So ward die Nation in ihren breitesten und ge⸗
sundesten Schichten wehrlos: ein furchtbares Schicksal: ihm
verdanken wir im letzten Grunde das Unglück voller staatlicher
Zersplitterung im 16. Jahrhundert und den dreißigjährigen
Krieg, ihm die Unmöglichkeit staatlicher Einigung im 18. Jahr—
hundert. Die allgemeine Wehrpflicht des 19. Jahrhunderts
aber ist zur sichersten Grundlage eines freien nationalen Staates
geworden.
Im 15. Jahrhundert dagegen war der Bauer vom staat—
        <pb n="89" />
        78

Vierzehntes Buch. Zweites RKapitel.

lichen Recht der Rechtsprechung und von der staatlichen Pflicht
der Kriegsbereitschaft geschieden, der Unmöglichkeit anderer noch
höherer politischer Anteilnahme nicht zu gedenken. Er war
hinabgestoßen in den Pfuhl eines halb tierischen, dumpf dahin—
brütenden Lebens; das Dasein in dieser Welt besaß für ihn
keine Ideale mehr.
Oder hätte er sie etwa in der Beteiligung an dem Ver—
fassungsleben seines Dorfes finden sollen? Gewiß galt hier
noch die Selbstverwaltung der Markgenossenschaft; im engsten
Horizont war dem Bauer gestattet, offen umher zu blicken.
Aber die Markverfassung, die freie Tochter einst freier und
groß gedachter staatlicher Institutionen, war in ihren glänzendsten
Zügen längst der wirtschaftlichen Sorge ums bloße Auskommen
erlegen. Anderthalb Jahrtausende fast trennten den Bauer von
dem Ausspruch des Tacitus: et supeérest ager. Ein Jahr—
tausend war vergangen, seitdem in den alten Marken die Hufe
als die genügende Grundlage für den wirtschaftlichen Bestand
einer Bauernfamilie ausgelegt worden war. Fünf Jahrhunderte
war es her, seitdem jener volle Ausbau des Mutterlandes be—
gonnen hatte, der den nachgeborenen Söhnen noch einmal ge—
stattet hatte, in der Heimat einen vollhäbigen Sitz zu erwerben!.
Vier Generationen etwa waren verflossen, seitdem der deutsche
Osten kolonisiert worden war im Auszug aller jener über—
schüssigen Kräfte des Mutterlandes, die daheim eine sichere
Stätte nicht mehr gefunden hatten. Jetzt gab es für solche
Kräfte keinerlei Aussicht mehr. Sie blieben im Lande, sie
drückten es.
Die alte Hufe als Einheitsgut der bäuerlichen Familie
ward jetzt auch in minder bevölkerten Gegenden zum Traum
früherer Zeiten. Schon um das Jahr 1100 waren an der
Mosel pfleglose Hufen selten geworden, bereits im 12. und
13. Jahrhundert begannen sich hier und anderswo neben den alten
Vollbauern Kossaten, Büdner, Häusler als ein Stand ländlicher
Kleinleute zu bilden. Und immer mehr verstärkte sich dieser

Vgl. Band III S. 51 ff.
        <pb n="90" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 79

Stand aus den nachgeborenen Söhnen bäuerlicher Hüfner, und
immer mehr wurden die Hufen selbst geteilt; im 15. Jahr—
hundert war die Viertelhufe in stark bevölkerten Gegenden
schon zum bäuerlichen Normalgut geworden.
War da der freie Zug der alten Markverfassung aufrecht
zu erhalten? Der Bauer der früheren Zeit hatte keine eigent—
liche Nahrungssorge gekannt; in bösen Zeiten, bei Hungersnot
und Mißwachs, hatte er hineingegriffen in die noch uner—
—
Fischfang: sie hatten seinen Rückhalt, seine Lebensversicherung
für alle Fälle gebildet. Jetzt schleppte er sich auf der Viertels⸗
hufe seiner Ahnen dahin, knapp, kümmerlich, schlecht und recht.
Und die Almende bot ihm in böser Zeit nicht mehr die alte
Stütze. Durch die Zersplitterung der Hufen, durch die Ent—
wicklung eines kleinen Häuslertums waren der Kostgänger auf
ihr gar viel geworden, und keinen hatte lange Zeit hindurch der
aristokratische und darum gastfreie Charakter der alten Markver—
fassung auszuschließen gestattet. Nun gab es ein Drängen und
Schieben auf der gemeinen Nutzung; es bedurfte eingehender Rege—
lung des Holzschlags, des Viehtriebs, der Wassernutzung, selbst das
Gras auf den Wegrainen ward schon Verordnungen unterworfen.
So kam ein kleinlicher Zug je mehr und mehr in die Ver—
waltung des gemeinen Eigens, in die Markgenossenschaft selbst.
Dahin war die alte Breite des Lebens, nur im Kampf und
Zwist, im nimmer vollendeten Ausgleich engster Interessen⸗
gegensätze, selbst engherzig werdend, vermochte man zu bestehen.
Und wäre noch dieser Verfall des öffentlichen Charakters
ländlichen Lebens, diese Verknöcherung der alten Wirtschafts—
verfassung die einzige Sorge des platten Landes gewesen!
Ganz anders noch griff die Grundherrschaft nicht bloß in die
freie geistige und politische Ausbildung, sondern noch viel mehr
in die nackten materiellen und sozialen Grundlagen einer
menschenwürdigen bäuerlichen Existenz ein.
        <pb n="91" />
        30 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Seit dem 12. und 18. Jahrhundert waren die alten
Grundherrschaften in wirtschaftlichem Verfall begriffen!. Die
größeren Grundherren, weithin mit landesherrlicher Gewalt
ausgestattet, benutzten von diesem Augenblick an die alten
grundhörigen Beziehungen vornehmlich, um darauf die Anfänge
einer künftigen Landesverwaltung zu begründen. So konnte
die Grundherrschaft als die gewöhnlich vorhandene materielle
Grundlage einer zu entwickelnden Territorialgewalt erscheinen,
und es konnte für sie da, wo diese Voraussetzung zutraf, unter
gewissen, ziemlich starken Umformungen eine Zeit neuer Auf⸗
gaben und frischer Blüte heraufziehen. Andererseits aber
glaubten die an Zahl weit überwiegenden kleineren Grund—
herren vom Adel und Klerus nun die Möglichkeit gegeben,
aus ihrer Grundherrschaft usurpatorisch landesherrliche An—
sprüche zu entwickeln. Diese Bestrebungen konnten bei der
Kleinheit der in Betracht kommenden Beziehungen nur in reine
Willkür verlaufen: in Plackereien der Kaufleute um Zoll und
Geleit, in Hader mit den Nachbarn um Acker und Vieh, in
unerhörten Druck vor allem gegen die grundhörigen Unter—
gebenen. Bald galten diese, ja galten die bäuerlichen Ver—
hältnisse überhaupt nur noch als ein unermeßliches und völlig
ungeregeltes Erwerbsfeld adlicher Armut; und ein Egoismus
erwachte unter den Rittern, der sich von dem edlen Raubsinn
der germanischen Urzeit nicht der Intensität nach, wohl aber
durch seine vollendete Unsittlichkeit unterschied. In einer Edel—
mannslehre des 15. Jahrhunderts heißt es?:

Wiltu dich erneren,
du junger edelman,
folg du miner lere:
sitz uf, drab zum ban!
Halt dich zùu dem grunen wald,
wan der bur ins holz fert.

VBgl. Band III, S. 66 f.
»Uhland, Volkslieder Nr. 184; zweite Aufl. S. 256.
        <pb n="92" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 81

so renn in freislich an.
Derwüsch in bi dem kragen,
erfreuw das herze din,
nim im, was er habe,
span uss die pferdelin sin!
Bis frisch und darzu unverzagt;
wan er nummen pfenning hat,
s30 riss im dgurgel ab!

Es sind schreckliche Worte, und oft genug hat man im
15. Jahrhundert nach ihnen gehandelt. Daneben her aber
ging eine konsequente Verschlechterung, ja Verknechtung des
bäuerlichen Standes durch grundherrliche Mittel. Sie setzt
schon früh ein; schon um 1850 klagt Rulman Merswin die
Grundherren an, daß sie ihre armen Leute über Recht zwängen
und ihnen ihr sauer Erworbenes abnähmen, und in Flandern
tritt der Herzog von Burgund bereits im Jahre 1404 den
adligen Grundherren von Landherrschaft wegen entgegen.
Geklagt wurde vor allem über die ungebührliche Zunahme
der Fronden. Es war ein Punkt, der besonders leicht zu Tage
trat, mochte nun der Bauer noch zu alten Fronden gezwungen
sein, deren Sinn eine verwandelte Kultur ganz verkehrt und
wohl gar ins Lächerliche gezogen hatte, oder mochte der Grund—
herr, den Bedürfnissen intensiverer Landeskultur entsprechend,
neue Fronden auflegen. Aber immer setzten Klagen auf diesem
Gebiete rein grundherrlicher Fronden doch noch eine gewisse
Anteilnahme der Grundherren an den ländlichen Verhältnissen,
vielleicht gar unmittelbar landwirtschaftliche Interessen voraus;
und so sind sie noch nicht die schlimmsten, so drückend die
ihnen zu Grunde liegenden Lasten auch empfunden werden
mochten. Es versteht sich daher, daß es da, wo diese Klagen
zunächst allein ertönen, wie z. B. in den meisten Ländern des
kolonisierten Nordostens, zum Aufruhr auch im 16. Jahrhundert
noch nicht gekommen ist.
Viel schlimmer war es, wenn die Grundherren, dem Verfall
AAmprecht, Deutsche Geschichte V.
        <pb n="93" />
        32 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

der Grundherrschaft im 12. und 13. Jahrhundert folgend, die
alten Verhältnisse in rein eigennütziger Weise umzugestalten oder
im Sinne eines gewissenlosen Masseverwalters zu lösen suchten.
Hierhin gehört es, wenn in großen Teilen Süd- und Westdeutsch⸗
lands der Adel sein altes Herrenland in immer kleineren Par—
zellen zu immer höheren Preisen verkaufte oder verpachtete, wie
ihm das bei der außerordentlich steigenden Nachfrage nach Land
freilich leicht ward: er schuf damit ein unglückseliges Proletariat
kleiner Landleute, die noch dazu vielfach verschuldet waren oder
nur in prekärer Pacht saßen. Hierher gehört es nicht minder,
wenn die Grundherren die seit dem 12. Jahrhundert eingeschlagene
Richtung der Umwandlung von Fronden und Naturalliefe⸗
rungen in Geldzins unterbrachen oder gar rückgängig machten,
um sich die Möglichkeit zu sichern, die konkreten Fronden und
Leistungen willkürlich zu erhöhen.
Verhängnisvoller aber, als all dies, wirkte die Art, in der
die Grundherren sich zu der steigenden Übervölkerung auch
ihrer hörigen Hufen stellten. Früher waren nachgeborene Söhne
von grundholden Leuten nicht minder in den Wald gezogen
zu neuem Ausbau, wie Kinder freier Eltern; eben mit ihrer
Hülfe hatten die Grundherren ihr Land im Laufe des 12. und
13. Jahrhunderts ausgebaut. Später waren dann solche Nach—
geborene vielfach in die Städte und in die Kolonisationsgebiete
des Ostens entwichen. Jetzt ergab sich hier eine Stagnation
nicht minder, wie bei den geringen Resten der freien Bevölke—
rung. Es blieb nichts übrig, als auch die hörigen Hufen zu
teilen. Hier aber trat das grundherrliche Interesse zwischen.
Wie konnten Zinse und Fronden von weit zersplitterten Hufen
noch sicher eingehen? Höchstens bis zur Viertelung ward die
Teilung abhängiger Hufen vom Grundherrn der Regel nach
zugelassen; die über die Besitzer von Hufenteilen überschießende
grundholde Bevölkerung aber ward als nunmehr kopfzinsig,
als leibeigen betrachtet. Es war eine Erscheinung, die sich
schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts anbahnte:
der deutschen Entwicklung war sie bis dahin nahezu völlig
fremd gewesen. Jetzt erst entstand auf deutschem Boden zu—
        <pb n="94" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 83

gleich mit einem fast nichtshäbigen ländlichen Proletariat eine
wirkliche Leibeigenschaft, deren Legitimation man bezeichnender
Weise in jenen biblischen Traditionen suchen mußte, die an den
Fluch und Segen Noahs anknüpfen. Und immer mehr wuchs
der Stand dieser neuen Leibeigenen; schon in der ersten Hälfte
des 15. Jahrhunderts bildeten sie eine auffallende Masse,
auf deren Schicksal Patrioten besorgten Blickes sahen. Grafen,
freien, ritter oder knecht, die auch zwing und benn hant,
sagt der Verfasser der Reformation Sigmunds von den Grund—
herren, die aignen leut und hant sie jetz fur aigen, und
cteurent si und newent ungewonlich stewr von in uber
das, das si holz und veld swarlich verzinsent. Es ist ain
ungehörte sach, das man es in der hailigen cristenhait
offnen muss das gross unrecht, so gar furgat, das ainer
so geherzt ist vor got, das er gedar sprechen zu ainem:
„du bist main aigen“. Und damit nicht genug: den Begriff
der Leibeigenschaft, den man für hufenlose Grundholde ge⸗—
wonnen hatte, den unternahm man bald auf alle Grundholde
zu übertragen, um sie stärker zu besteuern und ihr seit spätestens
Ende des 12. Jahrhunderts unweigerlich feststehendes Erbrecht
an der Hufe zu bestreiten, ja man schritt dazu fort, freie
Pächter als leibeigen, die Leibeigenschaft als den einzigen
Stand des platten Landes zu betrachten.
Und längst war man schon über die Personen hinaus der
freien Wirtschafts- und Gemeindeverfassung des platten Landes
zu nahe getreten!. Wo nur immer eine Anzahl oder die Mehr—
zahl der Hufen in einem Dorfe grundherrlich war, da hatte der
Grundherr versucht, durch die Inhaber dieser Hufen, die ja zu—
gleich Genossen der Markgemeinde waren, Einfluß auf die Ge—
meinde zu erhalten. Und fast stets war dieser Einfluß im Ver—
laufe schon des 11. und 12. Jahrhunderts so gesteigert worden,
daß der ehemalige bloße Grundherr der Mehrheit der Mark—
genossen bald als Herr der gesamten Mark selbst erschien.
Später galt dann die Mark gleichsam als ein ursprünglich

Val. Band III S. 70f.
        <pb n="95" />
        —

Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

privates Eigen des Herrn, und die Rechte der Markgenossen
an der Almende erschienen nur noch als Servitute des herr—
schaftlichen Bodens. Konnten sie nun so ohne Aquivalent auf
die Dauer bestehen? Gar bald klagte man, die Tagweide sei
konfisziert, die gemeine Weide müsse verzinst werden, der Wald
sei gebannt, das Tier im Wald, der Vogel in der Luft, der
Fisch im Wasser gehöre dem Bauer nicht mehr; und schon in
einem Landfrieden der Jahre 1895 und 1396 wird die Jagd
allgemein nur den Fürsten, Grafen und Herren, den Reichs—
städten und dem Klerus zugesprochen, vom Jagdrecht der
Markgenossen ist nicht mehr die Rede. Das 185. Jahrhundert
aber brachte dann die Ausbildung ungemessener Jagdfronden,
die grausamen Strafen gegen jeden Jagdfrevel bis zur Ent—
mannung, zum Ausstechen der Augen und zum Verlust der
Hände, und die furchtbaren Wildschäden, denen zu steuern dem
Bauer in jeder Weise verwehrt ward.
Wahrlich, allein der rein ländliche, grundherrliche Druck
hätte genügt, eine Revolution zu entzünden; er hat freie Bauern
fast nur noch in sterreich, Steiermark, Kärnthen, Tirol und
dem südlichen Bayern, in den friesischen und niedersächsischen
Gegenden der Meeresküste — an den Grenzen des Deutsch—
tums, bis wohin die centrale Entwicklung nur matte Wellen
warf — und vereinzelt in Schwaben und Franken hinterlassen.
Politische Rechte in ständischer Vertretung aber wahrten sich
fast nur die Landgemeinden Frieslands und Tirols. Und das
alles zu einer Zeit, da im nördlichen Frankreich, namentlich in
der Normandie, ein neues Geschlecht freier Bauern empor—⸗
wuchs, in der Periode blühendster Verhältnisse der Freeholders
in England.
Der Grund für die abweichende deutsche Entwicklung, deren
Anfänge im 18. Jahrhundert ebenfalls viel versprochen hatten!,
lag nicht allein in der Entwicklung auf ländlichem Boden.
Nicht zum geringsten den Ausschlag gab die Thatsache, daß
in Deutschland sich die Geldwirtschaft infolge der Ohnmacht

Vgl. Band III S. 63f.
        <pb n="96" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 85

der königlichen Centralgewalt von Anfang an fast allein und
schließlich in völlig bewußter Ausschließlichkeit nur in den
Städten entwickelt hattei. Die Folge war, daß dem Lande nur
die Schattenseiten, fast gar nicht die Lichtseiten der geldwirt⸗
schaftlichen Revolution wahrnehmbar wurden: es war keine Rede
von einer gesunden sozialen und wirtschaftlichen Endosmose beider
Teile, welche die allzurasche Entwicklung in den Städten und
das Zurückbleiben auf dem Lande in gleicher Weise verhindert
haben würde.
Schon im 183. Jahrhundert gelang es den Bürgern, ihre
eigenartige Produktion streng auf das Weichbild der Stadt zu
begrenzen; namentlich war das da der Fall, wo die landes⸗
fürstliche und die kaiserliche Gewalt gering waren, in Schwaben,
am Oberrhein, in Flandern: Gent hat schon im Jahre 1297
das Verbot durchgesetzt, daß im Umkreis von drei Meilen um
die Stadt Tuch fabriziert werde. Seit Ende des 14. Jahr—
hunderts erfolgte dann der personale Abschluß der Städte vom
platten Lande; die Sitte, Ausbürger zu gestatten, wurde ab—
geschafft. Später verfiel auch das Pfahlbürgertum; schon die
Gesetzgebung Karls IV. war in diesem Punkte liberaler, als
die städtische Paris; in den dreißiger Jahren des 15. Jahr⸗
hunderts sprach sich dann König Sigmund gegen die ganze
Einrichtung aus und verbot sogar den „armfreien“ Leuten des
Landgerichts Schwaben ganz allgemein, Bürger zu werden.
Damit war der hermetische Verschluß der Städte gegen das
Land, soweit nur thunlich, durchgeführt, und er blieb bestehen
bis tief in spätere Zeiten; im Jahre 1524 verlangen z. B.
die Bürger Münsters von weltlicher wie geistlicher Obrigkeit,
zu verbieten, daß in den Dörfern im Umkreis von zwei Meilen
Handwerk getrieben, ja Bier gebraut und Brot gebacken werde
zum Nachteil der Bürger; und 1531 sucht die Tübinger
Juristenfakultät die Ausschließung des platten Landes von den
Gewerben als vom römischen Recht erfordert zu erweisen.
So konnten die Einwirkungen der städtischen Geldwirt—

Vgl. Band III S. 28 ff.
        <pb n="97" />
        36 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

schaft auf das platte Land fast nur mittelbarer Art sein. Und
auf diesem Gebiete waren sie zumeist verderblich.
Der Adel vom Lande sah den zunehmenden Reichtum des
städtischen Patriziats, ja der städtischen Zünfte. In einer Zeit,
in der aristokratische Geltung noch fast ausschließlich auf höherer
materieller Lebenshaltung beruhte, mußte er alles daran wenden,
es dem Bürger gleich zu thun. Woher aber die Mittel nehmen?
Die Grundherrschaften waren verfallen; der Ritter verspürte
keine Lust, ländlicher Unternehmer zu werden; nicht häufig er—
höhte er seine Einnahmen durch Schafhaltung und Wollverkauf
oder durch Teilnahme an bürgerlichen kaufmännischen Geschäften;
ausgesprochene Getreide-, Holz⸗ und Viehhändler sind erst die
Rittergutsbesitzer des 16. Jahrhunderts in den östlichen Kolonial—
gebieten geworden. So war die erste Empfindung beim Adel
die des ohnmächtigen Neides auf die reichen Bürger, die ver—
hätschelten Kinder der geldwirtschaftlichen Entwicklung. Mit
Vorliebe nannte sie der Adel Bauern:

die paurn, die wellen uns fressen,
den adel wolbekant; —
das well gott nit verhengen
wir wellens fürbass sprengen,
recht wie die sew besengen.

Und grausam empfand er den Abstand der alten natural—
wirtschaftlichen Zeiten und der neuen Veriode der Bürger:

Kaufleut seind eédel worden.
das sicht man taglich wol;
man soll sie aussher kKlauben
auss iren füchsinen schauben
mit prennen und mit rauben
die selbige kaufleut gut,
das schafft ir übermüt.

Aber er durfte sich nicht schlagen lassen. Er mußte es
dem Bürger an Luxus zuvorthun. Stutzertum und Brutalität
        <pb n="98" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 87

sugleich wurden Kennzeichen des Ritters. Der österreichische
Adel machte seine Haare mit allen Toilettenkünsten blond und
lockig; er eiferte den Weibern nach in Stimme, Gang und
Tracht — und er plünderte zugleich die Kirchen, schand und
schabte die Bauern. Anderswo war es nicht besser; überall
herrschte derselbe unsinnige Luxus eines verlumpten Adels,
und überall hatten die Bauern die Kosten zu tragen. Alle
Jahre erhöhen die Grundherren den Bauern die Gulte, meint
der Nurnberger Hans Rosenplüt um 1450; so er darüber etwas
sagt, schlägt man ihn nieder als ein Rind; mögen sein Weib
und seine Kinder sterben und verderben, da giebt es keine
Gnade. Und für Schwaben werden wir zur selben Zeit belehrt,
daß die einfachen, bisher gebrauchten Mittel zur Erhöhung der
grundherrlichen Einnahmen schon nicht mehr genügten; man
begann, die Heiratserlaubnis für die Leibeigenen finanziell aus—
zubeuten; man erhöhte die gerichtlichen Strafen willkürlich;
man erkannte für den Erlaß von Zins und Pacht keinerlei
höhere Gewalt als Hagelschlag und Kriegsverwüstung mehr an.
Ja die Bauernplackerei wurde bereits Selbstzweck; Rustica
gens optima flens, pessima gaudens: so spricht der Züricher
Felix Hemmerlin (7 1457) in seinem adelsfreundlichen Buche
De nopilitate die neue cynische Auffassung aus.
Inzwischen begannen sich die verderblichen indirekten Ein⸗
wirkungen der bürgerlichen Geldwirtschaft auf das platte Land
auch gegenüber dem Bauer unmittelbar zu äußern. Die Preise
für die Landesprodukte fielen gerade in den meist bevölkerten
Gegenden infolge der ausgleichenden Wirkung des steigenden
Verkehrs; die alten Lasten dagegen wuchsen, da sie jetzt geld⸗
wirtschaftlich genau erhoben wurden, so namentlich der Zehnt.
Zugleich begannen die Bürger überschüssige Kapitalien in länd—
lichen Werten anzulegen; sie kauften freie Großbauern aus und
zrwarben vom Adel bäuerliche Zinse, die sie meist noch herz—
loser einforderten, als der mit dem Lande immerhin noch ver—
wachsene Grundherr: damit hoben sie zugleich die wohlhaben—
deren Klassen heraus aus dem Boden des platten Landes:
nicht selten wanderten ausgekaufte Bauern und Ritter der
        <pb n="99" />
        38

Vierzehntes Buch. Zweites UKapitel.

Stadt zu, und das Land litt an steigender Verarmung. Auf
den Gütern aber, die Bürger erworben hatten, wurde eine viel
intensivere, kapitalbefruchtete Wirtschaft eingeführt; hier ent—
standen Kulturen von Handelsgewächsen, hier begann man
Schlagwirtschaft im herrschaftlichen Walde, und Gartenkulturen
hrachten ungewohnten Gewinn.
Der Bauer hätte diesem Wettbewerb nur durch intensiveren
Anbau auch von seiner Seite her folgen können. Aber dafür
versagten seine Kräfte. Schon mußte er, soweit er grundhold
war, die Bodenrente, und mehr als diese, unter der Form
von Zinsen und Dienstleistungen an seinen Herren abführen.
Mittel zur Melioration verblieben ihm nicht. Er konnte nur
städtischen Kredit aufsuchen. Und das mochte Erfolg haben,
glückte es ihm, den langbefristeten Kredit des alten Rentenkaufs
mit anfangs 1000, später nur 50/0 Zinsen zu erhalten. Aber
wie viele mußten sich nicht unter die Forderungen kurzbefristeten,
kaufmännischen Kredits mit 30—50, ja über 80/0 Zinsen
—DD
bei ihnen um reine Auswucherung. Und früh bereits war
dies Wuchersystem in einzelnen Gegenden verbreitet; schon der
Aufstand der flandrischen Bauern vom Jahre 1824 war teil—
weise dagegen gerichtt. Im 15. Jahrhundert aber waren
ganze Gegenden namentlich Südwestdeutschlands ausgewuchert,
schon um 1430 befürchtete man hier in den großen Städten
einen allgemeinen agrarischen Aufruhr zur Abwehr von Wucher—
zins und grundherrlicher Gülte. Ist es dann zur Vertreibung
der Juden 1432 aus Sachsen, 1450 aus Bayern, 1453 aus
dem Bistum Würzburg, 1470 aus dem Erzstift Mainz ge—
kommen, so mag auch hier die ländliche Wucherfrage mit—
gewirkt haben, denn eben die Juden trieben den schamlosesten
Wucher. Die Reichsgesetzgebung aber hat sich der ländlichen
Not erst spät, auf dem Reichstag zu Augsburg im Jahre 1500,
und immer ungenügend entgegengestellt.
Der Bauer seinerseits geriet, so mannigfachen, stets un—
günstigen Einflüssen ausgesetzt, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in
trostlosere Verzweiflung. Noch in der Stauferzeit hatte ihm
        <pb n="100" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 89

die goldene Zukunft der Freiheit gewinkt — und jetzt war er
nicht seiner Leibesnahrung mehr sicher. Und niemand fühlte
zunächst mit ihm, außer etwa der niedere Klerus und der Haufe
der Landsknechte, der aus den kräftigsten seiner verlorenen
Söhne gebildet war. Ja mehr noch: er ward verhöhnt und
verachtet. Von Neidhard von Reuenthal bis zu den Satirikern
des 16. Jahrhunderts läuft eine ununterbrochene Kette von
adligen und bürgerlichen Spöttern, und hatten die ritterlichen
Zeiten sich mit leiser Persiflage begnügt, so fuhr das städtische
Fastnachtsspiel und der bürgerliche Schwank grob darein mit
der Wendung:

Der Bauer ist an Ochsen statt,
Nur daß er keine Hörner hat;

und Flegel und Filzhut, Karrensetzer und Ackertrapp wurden
zu noch verhältnismäßig anständigen Bezeichnungen des Manns
oom Lande.
Es handelte sich dabei nicht bloß um schlechten Scherz.
Die allgemeine Verhöhnung nicht minder, wie der grobe und
tölpelhafte Luxus, in dem der Bauer sich äußerlich den andern
Ständen gleichstellen wollte, zeigten mit erschreckender Klarheit,
daß der Bauer ausgeschieden war aus der Reihe der fort—
schreitenden, auf gleicher Linie der Entwicklung sich bewegenden
Stände, daß er zum sozialen Paria geworden war. Wer ver⸗
stand seine Bildung noch, sein Denken und Fühlen? Alter—
tümlich war es und wies in tausend Rechtsformen und aber—⸗
gläubischen Gewohnheiten, in Sitte und Brauch zurück in die
frühe Vorzeit unseres Volkes. Über ihn hin gegangen war die
lateinische Bildung des Klerus in der karlingischen und otto—
nischen Renaissance, die dichterische Bildung des Ritterwesens
der Stauferzeit, die Entfaltung des bürgerlichen Geistes im
14. Jahrhundert. Sollte er auch ferner noch weiter unter—
drückt werden? Sollte er der unwissende, elende, verachtete
Sklave werden seines Volkes? Das war die Frage.
        <pb n="101" />
        30 Vierzehntes Buch. Zweites UKapitel.

IV.

Es war ein hervorragend nationales, öffentliches Interesse,
daß dem Verfall der bäuerlichen Kultur entgegengetreten würde.
Es war nicht minder ein öffentliches Interesse, daß die hyper—
trophischen Auswüchse der Geldwirtschaft in den Städten be—
schnitten würden.
Haben Staat und Gesellschaft des ausgehenden Mittel—
alters diese Aufgaben verstanden? Und haben sie sie gelöst?
Die öffentliche Meinung ist über die zunehmenden Schäden
in Stadt und Land nicht im Unklaren geblieben. Namentlich
die auffallendste Erscheinung, die Entwicklung des kapitalistischen
Individualismus, erfüllte sie mit Zorn und Bedenken. Schon
Rulman Merswin betont nach der Mitte des 14. Jahrhunderts, es
sei der greulichste Geiz unter den Kaufleuten aufgestanden; früher
begnügten sich die Kaufleute mit kleinem Gut; jetzt machen sie
Teuerung in Korn und Wein. Gegen die Monopolgesellschaften
wie überhaupt gegen die Vergesellschaftung des Unternehmer—
kapitals wendet sich dann bereits die Reformation Kaiser Sig—
munds vom Jahre 1488; sie ist über die zu Grunde liegenden
wirtschaftlichen Zusammenhänge völlig klar; gegen die Ringe
schlägt sie schon gesetzgeberische Maßregeln vor, deren Durch—
führung nach manchen Seiten in der That Abhülfe geschaffen
haben würde. Seitdem aber hört die öffentliche Kritik des kauf—
männischen Kapitalismus überhaupt nicht mehr auf; Luther
giebt ihr nahezu ein Jahrhundert später nur eine neue Form,
wenn er mit dem Propheten ausruft: Wehe denen, die ein
Haus an das andere ziehen und einen Acker zum anderen
bringen, bis daß kein Raum mehr da sei, daß sie allein das
Land besitzen!
Vor allem waren es aber auch im 16. Jahrhundert noch
die Ringe und Gesellschaften, gegen die man sich wandte.
Luther meinte, der ausländische Kaufhandel, der aus Kalikut
und Indien und dergleichen Ware bringt, als solch köstlich
Seiden- und Goldwerk und Wurze, die nur zur Pracht und
keinem Nutz dient und Land und Leuten das Geld aussauget,
        <pb n="102" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 91

sollt nicht zugelassen werden, wo wir ein Regiment und Fürsten
hätten. Es war das noch eine sehr gemäßigte Ansicht, Radi⸗
fale forderten viel mehr: alle Fuggerei soll abgethan sein; kein
Wein, Tuch, Frucht, die in unserem Lande nicht erzeugt ist,
soll eingeführt werden, man müßte es denn zu großer Leibes⸗
iot thun.
Und diese Strömung ging durch alle Schichten des Volkes.
Daß Adel und Bauern so dachten, war selbstverständlich. Aber
auch in den Städten regte sich die Opposition immer mehr,
zumal man das ungewöhnliche Steigen der Preise, wie es
schon in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts be⸗
merklich wurde, übertrieben fast allein den Geschäftskniffen der
Ringe Schuld gab. Die Gemeinden, mit Ausnahme der großen
Kaufleute, traten mit Klagen und Reformplänen auf, im Süden
wie im Norden; nach der sog. Reformation Kaiser Friedrichs III.
soll kein Kaufmann und keine Gesellschaft einen größeren Handel
treiben als bis zu einem Geschäftskapital von 10000 rheini⸗
schen Gulden: was man darüber besitzt, soll man der Obrigkeit
um 40/0 Zinsen leihen; diese wird das Geld zu 80/0 weiter
oerleihen an arme geschickte Gesellen, die sich mit einem ge—
ringen Kapital wohl zu nähren wissen.
Man sieht, die gesetzgeberischen Maßregeln gegen den kauf—⸗
männischen Kapitalismus sollten auf dem Gebiete des Hand⸗
werks dem Ausgleich zwischen den kapitalreichen Zunftmeistern
und den armen Gesellen zu gute kommen. Denn auch die
Entartung der Zunfte war längst als ein allgemeines Übel
erkannt; schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts
sprechen die Quellen hierüber laut und deutlich. Indes mehr
als durch positive Bedenken ward die öffentliche Meinung auf
diesem Gebiete doch durch die stets wachsende Gefahr proleta⸗
rischer Auffassung des Lebens und der Arbeit seitens der unteren
Volksklassen beunruhigt. Sebastian Franck spricht einmal da—
von, es sei soweit gekommen, daß Arbeit als Schande gelte,
und Luther führt in seinem Sermon von guten Werken im
Jahre 1520 aus: Niemand will arbeiten; darum müssen die
Zandwerksleute ihre Knechte feiern lassen; die sind dann frei,
        <pb n="103" />
        52

Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

und mag niemand sie zähmen. Wo aber eine Ordnung wäre,
daß sie müßten im Gehorsam gehn und fie niemand aufnähme
an andern Orten, hätte man diesem Übel ein großes Loch
gestopft. Es war schon nicht mehr der Gedanke einer organi—
schen Reform, sondern nur noch der einer Repression, deren
Durchführung die Katastrophe nicht mehr vermeidbar machen
konnte. Sehr begreiflich, denn schon war das Proletariat viel—
fach dem reinen Bettel zugesunken. Dem späteren Mittelalter,
dessen religiöses Ideal das Armutsleben Christi und seiner
Jünger war, galt die Armut als heilig. Und in der That:
trug das Armutsleben den Charakter stoischer Resignation und
glücklicher Fügsamkeit unter den Willen Gottes, so war eine
solche Anschauung den edleren Trieben des spätmittelalterlichen
Geisteslebens völlig angemessen. Aber schon in den dreißiger
Jahren des 15. Jahrhunderts mußte ein klardenkender Geist
mahnen: alles abmüssen sol diemüteklich empfangen wer—
den, trewlich behalten werden, nutzlich angelett werden,
gnadenreichlich verdient und trostlich genossen werden
und zu frucht gebracht werden. Von solcher Auffassung
war einige Generationen später nur noch in Ausnahmefällen
die Rede. Der Bettel war zu einer unerträglichen Landplage
geworden, darin alle Deklassierten ein mit christlichem und
kirchlichem Nimbus umgebenes Dorado fanden: die hehrsten
Ideale einer früheren Zeit erschienen so in den Kot gezogen,
und mit der Armut verband sich eine im innersten Grunde
unsittliche Lebenshaltung.
Und wie sollte man mit diesen Zuständen aufräumen, so
sehr man sie kannte und beklagte, wenn sie in den höheren
ländlichen Schichten gleichsam ein nur noch ekelhafteres Spiegel—
bild fanden! Auch der Adel war verarmt und einem elenden
Räuberleben anheimgefallen. Und er rühmte sich dessen noch.
Ruten, roven, dat en is ghein schande,
dat doint die besten van dem lande

lautete ein bekannter westfälischer Spruch aus dem Ausgang
des 15. Jahrhunderts, und Hutten führte in seinem Dialog
        <pb n="104" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 983

Prädones aus, es gäbe vier Klassen von Räubern in Deutsch⸗
land, die Ritter, die Kaufleute, die Juristen, die Pfaffen, die
Ritter aber wären noch die unschädlichsten unter ihnen.
So ergab sich ein verhängnisvoller Zirkel. Man war
völlig klar über die Wurzel des Übels, einen hypertrophisch
entwickelten individualistischen Kapitalismus in den Städten;
man wußte, daß dieser die Ringe und Gesellschaften hervor⸗
gebracht, die Zunfte entartet, das Proletariat verschuldet, den
ländlichen Adel in Mitleidenschaft gezogen hatte. Wenigstens
diese Quelle einer kommenden Revolution hätte man verstopfen
können; es wäre eine wesentliche Erleichterung auch für die
Schäden der selbständigen Entwicklung des platten Landes
gewesen. Aber die Stände, die sich einer gesunden Reaktion
gegen den Kapitalismus hätten annehmen können, Adel und
unteres Bürgertum, waren selbst in ihrer Entwicklung zu sehr
geschädigt und sittlich gebrochen. Unter diesen Umständen
konnte eine Hilfe nur noch kommen von den öffentlichen Ge—
walten.
Das 14., 15. und 16. Jahrhundert ist das Zeitalter der
Ausbildung territorialer Staatsgewalten. War es nun denkbar,
daß erst in Entwicklung begriffene Mächte sich der Beseitigung
weit eingefressener Schäden widmen würden, zumal wenn diese
über die Territorien hinaus auf den besonderen Schauplatz der
großstädtischen Geschichte wiesen? Die Fürsten hatten zunächst
genug mit der Pflege der eigenen Gewalt zu thun. Darum
entwickelte sich auch ihr wirtschaftliches und soziales Ver—
ständnis, von wenigen Ausnahmen abgesehen, erst spät. Noch
im Jahre 1460 konnte Kaiser Friedrich III. als Landesfürst
in sterreich die Zölle erhöhen und die Münzen verschlechtern
in dem Augenblick, da die ärgste Mißernte drohte; es war
ihm nicht gegenwärtig, daß man mit dem Stocken der Einfuhr
an den Rand des Verderbens gelangen mußte; er sah nicht
—DD
das Vierfache steigen würden. So nahmen sich die Fürsten
von sich aus der städtischen Entwicklung kaum anders an, als
im Interesse der Erhöhung ihrer eigenen Machtstellung; auf
        <pb n="105" />
        94

Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

diesem Gebiete versuchten sie in chikanöser Münzpolitik und
egoistischen Verkehrsmaßregeln zu gewinnen; eine soziale Ein—
wirkung aber auf die städtischen Verhältnisse lag ihnen fast
stets fern, selbst dann, wenn sie von den Territoriallandtagen
gefordert ward.
Im Rahmen ihrer besonderen Territorialpolitik aber waren
sie nicht minder fern von allgemeinen, staatlich-sozialen Gesichts⸗
punkten. Hier hatte allerdings die Geldwirtschaft nach gewissen
Seiten schon auf sie eingewirkt; die Territorialverwaltung und
damit auch die Territorialverfassung schon des 15. Jahr—
hunderts wäre nicht möglich gewesen ohne Voraussetzungen
geldwirtschaftlicher Natur“, und namentlich an den fürstlichen
Höfen selbst begann sich die Lebensführung in ihren ökono—
mischen Grundlagen der Haushaltung reicher Bürgergeschlechter
der Stadt zu nähern. Aber wurden aus diesen Anfängen
geldwirtschaftlicher Einwirkung auf die fürstlichen Gewalten
schon tiefgehende Folgerungen gerade für eine innere Territorial—
politik gezogen? Hier hieß es zunächst nur, die Fürstenmacht
stabilieren über Kleinstädte, Adel und Klerus; dem Bauer zu
Hülfe zu kommen gegen den Adel, der mit allen Mitteln des Ge—
währenlassens nach unten hin zunächst gewonnen werden mußte,
lag nicht im Bereich dringender Aufgaben. Erst später, als der
Adel dem Territorialfürstentum rettungslos unterworfen war, seit
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts frühestens, haben die
Fürsten im Bauernstand eine der unentbehrlichsten finanziellen
Grundlagen ihrer Machtstellung erkannt und ihn vor der Aus—
saugung des Adels zu schützen begonnen. Einstweilen aber galt es
ihnen, an Macht zu gewinnen, wo nur immer zu gewinnen
war; sie waren von nackt egoistischen Gesichtspunkten beherrscht.
Sie konnten, wie Luther sich ausdrückt, nicht mehr, denn
schinden und schaben, einen Fall auf den anderen, einen Zins
über den anderen setzen, da einen Bären, hier einen Wolf aus—
lassen, dazu kein Recht, Treue, noch Wahrheit bei sich gefunden
werden lassen, und handeln, daß es für Räuber und Buben

S. Band IV Buch XIII Kapitel J.
        <pb n="106" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 95

zu viel wäre. Gar wenig Fürsten sind, die man nicht für
Narren oder Buben hält. Das macht, sie beweisen sich
auch also, und der gemeine Mann wird verständig, und
der Fürsten Plage, die Gott contemptum heißt, gewaltig—
lich daher gehet unter dem Pofel und gemeinen Mann!.
Man halte dies Urteil nicht für einseitig; so verschiedene
Geister, wie Hutten und Sebastian Franck urteilen nicht min—
der energisch; und schon der Kardinal von Kues (7 1464)
hatte die politische und soziale Haltung der Fürsten mit den
Worten gekennzeichnet: Wie die Fürsten das Reich verschlingen,
so wird dereinst das Volk die Fürsten verschlingen.
Aber vielleicht war dem Reiche selbst ein besseres Geschick
in der Behandlung der sozialen Schäden beschieden. Es han—
delte sich ja um allgemeine nationale Gebrechen; nur die Reichs—
zesetzgebung konnte mit vollem Erfolg den Ringplatz des
materiellen und sozialen Wettbewerbes zu gunsten der niederen
Schichten umschränken oder wenigstens eine gewisse Ordnung
des gesellschaftlichen Daseinskampfes herbeiführen: und dies
zu thun, war ihre Pflicht wie die Pflicht jeder öffentlichen
Gewalt. Das ist auch im 15. Jahrhundert keineswegs ver—
kannt worden. Aber die Durchführung! Es gelang dem Reiche
in jener totenähnlichen Ohnmacht nicht einmal, das Räuber—
—V
Kammergericht; in dem Entwurf über die innere Reichsordnung
vom Jahre 1502 verlangen die Kurfürsten, die Raubritter
sollten doch wenigstens veranlaßt werden, die Ackerleute und
Weinbauern während ihrer Feldarbeit in Ruhe zu lassen: auch
das wurde nicht erreicht?.
Nirgends aber zeigte sich der klägliche Verfall der Reichs—
gewalt selbst in den Zeiten Karls V. mehr, als in der Be—
—DD
wenigen Ausnahmen rein thatsächlicher Art; sie hatten kein
staatliches Monopol. Hierin lag zweifelsohne eine Schwäche,

Von weltlicher Gewalt, Anfang 1523 (Erlanger Ausq. 22, S. 92)
Val. oben S. 46.
        <pb n="107" />
        —36 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

und schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts empfanden
die Kaufleute das und begannen dagegen Vorkehr zu treffen.
Gern wurden die Teilnehmer eines Ringes nur in einer Stadt
gesucht; dann bestand die Hoffnung, daß diese diplomatisch für
die Ansprüche des Ringes eintreten werde. Noch günstiger war
es, standen Städtebündnisse, die Hanse im Norden, im Süden
der schwäbische Bund im Hintergrunde der kaufmännischen
Bestrebungen: im Jahre 1520 gestand Ulm auf dem Überlinger
Städtetag zu, der schwäbische Bund sei niemand nützlicher, als
den Handelsgesellschaften; der einzelne Kaufmann sitze trocken.
Von hier aus war es zu den monopolistischen Bestrebungen der
großen Handelshäuser, der Fugger und Welser, nur noch ein
Schritt. Diese suchten sich geradezu als politische Mächte im
Reiche einzurichten, gleichsam als Fürsten des Handels in partibus.
 Wie einst die Grundherrschaften aus dem alten öffent—
lichen Verbande der Markgenossenschaften als pseudostaatliche
Gebilde ausgeschieden waren, so wollten sich jetzt diese Handelshäuser
 aus den Städten als pseudostaatliche Mächte ab—
sondern: sie erstrebten namentlich einen besonderen Gerichts—
stand vor dem Kaiser, volle Handelsfreiheit und die Freiheit
der Monopolbildung im Reich, sowie wohl gar noch ein eigenes
Münzrecht. Voll gelungen sind diese Bestrebungen freilich nur
den Fuggern: sie erhielten 1530 den erblichen Reichsgrafenstand
und volle Landeshoheit für ihre Güter und Personen, und
1534 ward ihnen das Münzrecht zu teil.
Was konnte unter solchen Umständen die Gesetzgebung be—
sagen, selbst wenn sie wuchtige Schläge gegen den übertriebenen
individualistischen Kapitalismus geführt hätte! Aber auch
das war nicht der Fall. Zwar hat sich schon Kaiser Sigmund
mit dem Gedanken gesetzlicher Maßregeln gegen Ringe, kauf—
männische Gesellschaften und Fürkauf getragen, und seitdem ist
diese Absicht im 15. Jahrhundert öfters gehegt worden. Zu
Eingang des 16. Jahrhunderts hielt dann Kaiser Max den Ulmern
den großen Schaden vor, den ihre Ringe verursachten: umsonst.
Darauf wurden im Reichstagsabschied vom Jahre 1512 die
Ringe verboten. Vergebens. Dann versprach Karl V. in seiner
        <pb n="108" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 97

Wahlkapitulation die Abschaffung aller Monopole. Vergebens.
Und vergebens eiferten, teilweis unter dem Druck des neu be—
gründeten Reichsregiments, neue Reichstagsbeschlüsse der Jahre
1521, 1524, 1529, 1530, 1532, vergebens die Reichspolizei—
ordnung vom Jahre 1548 gegen sie: noch Ferdinand J. hat
das Versprechen aus der Wahlkapitulation Karls V. wieder—
holen müssen.
Es ist ein trauriges Ringen, in dem die Gesetzgebung sehr
bald in die Hände der Monopolisten fiel durch mehr oder minder
feine Bestechung; fast nur scheinbar wurden der öffentlichen
Meinung durch eine immer erneute Erörterung des Themas und
formelle Beschlußnahmen noch Zugeständnisse gemacht. Die
Entwicklung aber ging hinweg über diese elenden Versuche;
schon längst hatte sie revolutionären Charakter angenommen.
Vertieft wurde dieser Charakter noch durch einen geradezu
heillosen Zwiespalt des Rechtsbewußtseins, der sich im tiefsten
Grunde ebenfalls aus dem völligen Zerfall der Staatsgewalt
seit dem 12. Jahrhundert und aus dem dadurch ermöglichten,
beinah ganz getrennten Entwicklungsgange des platten Landes
und der Großstädte ergab.
Das deutsche Recht war im Laufe der uns bekannten ge—
schichtlichen Entwicklung zu einem ländlichen Rechte geworden;
in seiner allmählichen Umformung hatte es alle Stufen des
naturalwirtschaftlichen Zeitalters begleitet. Darauf, mit der
Ausbildung der Geldwirtschaft in den Städten, war sein
Übergang zu einem geldwirtschaftlich charakterisierten Rechte
innerhalb der städtischen Entwicklung unvermeidlich geworden.
Aber nur innerhalb der städtischen Entwicklung. Auf dem
Lande behielt es sein altes Wesen um so treuer bei, je weniger
fortschrittlich, je mehr reaktionär schließlich die ländliche Ent—
wicklung verlief. So entstand ein doppeltes deutsches Recht,
ein noch unausgebildetes der Städte, ein überreifes, in Schwan—
kungen geratendes des platten Landes. Die Folge konnte
nur allgemeine Unsicherheit des materiellen Rechtes sein, um
so mehr, als die Weiterbildung des Rechtes nicht durch eine
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. p
        <pb n="109" />
        —98 vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

einheitliche Reichsgesetzgebung, sondern durch Abertausende von
Sprüchen einzelner Gerichtshöfe erfolgte. Und die Rechts⸗
unsicherheit ward um so größer, da auch die Gerichtsverfassung
mit dem Verfall des alten Reiches, mit dem Aufkommen terri⸗
zrialer und städtischer Gerichtsbarkeit, mit der Ausbildung
grundherrlicher, vogteilicher und mannigfach⸗genossenschaftlicher
Gerichte völlig ins Ungewisse eingelenkt war. Es war ein Zu⸗
—0 festere Gerichts⸗
verfassung Westfalens unter der Form der Feme ihre Kompe—
tenzen mißbräuchlich über das Reich erstrecken konnte, aus
dem heraus man schon seit Wende des 14. und 15. Jahr⸗
hunderts immer lauter und verzweifelter nach einer Kodi—
fikation deutschen Rechtes schrie.
Eitles Verlangen! Wer sollte sie durchführen? Etwa das
Reich, dessen Autorität auf diesem Gebiete schon im 13. Jahr⸗
hundert einer freilich für die Zeit vortrefflichen Privatarbeit, dem
Sachsenspiegel Eikes von Repgow, teilweis gewichen war?
Oder die Fürsten mit ihren partikularen Tendenzen? Die
Einheit des deutschen Rechts war in landschaftlicher Zersplitte—
rung und im Gegensatz von Staat und Land unheilbar ver⸗
loren gegangen.
Selbst gegen die neue kapitalistische Wirtschaftsordnung,
von deren voller juristischer Durchdringung kaum die Rede war,
war das deutsche Recht zu schwach, von seinen älteren, natural⸗
wirtschaftlichen Prinzipien aus auch nur grundsätzlich Front zu
machen. Diese Rolle fiel vielmehr dem kanonischen Rechte zu,
das sich im Anschluß an gewisse Lehren des neuen Testaments
und unter dem Einfluß der frühen naturalwirtschaftlichen Zeit
zu einem socialistischen Rechte entwickelt hatte. Es hatte dem—
gemäß als wirtschaftliches Ideal die Gütergemeinschaft auf—⸗
gestellt: dulcissima rerum possessio communis est. Es
hatte weiterhin den Gebrauchswert der Güter allein anerkannt,
nicht auch ihre werbende Kraft; und somit war es ursprüng⸗
lich auf volle Verwerfung des kaufmännischen Standes und
jeder kapitalistischen Produktion als einer irreligiös⸗unsittlichen
Lebensgrundlage ausgegangen. Dieser schroffe Standpunkt
        <pb n="110" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 99

war dann zwar schon im Laufe des 14. Jahrhunderts einigen
Bedenken begegnet und wurde im 15. Jahrhundert in gewissen
Bestimmungen der kanonischen Gesetzgebung selbst abgeschwächt:
im ganzen aber blieb doch bestehen, daß das Kirchenrecht, in
dieser Richtung zugleich der Stellvertreter eines Widerspruchs
des deutschen Rechts, der Evolution des kapitalistischen Indi⸗
vidualismus ungünstig war.
Da kam dieser Entwicklung einer der merkwürdigsten und
folgenreichsten Vorgänge der deutschen Geschichte zu Hülfe, die
Rezeption des römischen Rechtes.
Das römische Recht als Ganzes hatte lange Zeit zur
deutschen Kultur kaum eine wichtigere Beziehung gehabt. Zwar
bergen unsere Volksrechte des 5. bis 8. Jahrhunderts gelegent⸗
lich einige Reminiscenzen daran, und im Prozeßrecht wie in
einzelnen Rechtsstoffen des in Deutschland gültigen kanonischen
Rechts lassen sich wesentlichere römisch-rechtliche Einflüsse nach⸗
weisen. Eine intimere Bedeutung aber für die specifisch
nationale Entwicklung erhielt das fremde Recht doch erst
durch die enge Verbindung zwischen kaiserlichem Diadem und
deutscher Königskrone. Hier war die Zeit der frühen Staufer
entscheidend. Friedrich J. machte sich das Wiedererwachen der
römischen Jurisprudenz in Bologna für seine lombardischen
Pläne zu nutze!; er konnte das aber nur, indem er das
römische Recht als das noch immer geltende kaiserliche Recht
betrachtete. Von hier aus war bei den fast untrennbaren
Beziehungen zwischen kaiserlicher und königlicher Gewalt in
Deutschland die Übernahme römischen Rechtes auf deutsche
Verhaltnisse sehr leicht gemacht. Freilich griff deshalb das
fremde Recht in die bestehende deutsche Rechtsordnung noch
nicht eigentlich zerstörend ein; es begann nur langsam ab—
sterbende Zweige dieses Rechtes zu ersetzen, neue Triebe, deren
dieses Recht nicht mehr fähig war, von sich aus zu bilden.
Indes diese Stellung genügte, um dem fremden Recht eine
von Geschlecht zu Geschlecht steigende Bedeutung zu sichern,

Bgl. Band III S. 182 f.
        <pb n="111" />
        100 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

und so erschien es schließlich in der Reichsgesetzgebung als das
eigentliche, das grundsätzliche kaiserliche Recht, und das deutsche
Recht erhielt eine nur noch subsidiäre Bedeutung.
Und schon kam dieser Entwicklung von oben her eine
autonome Bewegung von unten her entgegen. Von Italien
aus verbreitete sich in weite Schichten des Klerus, bald auch
der gebildeten Laien römisch-juristische Bildung. Das deutsche
Recht hatte es noch nicht zu einer rein intellektuellen Durch⸗
bildung seiner Materien gebracht; in ihm herrschte noch die
formalistische Behandlung des Rechtsstoffes, wie sie das alte
Zeitalter symbolischen Geisteslebens gezeitigt hattei. Nun
dedurfte aber die geldwirtschaftliche Entwicklung mit ihrer
rein sachlichen, personell und damit formalistisch nicht mehr
gebundenen Behandlung der Geschäfte auch einer solchen nüch—
lernen, rein intellektuellen Auffassung des Rechtes. Im deutschen
Recht würde man sie mühsam haben entwickeln müssen. Im
römischen Recht bot sie sich ungezwungen in großer Vollendung
dar. So war es fast unvermeidlich, daß man nach der fer⸗
tigen Darstellungsweise des römischen Rechtes ebenso griff,
wie das emporkommende Rittertum der Stauferzeit sich die
weiter entfalteten ritterlichen Lebensformen des französischen
Adels zu eigen gemacht hatte. Die Vermittlerinnen dieser
Rezeption waren anfangs die deutschen und die fremden Dom⸗
schulen, später die italienischen Universitäten, die von zahl—⸗
reichen deutschen Studierenden besucht wurden, und wohl auch
die geistlichen Offizialate, endlich aber und vor allem die
deutschen Hochschulen, deren älteste, Prag, Wien und Heidel⸗
berg in den Jahren 1848, 1868 und 1386 begründet wurden?.
Und so ward denn das Jahrhundert der großen Gärungen,
das fünfzehnte, auch das der übermächtigen Rezeption des
fremden Rechts. Formal völlig gesichert und abgeschlossen
erscheint der Vorgang der Rezeption gegen Ende des Jahr—⸗
hunderts: der Reichsabschied von Worms im Jahre 1495

1Vgl. Band J S. 184 ff.
Hierüber Genaueres unten im Kapitel 4 Nr. II dieses Buches.

2
        <pb n="112" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 101

weist Ritter und Beisitzer des Reichskammergerichts an, nach
römischem Recht zu sprechen, und die Territorialgerichtsord⸗
nungen nehmen alsbald die gegebene Anregung auch für die
Rechtsprechung in den einzelnen Ländern auf.
Unter welchen Umständen hatte nun das römische Recht
diejenigen Grundsätze und diejenige Denkweise entwickelt, die in
die deutsche Entwicklung eingeführt werden sollten? In Rom
war die alte Sklavenwirtschaft in Gesinde- und Familien⸗
verfassung, wie sie die besseren Zeiten der älteren Republik ge—
kannt hatten, mit der Ausdehnung des Reichs über Italien,
Sizilien und den Orient zu Grunde gegangen. Entwickelt
hatten sich an ihrer Statt allmählich Großbetriebe der einzelnen
einflußreichen Geschlechter mit Herden von Sklaven, die nach rein
finanziellem Gesichtspunkt geleitet wurden, mochte es sich um
Ackerbau oder um industrielle Anlagen handeln. Die Familien
der Sklaven zählten nach Hunderten und Tausenden; der Besitz
bon zweitausend in einer Hand ist nicht unerhört; sie wurden
berwendet in Unternehmungen größten Stils.
In diesem Betrieb entwickelten sich nun Zustände des aus—
geprägtesten kapitalistischen Individualismus: ausschweifender
Reichtum weniger, furchtbare Armut der Massen, schon im
Jahre 104 v. Chr. erklärte ein Konsul, es gäbe in Rom
höchstens 2000 Personen, die Vermögen besäßen. In der
That bestand der Adel aus den rücksichtslosesten Geschäfts—
leuten, einigen hundert Senatoren, einigen tausend Ritter—
familien mit einem eklen Anhang von Emporkömmlingen aus
—
leute. In diesen Kreisen entschied sich das Schicksal des
Weltreichs in halb wirtschaftlichem, halb politischem Ringen;
Cäsar und Augustus siegten als verwegenste und glücklichste
Spekulanten, und die Familia des Augustus übernahm den
größeren Teil der politischen Verwaltung, wie ein Teil
feines Privatvermögens den Staatsschatz bildete; das Reich
ward zu einer geschäftlich betrachteten und betriebenen Riesen—
unternehmung.
In diesen Kämpfen erwuchs eine hartherzige und uner—
        <pb n="113" />
        102 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

bittlich konsequente Gesellschaft, deren Vorfahren ebenso muster—
haft durch eine rein individualistische Geschäftsführung dis—
cipliniert worden waren, wie sie jetzt selbst nach unten, in die
Sklavenherden und die Masse der abhängigen Leute hinein
organisierten und disciplinierten. Die Handhabe aber zu diesem
Vorgehen lieferte das klar auf die Zwecke des höchsten wirt—
schaftlichen Egoismus zugeschnittene, grundsätzlich jeder Regung
des Gewissens wie der Sittlichkeit verschlossene Recht.
Und dies Recht, wenn auch in mannigfacher Abschwächung,
ward jetzt der deutschen Entwicklung eingeimpft. Und es war
dabei nicht bloß die modernere, intellektualistische Fassung des
Rechts, die in Betracht kam; das materielle Recht selbst drängte
sich der deutschen Rechtsordnung ein. Ein unsäglich schmerz—
licher Konflikt der völlig von einander abweichenden Rechts—
anschauungen, eine vollkommene Verwirrung des öffentlichen
Rechtsbewußtseins, ein tiefes Einnisten schamloser öffentlicher
Unsittlichkeit war die nächste Folge.
Die Glosse zum Sachsenspiegel führt einmal aus: Gut
ohne Ehre ist kein Gut; und Leib ohne Ehre hat man für
tot; alle Ehre aber kommt von der Treue. Ein römischer
Kaiser aber hat das berüchtigte Non olet gesprochen; und
Ehre und Treue sind dem römischen Recht rein äußerliche Be—
griffe der Rechtsordnung ohne irgendwelche sittliche Beziehung,
find ihm existimatio und bona sßdes: schon Tacitus hat
darum die germanische Treue prava pervicacia genannt. Die
tiefsten sittlichen Verankerungen des deutschen und römischen
Rechtes führen also in durchaus entgegengesetzten Boden: kein
Wunder, wenn sie sich in der Ausprägung aller grundlegenden
Rechtsbegriffe wie Feuer und Wasser verhalten. Dem deutschen
Rechte fehlten alle Züge abstrakt individualistischen Rechts; es
kannte im allgemeinen keine Stellvertretung in Rechtsgeschäften,
es kannte nicht die Institution der juristischen Person, sein
Eigentumsbegriff war sittlich-sozialer Natur; das Eigentum
erschien ihm stets als Träger nur von Rechten und Pflichten,
nicht als Objekt individualer Willkür und Herrschaft. Mußte
unter diesen Umständen nicht die Injektion des römischen
        <pb n="114" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 108

Rechts die deutsche Volksseele fieberhaft aufregen, selbst wenn
die deutsche materielle Kultur sich einer Zukunft entgegenbewegte,
deren Denkweise der des römischen Rechts näher lag?
Und schon machten sich auf dem Gebiete der sozialen
Entwicklung die Wirkungen des neuen Rechts fühlbar. Es
war zunächst klar, daß die kapitalistische Entwicklung in den
Städten an ihm eine höchst erwünschte Stütze finden mußte
gegen die Anschauungen des deutschen und des kanonischen
Rechts. Es war ferner klar, daß die Einführung römischer
Rechtsgedanken auf dem platten Lande den schon bestehenden
Gegensatz zwischen Adel und Bauern vergrößern mußte. Bis⸗
her hatte der adlige Grundherr trotz aller Plackerei doch seine
Grundherrschaft niemals mit dem Auge des römischen Ritters
als einen ländlichen Sklavenbetrieb im großen zu betrachten
gewagt; die sozialen und psychologischen Triebfedern seiner
Anschauungen waren immer germanisch geblieben. Wie, wenn
er jetzt — nach römischem Recht so mild als möglich — seine
Herrschaft als dominium, seine selbstthätiger Rechtsbildung
verlustig gegangenen Bauern als coloni, sein Verhältnis zu
ihnen als locatio-conductio betrachtete und die markgenossen—
schaftlichen Rechte, weil im römischen Rechte nicht vorgezeichnet,
als thatsächlich nicht vorhanden ansah? Die Möglichkeit hier—
für wuchs von Tag zu Tag, und mit feinem Instinkt witterte
die Nation sie seit früher Stunde. Bald ertönte im 15. Jahr—
hundert die Klage, daß das alte einfältige Recht durch fremdes
Recht verdrückt werde; und rasch verbreitete sich als ein neues
Rechtssprichwort der Reim:

Das edle Recht ist worden krank,
Den Armen kurz, den Reichen lang.

Unerschöpflich aber war das Volk in haßerfüllter Verhöhnung
der neuen römischen Juristen, an deren Person das Empor—
dringen des neuen römischen Rechts sozusagen greifbar ersicht—
lich war: als Rechtsverdreher und Beutelschneider, als Zungen—
krämer und böse Christen verfielen sie der nationalen Ver—
achtung. Um das zweite und dritte Jahrzehnt des 16. Jahr—
        <pb n="115" />
        —104 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

hunderts aber war man so weit gelangt, daß die Reformation
Kaiser Friedrichs III. in ihrem fünften Artikel die Aufhebung
aller Doctores des weltlichen und geistlichen Rechts verlangen
konnte, denn sie seien besoldete Knechte und nicht Erbdiener
des Rechts.
Nun war aber die Rezeption des römischen Rechts fast die
einzige Maßregel, in deren wirklicher Durchführung sich der Nation
noch das Dasein der alten Reichsverfassung wie der Einfluß
der Territorialgewalten auf sozialem Gebiete generell bemerk—
lich machte. Und die Wirkung fiel hier zu Gunsten der sozial
drückenden Klassen aus, zu Gunsten der städtischen Kapitalisten
und der ländlichen Grundherren. Soweit also öffentliche Ge—
walten sozial wirksam wurden, verfehlten sie ihre Aufgabe
völlig: sie milderten nicht, sie verschärften die bestehenden
Gegensätze. Hülflos und unwissend im ganzen, trieben sie da,
wo sie eingriffen oder gewähren ließen, mit voller Gewalt zum
sozialen Umsturz.
Die Lage war trostlos, und die Revolution ließ nicht
warten. In tausend immer dringlicheren Mahnrufen verkündete
sie ihr Nahen seit den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts.

Das ganze Mittelalter hat kommunistisch-sozialen Ge—
danken und somit gelegentlichen revolutionären Neigungen nicht
sern gestanden.
Jedes große Zeitalter wirtschaftlicher Entwicklung pflegt
eine Periode mehr sozialistischer und eine Periode mehr indivi—
dualistischer Wirtschaftsführung aufzuweisen: die neuen Wirt—
schaftskräfte werden zunächst, weil anders nicht zu bewältigen,
sozialistisch ergriffen, um dann, nach ihrer Beugung unter den
menschlichen Willen, gemäß der verschiedenen Wirtschaftsbefähi—
gung der einzelnen Personen im Volke der individualistischen
Differenzierung zu unterliegen. So folgte im naturwirtschaft⸗
lichen Zeitalter der sozialistischen Periode markgenossenschaft—
licher Gleichheit die individualistische Zeit grundherrlich-grund—
        <pb n="116" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 105

höriger Abstufung, und in der rein geldwirtschaftlichen Ent—
wicklung der Städte während des 12. bis 16. Jahrhunderts
wurde die Zeit sozialistisch gilden- und zunftmäßiger Auffassung
abgelöst durch eine Spätzeit des kapitalistischen Individualismus.
Unter diesen Umständen war während der rein mark—
genossenschaftlichen Periode, also bis tief ins 6. Jahrhundert
hinein, wie während der städtischen Entwicklung des 12. bis
14. Jahrhunderts die Möglichkeit der Ausbildung sozialistischer
Wirtschaftsanschauungen auf germanischem Boden von vorn—
herein gegeben. Diese Anschauungen aber überdauerten beide—
male die Institutionen, daraus sie hervorgingen; niemals ist
deshalb die sozialistische Betrachtungsweise in Deutschland aänz—
lich geschwunden.
Wesentlich trug hierzu wohl auch die Thatsache bei, daß
innerhalb der mittelalterlichen Kirche das kommunistische Ideal
zu jeder Zeit genährt ward. Die Grundlage bildeten hier die
Anschauungen des Neuen Testaments. Die Lehren Christi be—
wegen sich auf der Grundlage einer hohen individualistisch-geld⸗
wirtschaftlichen Kultur; zur Zeit seines Erscheinens hatten die
Juden ihr naturalwirtschaftliches Zeitalter mit der so charakteristi—
schen Erscheinung eines vielleicht einst vorhanden gewesenen Hal⸗
jahrs längst abgestreift. Allein der Herr strebte vom Standpunkt
sozialer Gerechtigkeit aus einen Ausgleich der Schäden jeder indivi—
dualistischen Wirtschaftsform an, indem er das Ideal einer all—
gemeinen wirtschaftlichen Gleichheit als die Erfüllung der Zeiten
gelegentlich andeutete und mit den Begriffen des Friedens, der
Freude, der sittlichen Ausgeglichenheit verband. So bieten die
Lehren des neuen Testaments jedem Zeitalter glückliche Anregung
zu sozialem Denken: denn sie konzentrieren sich nicht in der Forde—
rung konkreter Institutionen, sondern nur in dem Wunsche nach
sozialer und sittlicher Vollkommenheit in Friede und Recht.
Allein schon die Apostelgeschichte entwickelte aus den
Lehren Christi einen praktischen Kommunismus gegenseitiger
Liebe. Und das war das Ideal, das die Kirche des Römer—
reiches gegenüber der Herrschaft eines brutalen wirtschaftlichen
Egoismus aufnahm und weiter bildete: die Väter waren noch
        <pb n="117" />
        106 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

viel ausgesprochener kommunistisch, als die Apostel. Sie
näherten sich damit den zu recht geltenden sozialen Anschau—
ungen der germanischen Völker in der rein markgenossenschaft⸗
lichen Zeit; es ist eines der Momente, das dem Deutschtum
des merowingischen und frühkarlingischen Zeitalters die An—
nahme des Christentums erleichtert haben muß. Und seitdem
entwickelte die Kirche ihr kommunistisches Ideal immer schärfer —
freilich auch immer mehr als Ideal, das der Wirklichkeit nicht
gezieme. Den Fortschritt zeigen die Scholastiker, allen voran
der heilige Thomas.
Andererseits aber begann seit dem 18. Jahrhundert auch
eine kirchliche Bewegung, die wiederum auf praktischen Kom—
munismus hinauslief, wenn auch in sehr eigenartigen Formen.
Die seit dem frühen Mittelalter sich immer mehr vergeistigende
Askese fand das Ziel christlicher Vollkommenheit seit dieser
Zeit in der völligsten Bedürfnislosigkeit auf Erden, in einer
Armut, wie sie Christus bewahrt hatte. In dieser Armut zu
leben ward die Aufgabe von Tausenden edler Geister; die
Armutsbewegung selbst ward bald zu einer Gegenströmung
wider den kapitalistischen Egoismus des Großbürgertums, und
ihre Vertreter, die Minoriten und ihre Affiliirten, ja die
Bettelmönche überhaupt, galten als Lieblinge des gemeinen
Bürgers!.
Die sozialistisch-revolutionären Bewegungen aber, wie sie
auf rein wirtschaftlich-weltlichem Boden auftauchten und in
den Mißständen begründet waren, von denen bisher gesprochen
ward, empfingen von dieser Entwicklung her in den Augen
bieler Zeitgenossen den Abglanz idealer und christlich nicht zu
verwerfender Bestrebungen. Das galt für die Bewegungen in
den Städten, noch mehr aber für die des platten Landes.
Denn der Bauernstand war von jeher der von der biblischen
Anschauung bevorzugte Beruf gewesen: in der That gewährt
er am ehesten die sittlich-konservativen Vorbedingungen christ—
licher Glaubensempfänalichkeit. So ist es nicht zu verwundern,

Vgl. Band IV Buch XII Kapitel 8 Nr. II.
        <pb n="118" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 143. zum 16. Jahrh. 107

wenn die christlichen Sympathien sich schon früh dem geknech—
teten Bauer zuwandten als dem Seligen, der da Leid trägt in
Hoffnung zukünftigen Trostes. Mit Rührung erwähnte man
wohl vor den Enterbten des platten Landes, wie Christus
trotzdem ihren Stand besonders gesegnet habe, indem er es
aussprach: mein Vater ist ein Baumann“; und gern brachte
man den Bauer in Beziehung zu den christlichen Geheimnissen:
Ich pau die frucht mit meiner hand,
daraus sich gott verwandelt in priesters hand.

Es ist eine Stimmung, die alle frommen Gemüter des
15. und 16. Jahrhunderts beherrscht; niemand ist ihr mehr
unterworfen gewesen, als Luther.
Und dieser Strömung mächtiger Sympathien des Ge—
mütes, wie sie den verachteten Bauer moralisch frei machte
zum Widerstand, trat keinerlei Gegenwirkung geistiger Art stark
lähmend entgegen. Die Wissenschaft lag noch in den Fesseln
der Religion, sie war noch nicht selbstherrlich; einzelne ihrer
Zweige, die Astrologie namentlich mit ihren Kalendern, Pro—
gnostiken und Hausbüchlein, haben nur dazu beigetragen, die
bestehenden Neigungen zu verstärken. Und diese Neigungen
zußerten sich noch frei in naturwüchsiger Form, ja in oft
zügellosem Tone; und ihnen kam seit Mitte des 15. Jahr—
—
den Buchdruck entgegen, ohne daß in der Censur schon eine
Kontrolle dieses neuen, unendlich mächtigen Hebels der öffent—
lichen Meinung entwickelt war.
So war eine allgemeine Stimmung für revolutionäre Be—
wegungen, für ihre Durchführung wie ihre Zulassung vor—
handen. Und geistige Anstöße von außen her soraten dafür.
fie noch zu verstärken.
Von Böohmen her drang das husitische Gift ein. Auf
weltlichem Gebiete bedeutete es die Predigt eines internatio—
nalen Sozialismus: wiederholt forderten husitische Manifeste

1Pateéer meéus agricola est, Joh. 15, 1.
        <pb n="119" />
        108 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

zur heiligen und göttlichen Einigung zunächst der Deutschen
und Cechen auf, um eine gerechte Verteilung des Besitzes und
Genusses herbeizuführen. Und den böhmischen Ketzerbriefen
folgten in den dreißiger bis siebenziger Jahren des 15. Jahr—
hunderts, wenn nicht länger, husitische Sendboten, freiwillige
und ausdrücklich ausgeschickte: „es war recht ein Lauf für
arme, üppige Leute, die nicht arbeiten mochten und doch hof—
färtig, üppig und öd waren; denn man fand viele Leute in
allen Landen, die als grob und schnöd waren und den Böhmen
ihrer Ketzerei und Unglaubens gestunden, so sie glimpflichst
konnten . .. Sie hatten die Pfaffen zu Wort, und wie
jedermann mit den andern teilen sollte sein Gut: was auch
vielen schnöden Leuten wohl gefallen hätte.“ So erzählt die
Klingenberger Chronik von Zürich, und das bedeutendste Pro—
gramm husitischer Abkunft, die angebliche Reformation Kaiser
Sigmunds vom Jahre 1488, weist ihrer Entstehung nach auf
Schwaben und Alemannien.
Und gerade hier wirkte noch ein anderes Vorbild revolutio—
när, freilich mehr politisch als sozial: es war das Beispiel
der Schweiz. Unvergessen war im benachbarten Deutschland
der Freiheitskampf der Eidgenossen gegen das Haus Habsburg,
und sie selbst frischten dessen Gedenken auf durch neue Helden—
thaten gegen den burgundischen Tyrannen. Wie gern hätte
man ihnen nachgeeifert; der politischen Befreiung hätte die
soziale ohne weiteres folgen müssen. So wurde das Wort
„schweizerisch werden wollen“ geradezu zum typischen Ausdruck
für jederlei Emanzipationslust; durch ganz Deutschland machte
es die Runde.
Das alles zusammen waren Momente, welche die revolutio—
näre Strömung schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zur
habituellen machten; es fiel nicht auf, wenn Geiler von Kaisers—
berg in einer Predigt des Hungerjahres 1481 den Andächtigen
die Aufforderung zurief: Laufet den reichen Leuten in ihre
Häuser, die Korn haben,; ist es beschlossen, schlagt es mit einer
Art auf und nehmet Korn an ein Kerbholz!
In der That wüteten, als Geiler diese Worte sprach,
        <pb n="120" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 109

schon seit zwei Generationen in Deutschland ununterbrochene
Revolten. Wir kennen schon die städtischen Bewegungen der
zwanziger und dreißiger Jahre des 15. Jahrhunderts!. Ihnen
zur Seite, doch zunächst nur im Gegensatz zu den Juden, laufen
agrarische Aufstände her. So versuchten sich schon im Jahre
1391 die Bauern der Umgegend von Gotha in einer Juden⸗
schlacht; gefährlicher aber war die Erhebung der armen Leute
des Pfälzer Kurfürsten gegen die Wormser Juden vom Dezember
1481: sie führte schließlich zum Nachlaß der aufgelaufenen
bäuerlichen Judenzinsen und zu Fristverlängerung für die Ab⸗
zahlung der geschuldeten Kapitalien. Es ist der letzte der gegen
die Juden speziell gerichteten Aufstände, spätere revolutionäre
Einwirkungen wurden durch die Vertreibung der Juden aus
den wichtigsten Territorien? zumeist überflüssig gemacht.
Umsomehr nahmen die eigentlichen agrarischen, gegen die
Grundherren gerichteten Bewegungen zu. Ihre Heimat ist nament⸗
lich der Südosten, die Gegenden, wo dichtgedrängt grundherr⸗
licher Adel saß ohne landesfürstliche Aufsicht und Obgewalt;
und den Ton gaben die Schweizer an. Mit am frühesten
empörten sich die Appenzeller; mit außerordentlichem Glück.
Sie beseitigten die grundherrlichen Lasten fast völlig, fie bildeten
eine politische, republikanische Einung und brachten es im
Jahre 1411 fertig, sich der Eidgenossenschaft anzuschließen.
Und weithin wirkten ihr Beispiel und ihre Propaganda. Die
Bauern im Vorarlberg und in Tirol wurden unruhig, die
Landleute des Allgäus wagten einen ersten, freilich vergeblichen
Kampf, und darüber hinaus gärte es bis zum Hauensteiner
Land und bis in das Gebiet von Rottweil. Schon Ende der
zwanziger Jahre des 15. Jahrhunderts waren daher Reichstag
und Reichsgewalt beherrscht von der Furcht vor den wilden
Läufen und unordentlichen Sammlungen der Bauern; und
niemals hörten die grundhörigen Erhebungen mehr auf, bis
sie einmündeten in die große Empörung der Jahre 1524 und
1525.

1 S. oben S. 73.
2 S. oben S. 88.
        <pb n="121" />
        10 — Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Besonders lehrreich unter all den einzelnen Bewegungen
dieser Art ist die im Gebiete der Abtei Kempten. Hier war
schon früh kein Mittel zur Knechtung und Auswucherung der
Bauern unversucht gelassen; freie Bauern waren zu Zinsern,
Zinser zu Leibeigenen herabgedrückt, Waisen ihres Erbes be—
raubt, einfache Grundholde um die Hälfte des ihnen rechtlich
anfallenden Nachlasses betrogen worden. Der Ingrimm der
Bauern über diese und andere Plackereien, lang angesammelt,
brach in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts los, in
Zeiten des Mißwachses und der Hungersnot, da der Abt trotz
allem eine neue Steuer gefordert hatte. Die Unterdrückten
sammelten sich zu Luibas, an der alten Malstatt des Landes:
die Empbrung suchte die Rechtsformen der Vergangenheit.
Man wandte sich mit seinen Beschwerden an den schwäbischen
Bund, als dieser nicht half, an den Kaiser. Da griff der
Bund, wegen der drohenden Einwirkung der Reichsgewalt
besorgt, ein, unterdrückte den Aufstand gewaltsam und erzwang
einen sogenannten Vergleich zwischen Unterthanen und Abt, der,
der Form nach billig, in Wahrheit alles beim Alten ließ.
Es war der gewöhnliche Ausgang solcher Bewegungen;
fast nur die Leute der Abtei Ochsenhausen in Oberschwaben
haben vor dem großen Bauernkrieg eine wirkliche Erleichterung
durchgesetzt.
Inzwischen aber waren die partikular-grundherrlichen
Gärungen schon längst überholt durch weitergreifende Aus—
brüche. Im Jahre 1461 waren die Bauern des Pongaus, des
Pinzgaus und des Brixenthals gegen den Erzbischof von Salz—
burg aufgestanden, im Jahre 1478 reckten die untreuen Bauern
von Kärnthen ihre Hände auf gegen den Landesherrn, den
Kaiser Friedrich, im Jahre 1492 erfolgte eine Empörung am
Lech schwäbischen wie bayrischen Ufers, und im Jahre 1492
unternahmen die Westfriesen, Kennemer und Waterländer den
sogenannten Käse- und Brotkrieg gegen neue Steuerforderungen
der burgundischen Herrschaft. In allen diesen Fällen handelte
es sich in erster Linie nicht um grundherrliche, sondern um
landesherrliche Fragen; man forderte zumeist eine wohlgeordnete
        <pb n="122" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum i6. Jahrh. 111

autonome Gerichtsverfassung, man wünschte die staatsrechtliche
Einordnung des Adels unter die Territorialgewalt der Fürsten
und das Wahlrecht für den dörflichen Priester Daneben trat
fast überall die Klage über zunehmenden Steuerdruck auf;
demgegenüber sollten die reißend zunehmenden landesherrlichen
Steuern fixiert und die Abgaben zum Vorteil der Kirche
beschränkt werden.
Allein auch in diesen Empörungen erreichten die Bauern
wenig oder nichts, obgleich sie teilweis parallel liefen mit einer
zweiten Periode großer Gemeindeaufstände in den Städten?.
Da begann eine dritte weit gefährlichere Phase der Bewegung.
Es traten Versuche auf zur Verwirklichung eines umfassenden,
immer systematischer konstruierten Reformprogramms auf Grund
kommunistisch-sozialistischer Ideen: es war die Stufe erreicht,
auf der städtische und ländliche Gärung in eine einzige große
Bewegung zusammenzulaufen vermochten.
Eine Art naiven Vorspiels dieser Periode bildet die Ge—
schichte des Paukers von Niklashausen. Im Jahre 1476, ein
Jahr nach jener merkwürdigen Geistesepidemie, die Tausende
von Wallfahrern nach der hl. Blutkapelle zu Wilsnack gezogen
hatte, trat zu Niklashausen an der Tauber Hans Boehm auf,
ein Hirte, der bisher zu Bauernfesten mit Sackpfeife und Hand⸗
pauke aufgewartet hatte. Am Sonntag Lätare verbrannte er
vor der Dorfkirche feierlich seine Pauke und begann zu dem
Volke, das sich vor dem wunderthätigen Marienbild der Kirche
zu versammeln pflegte, gottbegeistert zu reden. Er erzählte von
Visionen, er that Wunder, er sprach zur Buße, und er ent—
wickelte an diesem wie an den folgenden Sonntagen die ver⸗
schwommenen Umrisse eines theokratisch⸗sozialistischen Reform—
plans. Die bestehende Kirche sei unnütz und unchristlich. Man
werde sie abthun und ihre Priester; wer dreißig Priester er—
schlüge, der werde Gottes Lohn ernten. Die bestehenden

Zu nennen wären die Bewegungen in Rotenburg 1450, Wien 1462
und 1500, Achen 1477, Köln 1482, Rostock in den achtziger Jahren,
Braunschweig und Osnabrück 1488, Augsburg 1491 u. s. w. Bgl.
o. Bezold. Reformationszeit S. 158 - 159.
        <pb n="123" />
        12 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Standesunterschiede seien vom Teufel; Kaiser und Papst seien
vor Gott gleich anderen Menschen; die Zeit werde kommen,
da Fürsten und Herren um einen Tagelohn arbeiten würden.
Die Lehre fand unerhörten Anklang, zumal sie der Pauker in
leichtfaßliche Reime und Melodien zu fügen wußte; aus ganz
Mitteldeutschland, ja von der Mark und aus Schwaben zogen
Bauern herbei und sangen in Pilgers Weise das furchtbare
Lied:
Wir wollen Gott im Himmel klagen,
Kyrié eéleison,
Dass wir die Pfaffen nit sollen zu Tode schlagen:
RKyrie eéleisonl.

Es war hohe Zeit, daß die öffentlichen Gewalten ein—
—DDDDDD——
herr, nahm eine beobachtende Stellung ein. Endlich griffen die
geistlichen Behörden durch; der Bischof von Würzburg ließ den
Pauker aufheben und nach der Würzburger Feste verbringen.
Hier ist er, nach einem wahnsinnigen Versuch seitens seiner
fanatisierten Anhänger, ihn zu befreien, auf dem Scheiterhaufen
zestorben, ein frommes Marienlied auf den Lippen. Die Be—
wegung aber brandete noch lange nach; die Niklashausener
Kirche mußte abgebrochen werden, und erst 1518 ward die
Frlaubnis zu ihrem Wiederaufbau erteilt.
Der Pauker hatte die Teilnahme der Handwerker und
überhaupt der niederen Bürgerklassen in Würzburg gefunden.
Die nächste Bewegung systematisch-revolutionärer Natur führt
in das Jahr 14983 und weist eine Verbindung der bischöflich
Straßburgischen Bauern und der Bürger von Schlettstadt auf
unter der Leitung des Schlettstädter Bürgermeisters Hans
Ulman. Der Bund war groß angelegt, man erhoffte den
Zutritt des ganzen Elsasses und der schweizerischen Eidgenossen,
und das Programm ging auf eine allseitige Besserung länd—
licher und städtischer Zustände zugleich unter deutlicher An—
lehnung an das halb sozialistische Programm der Reformation

4

Chronik von Schwäbisch Hall, Vogt S. 99.
        <pb n="124" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 113

Kaiser Sigmunds. Man beabsichtigte die Ausrottung der
Juden und einen umfassenden Schuldnachlaß, sowie eine ein—
gehende Abstellung kirchlicher Mißbräuche: dann soll jede Ge—
meinde sich im wesentlichen selbst nach den Gesichtspunkten
oöffentlicher Gerechtigkeit organisieren; vom Reiche erhofft und
verlangt man nichts mehr. Der Plan kam nicht einmal
zum ersten Stadium seiner Verwirklichung; die Verschwörung
wurde vorzeitig entdeckt und unterdrückt, die Führer gevierteilt.
Aber die Gedanken lebten fort; nur erschienen sie in dem
nächsten oberrheinischen Aufstand, dem vom Bruhrain, an den
Abhängen des Schwarzwaldes (1497 — 1502), radikaler und
minder klar. Aber auch hier war der praktische Erfolg gering;
die Empörung wurde unterdrückt und die Hauptschuldigen im
furchtbarsten Strafvollzug getötet.
Indes diesen Aufftand überlebte ein organisatorisches
Genie, der Bauer Joß Fritz von Untergrumbach. Er schürte
in den nächsten Jahren weiter von Ort zu Ort, und in den
unzugänglichsten Thälern des Schwarzwaldes namentlich fand
er treue Gefolgschaft. Dann ließ er sich in dem Orte Lehen
bei Freiburg nieder und übernahm von hier aus die Leitung
einer großen Empörung. Zugleich aber dachte er die ver—
worrenen Programmfragmente der früheren Aufstände syste—
matisch durch und kroͤnte sie durch allgemeine politische Forde—
rungen. Ihm genügte nicht eine sozialistische Ordnung der
Gemeindeangelegenheiten nach vorheriger mechanischer Aufhebung
aller kapitalistischen ÜUbel, der ländlichen Schulden zumal; er
hegriff, daß der geplante neue Zustand der Gemeindeverfassung
nur gewährleistet werden könnte durch eine entsprechende Reform
der höheren politischen Gewalten. Und so forderte er den
Wegfall aller fürstlichen und geistlichen Zwischenmächte im
Reich, an der Spitze des Reichs aber einen mächtigen, mit dem
Rechte tiefster volkstümlicher Einwirkung ausgestatteten Kaiser.
Es ist das Ideal, das von nun ab die städtische wie ländliche
Bewegung in allen Höhepunkten getragen hat bis zu ihrem
Zusammenbruch im Jahre 1525. Der oberrheinische Aufstand
aber, den Joß Fritz zunächst geplant hatte, scheiterte. Im
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 2
        <pb n="125" />
        14 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Oktober 1518 wurde das Geheimnis verraten, und die Stadt
Freiburg hob den größten Teil der Rädelsführer auf. Joß
Fritz freilich entkam samt dem Panier des Aufstandes, das er
um den Leib gewickelt davon trug; und noch bis in die Zeiten
der großen Jahre 1524 und 1528 hat er, nun greisen Hauptes,
im Schwarzwald agitiert, von den Bauern geschützt vor fürst⸗—
ichen Häschern.
Das zweite Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts aber brachte
noch eine Fülle bald territorialer, bald grundherrlicher Auf⸗
stände in fast allen Ländern des deutschen Südens; auf der
schweizerischen Hochebene von Bern, Luzern und Solothurn
erhoben sich die Bauern gegen das hartherzige städtische Patriziat,
in Schwaben kam es zu einer wütenden und zeitweis erfolg—
reichen Empörung gegen den verschwenderischen Herzog Ulrich
und zugleich gegen die Geschlechter der größeren Städte, der
eine geringere, fast völlig gleichartig verlaufende Bewegung in
Baden folgte; in Steiermark, Kärnten und Krain endlich
standen die Bauern in rohem, fast unmenschlichem Kampfe
gegen die Grundherren auf, die sie seit Jahrzehnten auf das
Entsetzlichste geplagt hatten: es kam bei Cilli zu einem förm—
ichen Vernichtungskampfe gegen die Bauern, und noch Jahre
nach der Dämpfung des Aufruhrs lag das Bauland an vielen
Orten, namentlich in Krain, öde aus Mangel an Landvolk.
Gegen das Jahr 1515 trat dann eine Pause in der
Gesamtbewegung ein, die gleich den Stößen eines Erdbebens
die Nation in banger Erwartung gehalten hatte; doch war es
dem tiefer Blickenden klar, daß diese Pause niemals das Ende
hedeuten werde. Schon der furchtbare Pessimismus der immer
mehr wachsenden Revolutionslitteratur bewies das Gegenteil;
und an Umtrieben und halboffenen Gärungen fehlte es auch
in den folgenden Jahren weder am Oberrhein, noch in Schwaben,
noch im deutschen Südosten. Die Kurfürsten aber hatten schon
im Jahre 1502, auf dem Tage zu Gelnhausen, bekannt, die
Lage des gemeinen Mannes sei so unerträglich, daß es in die
Harre nicht zu leiden sein würde.
Gefährlich aber ward die Zukunft vor allem durch das
        <pb n="126" />
        Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 115

Auftauchen allgemeiner Anschauungen, die den Beladenen der
Nation glänzende Traumbilder allgemeiner Besserung verlockend
vorführten. Denn Revolutionen bedürfen zu ihrer Vorbereitung
wohl materiellen Unbehagens und äußeren Unglücks; durch⸗
geführt aber werden sie erst dann, wenn die Menge vom fana⸗
tischen Glauben an ideale Vorstellungen gepackt wird: auch
hier übertrifft die Kraft des Gedankens jede andere Macht
geschichtlicher Entwicklung.
Auf diesem Gebiete hatte man aus dem 14. Jahrhundert
die mystische Hoffnung auf einen Kaiser überkommen, der vom
Morgeulande daher ziehen werde gewaltig, der letzte seines
Namens, der Unrecht beugen und ein allgemeines Reich der
Ruhe und des sozialen Friedens stiften werde, ein Vorläufer
der himmlischen Herrschaft Christi. Es ist eine Idee, die immer
zäher und phantastischer haftete im Gemüte des Volkes; als
die sozialistischen Ideen des Husitismus nach Deutschland
drangen, republikanisch, kaiserlos, da hat die deutsche Meinung
sie alsbald monarchisch gewendet, indem sie ihre Durchführung
don dem mystischen Kaiser der Zukunft erhoffte. Hatte man
dabei früher an die Wiederkunft Friedrichs II. als des Erlösers
aus aller Unterdrückung geglaubt, so übertrug man jetzt seine
Hoffnungen auf Kaiser Sigmund, und als dieser sie täuschte,
sogar auf den schlafseligen Kaiser Friedrich; noch im Jahre
1475 forderte ein Volkslied ihn auf, endlich seines hohen Be—
zufes Erfüllung zu suchen. Und als schließlich Friedrich sich
auch dem blödesten Auge als zum Reformator nicht geschaffen
erwies, da gab es noch immer arme Leute im Reiche, die neue
Frwartungen an seinen Sohn, den jugendschönen Maximilian
hefteten.
Die Masse der Bedrückten aber zog jetzt, enttäuscht von
der Kaiseridee, eines andern Weges. In den Jahren 1480
his 1490 ist die Reformation Kaiser Sigmunds, das erste und
heste Programm sozialer Reform auf biblischer Grundlage,
biermal gedruckt worden; weitere Drucke folgten in den Jahren
1520 und 1521. Man ward vollends sozialistisch und man
hegann die Forderungen des sozialistischen Programms immer
        <pb n="127" />
        116 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

mehr anzusehen als Forderungen der christlichen Religion.
Das Schlagwort von der göttlichen Gerechtigkeit als des In—
begriffs aller Programme, die man nicht zu erbitten, sondern
zu heischen habe, flog von Mund zu Munde. All die kleinen
Beschwerden des Zinsbauern, die Thränen Enterbter, die groben
Ansprüche der städtischen Proletariers, der industrielle Ehrgeiz
des Gesellen, die leisen Bitten des Bettlers, die stillen Wünsche
des Patrioten nach einem wahrhaft monarchischen Regiment,
nach Friede im Innern, nach äußerem Ansehen — sie fanden
ihr Spiegelbild, ihre anscheinend notwendige Erfüllung bald in
dem einen großen Worte, in der Forderung nach der Gerechtig⸗
keit Gottes. Der Punkt war gefunden, von dem aus alle
Hebel angesetzt werden konnten, in den alle Wünsche zusammen—
liefen, dessen Durchführung einem verzückten/ Fanatismus das
Ideal menschlichen Daseins versprach. Von der göttlichen
Gerechtigkeit sprachen die Gebildeten und die Ungebildeten,
sprach Reich und Arm, wenn politische und soziale Wünsche
formuliert wurden; und schon im oberrheinischen Aufstand des
Jahres 1502 lautete die Inschrift des aufgeworfenen Fähnleins:

Nichts, denn die Gerechtigkeit Gottes!
So waren die Zeiten erfüllt; die Revolution harrte des
Anbruchs.
        <pb n="128" />
        Drittes Kapitel.

Entwicklung der individualistischen Gesellschaft.

1.

Die soziale und wirtschaftliche Entwicklung, deren Verlauf
im vorigen Kapitel geschildert worden ist, beruhte teilweis auch
auf einer politischen Basis, deren Grundsteine schon im 12.
und 13. Jahrhundert gelegt worden waren. Von dieser Zeit
ab gehen die großen Mächte des Mittelalters, Kaisertum und
Kirche, sei es in Ohnmacht, sei es in Übermacht, ihrem Verfall
entgegen; sie verlieren ihren alten einheitlichen Charakter. An
ihrer Stelle erwächst die bunte Welt der Territorien und
Städte, beginnt die landeskirchliche Scheidung nach Nationen,
ja in Deutschland teilweise sogar nach einzelnen Ländern.
Dieser Verlauf war eine der Vorbedingungen für die soziale
Entwicklung des 15. Jahrhunderts.
Er beeinflußte aber zugleich auch unmittelbar die geistige
Entwicklung. An die Stelle der Autorität und Einheit traten
auf politischem Gebiete Vielheit und Individualität; es konnte
nicht ausbleiben, daß diese Wandlung sich auch allgemein geistig
fühlbar machte. Das um so mehr, als seit dem 14. Jahr—
hundert der verfassungsmäßige Anteil an der Ausübung
der öffentlichen Gewalten auf eine ganze Anzahl von Personen
übertragen ward: es ist die Zeit wachsenden Einflusses der
        <pb n="129" />
        118

Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Domkapitel in den Stiftern, der konziliaren Bewegung in der
Gesamtkirche, die Periode allmählicher Demokratisierung der
städtischen Verfassungen, ständischer Entwicklung in den Terri—
torien, der Ausbildung des späteren Reichstags endlich im
weiten Gebiete des alten Kaisertums.
Indem aber so schon die allgemeine Wendung im Schicksal
der großen geistlichen wie weltlichen Verfassungsinstitute dem
einzelnen zu politischem Denken verhalf und ihn dadurch nach
zewissen Richtungen hin geistig befreite, mußte diese Ent—
wicklung doch vor allem denjenigen Ständen zu gute kommen,
die durch die wirtschaftlichen und sozialen Vorgänge aus
früheren Fesseln emanzipiert und in den Vordergrund der
zesellschaftlichen Bewegung geschoben worden waren. Es waren
die Fürsten und die vornehmen Bürger. Vor allem über
die letzteren ergoß jetzt ein demokratisches Jahrhundert, das die
zeldwirtschaftliche Hypertrophie der Städte sah, das blendendste
Licht; nirgends mehr, als in ihrem Kreise, der gesellschaftlich
maßgebend ward, mußten die persönlich lösenden Tendenzen
der Zeit wirken.
Und welche Unterstützung fanden sie in dem Charakter
des Bürgertums selbst! Das Patriziat des 15. Jahrhunderts
war ein kaufmännisches; von der Seite des Handels her vor
allem war seine Physiognomie bedingt. Nun ist aber die Triebfeder
der Kaufmannschaft von jeher der persönliche Egoismus gewesen.
Auch zur Zeit der im 14. und 15. Jahrhundert längst veralteten
Gilden schon wurden die einzelnen kaufmännischen Geschäfte stets
von Einzelnen betrieben: sie waren vom genossenschaftlichen
Flement wohl umschlossen, aber nicht durchdrungen. Später,
als der Handel das Transportgewerbe von sich abgestreift hatte,
von dem er, mit ihm aufs engste verquickt, anfangs in die
Form der Gilde gedrängt worden war, trat der individua—
listische Charakter der Kaufmannschaft erst recht hervor; der
Großkaufmann schon des 14. Jahrhunderts arbeitete nicht mit
Genossen, sondern mit einem unterthänigen und doch recht—
lich freien Personal von Schreibern und Prokuristen, die ihm
nicht irgendwie persönlich, sondern nur rein sachlich, vertrags—
        <pb n="130" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 119

mäßig verbunden waren. Und seine Gedankenrichtung war
nicht mehr bedingt durch irgendwelchen genossenschaftlichen
Zusammenschluß; allein erprobte er seine rechnerische Kom—
binationsgabe, frei entwickelte er den Sinn für individuelle
Anhäufung von Kapital. Und nicht bloß die mittelalterlich—
genossenschaftlichen Fesseln sprengte seine Thätigkeit, auch den
engen Banden der Familienverfassung entrang er sich. In der
Familienwirtschaft trat mit steigendem Reichtum der sachliche
Gesichtspunkt immer mehr hervor; die geschäftlichen Rücksichten
überwogen zuweilen schon die der Familie, bis schließlich
Familienwirtschaft und Geschäft sich äußerlich trennten und
seben der Hauswirtschaft die Firma entstand. Es war das
zu einer Zeit der Fall, da der Kaufmann zugleich längst die
bersönlichen Beziehungen, die dem Grundeigentum des Mittel⸗
alters auch in den Städten mehr oder minder anhingen, von
seinem Aktionskapital abgestreift und ein Vermögen, das auf
vertragsmäßigen Grundlagen rein sachlicher Art beruhte, er⸗
worben hatte, ein Vermögen, das ihm sein Sonderdasein und
die Möglichkeit freien Handelns verbürgte.
Selbstverständlich, daß alle diese Wandlungen, wie sie sich
in der Entwicklung jeder großbürgerlichen Familie vom 14.
zum 15. Jahrhundert mehr oder minder vollständig verfolgen
lassen, eine ganz andere psychologische Luft schufen. Die sitt—
lichen Bande des mittelalterlichen Familienlebens, der mittel⸗
alierlichen Genossenschaft, des mittelalterlichen Rechts überhaupt
waren in diesen Kreisen zerrissen; die Intelligenz regierte und
der Wagemut; man trat aus sich heraus; die Persönlichkeit
galt und wurde deshalb in kräftiger Erziehung entwickelt;
schon stellte sich Hasten nach leichtem Gewinn und die kauf⸗
männische Prostitution der Perfönlichkeit in Humbug und Re—
klame ein; und strenge Denker des 15. und 16. Jahrhunderts
hielten es immer und immer wieder für notwendig, diesen
manzipierten Kreisen Segen und Notwendigkeit angestrengter
Arbeit in Treuen vor Augen zu führen. Und was strebte nicht
alles in diese Kreise hinein! Jede frische Individualität gab
ich dem neuen Aufschwung hin; die Kaufmannschaft verschlinge
        <pb n="131" />
        120 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

jetzt alles, bemerkt Sebastian Franck einmal; man studiere sie
wie ehedem die freien Künste.
Aber die Bewegung blieb nicht im Ideenkreise des kauf—
männischen Berufs stehen; sie ergriff die ganze Person. Der
—D0
reißung der Familienbande, die den jungen Mann als Proku—
risten oder in sonstwelcher Stellung hinausführten in die weite
Welt, sie machten sich auch ganz allgemein geistig geltend. In
lebhaftem Briefwechsel wuchs sich die eigene Persönlichkeit nach
allen Seiten hin aus und klärte sich: ganze, allseitig individuelle
Menschen gingen aus diesen Kreisen hervor; ein allgemeiner
Drang nach vergeistigtem Dasein, nach der Durchbildung des
Einzelnen zum Mikrokosmus hin trat ein.
Nichts zeigt diesen Fortschritt mehr als die reißende Ent—
wicklung des Buchdrucks und der polygraphischen Gewerbe, jener
Vermittler geistiger Errungenschaften von Ort zu Ort und von
Person zu Person, die den großbürgerlichen Kreisen lebhafter
Verkehrsvermittlung besonders willkommen sein mußten.
Schon gegen Ende des 14. Jahrhunderts setzt eine Rich—
tung auf Vervielfältigung und weitere Verbreitung der geistigen
Schätze ein, die man bis dahin nicht gekannt hatte. Die
Litteratur, an sich wenig produktiv, beginnt Rücksicht auf
Massenwirkungen zu nehmen. Vornehme Personen, Fürsten
vornehmlich, bringen Bibliotheken zusammen; bereits giebt es
leidenschaftliche Büchersammler, und Köln, heute einer der
Hauptsitze des Antiquitätenhandels, wurde damals zum Mittel—
punkte für den Vertrieb von Handschriften. In der ersten
Hälfte des 15. Jahrhunderts sind dann größere fürstliche und
Privatbibliotheken keine Seltenheit mehr; schon Kurfürst Lud⸗
wig III. von der Pfalz (1410 -36) war der Begründer des
Handschriftenstockes der berühmten Bibliotheca Palatina. Diesem
Eifer entsprechend entstanden überall Schreibstuben, in
Klöstern der neuen und der reformierten Orden nicht minder
wie in Laienhäusern der Städte. Schon gab es Autoren, die
ihre Schriften zugleich als Verleger vertrieben, wie Dietrich
Engelhus, und Unternehmer, die sich in ausgedehnten Werk—
        <pb n="132" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 121

stätten mit Herstellung besonders beliebter Werke befaßten.
Die Sache war schon weit hinaus über den mittelalterlichen
Zunftbetrieb in die Form des modernen Unternehmens
hinein entwickelt, als Gutenberg, wohl schon Ende der
dreißiger Jahre des 15. Jahrhunderts, die gegossene Type
erfand, deren Zusammenstellung den mechanischen Druck ge—
stattete. Anfangs als Geheimnis gewahrt, doch bald praktisch
ins Große getrieben und darum nicht mehr geheim zu halten,
wanderte die neue Kunst in alle Welt; noch vor Ende des
Jahrhunderts befanden sich Buchdruckerpressen in allen civili—
sierten Ländern hin bis zum fernen Portugal.
Es war ein Aufschwung im geistigen Leben nicht anders,
als der Übergang von der Tauschwirtschaft zur Geldwirtschaft
im materiellen. Rede und geschriebenes Wort, bisher nur
mühsam fortpflanzbar, auf keine rasch erwerbliche mechanische
Vermittlung reduziert, wurden jetzt allgemein zugänglich gleich
der rollenden Münze; ja mehr noch: sie galten nicht mehr als
Privileg der Reichen, sondern wurden zu freiem Gute fast wie
Licht, Luft und Wasser. Denn mit der unbegrenzten Verviel—
fältigung aller geistigen Schätze wuchs zugleich die Neigung
derer, die Bücher besaßen, sie dem freien Gebrauche aller Ver—
ständigen zugänglich zu machen; außerordentlich freigebig war
man im Ausleihen, und schon bestanden hier und da öffentliche
Lesezimmer, in denen die Bücher, wenn auch noch an Ketten
iegend, der Einsicht der Sachkenner offen lagen.
Und selbst damit nicht genug. Rasch wirkte das demo—
kratisch-fabrikmäßige Element der neuen Erfindung weiter.
Das Plakat kam auf, das sich grundsätzlich an alle wendet,
daneben die Flugschrift, der Traktat, das Pamphlet. Und
für die, welche noch nicht lesen konnten, traten ergänzend
die polygraphischen Künste ein. Nicht bloß für Prachtdrucke
wurde in Holz geschnitten, wie man früher für Prachthand⸗
schriften gezeichnet hatte; neben die alten Blockbücher, die Ars
moriendi, die Biblia pauperum stellte sich jetzt das mit Holz—
schnitt und wenigen gedruckten Erklärungen versehene Einblatt
zu Spott und Satire, zu politischer und kirchlicher Einwirkung.
        <pb n="133" />
        122 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

So begannen die vervielfältigenden Künste, neben dem Holzschnitt
 auch der Kupferstich, eine für die Bildung der Nation
bis dahin unerhörte Rolle zu spielen!. Und gleichzeitig be—
mächtigte sich der Druck, der anfangs vornehmlich der religiösen
Litteratur und der Wiedergabe der geistigen Schätze der Vorzeit
gedient hatte, der leichten Interessen der Gegenwart; was man
sich bisher in Briefen persönlich mitgeteilt hatte über die Läufe
der Welt, über den Gang der Geschäfte, über neue Erfahrungen
und Aussichten, das alles begann jetzt das Flugblatt, die
zelegentlich ausgegebene „Zeitung“ zur Kenntnis jedes einiger—
maßen Gebildeten in die Welt zu rufen; die erste Zeitung
vom Jahre 1505 bringt schon Nachrichten über Brasilien.
Es ist schwer sich vollständig vorzustellen, welch außer⸗
ordentliche Umwälzung alle diese Vorgänge in den Köpfen des
ausgehenden 15. Jahrhunderts verursacht haben müssen. Ein
schwacher Nachhall des wirklichen Eindrucks tönt noch wider
in einigen Worten Wimphelings, eines Angehörigen etwa der
zweiten Generation nach Gutenberg: „Auf keine Erfindung
oder Geistesfrucht können wir Deutsche so stolz sein, als auf
die des Buchdrucks, die uns zu neuen geistigen Trägern der
Lehren des Christentums, aller göttlichen und irdischen Wissen—
schaft, und dadurch zu Wohlthätern der ganzen Menschheit er—
hoben hat. Welch ein anderes Leben regt sich jetzt in allen
Ständen des Volkes; und wer wollte nicht dankbar der ersten
Begründer und Förderer dieser Kunst gedenken.“
Die größte Wirkung aber that diese außerordentliche An—
fachung des geistigen Produktions- und Konsumtionsprozesses
naturgemäß bei dem individuell am meisten fortgeschrittenen
Stande, beim höheren Bürgertum. Hier fallen jetzt die bisher
wehrenden Schranken, der gebunden genossenschaftliche Charakter
der alten Geselligkeit verliert sich; ein freier geistiger Austausch

Ries, Quellenstudien zu Th. Murners satirisch-didaktischen Dich—
tungen J, Diss. Bresl. 1890, weist nach, daß fast die Hälfte der Kapitel
der Narrenbeschwörung ihre Entstehung den Holzschnitten in Brants
Narrenschiff verdankt.
        <pb n="134" />
        Eutwicklung der individualistischen Gesellschaft. 128

tritt an die Stelle. In den Sermones convivales des Augsburger
Patriziers Conrad Peutinger, die einen Einblick in die Tisch⸗
gespräche der neuen Kreise gewähren, wird von den fernen Ent⸗
deckungen der Portugiesen in Indien nicht minder geredet wie
von dem Deutschtum Kölns und Straßburgs und den alten
Grenzstreitigkeiten zwischen Deutschen und Franzosen, und
dazwischen fließen wohl Erörterungen ein über speziell gelehrte
Fragen, wie die, ob der Apostel Paulus verheiratet gewesen
sei oder nicht. Die Universalität weiter und dennoch per—
fönlich erfaßter Interessen liegt über diesem Treiben: die fein—
bürgerliche Geselligkeit hat gesiegt über die genossenschaftliche
Gesellschaft des 14. Jahrhunderts. Und schon bildet sich der
Kreis dieser Gesellschaft immer weiter aus; Ladschaften und
Heimgärten, außerordentliche und regelmäßige Zusammenkünfte
zu freiem geistigen Austausch werden gewöhnlich. Zu Boden
fallen die alten Bruderschaften des Mittelalters, mochten sie
geistlich sein oder nicht; in Verfall geraten die alten Konvente
und freieren geistigen Genossenschaften des 14. Jahrhunderts, und
die Sprache bezeugt auch für andre Lebenskreise den Niedergang
des alten genossenschaftlichen Ferments, indem sie aus dem
Begriff Bursa , studentische Genossenschaft“ den individualistischen
Begriff „Bursche“, aus dem Begriff Camerata, Stubengenossen⸗
schaft“ den Sinn „Kamerad“, und endlich, wenn auch erst seit
Beginn des 17. Jahrhunderts, aus dem mittelhochdeutschen
Vrouwenzimmer im Verstand von Gynaeceum unsern indivi—
zualistischen Begriff Frauenzimmer entwickelt.
Die späte Weiterbildung grade des letzteren Begriffes ist nicht
ohne Bedeutung. Was der neuen individualistischen Gesellschaft
des 15. und 16. Jahrhunderts noch immer fehlte, das war die
Frau. Nicht entfernt spielen die Frauen in dieser Periode unserer
Geschichte eine Rolle, welche derjenigen der Frauen in der ver⸗
wandten Entwicklung Italiens gleich käme; den gelehrten und
liebenswürdigen, bedeutenden und begeisterten Frauen der italie—
nischen Renaissance wären von deutscher Seite höchstens die geist—
reichen Schwestern Pirckheimers oder jenes Töchterchen Peutingers
zur Seite zu stellen, das schon in jungen Jahren lateinische Verse
        <pb n="135" />
        124 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

aufzusagen gelernt hatte. Im allgemeinen aber ward in
Deutschland die Mitte noch nicht gefunden, die von der mittel—
alterlich-kirchlichen Verabscheuung des Weibes als eines mensch—
lichen Wesens niedrigerer Gattung und von der mittelalterlich—
ritterlichen Vergötterung der Frau mit unsittlichem Endzweck
zu einer echten und natürlichen Wertschätzung der Frau führen
konnte. Die Frau blieb darum der Gesellschaft dieses Zeit—
alters noch fern, und nur in der staunenswerten Vervollkommnung
der weiblichen Handarbeiten, namentlich der Stickerei, wie in
den ausschweifenden Moden, die den Kultus der äußeren Per—
sönlichkeit bis ins Abenteuerliche steigerten, läßt sich der wachsende
Einfluß des Weiblichen erkennen.
Dagegen waren von diesem neuen Leben, wie es sich zunächst
in den führenden bürgerlichen Kreisen bildete, die Angehörigen
andrer Stände keineswegs unter allen Umständen ausgeschlossen.
Schon das ganze Werden des Bürgerstandes verneinte
den Gedanken gesellschaftlicher Engherzigkeit: waren doch die
Bürger aus dem Bereiche der mittelalterlich-agrarischen Arbeits—
teilung in Herrschende und Dienende hervorgegangen, indem
sie die Freiheit jeder Berufsform betont hatten. Außerdem
— 0
Klassen drängen nach oben, sie wollen, wie man sich im 16. Jahr—
—
greiflich, daß im Laufe des 14. bis 16. Jahrhunderts eine
Individualisierung der gesellschaftlichen Schichten, zunächst in
den Städten, erfolgte, die dem sich hebenden Teil der
Bevölkerung den Zutritt zu der neuen geistigen Gesell—
schaft erschloß. Schon äußerlich läßt sich das verfolgen in
der Differenzierung der Vorschriften für die sozial abgestufte
Tracht; während hierfür in der ersten Hälfte des 15. Jahr—
hunderts noch sehr einfache Vorschriften mit wenigen Unter—
schieden galten, sollen nach den Luxusgesetzen des 16. Jahr—
— D
leute auf dem Lande, Bürger und Inwohner in Städten, Kauf—

»Schmoller, Tübinger Zeitschr. 16, 688.
        <pb n="136" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 125

und Gewerbsleute, die vom Rat und Geschlechtern, Adel, Doktoren,
Grafen und Herren, reisige Knechte, Kriegslente, Burgknappen,
Schreiber, Geistliche, Diener, Sekretarien, Kassierer, Vögte,
Pfleger, Amtsleute, gemeine und unehrliche Weiber, Nachrichter
und Juden.
War es unter diesen Umständen dem einzelnen nicht leicht,
aus den so differenzierten unteren Schichten hinaufzusteigen in den
Kreis der geistig Freien, Gebildeten? Die allgemeine Handhabe
hierzu war schon völlig entwickelt. Das Bürgertum hatte die
Arbeit in fast allen ihren Formen geadelt; niemals war der
Zugang aus dem Kreise der Arbeiter, vor allem der privilegierten,
zünftlerischen Arbeiter in die höheren Klassen verschlossen gewesen.
So brauchte diese Arbeit nur geistige Formen anzunehmen, um
ebenbürtig zu machen für die neue individualistische Gesellschaft.
Indem die Handwerker sich teilweis zu Künstlern entwickelten
und damit diese Bedingung erfüllten, traten sie ein in die neue
Gesellschaft; Dürer war mit Pirckheimer befreundet, Holbein
hat mit Amerbach, Beatus Rhenanus und Erasmus verkehrt.
Und wie, wenn jetzt überhaupt ein Stand geistiger Arbeiter
geschaffen ward? In den Zeiten der Naturalwirtschaft mußte
ein Produzent geistiger Werte immer zugleich Großgrundbesitzer
sein, d. h. dem Landbau soviel über sein Nahrungsbedürfnis
hinaus entnehmen können, als nötig war, um sich geistige Muße
zu sichern: denn wie hätte er anders in einem Zeitalter des
Tausches seine geistigen Produkte regelmäßig und sicher in die
Voraussetzungen seines äußern, materiellen Daseins umsetzen
können? Darum war die Kirche wie das geistig bewegte
Rittertum des Mittelalters an den Großgrundbesitz gewiesen.
Wie anders jetzt! Die in den Städten erwachsene Geld—
wirtschaft gestattete durch das Mittel des universalen, im Gelde
gegebenen Wertmessers geistige Erzeugnisse, soweit nötig, in
die Notwendigkeit des gemeinen Verzehrs umzusetzen; sie er—
möglichte damit das Aufkommen der Klassen immaterieller
Produktion, der Lehrer und Arzte, der Akademiker und Künstler,
und nicht zuletzt auch der völlig als solche charakterisierten öffent—
lichen Beamten. Es war ein unendlicher Fortschritt; der
        <pb n="137" />
        126 J Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Fortschritt aus einem noch barbarischen Zeitalter in ein solches
beginnender höherer Bildung.
Und es verstand sich von selbst, daß die Angehörigen dieser
Klassen der neuen Gesellschaft angehörten, gleichgultig, aus
welcher sozialen Schicht sie stammten. Ihre Bildung adelte sie.
Sie waren aber in Wirklichkeit grade oft von sehr niedriger
Herkunft. Unter den Pauperes der Universitäten war mancher
aus dem tiefsten Elend der Landstraße aufgelesen, der Sohn
vielleicht von Leuten, die heutzutage schwerlich an die akademische
Bildung ihrer Kinder würden denken können. Damals ward
er mit durchgeschleppt, denn das Ideal christlicher Gemeinschaft
durchdrang noch alle Bevölkerungsschichten; und schon die christ⸗
liche Charitas erforderte, für ihn zu sorgen. So ging er seinen
Weg, und nicht selten führte ihn dieser auf die Sonnenseite des
Lebens.
Andrerseits fehlte der neuen Gesellschaft auch nicht die
Verbindung mit den alten aristokratischen, einst übermächtigen
Schichten. Die Verbindung zwischen dem Landadel und dem
höheren Bürgertum war niemals völlig abgebrochen worden;
—
niere z. B., vornehmlich in den Städten fort. Aber freilich
war der soziale Gegensatz zwischen beiden Schichten im ganzen
doch gewachsen, wesentlich durch Schuld des Adels, der tage—
diebend im Lande saß und die Welt nur noch aus der Vogelschau
seiner Burgen kannte. Doch fanden sich schon früh im 15. Jahr—
hundert einzelne Elemente, welche begriffen, daß die Demokrati—
sierung des Waffenhandwerks durch die Erfindung der Feuer—
waffen den Adel um seinen alten Beruf gebracht habe, und
daß er eine neue Stellung nicht anders erhalten könne, als
in geistiger Arbeit. Diese Elemente hielten zu der neuen
Gesellschaft, und sie nahmen seit der Wende des 15. und
16. Jahrhunderts an Zahl beträchtlich zu.
Ähnlich, doch entgegenkommender, verhielten sich die Fürsten.
Sie mußten der geistigen Umwälzung vor allem als Mäcene
nahetreten. Es ist eine Stellung, die schon die Luxemburger.
        <pb n="138" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. — 127

Karl IV. und in den Grenzen seines unstäten Leichtsinns auch
Kaiser Sigmund, voll begriffen haben. Friedrich III. hatte dann
freilich dafür kein Verständnis, so sehr er Anwandlungen krausen
Gelehrtseinwollens unterlag. Während seines langen Inter⸗
regnums ging das Mäcenat teilweis auf andere über — auf
die Masse der geistig Interessierten, auf die Bildungshungrigen
des Volkes überhaupt. Sie haben dann später der glänzenden
Entwicklung unserer Kunst zugejauchzt; für sie hat Dürer
seine Kupferstiche geschaffen, für sie Hutten seine Dialoge.
Es ist einer der wichtigsten Vorgänge für den besonderen
Charakter der geistigen Bewegungen in Deutschland bis tief
hinein in die Jahre der Reformation; nur unter der Vorstellung
der gesamten Masse der Gebildeten nicht bloß als Chorus,
sondern als eines unmittelbar an der geistigen Produktion der
großen Geister beteiligten Körpers ist namentlich auch die Refor⸗
—
Außerdem aber folgte auf Kaiser Friedrich ein Herr, der
Verständnis besaß für geistigen Fortschritt. Nach den Ratschlägen
des Aneas Sylvius erzogen, zeigte Kaiser Maximilian sich nach
allen Richtungen fördersam und gewann sogar ein innerliches
Verhältnis zu gewissen Wissenschaften, namentlich soweit sie den
Ruhm seines Hauses zu verbreiten geeignet waren, 3. B. zur
Geographie und Geschichte. Zudem besaß er litterarische
Neigungen und künstlerisches Verständnis. So ist er denn
selbst als Schriftsteller und Dichter thätig gewesen; ein ganzer
Cyklus von Werken und Ideen, zu deren Ausgestaltung das
Wort zumeist nicht minder herangezogen wurde wie das Bild,
wird seiner Anregung verdankt, vom Freydal, der Umschreibung
einer Minnefahrt u Maria von Burgund, an bis zum Theuer—
dank, der ein vetwandtes Thema behandelt, bis zum Weiß⸗
kunig, einer allegorischen Selbstbiographie, und bis zu den
großen Holzschnittprojekten der Ehrenpforte des Hauses ster⸗
ceich und des eignen Triumphzugs. Auch war Maximilian ganz
von der wohlüberlegten Begier nach litterarisch und künstlerisch
vermitteltem Nachruhm erfüllt, die überall den erwachenden
Individualismus seiner Zeit kennzeichnete: „Wann ein Mensch
        <pb n="139" />
        128 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

stirbt, sagt er im Weißkunig, so folgen ihm nichts nach denn
seine Werke. Wer ihm in seinem Leben kein Gedächtnis
macht, der hat nach seinem Tod kein Gedächtnis, und
desselben Menschen wird mit dem Glockenton vergessen; und
darum so wird das Geld, so ich auf die Gedächtnis aus—
gebe, nicht verloren.“ Aber trotz dieser Grundsätze war er
als Mäcen doch karg; er kannte nicht das Wagegefühl des
fanatischen Gönners. Seine Bestellungen hielten sich im
ganzen in den Grenzen seines stets leichten Beutels, und die
naterielle Förderung mußte durch die an sich gewiß schätzens—
werten Ehren der kaiserlichen Dichterkrönung und die Gabe
leutseligen Verkehrs mit den Künstlern ersetzt werden. Aber
auch das schon war recht viel wert gegenüber der späteren
Interesselosigkeit des volksfremden Kaisers Karl; und mit
tausend Gedichten, Lobsprüchen und Bildern haben Poeten
und Künstler dem guten Kaiser Mar seine Teilnahme von
Herzen gedankt.
Neben dem Kaiser aber rückten auch die Fürsten, teilweis
unmittelbar von ihm angeregt, in die Linien geistigen Inter—
esses. In der That waren sie hierfür recht eigentlich geboren:
ihnen und ihrem Hofhalt nicht minder wie dem Großbürger—
tum waren die wirtschaftlichen und sozialen Wandlungen vom
14. zum 15. Jahrhundert zu gute gekommen. Freilich hat Äneas
Sylvius noch vergebens an Erzherzog Sigmund von Tirol und
Ladislaus Posthumus zwei Traktate über feinere Prinzen—
erziehung geschrieben, und verzweifelt hat er um die Mitte des
15. Jahrhunderts von den deutschen Fürsten geäußert: „Wenn
sie lieber Pferde und Hunde haben wollen, als Poeten, so
werden sie auch ruhmlos, wie Pferde und Hunde, dahinsterben.“
Indes bald kam der Umschwung. In Brandenburg und in
der Pfalz hatte man schon länger an dem neuen geistigen
Leben Anteil gesucht; eigentliche Märene wurden dann Eber—
hart von Württemberg (1445—98), der Stifter der Tübinger
Hochschule, Friedrich der Weise von Sachsen (1463 - 1526),
der Begründer der Universität Wittenberg, der Liebhaber der
Werke Vischers und Dürers, der Gönner Spalatins, und der
        <pb n="140" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 129

brandenburgische Kardinalerzbischof Albrecht von Mainz (1480
bis 1545), ein eleganter Mann voll geistiger und künstlerischer
Interessen, besonders eingenommen für die koloristische Ent—
wicklung der Malerei seiner Zeit, der Förderer Eitelwolfs von
Stein und Ulrichs von Hutten. Und diesen Führern folgte
bald eine Anzahl geistig nicht minder bedeutender Fürsten;
auch sie mündeten mit ihren Neigungen ein in die Interessen
der neuen Gesellschaft, auch sie wollten persönlich teilnehmen
in der Förderung geistigen Lebens: gelegentlich einer Fürsten—
versammlung in Wien im Jahre 1515 konnten zweiundzwanzig
Fürsten in ebensoviel lateinischen Reden von siebzehn Mit—
gliedern der Universität begrüßt werden.

II.

Waren so die Angehörigen der neuen Kultur schließlich
sozial ziemlich bunt zusammengesetzt, so blieb doch ihre geistige
Haltung — und das ist eine der wichtigsten Erscheinungen
dieser Entwicklung — im ganzen einheitlich; sie behielt, wenn
auch unter gewissen Abschleifungen, doch den ursprünglich
hürgerlichen Charakter.
Im allgemeinen aber lief sie darauf hinaus, die Persön—
lichkeit freier hinzustellen gegenüber der umgebenden Außenwelt
der Natur, und freier gegenüber den Einwirkungen der mensch—
lichen Umgebung. Es war das nur möglich, wenn der Einzel—
persönlichkeit die geistige Beherrschung der Natur wie der
Menschenwelt in ganz anderem Grade gelang, als bisher. Auf
diesem Gebiete sind somit die tieferen Fortschritte der geistigen
Kultur des 15. und 16. Jahrhunderts zu suchen.
Das Mittelalter hatte die Natur-nur in ihren Einzel—
heiten verstanden; ihre Wiedergabe hatte sich niemals auf
das Ganze erstreckt; die Poesie der Ritterzeit enthielt keine
Schilderung einer Gesamtlandschaft, und die Kunst ergriff nur
das einzelne Tier oder die einzelne Pflanze in anfangs ornamen—
taler, später konventioneller Auffassung. Dem entsprach es,
wenn einige Fürsten oder Städte einzelne wilde Tiere, Bären
Lamprecht, Deutsche Geschichte V.
        <pb n="141" />
        130 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

u. dgl., als Kuriosum unterhielten, oder wenn hier und da
im Ziergarten eine seltene Pflanze gezogen ward.
Eine Anderung in dieser geistigen Haltung begann sich seit
Ende des 14. Jahrhunderts bemerklich zu machen. Kaufleute, wie
der Kölner Hermann von Goch, Gelehrte, wie Johann von Neu—
markt, suchten jetzt während der heißen Zeit Sommerfris chen auf,
um fern dem Treiben der Stadt dem Ganzen der Natur zu leben;
und die Empirie zunächst des kaufmännischen Reisens führte
zur Vergleichung verschiedenartiger landschaftlicher Gesamtbilder.
Die Welt als eine Reihenfolge von Landschaften und Schau—
plätzen wechselnden Volkslebens that sich vor den erstaunten
Blicken auf, und fühlte der Deutsche auch deren kosmographischen
Zusammenhang noch nicht soweit, um in das Wort des Kolumbus
mondo é poco einzustimmen, so wußte er sich doch den Inhalt
und Charakter namentlich verschiedenartigen Volkslebens ein—
gehend klar zu machen. In dieser Art geben Hans Schilt⸗
berger aus München (1425) oder Bernhard von Breitenbach
(1486) ihre Reisebeobachtungen; dabei wird die Natur noch
nicht an sich dargestellt, die Pflanzenwelt bleibt fast unbeschrieben,
von den Tieren werden nur die seltsamen oder reißenden ge—
schildert; aber aus den dramatisch gezeichneten Erlebnissen der
Reisenden selbst tritt doch im Reflex nationaler Charakter und
sandschaftlicher Typus überzeugend hervor.
Und schon gesellten sich zu diesen empirischen Versuchen
einer Bewältigung der Außenwelt die Anfänge einer wissenschaft—
lichen Geographie; hier arbeiteten auf dem Gebiete der deut—
schen Landeskunde Wimpheling und Celtes, hier waren Münster
und Sebastian Franck als Kosmographen thätig, und Peur—
bach mit seinem Schüler Regiomontan wie der Elsässer Wald—
seemüller gaben den Seefahrern verbesserte Messungsinstrumente,
dehnten die von den Alten nur auf einen kleinen Teil der
Erdoberfläche angewandten Kartenprojektionen auf die ge—
samte Kugeloberfläche der Erde aus und sprengten so den zu
eng gewordenen Rahmen der geographischen Anschauungen des
Ptolemäus.
Der Entwicklungsgang vom Einzelnen aufs Ganze, den in
        <pb n="142" />
        Entwicklung der individnalistischen Gesellschaft. 131

dieser Weise Reisepraxis und geographische Wissenschaft ein⸗
schlagen, läßt sich noch viel deutlicher auf dem Gebiete der
ästhetischen Anschauungen verfolgen. Hier hatte das Mittel—
alter, wie gesagt, nur den Sinn für die zunächst ornamentale,
dann konventionelle Wiedergabe der landschaftlichen Einzelheiten
entwickelt. Und hierbei blieb es auch noch durch fast das
ganze 14. Jahrhundert. Aber die Einzelheiten wurden zu—
sehends natürlicher wiedergegeben. Die Pilzbäume der früheren
Qunst entwickelten grüne, wenn auch noch viel zu große Blätter,
die Tiere erhielten ihre natürlichen Farben, die Blumen
wurden in Rosenhagen und Wiesenplänen zwar im Verhältnis
zur Umgebung zu groß und darum in aufdringlichen Einzel—
ꝛxemplaren, aber im übrigen naturgemäß gebildet.
Und schon ging man darüber hinaus aufs Ganze. Vor
allem handelte es sich hier darum, die Linearperspektive, deren
wissenschaftliche Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert ohne
Einfluß auf die Kunst geblieben war, empirisch zu gewinnen.
Die ersten Versuche hierzu setzten schon um die Mitte des
14. Jahrhunderts ein; man beschäftigte sich namentlich mit dem
Problem, Architektur und menschliche Staffage eines Bildes in
das richtige Größenverhältnis zur Landschaft zu bringen. Das
führte ohne weiteres zu der Nötigung, landschaftliche Tiefe zu
zewinnen, und damit zu der ersten dunklen Ahnung von den
drei Gründen: schon in den Bildern der Schule des Meisters
Wilhelm sind andeutungsweise Vorder-, Mittel- und Hinter—
grund vorhanden. Wie aber konnten sie ausgebildet werden,
ohne die wichtigsten Fragen der Luftperspektive in Angriff zu
nehmen? Nach dieser Seite hin geht das Suchen und Streben
eit den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts. Erreicht wird frei—
lich einstweilen auch in den am meisten fortgeschrittenen Fällen
nur soviel, daß einem dunklen Vordergrund der Regel nach,
falls er überhaupt vorhanden ist, ein lichter Mittelgrund folgt,
und diesem meist ganz unvermittelt ein in allen Tönen des
Ultramarin regenschwer blauender Hintergrund. Dabei er—
scheint die Landschaft noch immer aus Einzelheiten zusammen—
gesetzt, für deren Aneinandersein nicht von dem naturalistischen

01*
        <pb n="143" />
        132 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Verschwimmen der Gegenstände in der Ferne Gebrauch gemacht
ist; sie erscheinen in festem Umriß, zeichnerisch abgeschlossen,
zleichsam mit dem Auge des Adlers gesehen und unvermittelt
nebeneinander aufgebaut, und ihre Form ist noch völlig kon—
oentionell, soweit der orographische und pflanzengeographische
Charakter in Frage kommt.
Aber gleichwohl: auch mit diesen Einzelheiten ließ sich
unter Umständen das Ganze schon trefflich charakterisieren, so
wie etwa Goethe in seinem bekanntesten Mignonliede Italien
mit einigen Einzelzügen wunderbar gezeichnet hat; und vor
allem: die Landschaft als Ganzes war da. Sie eroberte sich
jetzt den Hintergrund der Heiligenbilder an Stelle der bisher
abschließenden schwerfallenden brokatnen Teppiche; hinter den
Gestalten des Vordergrundes her, durch die Hallen der Archi—
tektur, durch weit geöffnete Fenster der Innenräume begann
man nun in heitere Landschaften von entzückender Fernsicht zu
schauen, vornehmlich bei den Niederländern, die nicht müde wurden,
ihre Haage und ihre Kanäle, ihre Wiesen und viehbelebten
Weiden mit derselben Schaffensfreude vorzuführen, wie etwa
die verwandten Florentiner und Umbrier Italiens die Land—
schaft ihrer sonnendurchleuchteten, friedeumwobenen Hügel.
Und schon suchte man diesen Landschaften Stimmung
zu geben; sie sollten in besonderer Disposition sprechen.
Schneelandschaften tauchen auf, Nachtstücke mit koloristischen
Effekten werden, z. B. bei der Kreuzigung, gesucht, auch Mond—
scheinlandschaften fehlen nicht, wie in den prächtigen Dar—
stellungen des h. Christohh von Memlinc zu Brügge und
Bouts zu München.
Allein was man hier giebt, bleibt noch mehr konventionell,
wie die sonnige Landschaft der gewöhnlichen Darstellung. Die
Perspektive entbehrt der realistischen Durchbildung; die Gründe
sind schematisch; die Einzelheiten drängen sich in Formen auf,
die teilweis noch dem Darstellungsapparat älterer Zeiten an—
zehören.
Weiter führen konnte hier nur genauere Naturbeobachtung
and engster Anschluß an das Thatsächliche der Landschaft; ein
        <pb n="144" />
        Entwicklung der individnalistischen Gesellschaft. 133

Fortschritt war mithin nur von der Vedute zu erwarten. Auf
diesem Gebiete wie auf so vielen anderen ward Dürer zum
Führer. Er ist fast der Erste gewesen, der in Deutschland
Veduten gemalt hat; er vor allen anderen wandte sich in
Sachen landschaftlicher Anschauung unmittelbar fragend an die
Natur. Freilich: die befriedigendste der uns heute zugänglichen
Antworten hat er noch nicht erhalten. Er hielt auch in der
Vedute fest an dem die Dinge isolierenden, zeichnerischen
Charakter seiner sonstigen Malweise; und darum sah er künst—
lerisch die Landschaft so wenig als wirkliches Ganze, wie seine
Zeitgenossen sonst. Erst Ruisdael und unter den Franzosen
Claude Lorrain haben der Landschaft als etwas völlig Einheit—
lichem gegenübergestanden; erst sie verstanden daher auch, sie
zu beseelen und den Beginu einer wirklichen Blüte der Stim—
mungslandschaft zu schaffen.
Indes liegt in der eigenartigen Malweise Dürers keineswegs
die unmittelbar tiefste Ursache vor, die ihn zu dem uns geläufigen
landschaftlichen Verständnis vorzudringen verhinderte. Seine Zeit
war geistig dazu überhaupt noch nicht reif. Eine volle Wiedergabe
des Landschaftlichen wird erst dann gelingen, wenn sich der Mensch
zanz außer der Natur zu setzen imstande ist, wenn er eines naiven
Verhältnisses zu ihr schon bis zu hohem Grade entwöhnt, wenn
er ihr entfremdet ist. Diese Zeit tritt für die deutsche Ent—
wicklung erst mit dem Erblühen der Naturwissenschaften ein, also
frühestens erst mit dem 17. Jahrhundert. Und erst das 18. Jahr—
hundert, das der Natur auch gesellschaftlich noch ferner stand,
sah seit Rousseau und den Stürmern und Drängern die wirklich
„harmonische Verknüpfung der Darstellung der Natur mit dem
Ausdruck der angeregten Empfindung“.
Wie auf dem Gebiete der Natur, so fehlte es dem Zeitalter
des 15. und 16. Jahrhunderts auch auf dem Gebiete der Menschen—
welt noch an der Fähigkeit der uns realistisch erscheinenden Er—
fassung des Ganzen. Das Sittenbild ist als Zweig der Malerei
noch nicht entwickelt, so sehr man kleine Anfänge dazu in den
Teppichwirkereien und Drolerien des 14. Jahrhunderts wie in
der genrehaften Ausweitung gewisser heiliger Scenen des
        <pb n="145" />
        134 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.
15. Jahrhunderts erkennen mag. Erst die holländische Malerei
des fortgeschrittenen 16. Jahrhunderts schafft, vielfach eben
aus der niederländischen Gesellschaft heraus, das volle Sittenbild,
und indem sie Portrait und Landschaft neben das Genre stellt,
feiert sie recht eigentlich den Triumph der neuen malerischen
Errungenschaften des 16. Jahrhunderts. Demgegenüber bleibt
die Kenntnis der Menschenwelt, soweit sie auf dem Gebiete
wissenschaftlichen Verständnisses liegt, noch weiter zurück. Freilich
ist man sich schon darüber klar, in einem Staate und in einer
hestimmten Gesellschaft zu leben; aber wie weit entfernt ist
man noch von dem Bestreben, die Struktur dieser Gemeinschaften
zu verstehen! Man geht nicht darüber hinaus, Einzelheiten der
großen Zusammenhänge dem Denken zu unterwerfen, und so
zrörtert man diese oder jene staatsrechtliche Unterfrage, reflektiert
wohl auch über Besonderheiten der Bevölkerungspolitik, über
einige Bedingungen landwirtschaftlichen Gedeihens oder über
das Steigen der Preise — aber von einer systematischen Auf—
klärung wirtschaftlicher oder sozialer Grundwahrheiten auf stati—
stischem oder sonst empirischem Wege, oder von dem Aufbau etwa
eines Reichs- oder Landesstaatsrechts ist noch mit nichten die Rede.
Das Einzige, was gewonnen wird, ist ein weitverbreitetes
und vielfach enthusiastisch gewandtes Verständnis der nationalen
Einheit. Es ist eine der natürlichsten Folgen der emporkommenden
Zeit des Individualismus. Jemehr die Personen sich nach Art
und Neigung differenzieren, um so mehr muß ihr gemeinsamer
Zusammenhang, der allein diese Differenzierung gestattet, auch
zußerlich kräftig betont werden, um so mehr muß an Stelle
des früheren, immanenten, unbewußten Nationalitätsgefühls, das
auf der Gleichartigkeit der nationalen Individuen beruhte, ein
klar verstandenes, äußerlich kundgegebenes Bewußtsein der Not⸗
wendigkeit nationaler Zusammenhänge grade wegen der Ver—
schiedenheit der Individuen treten. Dies Bewußtsein war im
Beginn des 16. Jahrhunderts schon so weit entwickelt, daß es
von Dichtern und Gelehrten energisch hervorgehoben ward, und
daß auch schon die Geschichtsschreibung, selbst in partikularen
        <pb n="146" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. J 185

Werken, wie der bayerischen Chronik und den Annales Bojorum
Aventins, nationalen Zielen folgte.
Das alles setzt voraus, daß um diese Zeit die mindestens
instinktive Überzeugung von dem Individualismus des einzelnen,
von der eingetretenen Differenzierung der Personenzellen des
nationalen Körpers schon allgemein verbreitet gewesen sein muß.
In der That befinden wir uns bereits in einem Zeitalter
errungener Selbsterkenntnis und entwickelten Verständnisses für
den Charakter anderer. Hatte im 14. Jahrhundert noch Karl IV.
mit den übrigens wenig gelungenen und sehr eigenartigen An⸗
fängen einer Selbstbiographie allein gestanden, und war diese
Zeit auch in den besten bürgerlichen Kreisen noch nicht durch
persönliche Denkwürdigkeiten, sondern höchstens durch Familien⸗
geschichten gekennzeichnet, so beginnen im 15. Jahrhundert die
Selbstbiographieen, und seit den ersten Vorbereitungen Kaiser
Maxens für seine selbstbiographischen Allegorieen bricht ein voller
Quell selbstgeschriebener Lebensgeschichten und Tagebücher hervor,
in denen die Gelehrten durch die beiden Platter, die Künstler
durch Albrecht Dürer, der kriegerische Adel durch Berlichingen
und Schweinichen aufs trefflichste vertreten sind.
Die Mitwelt in ihren Einzelpersonen aber ward jetzt zum
Gegenstand eifrigen und erfolgreichen Studiums der Maler,
der Schriftsteller und der Politiker. Welch köstliche Portraits
hesitzen wir aus dieser Zeit! In diesem Fach zeichnen sich nicht
nur die größten Künstler, ein Holbein und Dürer aus, auch
kleinere Meifter leisten durchweg Vortreffliches War man schon
im 14. Jahrhundert dem naturalistischen Umriß des Portraits
nahegekommen, so wächst die Fähigkeit zur vollen Wiedergabe
des menschlich Außeren im Verlauf des 15. Jahrhunderts ins
Virtuose, und die ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts
bringen das Geheimnis geistiger Auffassung hinzu. Es ist ein
Feld der Kunst, wo man sich so sicher fühlt, wie sonst fast
nirgends; schon wird die Portraitkarrikatur entwickelt. Und auch
schriftstellerisch weiß man der Persönlichkeit gerecht zu werden.
Die anekdotische Charakteristik eines Ottokar von Steier oder
        <pb n="147" />
        136 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Tilman Elhen von Wolfhagen ist längst überholt, mögen auch
immerhin in Gelehrtenbiographieen und humanistischen Lob—
sprüchen starke Reste konventioneller Schilderung fortleben. Im
ganzen erreicht man da, wo man sich ganz der Empirie naturalistischer
Beobachtung hingiebt, schon eine bedeutende Tiefe des Verständ—
nisses, der höchstens hier und da durch die Anschauung von der
göttlichen oder teuflischen Beeinflussung der Charaktere in ihren
Eigenschaften oder durch astrologische Voreingenommenheit oder
endlich durch die Lehre von den Temperamenten Eintrag geschieht.
Da weiß man vor allem das Äußere, oft mit nur zwei Worten,
aufs klarste und anschaulichste zu schildern; da verobjektiviert
man aber auch treffend und oft künstlerisch fein den inneren
Reichtum einer Persönlichkeit; wo der Wille zur Erkenntnis stark
ist, da gelingt sie. Es ist ein Zug des Empirisch-Persönlichen,
der sich auch in der schönen Litteratur bemerkbar macht. In
der Satire werden ihm die schon nicht mehr sozialen, sondern
psychologisch- individuellen Typen Sebastian Brants verdankt;
in der dichterischgebundenen Formgebung wird er geltend in der
Erscheinung, daß alles im Stofflichen aufgeht, daß man den Dingen
auf den Leib rückt unter Vernachlässigung des formal Schönen in
Disposition und Versbau, ja daß man teilweis den neuen Inhalt
individualen Erkennens in die alten Schläuche der kowentionellen
Darstellungsformen des 14. Jahrhunderts zu füllen versucht.
Kann nun ein Zeitalter, das dem Individualen in
jeder Art des Verständnisses so nahe trat, ohne wirkliche
Individuen gewesen sein? Sie waren vorhanden, und eben in
ihrem Dasein drückt sich das höchste geistige Ergebnis der
ruhelosen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der späteren
Jahrhunderte des Mittelalters namentlich auf städtischem Boden
unmittelbar und kräftig aus.
Und kräftig und unmittelbar machten die Individuen sich
bemerklich. Die Pflege, ja der Kultus der eigenen Persönlichkeit
war an der Tagesordnung. Ruhmessucht erfüllte die Welt und
blähte sich auf bis zu der maßlosen Eitelkeit der Humanisten.
Aber selbst bescheidene Bürger wünschten durch monumentale
Schöpfungen oder fromme Stiftungen fortzuleben im Gedächtnis
        <pb n="148" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. J 137

der Nachwelt, und auch ruhige Geister sehnten sich nach dem
Lorbeer des gekrönten Dichters. Die bildenden Künstler aber,
einstens Handwerker, traten jetzt flott heraus mit ihrer Person,
wie das Persönliche in ihren Schöpfungen wirkte. Hatte die
gotische Architektur mit ihrer logischen Weiterbildungsfähigkeit
gewisser konstruktiver Gedanken zur Ausbildung eines Virtuosen⸗
tumes geradezu aufgefordert, so ist es nicht wunderbar, wenn
schon aus dem 14. Jahrhundert die Namen berühmter Bau—
meister voll herübertönen: die erste Büste eines deutschen Architekten
ist die Peters von Gemünd in der Triforiengalerie des Prager
Domes aus der Zeit Karls IV. Und die Maler bleiben nicht
zurück. Von der Zeit ab, da die moderne Forschung im Tafelbild
stärkere individuelle Züge und das Fortleben von Schulen zu
unterscheiden vermag, sind auch die Namen der gleichzeitig
lebenden Künstler bekannt und als ruhmreich überliefert. Und
schon früh im 15. Jahrhundert beginnt die Sitte, dem eigenen
Werke in stolzer Signatur den Namen des Schöpfers einzuver⸗
leiben. Oft freilich geschieht das noch bescheiden. Wer würde
heute noch die Inschrift des herrlichen Altars der Anbetung der
Magier im Johannishospital zu Brügge, eines Hauptwerks
Memlincs, in der Form des 15. Jahrhunderts abzufassen wagen:
Dit werck dede maken broeder Jan Floreins alias van
der Rüst broeder proffes van dem hospitale van sint Jans
in Brugghe anno Mocoοxxx. Opus Johanis Memline!
Aber andere Künstler gingen bald über die bescheidene Zurück
haltung Memlincs hinaus, und Dürer hat es für angemessen
erachtet, seinen Hauptwerken nicht bloß seine Signatur, sondern
auch eine figürliche Darstellung seiner eignen Verson mit auf
den Weg der Jahrhunderte zu geben.
Und was die im Geiste Reichen trieben, das ahmte die
Durchschnittsmenge der individualistisch gesinnten Gesellschaft nach.
Auch sie trieben Kultus, wenigstens mit dem Außeren ihrer
Persönlichkeit. Während der naturalwirtschaftliche Lurus des
übertriebenen Essens und Trinkens noch in bedauerlicher Über—
treibung fortdauerte, ergriffen sie zugleich den Luxus der Tracht.
Immer rascher begann die Mode zu wechseln, immer mehr
        <pb n="149" />
        138 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

wurde sie individualisiert; aus den feinen Tuchen von Frankreich,
der Grafschaft Artois, der Picardie und von Brabant, aus
Seide und Damast, Brokat und Schleiertuch, aus Leder und
Pelzwerk wurde eine unendliche Verschiedenheit der Hut—
formen, der Fußbekleidung, der Wämser, Röcke und Mäntel
hergestellt, die jedem gestattete, sich persönlich im vorteil⸗
haftesten Lichte zu zeigen. Und mit welchem Feuer ergriffen
Männlein und Weiblein die Gelegenheit; es ist ein ewiges Auf
und Ab von den burgundischen Meterhauben des 15. bis zu
den vierzig Ellen Zeug fassenden Hosen des 16. Jahrhunderts.
Und nicht bloß Gecken ließen sich in diesen Strudel ziehen;
Dürer ist in jungen Jahren einer der elegantesten Stutzer
Nürnbergs gewesen und hat auch später viel Wert auf sein
bersönliches Außere gelegt.
Freilich wurden gegenüber dem Modetaumel Versuche
einer Gegenwirkung gemacht. Sie gingen von den Klassen aus,
die sich materiell zunächst weniger imstande sahen, mit dem
Strom zu schwimmen, vor allem vom Adel. Es war vergebens.
Und auch die Gesetzgebung, wie sie von den Fürsten gegen den
allzu üppigen Bürger und seinen bäuerlichen Nachbeter auf⸗
zeboten ward, fruchtete schließlich wenig, — um so weniger, je
veiter sie zum Schlage ausholte. Selbst das Reich machte
aicht bessere Erfahrungen. Gesetzliche Einzelbestimmungen von
Reichswegen, wie sie seit 1497 ergingen, wurden überhört; die
arganischen Reichsgesetze gegen Kleider- und sonstigen Luxus
von 1530 und 1548 ergingen zu einer Zeit, da der Aufwand der
Feste und der Kultus des äußeren Menschen grade den höchsten
Punkt erreichte; im Jahre 1556 ist Eichhorns Schrift vom
Hosenteufel erschienen.
Aber neben diesem breiten Gewoge äußerlichster Erfassung
der neuen Kultur zogen doch auch in weiten Kreisen Strömungen
einher, die schon früh auf eine tiefere Auffassung der errungenen
Persönlichkeit hinausliefen. In den Städten erwachte bereits
im 15. Jahrhundert der Sinn für edleren Lebensgenuß, für
Dichtung und Kunst, für Wissenschaft und Lehre als die geistig
gestaltenden Mächte der Einzelperson; und es erblühte die kräftige
        <pb n="150" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 139

Blume der künstlerischen und geistigen Entwicklung der Renaissance
und des Humanismus. Die Fürsten aber folgten langsam auf
diesem Wege; ein Hof nach dem andern ward den sittlichen
und geistigen Mächten eines persönlichen Daseins gewonnen.
Und darüber hinaus brachten es einzelne Lebenskünstler sogar
zu einer nichts übersehenden, nach jeder Richtung ausholenden
Pflege ihrer geistigen Persönlichkeit. Zwar giebt es deren
keineswegs so viele wie innerhalb der verwandten Entwick—
lung Italiens; aber immerhin wird man einem Leon Battista
Alberti und Lionardo da Vinci doch Peutinger, Pirckheimer
oder Dürer entgegenstellen können. All diese Männer sind nicht
mehr einfache mittelalterliche Polyhistoren; die Hauptsache ist
bielmehr, daß sie vom Kern einer festen Lebensanschauung als
von einem persönlichen Centrum aus die noch nahe beisammen⸗
iegenden Zweige des Wissens und gelegentlich auch noch das
Gebiet der bildenden Künste beherrschen. So sind sie vollendete
Mikrokosmen gleichsam der Kultur ihrer Zeit, beneidenswerte
Träger einer harmonischen, auf Grund der kampfumtobten Er—
rungenschaften der Vorzeit vorwärtsschreitenden Entwicklung.

III.

Es wäre indes ein großer Irrtum, wollte man annehmen,
die individualistische Kultur sei nun alsbald abgeschlossen, in
vollstem Gegensatz zu allem Vergangenen ins Leben getreten.
Die Überlieferung wirkte vielmehr neben ihr mit großer Kraft
fort, sie beanspruchte auch fürderhin die Annahme dessen, was
ihr für Wahrheit galt, und nur in mühseligem Kampf und
Ausgleich zwischen Altem und Neuem fanden die Zeitgenossen
den Weg der Zukunft.
Wie lange dauerte es vor allem auf dem Gebiete der
Sitte, ehe die alten religiös-gebundenen Formen der Sittlich⸗
keit dem Zwang eines persönlich-gewandten Ehr- und Mensch⸗
lichkeitsgefühls wichen! Noch manche Generationen folgten hier
aufeinander, gebettet in die eingelebten, nur langsam alternden
Lebensformen der mittelalterlichen Familie und der mittelalter—
        <pb n="151" />
        140

Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

lichen Genossenschaft, nur langsam zu freierer Lebenshaltung des
einzelnen emporstrebend. Wir glauben den Prozeß, der später
in anderem Zusammenhange genauer zu schildern sein wird,
gleichsam vor uns zu sehen, betrachten wir die Familienbilder
etwa Jan Steens im Haag, wo Generationen von Großeltern
Kindern und Enkeln gemeinsam nach altem Schema und doch
schon mit ganz individuellen Köpfen dargestellt sind, oder jene
Tafel Jan von Schoorels in Utrecht, auf der 38 Utrechter
Geistliche und Bürger abgebildet sind, die im Jahre 1525 in
der uralten Art genossenschaftlicher Reise eine Pilgerfahrt nach
Jerusalem gemacht hatten: gleichwohl eine lange Reihe außer—
ordentlich charaktervoller, völlig moderner Köpfe.
Auch auf dem Gebiete des Rechtslebens dauerte der Kampf
zwischen Alt und Neu Generationen hindurch und schwankte
wiederholt in seinen einzelnen Phasen. Schon für die Ver—
fassung der Familie blieb das charakteristische Beispruchsrecht
des nächsten Erben noch lange wenigstens in der Form erhalten,
daß der nächste Erbe die Veräußerung von Erbgut anfechten
konnte. Freilich: stimmte er zu oder verschwieg er sich, so
fiel jede weitere Anfechtung hinweg. Immerhin faßt diese
Regelung des Erbrechts die Familie noch im Rahmen der
Geschlechtsfolge als eine vornehmlich rechtliche Einrichtung.
Und das war auch sonst die Anschauung. Selbst Luther noch
erschien die Ehe zunächst als ein auf sinnlich-körperlichen An—
ziehungskräften beruhendes Rechtsverhältnis, wenngleich er sie
von freier sittlicher Erwägung her zu einer untrennbaren Ver—
hindung göttlichen Rechts stempeln wollte, ohne doch hierfür
den sakramentalen Zwang der mittelalterlichen Kirche heran—
zuziehen: das Verlöbnis schon sollte nach ihm die Ehe schließen,
nicht erst die copula carnalis des kanonischen Rechtes. Aber
er war sich dabei wohl bewußt, daß er mit dieser Auffassung,
die in Ehe und Familie vor allem eine sittliche, keine sinnliche
Gemeinschaft sieht, unter den Zeitgenossen noch vereinzelt da—
stand. Darum sprach er es aus: „In diesen Dingen möchte
ich keine Bestimmungen treffen, obgleich ich von nichts lieber
        <pb n="152" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 141

wünschte, daß es fest geordnet würde, da mir und vielen andern
nit mir heutigentages nichts anderes soviel Not bereitet.“
Auf andern Gebieten des Rechts befand man sich ebenfalls
im Übergange. Der alte Formalismus des Prozesses, der jedes per—
sönliche Gebahren vor Gericht dem autoritären Zwang gewisser
Formeln und Formalvorschriften unterwarf, war einerseits, als
grundsätzlich noch für jede Art des Rechtsgangs geltend, aufs
iußerste gestiegen, obwohl die symbolischen Vorgänge und Formeln,
in denen er sich erging, längst im Absterben begriffen waren.
Andererseits aber waren so viel Ausnahmen von ihm zugelassen,
daß die allgemeine Regel doch wieder durchbrochen erschien.
Schon früh war der Begriff der Vare entwickelt worden, der
Gefahr der Parteien, den Formalismus des Rechtsgangs nicht
zu beherrschen, und man war ihr entgegengetreten entweder
durch Erwerb von Privilegien, welche von der vollen Anwendung
der Formalien entbanden, oder durch Ausbildung eines besonders
geschulten Personals von Fürsprechern, Horchern und Warnern,
die sich der formalistischen Gefahr für die Parteien unterzogen.
So standen im Rechtsgang Formalismus und Nichtformalismus
dicht und grundsatzlos nebeneinander; es ist ein Zustand un⸗
leidlichen Zwitterlebens.
Nicht anders auf dem Gebiete des Strafrechts. Hier wich
man bald von dem früheren System, das in der Klassifizierung
der Verbrechen das persönliche Moment nicht kannte, ab, bald
ließ man es fortbestehen. Der Unterschied zwischen Mord und
Totschlag z. B. wurde nicht mehr nach dem objektiven Moment
der Heimlichkeit des ersteren, sondern vielmehr nach der dabei
hemerkbaren gemeinen Gesinnung des Handelnden festgesetzt.
Aber als wahrer Diebstahl galt daneben immer noch nur der
hei Nacht ausgeführte; Diebstahl am Tage wurde als Raub
behandelt. Und im Strafpvollzug galten Freiheitsstrafen noch
mmer als entehrend, da sie das in seiner sozialen Stellung,
im Standesgrad gebundene Individuum durch Beraubung der
sozialen Grundlage der Freiheit aus allen Daseinsbedingungen
zu werfen schienen; statt dessen half man sich mit den furcht—
        <pb n="153" />
        42 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

barsten Strafen an Leib und Leben, an Haut und Haar bis
zum Brandmarken, Ohrenschlitzen und Lebendigbegraben.
Auf privatrechtlichem Boden bestanden zunächst die schreiend—
sten Unterschiede zwischen ländlichem und städtischem Rechte,
wobei im allgemeinen das städtische Recht die entwickelteren
Lebensformen zeigte!. Aber auch auf dem besonderen Boden
dieses Rechtes wieder dauerte der Kampf zwischen mittelalterlich—
gebundener und individualistischer Auffassung fort. So war
. B. für eine Reihe von Vertragsarten in den Städten bereits
früh der alte Formalzwang beim Abschluß gefallen und Form⸗
losigkeit gestattet worden. Aber daneben erhielt sich doch der
alte formale Schuldvertrag (die fides facta) noch weit über das
Mittelalter hinaus als wesentliche Geschäftsform für einseitige
Schuldversprechen; und in ihm verpfändete man noch immer
seine Treue und verstärkte diese Verpfändung durch das Ver—
sprechen des Einlagers oder dadurch, daß man dem Gläubiger
die Befugnis einräumte, den Schuldner bei Treubruch durch
Schelmenschimpfen und Schandgemälde öffentlich in seiner sitt—
lichen Persönlichkeit zu vernichten?.
Das alles sind Vorgänge, die trotz des gleichzeitigen Ein—
dringens des individualistischen römischen Rechts, dessen natio—
nale Gefahren andererseits offen lagens, an ihrem Teile nicht
erwarten ließen, daß die Lebensformen des Mittelalters auf
irgend einem Gebiete tief wurzelnder Kultur leicht und schnell
würden zerstört werden.
Am allerwenigsten galt das von der Kirche. Man darf
niemals vergessen, daß die Kirche fast während des ganzen
Mittelalters die einzige Macht gewesen ist, die einen außer—
Identlichen Aufwand ideeller und materieller Natur auf geistige
und soziale, nicht private Zwecke der mannigfachsten Art ver—
wandt hat. Kirchlich waren nicht bloß die religiösen Anstalten,

S. dazu oben S. 97.
2 Vgl. hierzu und zum Vorhergehenden Schroeder, D. Rechtsgesch.,
S. 673-709 passim.
3 S. oben S. 102 f.
        <pb n="154" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 143

sondern auch die wissenschaftlichen Einrichtungen von der
Elementarschule bis zur Universität, sowie die sozialen von der
Verpflegungsstelle wegmüder Pilger bis zum Krankenhaus und
zum Asyl für Arme und Aussätzige. Die Kirche war die
Trägerin aller Ideen geistigen und gesellschaftlichen Fortschritts,
und indem sie nicht müde ward, diese Ideen zu verwirklichen,
stand sie weit über allen andern menschlichen Einrichtungen
der Zeit. Das waren Verdienste, die auch durch Mißwirt—
schaft nicht leicht verdunkelt werden konnten. Überdies waren
es, so lange das Verderben nicht schon das Papsttum selbst
ergriff, doch immer nur einzelne Landschaften, die unter ihr
litten. Mochte das Bistum Würzburg fast im ganzen späteren
Mittelalter unter unheilvollen Bischöfen seufzen — dafür
waren Mainz und auch Trier zumeist um so besser regiert.
Und wie hatte die Kirche ihre Macht benutzt, um auch
rein weltliche Dinge zu beherrschen! Ihre Jurisdiktion hatte
sie auf ganze Teile des weltlichen Rechts ausgedehnt, nament—
lich auf die wichtigen Gebiete des Familien- und Erbrechts;
ihrer Pflege des Unterrichts hatte sie den Anspruch eines Lehr⸗
monopols entnommen; immer weiter griff ihr wohlgepflegter
Besitz; und eine rücksichtslose Anwendung geistlicher Strafmittel
sicherte sie in der Beherrschung des einmal Errungenen.
So war sie namentlich für den kleinen Mann das Ein
und Alles; unendlich viel näher stand fsie ihm, als das Reich
oder die Landesherrschaft. Aber auch die höheren Kreise be—
herrschte sie, denn die Bildung war ihrer Auffassung nach ihr
Privilegium, und die Inquisition war auch noch im 15. Jahr⸗
—V
ihr das ausschließliche Recht sogar des Denkens zu er—
halten.

Wer hätte dieser Macht leicht widerstanden! Der freisinnige
Verfasser der Reformation Sigmunds meint, daß sich billiger—
weise selbst Kaiser und Könige vor dem einfachen Priester zu
berneigen hätten, und auch die Radikalen des Baseler Konzils
blieben bei dem Satze, daß der Klerus den Schlüssel der
Weisheit besitze.
        <pb n="155" />
        144 vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Freilich ging nun diese Kirche offenkundig dem Ruin ent—
zegen. Auf dem Gebiete der Lehre rächte es sich, daß das Dogma
bom Werke Christi als einer Gott geleisteten Satisfaktion all—⸗
mählich in juristischem Sinn gefaßt worden war und damit vom
Gebiete vergeistigten religiösen Denkens auf das Niveau einer
sinnlich- gebundenen Anschauung hinabgezerrt erschien, die ihm
uur Gehorsam leisten, nicht aber eine in persönlichem Ringen
erworbene Überzeugung entgegenbringen konnte. Von diesem
Tentrum der Lehre aus aber war dann das ganze Dogma über⸗
haupt vergröbert und versinnlicht worden; und so wurden jetzt
die Leidenschaften und Bewegungen des Alltags durch einen
skrupellosen Kult mit dem Heiligen verflochten, und die
Segnungen der Religion erschienen als Gegenstand geschäft—
lichen Vertriebes. Gleichzeitig ging der Klerus persönlich den
Weg des Verfalls. Unwürdige mißbrauchten immer häufiger
das Privilegium ihres Standes und die der Kirche verliehene
Strafgewalt, der Kult wurde als hohle Form betrachtet, Bischöfe
schnarchten im Kirchenstuhl, während Kapläne und Vikare an
Stelle zur Jagd ausgerittener Domherren die Messe sangen.
Der Geschäftssinn begann zu überwiegen, alles ward käuflich;
der Wucherer vermochte wohl sein Grab vor dem Altare zu
finden, wenn er brav stiftete. Solcher Auffassung des Amts
entsprach das Privatleben der Geistlichen. Die Priester nahmen
trotz des Cölibats junge Weiber und versorgten deren Kinder
mit fetten Pfründen, die Bettelmönche praßten und scharmu—
zierten, die Nonnen träumten von nichts als Liebhabern und
reicher, die Körperformen sinnlich betonender Kleidung.
Und bald übertraf der Ruin der Kurie den der Kirche.
Das Papsttum, die Kirche seit Mitte des 185. Jahrhunderts
fast absolut beherrschend, ward unter Sixtus IV. gewaltthätig;
es beanspruchte die herrschende Macht Italiens, und die
Nepoten der Päpste sehnten sich nach fürstlicher Ausstattung
mit Land und Leuten. Die sinanziellen Mittel hierfür konnten

über die Lage schon im 14. Jahrh. vgl. Band IV Buch XIII
Kapitel 2 Nr. L.
        <pb n="156" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 145

nur durch vergröberte Simonie beschafft werden, bis Innocenz
eine Bank auch weltlicher Gnaden errichtete, die gegen Erlegung
anständiger Summen Ablaß für alle Sünden einschließlich
Mordes und Totschlags verkaufte. Dem folgte das Pontifikat
Alexanders VI., des Borgia, (1492 -1503): in Blut und
Leichen schloß es eine ungeheuerliche Entwicklung, der gegen—
über selbst ein Julius II. als Retter des Papsttums erschien.
Der Eindruck dieses Unglücks und dieser Verbrechen über—
kam die Nationen des Abendlandes völlig wohl erst gelegentlich
der Pilgerfahrten des großen Jubiläums vom Jahre 1500:
da ward die Schande der Kurie offenbar. Man wußte jetzt,
was Luther vom Papsttum zu Rom später aussagte: „die Ge⸗
meinde weiden heißt auf römisch, die Christenheit mit vielen
menschlichen schädlichen Gesetzen beschweren, die Bischofsmäntel
aufs teuerste verkaufen, Annaten von allen Lehen reißen, alle
Stiftungen an sich ziehen, alle Bischöfe mit greulichen Eiden
zu Knechten machen, Ablaß verkaufen, mit Briefen, Bullen,
Blei, Wachs die ganze Welt schätzen, das Evangelium zu pre⸗
digen verbieten, alle Welt mit Buben von Rom besetzen, allen
Hader zu sich bringen, Zank und Hader mehren, kurzum nie⸗
mand zur Wahrheit frei kommen lassen und Frieden haben.“
Hätte man nun nicht glauben sollen, die neue Gesellschaft
müsse so verrotteten Zuständen aufs tapferste entgegengetreten
sein und eine neue Kirche gefordert haben?
Gewiß hielt man mit der Kritik nicht zurück. Voll Hohn
und Spott, voll Zorn und Verachtung sprach man in den geistig
angeregten Kreisen von Regularklerus und Mönchen; tausend
Anekdoten schlimmster Art über die Lüsternheit und die Un⸗
bildung der Pfaffen durchschwirrten die Luft und fanden
schließlich den feinen Kopf, der sie sarkastisch zuspitzte; in Grund
und Boden verwünschte man Kurie und Kirche.
Aber sie zu erneuern oder zu beseitigen verstand man nicht.
Ein Teil der besseren Gesellschaft war durch kirchliche Pfründen
und Exspektanzen jeder Art mit den materiellen Interessen der
Hierarchie verknüpft; er schwieg oder trat wohl gar trotz innerer
Skepsis für die Kirche ein. Ein anderer Teil verhielt sich im
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. —10
        <pb n="157" />
        146 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Grunde indifferent; ihm war Schimpfen Modesache; im übrigen
religiös wenig bewegt, war er unfähig zu jedem positiven Ersatze.
Der fromme Teil der Gesellschaft endlich war ratlos. Er strebte
freierer individueller Haltung zu, gewiß; aber gerade er war
noch nicht gekräftigt genug, um auf die Sakramente und
Segnungen der Kirche verzichten zu können: nur ein Feuergeist
hätte diesen Zirkel zu durchbrechen vermocht.
Und so ist es gerade dieser fromme Teil der neuen Gesellschaft
gewesen, der getragen von unbefriedigtem religiösem Bedürfnis
die alte Kirche stützen half. Ihm werden die immer wiederholten
Versuche klösterlicher Reformen im 15. Jahrhundert verdankt;
er suchte die Bußpredigt auf und wallfahrtete; für ihn sind zum
großen Teile die 45 Passionalien, 18 Altväterleben und 124
Einzelleben von Heiligen in deutscher Sprache, sowie die zahl—
losen Heiltums- und Wallfahrtsbücher gedruckt worden, die in
den Jahren 1470-1521 erschienen. Er war es, der die neuen
Heiligen, die gesteigerten Andachten, die zunehmende kultische
Narkotisierung anstrebte und aufnahm, und aus seiner Stim—
mung heraus spricht das Gebet einer Lübecker Grabplatte des
Jahres 1517: 0 Maria, oeine middeélerinne zwisken gode
unde den minsken, make doch dat middele z2wisken dem
richte godes ende minre armer selen, Amen!
Es war eine Richtung, die, aufgehend in frommer Be—
thätigung, jeden Zusammenhang mit den ursprünglichen Lehren
des Christentums verloren hatte und dunkel suchend umhertappte;
in dem mitgeteilten Gebete steht Maria völlig an Stelle des
Heilands. Wie sollte von dieser Seite her Heilung, wie gar
religiöser Fortschritt kommen?
In der That suchten sie auch die erleuchtetsten Geister nicht
in diesem Zusammenhang; sie gingen vielmehr von der Philosophie
aus. Philosophie aber hieß in diesen Zeiten Scholastik.
Die Scholastik ist von der Zeit ihrer Blüte an bis tief
ins 14. Jahrhundert hinein in Deutschland alles andre als
volkstümlich gewesen. Selbst in ihren staatsrechtlichen Ab—
zweigungen unter Ludwig dem Baiern war sie das nicht. In
Frankreich wurde das Somnium viridarii iu die Sprache des
        <pb n="158" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 147

Volks übersetzt; in Deutschland ist das weder dem Defensor
pacis noch einem der Werke Occams widerfahren. Indes begann
die Scholastik, nachdem sie schon für die deutsche Mystik mittelbar
den philosophischen Untergrund geliefert hatte!, doch mit der
zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mehr einzudringen, und
im 15. Jahrhundert war sie auch für deutsche Köpfe das beinah
einzige Werkzeug höheren Denkens. Als solches hat sie sich
dann noch weit über die Reformationszeit hinaus erhalten, bis
sie von der naturwissenschaftlich-empirischen Methode des
17. Jahrhunderts überwunden ward.
Die Scholastik, die mit der zweiten Hälfte des 14. Jahr⸗
hunderts in Deutschland eindrang, die mit dieser Zeit überhaupt
zu herrschen begann, nachdem noch Occam und andere für
sie gekämpft und gelitten hatten, war die des Nominalismus.
Der Nominalismus, schon früher in einzelnen Momenten sich
ankündigend, z. B. bei Halesius, bedeutete zunächst eine Gegen⸗
wirkung gegen den übertriebenen Realismus eines Thomas von
Aquino und eines Bonaventura, die nicht bloß die Vernünftigkeit
des Offenbarungsglaubens zu beweisen sich vermessen hatten,
sondern auch zu der Annahme gekommen waren, daß selbst für
unser Heil an sich indifferente Thatsachen der christlichen Offen⸗
barung im Sinne einer höheren Vernunft lägen und somit als
rationell betrachtet werden müßten.
Demgegenüber behauptete der Nominalismus, großgezogen
an der Erkenntnistheorie des Aristoteles, daß die Offenbarung
an sich unbeweisbar sei, und lehnte damit die Annahme ab,
daß sie in die gemeine Welt der Erfahrung hineinragen könne.
Das ist jene Seite des Nominalismus, die auf ein freieres
Denken hinweist, von der aus man an und für sich den Ausbau einer
Weltanschauung auf bloß rationellem Felde hätte erwarten
können. Allein hierzu fehlte noch die Voraussetzung einer
individualistischen Kultur. Vielmehr betonte der Nominalismus
nun von der andern Seite her, daß eben das Irrationelle der
Offenbarung ihr Fürwahrhalten erfordere; in der verstandes—

S. Band IV Buch XII Kap. 83 Nr. II.

01*
        <pb n="159" />
        148 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

gemäßen Unvernunft der Offenbarung sah er den besten Beweis
des Glaubens.
Indes konnte es bei der Anschauung der Zeitgenossen,
denen Theologie und Philosophie im wesentlichen zusammenfielen,.
nun doch wieder nicht ausbleiben, daß sich der Nominalismus,
wenn auch nicht an einen Beweis, so doch an eine Syste—
matisierung jener kirchlichen Lehren machte, in denen man die
Offenbarung niedergelegt sah. Natürlich war das, bei der
grundsätzlichen Stellung des Nominalismus, nur im Sinne
einer rationalen Veräußerlichung, ja einer Aushöhlung des
Glaubensinhalts möglich. Indem man die Wertmaßstäbe
empirischer Ethik an das Dogma und die Heilsthatsachen legte,
verflachte man die sittlich-religiösen Begriffe der Liebe und der
GBnade, setzte die kirchliche Ethik und auch die Dogmatik in
ein laxes casuistisches Schema um und kam zur Läßlichkeit, zum
Probabilismus aller sittlichen Verpflichtungen.
Das ist der Moment, in dem die Kurie sich der nomina—
listischen Theorieen annahm. Die Beweise für die Irrationalität
des Glaubens waren durchaus geeignet, die Autorität der Kirche,
d. h. des heiligen Stuhles zu stärken; die kasuistische Moral
schuf dem Bestreben der Kurie, im Verwaltungswege die Hut
der Seelen auszuüben, breiteste Bahn, und die Verpflichtung,
den Dogmen nur ein sich beugendes Furwahrhalten zu widmen
an Stelle persönlicher Überzeugung, ersetzte den Glauben durch
den Gehorsam gegenüber der Kirche.
So zog denn spätestens mit dem 15. Jahrhundert der
Nominalismus triumphierend durch alle Vorhöfe der Kirche
ins Allerheiligste ein; es schien, als sollte ein rationaler
Mehltau jeden Schoß wahrer Frömmigkeit ersticken.
In der That wurden einige Kreise, zum wenigsten freilich
in Deutschland, indifferent, um sich schließlich einem blinden
Fatalismus zu ergeben, der eben damals an der aus dem Orient
fommenden Astrologie eine geschäftige Vermittlerin fand1.

Über einheimische Wurzeln des Fatalismus in den niedern Kreisen
des Volkes ist Band IV Buch XII Kapitel 3 Nr. II gesprochen. Sie
kommen in dem hier behandelten Zusammenhang wohl schwerlich in Betracht.
        <pb n="160" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 149

Zumeist aber wurde von dem weitverbreiteten frommen Gefühl
ganz anders reagiert.
Einmal in der Entwicklung einer neuen Mystik. Hatte
der Nominalismus im Grunde ein ironisch-skeptisches Element
enthalten, so trat dem jetzt eine fest auf dem Boden der sittlichen
und psychologischen Thatsachen stehende, noch mittelalterliche
Frömmigkeit entgegen, welche auf den Willen und nicht auf
die Erkenntnis den Hauptnachdruck legte, die uns schon von
früher her bekannte! quietistische Mystik. Ihr war die Willens—
einheit mit Gott, die Ergebenheit, die Gelassenheit in Gottes
Wollen Seligkeit. Es ist die Mystik des Thomas von Kempen,
der deutschen Theologie und Staupitzens, die am meisten ver—
innerlichte Frömmigkeit des Mittelalters, die Vorstufe des
reformatorischen Individualismus.
In den Kreisen dieser Mystik wurde der heilige Bernard
viel gelesen. Aber daneben begann man auch Augustin zu
studieren. Und von den Grundlagen seines Denkens aus ent⸗
wickelte sich eine zweite, weitaus gefährlichere Opposition gegen
den Nominalismus. War die Darlegung und Systematisierung
der objektiven Kirchenlehre als einer nicht anzuzweifelnden, wenn
auch nicht zu beweisenden Offenbarung der hauptsächlichste Zweck
des Nominalismus, so trat ihm jetzt die alte Grundabsicht
Augustins: Deum et animam scire cupio in veränderter
Fassung entgegen. Man beruhigte sich auch in der Lehre nicht
mehr mit den probabilistisch charakterisierten sachlichen Normen
des kirchlichen Lebens; man wollte das persönliche Heil seiner
Seele. Hierhin hatten schon der Thomist Bradwardina, Wiclif
und Hus gezielt; aber klarer wurden Absicht und Kampf gegen
die Kasuistik des Nominalismus erst auf dem deutschen Boden des
15. Jahrhunderts. Und früh schon zeigte sich da eine doppelte
Art des Vorgehens. Einmal nahm die Opposition eine Richtung
auf allgemeines philosophisches Denken überhaupt, stützte sich
auf den neu entdeckten Plato und schuf eine neue Philosophie
des Realismus. Der Führer dieser Bewegung ist Nicolaus

1 S. Band IVa. a. O.
        <pb n="161" />
        1580 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

von Kues; sie mündet späterhin ein in die philosophischen
Bahnen des Humanismus. Andrerseits blieb die Opposition auf
theologischem Gebiete. Hier mußte sie vom Standpunkte des
individuellen Heilsbedürfnisses aus zu einer vernichtenden Kritik
der bestehenden kirchlichen Lehre und kirchlichen Praxis gelangen.
Führer auf diesem Wege ist vor allem Wessel. Nach ihm beruht
die Heiligung des Menschen auf Gottes Gnade und auf wahrer
Buße, also auf einem göttlichen und einem persönlichen Moment.
Wo aber Gnade ist, da bedarf es nicht der Rechtfertigung durch
verdienstliche Werke. Und wer in Gnaden gerechtfertigt ist, der
gehört zur wahrhaften Kirche, die verschieden ist von der em⸗
pirischen Kirche der Gegenwart.
Man sieht: es sind die Grundlagen späterer Lehren Luthers.
Was Luther ihnen zugefügt hat, ist nicht so sehr lehrhaft
Neues, als vielmehr das Thatsächliche des heldenhaften persön—
lichen Kampfes um ihre Wahrheit und um ihre Geltung im
eignen Innern wie in der verwahrlosten Christenheit.
So war denn also die neue Gesellschaft doch hinaus über
die individualistische Pflege der äußern Persönlichkeit, über die
Entwicklung neuer intellektueller und ästhetischer Ideale vor—
gedrungen zu den Tiefen der religiösen Frage, deren volle
Lösung erst imstande war, Mittelalter und Neuzeit endgültig
voneinander zu scheiden. Aber es waren zunächst nur wenige
Geister, die sich in dieser Richtung bewegten. Die meisten
Köpfe, denen es auf religiös-philosophischem Gebiete um mehr
zu thun war, als um bloße Opposition gegen eine verrottete
Kirche, wandten sich in voller Gleichgültigkeit von der religiösen
Seite des Problems ab und folgten jener andern Entwicklung,
die schließlich zur humanistischen Philosophie geführt hat.
Es ist ein charakteristisches Zeichen der Zeit, das beweist,
daß seit etwa der Mitte des 15. Jahrhunderts zu der bisher
ziemlich ausschließlich nationalen Entwicklung des Geisteslebens
ein neues Element hinzugetreten war, das sie weithin ergreifen
und umgestalten sollte: die Einwirkung des klassischen Altertums
und die Reception italienischer Kultur in den Formen der
Renaissance und des Humanismus.
        <pb n="162" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 151

IV.

Im Jahre 1378 kehrten die Päpste aus Avignon nach
Rom zurück; im selben Jahre erhob sich in Florenz der Tumult
der Ciompi. Im Jahre 1527 stürzten sich deutsche und spanische
Landsknechte im Sacco di Roma über die Schätze des Altertums
und der Renaissance in der ewigen Stadt; im Jahre 1530
ward die Republik in Florenz gestürzt. Es sind die Ereignisse,
welche die herrlichste Zeit der italienischen Renaissance und des
italienischen Humanismus begrenzen. Aber vorbereitende Phasen
gehen ihr über ein Jahrhundert lang voraus!.
Auch die italienische Bewegung beruht nicht auf einer
bloßen, wenn auch umschaffenden Aneignung altklassischer Bildung
und Kunst. Auch ihre Grundlage ist, wie die der geistigen
Bewegung in Deutschland, gegeben in dem Hinstreben der
nationalen Kräfte auf eine individualistische Kultur überhaupt.
Freilich trat dieses Streben in Italien um vieles früher
ein, als in Deutschland. Italien ist niemals so tief in die Ge—
bundenheit der Naturalwirtschaft versunken gewesen, wie Deutsch⸗
land oder auch nur Frankreich; stets überwogen die lösenden, die
geldwirtschaftlichen Momente. Und sie wurden gewaltig gefördert
seit den Kreuzzügen und mit der durch sie vermittelten Berüh—
rung mit den Byzantinern und Arabern, Völkern einer hohen
und alten Kultur. So verschwand fast jede genossenschaftliche
Gliederung des Volks; so ging der feudale, mittelalterliche
Staat zu Grunde.
Es sind die Vorbedingungen für das Zeitalter Dantes,
Petrarcas und Boccaccios. Sie lebten in der Periode beginnender
Auflösung des Volks in Individuen, im Jahrhundert organisch
erwachsender Nationalität. Vor allem Dante (12651821) ist
von diesen Mächten getragen, so sehr er, ein Januskopf, auch
noch mit dem Inhalt seines Denkens und mit seinen Idealen
dem vollen Mittelalter angehört. Kaum jemandem anders

Zum Folgenden vgl. teilweis Janitscheks vier Vorträge über die
Gesellschaft der Renaissance in Italien und die Kunst, Stuttgart 1879.
        <pb n="163" />
        152 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

kann man ihn in der deutschen Entwicklung vergleichen, als
Luther. Er giebt, wie dieser, seinem Volke die Einheit der
Sprache; er reißt, wie dieser, wenn auch auf anderem Gebiete,
seine Nation in konservativem Ringen mit den Mächten der
Vergangenheit fort zur entzückenden Aussicht auf ein neues
Zeitalter befreiter Persönlichkei. Seine drei Bücher von der
Monarchie zeichnen noch das Ideal des mittelalterlichen Kaiser—
tums; doch neben dem erhabenen Bild der Vergangenheit reift
halb traumhaft schon die Vorstellung vom Staate als einem
nationälen Organismus und die Idee der persönlichen politischen
Freiheit. Seine göttliche Komödie behandelt einen echt mittel—
alterlichen Stoff; sie stellt die lebende und die abgeschiedene
Welt dar nach dem Wertmaßstabe der Kirche. Aber die feine
Naturbeobachtung, die plastische Darstellung, das persönliche
Feuer in der Schilderung der geistigen Zusammenhänge zeigen
den modernen Dichter. Und völlig modern ist Dante im Kern
seiner intimen Schriftstellerei, in seinen Briefen mit ihrer politisch—
oublicistischen Tendenz, in seiner realistisch zergliedernden Selbst⸗
biographie der Vita nuova. Selbst Petrarca (1304 - 1374) hat
ihn in dieser Hinsicht kaum übertroffen. Was Petrarca dagegen
auszeichnet, das ist die volle Erkenntnis seiner selbst als einer
individualen Persönlichkeit, als eines Mikrokosmos mit eigner
Daseinsrichtung, und die Klarheit darüber, daß er mit einer
solchen persönlichen Haltung die geistige Disposition des Alter—
tums treffe. Eben dies letztere machte ihn zum Humanisten;
hierauf beruhte seine begeisterte Liebe zur Antike. Und er
empfand wohl, daß er darüber das nationale Dasein nicht zu
verlieren brauche. Die römische, namentlich die spätrömische
Litteratur, in der er lebte, zeigte die nationalen Ideale des
Altertums schon verblaßt und aufgelöst in die Anschauungen
des römischen Weltreichs. So ließ sich nach der An—
schauung Petrarcas die Kultur der Alten ohne Verstoß gegen
das Komplement des neuen, sich regenden Individualismus und
damit gegen den nationalen Gedanken überhaupt weihevoll
und freudig erneuern. Petrarca hat dies bewußt gethan;
        <pb n="164" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 153

unbewußt, naiv, überaus glücklich Nationales und Klassisches
verbindend, erreichte das gleiche Ziel Boccaccio (18183 -1875).
Er vermittelte in großen mythographischen, geographischen und
biographischen Sammelwerken seinen Zeitgenossen mit Geschick
gewisse Stoffe des Altertums, und er brachte in seinem Deca⸗—
merone das vollste nationale Leben der Gegenwart in absoluter
Natürlichkeit, fast ohne jedes Zugeständnis an die mittelalterlichen
Mächte der Kirche und der konventionellen Zucht zum Ausdruck.
Auf dem Gebiete der Kunst aber herrschte bereits ein gleiches
Leben. Auch hier, bei Giotto und seiner Schule, einerseits ein
enger Anschluß an die Antike. Aber nur in der Form, in der
Profilbildung, im Faltenwurf, in den Motiven der Haltung
und Bewegung. Im Innern der künstlerischen Schöpfungen
dagegen pulsiert, wenn auch noch ruhig und scheinbar unter—
bunden, nationales Blut; und in den Vorwürfen zeigt sich
derselbe Sinn für große Allegorien und für die Darstellung
der gewaltigsten dramatischen Momente des Christentums, des
jüngsten Gerichts, des Inferno, des Paradieses, der die Dichtung
Dantes beseelte.
Der ersten Phase der italienischen Renaissance folgte seit
dem Ende des 14. Jahrhunderts eine zweite, die ein wesent—⸗
lich verändertes Bild trägt. In der Kunst wurde jetzt schon
humanistische Bildung als ein fast unentbehrliches Er—
ziehungsmittel großer Meister vorausgesetzt; dieser Forderung
entspricht, was von der Erziehung und Lebenshaltung z. B.
Ghibertis, Brunelleschis oder Donatellos verlautet. Auch zeigen
sich in den Denkmälern Spuren energischen Studiums der
Alten, so in der dem Barock der römischen Kaiserzeit ent—
nommenen Neigung, in fliegendem Haar, in windgeschwelltem
Faltenwurf ein äußerlich möglichst bewegtes Leben zu verkörpern.
Aber diese unmittelbaren Nachahmungen der Antike machen
doch nicht das Wesen der Kunst des frühen Quattrocento aus.
Vielmehr handelt es sich in ihr vor allem um ein energisches
Studium der Natur selbst, wie es doch wohl unmittelbar aus
dem rein nationalen Drang zum Persönlich-Realistischen
        <pb n="165" />
        154 J Vierzehntes Buch. Drittes Napitel.

hervorging; und nur in der Komposition, vielleicht auch hier
und da im Schönheitsideal machen sich die Gesetze der Antike
bemerkbar. Auf litterarischem Gebiete entspricht dieser zwischen
Nationalem und Antikem vermittelnden Haltung eine Richtung,
die namentlich von den feinen Köpfen des florentinischen, etwas
später auch des venezianischen Patriziats gepflegt ward, und
als deren beste Vertreter man Coluccio Salutato, seit 1875
Staatskanzler von Florenz, den Begründer des humanistischen
Stils in der Actensprache, ferner Luigi Marsiglio und Antonio
degli Alberti, zwei Florentiner, die in freien Zusammenkünften
die humanistischen Studien förderten, weiter die drei Historiker
Villani, vor allem aber Leon Battista Alberti ansehen kann.
Sie alle waren von der Vereinbarkeit der humanistischen,
nationalen und kirchlichen Bestrebungen überzeugt; doch vor
allem der Gegenwart zugethan und national gesinnt, begünstigten
sie die Dichtung im Volgare, strebten auch sonst nach dem
Natürlichen und suchten es zu erreichen mit Hilfe eines die
Antike ausnutzenden Eklektizismus. Aber da trat ihnen eine
andere Strömung entgegen, vornehmlich gefördert durch Poggio
( 1459) und Lorenzo Valla. Sie wollte völlig freie Bahn
für die Antike; sie eröffnete namentlich gegen die Kirche, als die
Antipodin antiken Denkens und Empfindens, den erbittertsten
Kampf, und sie entrollte nicht undeutlich für die philosophische
Anschauung wie für die sittliche Lebensführung das heidnische
Programm Epikurs.
So schien ein innerer Zwiespalt der humanistischen Be—
wegung zu drohen, als, etwa um die Mitte des 15. Jahrhunderts,
die beiden entgegengesetzten Denkweisen durch eine neue Richtung
überholt wurden, die durch die inzwischen in Italien erschienenen
Griechen begründet worden war. Im 14. Jahrhundert hatte
man sich mit der lateinischen Litteratur begnügen müssen, von den
Griechen kannte man in der Übersetzung nur unvollständig Aristo—
teles und Plutarch; Petrareca hatte zwar einen griechischen Homer
besessen und verehrt, doch ohne ihn lesen zu können. Nun trat
um 1400 Manuel Chrysoloras in Florenz als Lehrer des
Griechischen auf, und bald folgten ihm andre. Es war in den
        <pb n="166" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 155

Jahren, da die nominalistische, auf Aristoteles beruhende Scho—
lastik die ersten Angriffe erfuhr, zu einer Zeit, da in Italien zu—
zgleich der mächtig geförderte Schönheitssinn der Nation einer philo—
sophischen Lebensanschauung von konkreter, künstlerischer Form
nachging. Wer hätte dieser Neigung mehr entsprochen, wer
dem Nominalismus erfolgreicher entgegengesetzt werden können,
als Plato? Und eben jetzt ward er den Italienern vermittelt.
Georgios Gemisthos, ein dreiundachtzigiähriger Greis von
achtunggebietender Schönheit, kam gelegentlich des ferraresisch—
florentinischen Konzils im Jahre 1489 nach Italien und
legte die Lehren des Meisters aus. Darauf erhob sich ein er—
hitterter Kampf zwischen Nominalisten und Platonikern, und
Plato siegte. Fast alle Universitäten fielen der neuen Philo—
sophie zu; nur in Padua herrschte Aristoteles noch weiter
his ins 17. Jahrhundert. Und mehr: in Rom, das mit Papst
Nicolaus V. (1447 -1455) in die volle Bewegung der Renais⸗
sance eingetreten war, und in Florenz, von jeher dem Brennpunkt
des jungen geistigen Lebens, bildeten sich förmliche platonische
Akademien. Die römische, von Bessarion und Pomponius Laetus
begründet, schob bald Plato an die Stelle der Bibel und schritt
zu einem fast heidnischen religiösen Kultus fort; die floren—
tiner, eine Schöpfung Cosmo Medicis, blühte unter Marsilio
Ficino und Giovanni Pico della Mirandola mächtig empor,
wurde zu einer Stätte nationaler Poesie und entwickelte eine
zwischen Plato und Christus vermittelnde Lebensanschauung,
die unter den Angehörigen der letzten Generationen des Renais⸗
sancezeitalters, auch unter den äußerlich Kirchengläubigen, die
weiteste Verbreitung fand. Ja mehr als das: die zur Grund—
lage ward eines letzten großen Aufschwungs des gesamten
talienischen geistigen und künstlerischen Lebens. In ihrer Atmo—
sphäre bewegten sich Sannazaro, der Dichter dreier Gesänge De
partu virginis, darin Heidnisches und Christliches im glänzenden
Zuge der Bilder und Gedanken völlig verschmolzen sind, ferner Bo⸗
jardo und selbst noch Ariost; von ihr belebt schufen die großen
Vertreter der bildenden Künste um die Wende des 15. und 16. Jahr—
junderts. Vor allem in Michelangelo lebte der transscendentale
        <pb n="167" />
        156 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Zug dieses platonischen Zeitalters; ihm war die Kunst das
Mittel, zur Anschauung des Göttlichen zu gelangen. Aber selbst
Lionardo, sonst vor allem der Vollender des früheren Quat—
trocento, eine reine, dem Schönen und Wissenswerten vor allem
dieser Welt zugewandte Forschernatur, zeigte sich nicht frei von
platonischen Einwirkungen; und auch Rafael, obwohl er nicht
der charakteristischen, sondern der idealen Schönheit diente,
vermittelte in seiner getragenen Art in der Schule von Athen
zwischen Christentum und Paganismus, ein intimer Freund der
platonischen Humanisten Bembo, Castiglione und Bibiena.
Wir übersehen jetzt die allgemeinsten Züge der italienischen
Entwicklung. Wie mußte sie, früher auf dem Felde als der
deutsche Individualismus, auf diesen einwirken? Und wie
konnten sich in diesem die klassischen Elemente auch losgelöst
von italienischer Entwicklung geltend machen?
In Deutschland sind Spuren unmittelbarer klassischer Ein—
flüsse weit zurückzuverfolgen. Sehen wir von der karlingischen
und der ottonischen Renaissance ab, so hat es auch später an
Einzeleinwirkungen nicht gefehlt, weder auf dem Gebiete der
Jurisprudenz noch dem der Philosophie, noch dem der Mathe—
matik und Naturwissenschaften. Aber diese Verlautbarungen
waren nicht stark genug, um ein weithallendes Echo zu finden;
sie haben keine Renaissance herbeigeführt. Die entscheidenden
Anstöße kamen von außen.
Und hier schien es zunächst, als sollte, wie einst im Zeit—
alter der ritterlichen Gesellschaft, Frankreich die Fuhrung über—
nehmen. Frankreich beherrschte noch fast das ganze 18. Jahr—
hundert hindurch die italienische Litteratur; namentlich in Ober—
italien ahmte man in provençalischer Sprache die Lyrik der Trou—
badours nach, und nur die religiösen Dichtungen des h. Franz und
Jacopones waren eigentlich italienisch-⸗national in ihrer hinreißen—
den Erhabenheit. Und auch im 14. Jahrhundert dauerte der
französische Einfluß in Italien noch fort. Dem entsprach es,
wenn sich in Frankreich schon früh und noch vor Dante und
Petrarca die Anfänge einer verheißungsvollen Renaissance ent—
wickelten. Man pflegte den Briefstil und die rhetorische Kunst
        <pb n="168" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 157

nach Cicero; dem gingen später Übersetzungen alter Schriftsteller
zur Seite, und in den Lehrplan der Universität Paris wurde
sogar Quintilian schon einbezogen.
Diese Bewegung, die bis in die zweite Hälfte des 14. Jahr⸗
hunderts hinein flott vorwärts verlief, ist in der That auch
in Deutschland wirksam geworden. Der Luxemburger Karl IV.
leitete sie an seinen Prager Hof; er ließ ein herrliches
Schloß auf dem Hradschin nach dem Vorbild des Louvre
erbauen; er führte französische Enlumineurs nach Böhmen; er
schuf die Burg Karlstein nach dem Muster des päpstlichen Palastes
in Avignon und berief den ersten Prager Dombaumeister Ma—
thias aus Arras. Diesen Bestrebungen auf dem Gebiete der
Kunst entsprachen verwandte auf litterarischem Felde. Den
Mittelpunkt bildete hier die kaiserliche Kanzlei. Sie ward
durch die Goldene Bulle (1856) säkularisiert und dem Einfluß
der geistlichen Kurfürsten entzogen, und zum Kanzler ward
Johann von Neumarkt, später Bischof von Olmütz (1874 -80),
ein humanistisch gebildeter Mann, ernannt. Unter seiner Lei⸗
tung wurde der Aktenstil gereinigt zu geschmackvollem Latein;
darüber hinaus wurde ein gewisser Einfluß auf die Geschichts—
schreibung gewonnen und eine Verdeutschung antiker Autoren
angestrebt. Es sind Neigungen, die auf die Kanzleien und Höfe
des Ostens, namentlich Wiens, übertragen wurden und die in
Böhmen selbst zu einer humanistisch angehauchten geist—
lichen Dichtung wie zu jener lebhaften Erregung der Geister
geführt haben, die dem Auftreten Husens vorausging!.
Aber sie waren schon nicht mehr bloß von Frankreich her
beeinflußt. Johann von Neumarkt war bereits ein Verehrer
auch der italienischen Humanisten und italienischer Kultur über—
haupt, und schon vor der Zeit seines Wirkens stand Karl IV.
in lebhaftem Briefwechsel mit Petrarca und sah im Jahre
1350 Cola di Rienzi an seinem Hofe. In den späteren
Jahren Karls war es dann kein Zweifel mehr, namentlich seit

Vgl. Band IV Buch XIII Kapitel 2 Nr. IV.
        <pb n="169" />
        158 Dierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

seinem Aufenthalt in Italien, daß der italienische Einfluß den
französischen geschlagen hatte.
Aber diese ganze Einwirkung unter Karl IV., von welcher
Seite her sie auch kam, verging überhaupt mit dem Regiment
—D—
Wurzeln geschlagen. Erst viel später, gegen die Mitte des
15. Jahrhunderts, begann der italienische Einfluß entscheidend
und dauernd zu wirken, und jetzt durch ganz andere Kanäle
und nach andern Richtungen hin.
Zunächst strömte jetzt auf langehin nur die litterarische Be—
wegung, nicht auch die künstlerische, nach Deutschland über. Sie
aber ward sporadisch zwar, doch geographisch allseitig und nach
den verschiedensten Kreisen der neuen Gesellschaft hin vermittelt.
Träger der Vermittlung waren die besseren Köpfe, die in
Italien studiert hatten. Denn wiewohl Deutschland seit der
zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts Universitäten besaß, galten
doch als die eigentlichen Sitze der Gelehrsamkeit noch immer
die romanischen Universitäten, für die Theologie Paris, für
die Jurisprudenz vornehmlich Bologna. Damit wurden alle
Laienkräfte, soweit fie nach feinster Bildung strebten, von
Deutschland weiter nach Italien gewiesen; suchten sie aber dort
den Abschluß ihrer Bildung, so war es natürlich, daß sie den
geistigen Strömungen überhaupt Anteil abgewannen und diesen
Anteil nach Deutschland später zu übertragen suchten: fast alle
älteren deutschen Humanisten sind in Italien gebildet.
Viel später und in ganz anderer Weise wurden die künst—
lerischen Anschauungen der italienischen Renaissanee jenseits
der Alpen bekannt. Ihre Verbreitung erfolgte schon in Italien
von Florenz her sehr langsam; erst nach manchem Jahrzehnt
ward der neue Stil den wichtigsten Städten Oberitaliens ver—
mittelt. Nun aber nahmen die deutschen Künstler, die Maler
und Architekten vornweg, die neuen Stilelemente Italiens
überhaupt nur in den nächst großen oberitalienischen Handels—
städten auf, wohin ihre Wanderung sie führte oder von
wo aus rege kaufmännische Verbindungen der oberdeutschen
Städte sie mit der fremden Art bekannt machten. Die ober—
        <pb n="170" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 159

italienischen Handelsstädte aber, die hier in Betracht kamen,
waren hauptsächlich Mailand und Venedig.
Doch nicht in ihnen vornehmlich entwickelte sich wiederum in
Oberitalien am frühesten die neue Kunst. Der künstlerische Mittel—
punkt, soweit von einem solchen gesprochen werden kann, war
da vielmehr zunächst Padua: hier begann schon im zweiten
Viertel des 15. Jahrhunderts mit Squarcione eine bedeutende
einheimische Entwicklung. Völlig nach außen hin wirksam wurde
diese aber erst mit Squarciones bedeutendstem Schüler, Andrea
Mantegna (1481 — 1506), einem Manne feinster klassischer
Bildung, einem eifrigen Antiquitätensammler, dem antikisierendsten
vielleicht von allen Malern der Zeit, der mit dem Naturalismus
des äußeren Studiums die Erforschung der perspektivischen und
anatomischen Gesetze verband und, der plastischen Auffassung
der Alten zugewendet, allmählich aus Rauheit und Schärfe zu
klassischer Reinheit und sicherem Adel der Darstellung emporstieg.
Mantegna war zugleich Kupferstecher. Als solcher vor
allem hat er früh über ganz Oberdeutschland gewirkt; die
meisten Maler standen hier unter dem Eindruck seiner wenigen
von Stadt zu Stadt verbreiteten Blätter. Als Maler dagegen
hat er die Deutschen unmittelbar viel weniger, als durch die
Vermittlung des paduanischen Einflusses nach Venedig gefördert.
In Venedig war der Einfluß Paduas schon bei Bartolomeo
von Murano und Crivelli (um 1460) deutlich. Er setzte sich
dann fort bei den ersten großen Malern der Lagunenstadt, dem
scharf beobachtenden Gentile und dem empfindungswarmen
Giovanni Bellini (f 1516). Aber die beiden Bellini unterlagen
zugleich, namentlich in der Technik, der flandrischen, durch
Antonello da Messina vermittelten Einwirkung. Und sie ver—
banden diese fremden Anregungen mit dem specifisch Venetianischen
der Malerei, wie es sich aus dem besondern Beleuchtungscharakter
der Stadt, aus der schwimmenden goldnen Luft ihrer Atmosphäre,
entwickeln mußte. So bereiteten sie jene Höhe venezianischer
Kunst vor, auf der neben Giorgione und Palma vecchio vor
allem Tizian gestanden hat. Und das war nun eine Entwicklung,
die bei den Handelsbeziehungen der Stadt unablässig in Ober—
        <pb n="171" />
        160 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

deutschland fühlbar werden mußte. Und persönliche Zusammen—
hänge kamen hinzu. Als Dürer im Jahre 1506 zum zweiten⸗
mal in Venedig war und sein Rosenkranzfest für das intime
Innere, für den Kapellenraum des Fondaco dei Tedeschi malte,
wurden eben die Aufträge vorbereitet, nach denen Giorgione
und Tizian das Außere dieses deutschen Kaufhauses mit
Fresken schmücken sollten.
Inzwischen aber hatte sich auch in der zweiten großen
Handelsstadt der Lombardei, in Mailand, die Blüte der neuen
Kunst entfaltet. Nach geringeren Anfängen Foppas und seiner
Schüler, wie sie mit der Malerei Squarciones zusammenhingen,
und neben der echt lombardischen Kunst eines Ambrogio Bor⸗
gognone sah das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts hier die
Wirksamkeit des großen Architekten Bramante und vor allem
Lionardos, der auf Einladung Ludovico Sforzas von Florenz
herübergekommen war, jenes in Theorie und Prarxis gleich be—
deutenden Bahnbrechers der großen Malerei des Cinquecento.
Nun ist Lionardo allerdings mit Schluß des Jahrhunderts wieder
aus Mailand weggegangen. Aber zahlreiche Schüler wirkten in
seinem Sinne fort, und die von ihm erregte Bewegung war stark
genug, um namentlich über Basel nach Oberdeutschland zu fluten.
Zeitlich ergiebt sich aus diesen Zusammenhängen, daß an
einen tiefergreifenden Einfluß italienischer Kunst auf deutschem
Boden vor dem Ende des 15. Jahrhunderts überhaupt nicht
zu denken ist. In der That zeigt er sich selbst im ornamentalen
Detail der Architektur deutlicher kaum vor dem Jahre 1500
und reicht höchstens in kleinen Spuren bis etwa 1490 zurück;
der erste größere Renaissancebau ist der Kiliansthurm zu Weins—
berg gewesen, erbaut 161351519. Und erst seit etwa 1530
wird das ornamentale Gewand des neuen Stils in kleinen
deutschen Lehrbüchern für Deutsche beschrieben. In der Malerei
aber liegen die italienischen Einwirkungen erst recht nicht früher;
deutlich zu Tage treten sie erst bei Hans Burgkmair um 1500,
beim älteren Hans Holbein um 1508. Dabei sind diese beiden
Maler in Augsburg, der ersten und größten Einfallspforte des
italienischen Einflusses von Venedig her, thätig. Viel länger
        <pb n="172" />
        Entwicklung der individnalistischen Gesellschaft. J 161

dauerte es dann, ehe sich die italienischen Kunstformen über ganz
Deutschland verbreiteten; in Schleswig-Holstein sind sie erst
zwischen 1543 und 1546 nachweisbar. Rascher geht die Ver—⸗
breitung nur auf kolonialem Gebiete vor sich, im einst slawi—
schen Osten; vielleicht deshalb, weil die neuen Stilelemente
hier nur als ein Glied erschienen in jener langen Kette west⸗
und südeuropäischer Kulturformen, die es überhaupt zu erringen
galt.
Außerst schwierig zu beantworten bleibt aber bei alledem
die wesentlichste aller Fragen: wie tief nämlich bei der sehr
verschiedenartigen Entwicklung der individualistischen Grundlage
in Deutschland und Italien die durch die italienische Ent⸗
wicklung vermittelte antike Kultur auf das deutsche Geistesleben
überhaupt zu wirken imstande gewesen sei. Soviel indes springt
doch alsbald in die Augen, daß die litterarische Bewegung weitaus
mehr eingewirkt hat, als die der bildenden Kunst.
Auf dem Gebiete der Kunst hatte die italienische Renais⸗
sance vor allem mit den Anschauungen der mittelalterlichen
Kirche gebrochen, welche das Diesseits geächtet und in der Kunst
überall einen Zug zur Verinnerlichung proklamiert hatte. Statt
dessen hatte sie die Selbstherrlichkeit der Form gepredigt; wie
das Individuum, so hatte sie gleichsam die Schönheit an sich
der bisherigen Fesseln entledigt und die Herrschaft des schönen
Scheins hergestellt. War das ein Zug der Entwicklung, der
der deutschen Kunst entgegenkam, die stets mehr dem Charak⸗
teristischen, als dem sinnlich Schönen zugestrebt hat? Es ergab
sich hier eine kaum zu überbrückende Kluft. Niemals hat der
Deutsche die Renaissanceformen mit der Klarheit des Italieners
gesehen, niemals sie so rein und gesetzmäßig angewandt; im
ganzen blieb er im Dekorativen stecken und hat aus dem
ornamentalen keinen architektonischen Stil selbständig ent—
wickelt.

Anders im litterarischen Kreise. Zwar waren auch hier
die Unterschiede der Entwicklung von vornherein groß. In
Italien bedeutete der Humanismus eine Strömung von säkularer
Dauer, aus dem Volksleben allseitig erwachsen und stark hinein—
Lamprecht ,Deutsche Geschichte V. 11
        <pb n="173" />
        162 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

ragend ja aufgehend in die nationale Litteratur; in Deutschland
handelte es sich um eine Bewegung zunächst nur gewisser Kreise
im Volk, von kürzerer Dauer, von halb gelehrtem Charakter.
Dementsprechend war der Wirkungskreis des fremden Humanis—
mus in Deutschland von vornherein beschränkt. Seine größte
Leistung war es wohl, daß er der sozial noch vielfach ausein—
anderstrebenden Gesellschaft der individualistischen Kultur einen
gemeinsamen Stempel gab und größere Ziele zeigte. Im
übrigen wirkte er, wie die früheren deutschen Rezeptionen aus
dem Altertum, vornehmlich nur auf dem Gebiete des Wissens;
er vermittelte antike Bildung. Aber freilich, auch dies schon
besagte unendlich viel. Von hier aus wurde den Wissenschaften
überhaupt erst im nationalen Leben eine klare und sichere
Stellung errungen, die noch heute in manchen Eigenheiten
des deutschen Gelehrtendaseins so fortdauert, wie sie das
16. Jahrhundert geschaffen hat; von hier aus wurden zum ersten—
mal durch genaueres geschichtliches Studium des Altertums
objektive Maßstäbe zur Unterscheidung verschiedener Zeitalter
entwickelt, welche die Zeitgenossen daran gewöhnten, das Mittel—
alter als eine abgelaufene, von der Gegenwart geschiedene Zeit
zu betrachten; von hier aus wurde auch die Kunst befruchtet,
indem eine Menge künstlerischer Vorstellungsinhalte der alten
Welt ans Licht gezogen wurden und der Formenkanon der alten
Kunst theoretisch erforscht ward. Und darüber hinaus wirkte
die Wiederaufdeckung der ursprünglichen Quellen einer hohen
individualistischen Kultur sogar auf die religiöse Bewegung ein;
Luther hat seine Reformation oft genug gleichsam nur als eine
Renaissance der Kirche angesehen, und er hat eine gewisse Be—
ruhigung in dem Gedanken gefunden, daß er nichts beabsichtige,
als den Geist der Urkirche wiederum zu erwecken.
Sind so die allgemeinen Wirkungen der italienischen
Renaissance in Deutschland groß genug — und unzählige indi—
viduelle laufen ihnen zur Seite —: so darf man doch nicht
vergessen, daß sie an sich immer sekundärer Art blieben; sie
griffen nur abändernd, genauer bestimmend, drohend unter
Umständen und warnend in die individualistische Bewegung der
        <pb n="174" />
        Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 163

Nation ein, die längst im Flusse war. Indem aber so fremde
Zuthat zu einheimischer Gärung hinzukam, ward das Bild
der neuen Kultur ungemein reich, folgten Schlag auf Schlag
neue geistige Errungenschaften, zog ein Zeitalter herauf, von
dem einer seiner eigenartigsten Söhne die stolze Behauptung
hat wagen können, daß es eine Lust sei, in ihm zu leben.
        <pb n="175" />
        Hiertes Kapitel.

Erste Blüte individualistischen Geisteslebens.

Unter allen großen Kulturerscheinungen des 15. und
16. Jahrhunderts war bis tief in die Reformationszeit hinein
keine volkstümlicher, als die bildende Kunst, vor allem die
Kupferstechkunst und die Malerei. Auf diesen Gebieten vollzog
sich leicht die Vermählung der neuen individualistischen An—
schauung mit den hergebrachten Mitteln kirchlich-populären
Ausdrucks, und noch Trittenheim konnte darum den erhabenen
Beruf der Maler preisen, als Priester des Schönen an der
Ausbreitung des Gottesdienstes mitzuwirken und den Armen
das Evangelium zu verkünden.
Die Kunst des 13. und 14. Jahrhunderts war noch im Konven—
tionellen gebettet gewesen!, und maßgebend gewesen war für ihren
konventionellen Charakter im einzelnen vor allem die äußere Auf—
fassung der Welt durch die bürgerliche Gesellschaft und der Vertika—
lismus der Gotik. Dem gegenüber wird jetzt der große Schritt
gethan zur Individualität der Beobachtung und damit zur
Naturwahrheit der Darstellung. Erleichtert wurde er durch das
Absterben der Gotik, die, wie jeder abblühende Stil, ihre
Zuflucht zu einem faden und rücksichtslosen Naturalismus

1S. Band IV Buch XII Kapitel 8 Nr. IV.
        <pb n="176" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. J 165

nahm, und dabei sich sogar in der Verwendung entästeter
Baumstämme als architektonischer Glieder ergehen konnte. Allein
in diesem Übergange lag doch keineswegs das Grundsätzliche der
Bewegung. Viel tiefer setzte diese ein; die Natur überhaupt in
ihren Umrissen und in ihrem lokalen Farbenreichtum zeich—
nerisch und plastisch wiederzugeben, so wie sie ist, ohne jedes
konventionelle Element, ward jetzt Ziel der Kunst und bald
glänzend erreichte Errungenschaft. Absolut also ist, soweit
Kontur und Lokalfarbe in Betracht kommen, dieser Naturalis—
mus; Generationen hindurch, bis tief ins 16. Jahrhundert
hinein, bleibt er unabgeklärt durch die Formen der Antike
und wissenschaftliche, sei es anatomische, sei es mathematisch-—
perspektivische Einflüsse, und tastend greift er schließlich bis—
weilen schon über die dem künstlerischen Auge dieses Zeit—
alters gesetzte Grenze hinaus in das Reich des Lichts und der
lichtdurchwobenen Farbe.
Es versteht sich, daß eine solche Kunstrichtung, die der
Natur unmittelbar zur Seite ging, trefflich Schönes und roh
Empfundenes, Formenreines und Formentstelltes nebeneinander
erzeugen konnte; wollte sie doch nichts wiedergeben als die
Wirklichkeit, die Wirklichkeit des Niedrigen wie des Erhabenen.
So wird die Kunst dieses Zeitalters reich an Verschiedenartigkeit
der Vorwürfe und an mannigfachem Wechsel der Auffassung; sie
birgt Perlen und leere Muschelgehäuse; neben der reifen Frucht
lagert Spreu; neben Meistern, die mit der naturalistischen Auf⸗
fassung des Umrisses und der Lokalfarbe hohen Schönheitssinn
verbinden, stehen Liebhaber des Häßlichen, Rohen und Sonder⸗
baren.
Eines aber ist es, was sie in der Zeit dieser Entwicklung,
die von etwa 1480 bis zum Schluß des 15. Jahrhunderts
reicht, alle miteinander verknüpft: die stetige Wendung auf
das Religiöse, Transscendentale trotz alles Realismus der
Formen. Freilich besitzen sie nicht mehr die unangefochtene
naiv religiöse Heiterkeit eines Meister Wilhelm; die konventio—
nelle Stimmung ungetrübten, untrübbaren kirchlichen Friedens
ist dahin. Aber geblieben und ins Männliche verstärkt ist der
        <pb n="177" />
        166 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

religiöse Ernst, die wahre Frömmigkeit, und so hält man an
den alten Idealen fest bei allem Realismus.
Die herrlichste und früheste Blüte trieb diese neue Kunst
in den Niederlanden. Hier, in Flandern und Brabant, den
Ländern besonders eilender Entwicklung, hatte das städtische
Leben im 14. Jahrhundert Formen angenommen, die östlich
vom Rhein und in Süddeutschland im allgemeinen erst wäh—
rend des 15. Jahrhunderts erreicht wurden. Hier zeitigten der
Handel Brügges und Antwerpens sowie die Industrie Gents
und Löwens schon gegen Schluß des 14. Jahrhunderts eine
geistig bewegte bürgerliche Gesellschaft von besonderer Natürlich—
keit, ja Derbheit, und bald trat diese in ergebnisreichen Wett—
bewerb mit dem gesellschaftlich feinen, französisch beweglichen
Hofe des burgundischen Landesherrn. Es war ein Boden, ge⸗
eignet wie kein anderer, um die ästhetischen Bildungskräfte der
Nation vorwärts zu treiben.
In der That weist die flandrische Plastik schon ungemein
früh realistische Spuren auf, und auch in der Miniatur er—
geben sich schon gegen Schluß des 14. Jahrhunderts deutliche
Beweise des erwachenden Naturalismus. Gleichwohl erscheint
der Aufschwung der Tafelmalerei seit etwa 1420 fast wie ein
Wunder, und doch ist er wieder persönlich begreiflich: denn er
ist geknüpft an das Zusammenwirken zweier großer Maler—
genies, der Brüder Huibrecht und Jan van Eyck.
Huibrecht wird im Jahre 1424 als angesehener Maler in
Gent genannt, dort ist er am 26. September 1426 verschieden.
Sein vermutlich weit jüngerer Bruder Jan war 142224
Hofmaler im Haag, seitdem burgundischer Hofmaler in Lille,
Gent und Brügge; in Brügge ist er am 9. Juli 1440 gestorben.
Das Hauptwerk der Brüder ist der große Altar von Gent,
eine gemalte Encyklopädie des Erlösungswerks Gottes, durch
das die Menschheit in der Sendung des Sohnes nach Adams
Fall von ihrer Sünde befreit wird. Der Altarschrein zeigt
geschlossen als Hauptbild die Verkündigung des Engels an
Maria, daneben Propheten, Sibyllen und Evangelisten sowie
die Stifter — geöffnet in einer oberen Reihe Adam und Eva,
        <pb n="178" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 167

zwischen ihnen Gott Vater mit Maria und Johannes, von
musizierenden Engelchören umgeben, in einer unteren Reihe
in freier Landschaft das welterlösende Lamm Gottes, dem
Vertreter aller Stände in frommer Erregung und herz—
lichem Verlangen zuwallen, auf daß es sie weide und
leite zum Brunnen lebendigen Wassers. Uralt, auf theo—
logischer Grübelei aufgebaut ist der Grundgedanke dieser
Bilderfolge. Aber welches Leben haben die Künstler in sie
hineingezaubert! Die Stifter auf der Werktagsseite des Altars
find von einer fast erschreckenden Naturwahrheit; man glaubt,
sie leben zu sehen, den braven, etwas beschränkten Bürger
Jodocus Vydts und seine an sich haltende Hausfrau; es sind
die ersten vollendeten Bildnisse der deutschen Kunst. Und im
Zimmer, worin der Engel Maria begegnet, tanzen die Sonnen⸗
stäubchen im letzten Strahl der untergehenden Sonne, und
durch die offenen Fenster sieht man hinaus auf den städtischen
Markt und seine giebelstolzen Häuser. Es ist eine Stimmung
des Wohlbehagens, die, ein wenig ins Weihevolle getaucht, erst
recht die Landschaft des Innenaltars beherrscht: hier blickt man
über das Lamm und die herandrängenden Christenscharen hin—
weg in tiefe Schluchten und grüne Halden, in Felsenhänge und
Waldgebirg, und die hügeligen Höhen tragen fromme Städte
mit ragenden Kirchen.
Über der bunten Fülle dieser Welt aber thront in feier—
lichem Ernste, dem Christustypus der Überlieferung gleichend,
Gott Vater selbst voll erhabener Wüurde. Und würdig und
erhaben sind die Nebenfiguren, Maria und Johannes. Aber
gleichwohl haben sie nichts Konventionelles, nur in der Über⸗
lieferung Begründetes mehr. Maria ist eine flandrische Jung—
frau, die fromm-beschaulich in ihr Gebetbuch vertieft ist,
Johannes der biedere Mann, der andere zu belehren weiß
und zu beglücken. Es sind Menschen des Jahrhunderts, die
aktuell empfinden und ansprechen, wenn auch von keuschester
Anlage und edelster Bildung. Und nun im Gegensatz zu
Maria und Johannes in ihren breit fallenden Gewändern die
nackten Gestalten des ersten Menschenpaares. Mit unerbitt—
        <pb n="179" />
        168 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

licher Wahrheitsliebe sind sie nach dem zufälligen, für Eva
nicht eben schönen Modell gemalt bis auf die feinbehaarten
Schenkel und Waden Adams und die zarten Fußnägel der
Eva. Dabei sind sie fest modelliert mit eingehender Kenntnis
des Muskeläußern und entsprechen im Fleischton der Farben—
abstufung der Modelle: so zeigen sie, den Wendepunkt zur
modernen Kunst: der Mensch ist entdeckt!
Es ist das Ergebnis, das sich auch sonst den Malereien
Jans entnehmen läßt, deren wir eine ziemliche Anzahl besitzen.
Peinlich wahr ist das Leben in ihnen erfaßt; in jeder seiner
Einzelheiten hinab bis zur Blume im Wiesenteppich wird es
unübertrefflich wiedergegeben; vollendet in Zeichnung und
Überlieferung jeder Außerlichkeit erscheint das Bildnis.
Dabei verbindet eine tiefe, warm persönliche Liebe zum Ganzen
die gleichsam photographisch, ja fast mikroskopisch erfaßten
Einzelheiten und schafft trotz aller Individualbeobachtung aus
ihnen ein Bild.
Es ist ein Aufschwung, der nicht möglich gewesen wäre
ohne technischen Fortschritt. Bisher waren in der Tafelmalerei
die Farben einzeln angerieben und bei dem Auftrage neben
oder auf schon trockene Farben gesetzt worden. Wie hätte
diese Art der Malerei (Temperamalerei) die Farben zum
Flammen, die lokalen Lichter zum Aufblitzen, die Tiefen zu
verstohlenem Glanz zu bringen vermocht! Jetzt führten die
van Eycks das bisher nur handwerksmäßig verwandte Binde—
mittel des Ols und damit die Malerei Naß in Naß in die
Kunst ein und erreichten damit die erwünschte intime Leucht—
kraft und plastische Modellierung sowie die volle Verschmel-—
zung und Abstufung der Töne.
Es war ein Anfang unserer neueren Kunstgeschichte von
einer Großartigkeit und einem Reichtum an neuen Erscheinungen,
wie sie kaum jemals der Beginn einer künstlerischen Bewegung
gezeitigt hat. War es möglich, daß dem der Fortgang völlig
entsprach? Man gehe von den van Eyckschen Tafeln Adams
und Evas im Brüsseler Museum wenige Schritte bis zu einem
ersten Elternpaare Lucas Cranachs. Es zeigt das mittlere
        <pb n="180" />
        Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 169

Können der deutschen Malerwelt noch drei Generationen nach
den van Eycks: flache Modellierung, fahlen Ton und eine
Besamtwiedergabe des menschlichen Körpers nach den Forde—
rungen der zeitgenössischen Mode. So war es schon viel,
wenn die niederländische Malerei fast ein Jahrhundert nach
den van Eycks noch gleichmäßig fortblühte, auch ohne sich
wesentlich weiter zu entwickeln. Das geschichtliche Interesse
knüpft sich unter diesen Umständen mehr als sonst an die
Individualität der besten Meister, von Rogier van der Weiden
dis auf Jan Joest und Gerhard David van Oudewater.
Rogier van der Weiden (RKogeélet de la Pastureé) ist ein
Kind der französisch-deutschen Grenze; er ist zu Doornik (Tour⸗
nay) geboren. Die Jahre reifer Manneskraft aber hat er zu
Brüssel verlebt, wo er auch (16. Juni 1464) gestorben ist.
Rogier, der ganz auf dem Boden der technischen und ästheti—
schen Errungenschaften der van Eycks steht, ist der Mann der
Bewegung, des Affekts, der Leidenschaft; im vollen Gegensatze
steht er zu den kontemplativen van Eycks, die mehr dem
zgegenständlich Ruhigen, Gemütvollen und Tieffinnigen, gleich—
sam malerisch Sinnlichen zuneigen. Darum tritt bei ihm die
Farbenstimmung zurück vor dem Zeichnerischen und der Kom—
position; er ist der Cornelius der deutschen Malerei des
15. Jahrhunderts. Gern giebt er seinen gedrungenen Ge—
stalten den gröberen Typus der Wallonen und setzt an die
Stelle der alten Responsion die plastische Gruppenbildung, wie
besonders in seiner viel nachgeahmten, einst in Löwen be—
findlichen Kreuzabnahme, die jetzt sich im Museo del Prado in
Madrid befindet. Und stets fast liebt er im Farbenton eine
kühle Grundstimmung, die an die harte Luft eines klaren
Herbstmorgens erinnert.
In eigenartigem Gegensatz zu Rogier entfaltete sich das
Talent des ersten großen holländischen Meisters dieser Periode,
des Dirk Bouts. Bouts stammte aus Haarlem, lebte aber
später in Löwen, wo er 1475 gestorben ist. Eines der be—
deutendsten unter seinen erhaltenen Werken ist der Sakraments—
altar, den er in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts
        <pb n="181" />
        170 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

für die Bruderschaft der St. Peterskapelle zu Löwen gemalt hat.
Die jetzt weit verstreuten Hauptdarstellungen dieses Werkes ent⸗
halten das Abendmahl, das Passahmahl der Juden und die Manna—
feier in der Wüste. Es sind für die Kunst Bouts in hohem
Grade geeignete Stoffe, denn er ist einer der gewaltigsten Drama—
tiker des inneren Daseins, der Gefühle. Seine Gestalten in
diesen Bildern stehen da wie gleichsam gebannt durch die
Überfülle inneren Erlebnisses; ihr Antlitz redet laut davon, daß
sie das Heiligste erfahren, aber ihr Mund, ihre Bewegungen
sind stumm, als sei ihnen gewaltsam der Ausdruck der Em—
pfindung versagt. So umschwebt sie etwas schwermütig
Ahnungsvolles. Sie leben in dem Vorstellungskreise, dem in
einem anderen Zeitalter Goethe eine seiner zartesten Schöp—
fungen entnahm; sie gemahnen an die Worte Miagnons:
Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht.

Das eigentümlich Verhaltene in der Kunst des Bouts
giebt seinen Darstellungen immerhin gegenüber den Bil—
dern Rogiers einen gewissen Zug ins Idyllische. Nach dieser
Seite wirkten dann spätere Meister der niederländischen Kunst
weiter. Vor allem Hans Memline, seiner Geburt nach zwar
ein Oberdeutscher aus Mömlingen bei Aschaffenburg, doch in
seinen späteren Jahren in Brügge ansässig, wo er Ende 1495
gestorben ist. Memlinc ist ein liebenswürdiger Künstler voll
hohen Schönheitssinns. Er mäßigt die Komposition Rogiers
ins Gemessene und zieht seine Farbenleiter ins Feine, freudig
Reizvolle. Anmut ist sein Wahlspruch, Anmut hinweg über die
olämische Derbheit seiner Vorgänger, Anmut gelegentlich auch
hinweg über die strengsten Anforderungen des Naturalismus.
Die Hauptwerke Memlincs befinden sich — ein seltenes Ge—
schick — noch heute größtenteils an dem Ort, für den sie
ursprünglich gestiftet sind, im Hospital zum h. Johannes
in Brügge, so vor allem der herrliche Ursulaschrein mit der
heitersten und zugleich frömmsten Erzählung einer Legende,
die die Hand eines deutschen Malers geschaffen hat. Und auf
        <pb n="182" />
        Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 171

einer der Tafeln des Hospitals befindet sich auch ein angeb—
liches Selbstbildnis des Meisters; es zeigt einen sinnenden Zug,
der etwas ins Leidende hinüberspielt, auf dem Haupte die
noch heute gebräuchliche Siechenmütze des Hospitales.
Die letzten großen Meister der altniederländischen Schule
sind Gerhard David und Jan Joest. Auch sie sind JIdylliker,
aber gröberer Art, Wiederholungen gleichsam Memlines von
einheimisch-holländischer Herkunft. Die Grenzen der Kunst
Davids erschaut man am besten im Brüsseler Museum. Hier
hetrachte man die Darstellung des Urteils des Kambyses und
das Altarblatt der Taufe Christi und lasse sich dabei die
Außenseite der Altarflügel aufschlagen. Wie tritt da jeder
Versuch einer Darstellung des dramatisch Bewegten zurück vor
dem Zauber der liebenswürdigen Anmut, der von der Madonna
ausgeht und von dem Jesusknaben, welcher dem Kinde der
Stifterin eine Weintraube in graziösester Unbeholfenheit dar—
reicht. Jan Joest kann man fast nur in Calcar kennen lernen;
hier hat er den Altar der Nicolaipfarrkirche gemalt in vor⸗
nehmer Anmut, mit jenem sichern Maßhalten in festen
Formen, das das Erbe einer großen UÜberlieferung zu
sein pflegt.
Jan Joest, ein Haarlemer Kind, ist 1619 gestorben, Gerhard
David, aus Oudewater in Holland, im Jahre 1528. Beide
Meister reichten damit in das Zeitalter der niederländischen
Malerei hinein, das mit Quinten Massys (7 1531) beginnt
und in gerader Linie der Entwicklung hinführt zu Rubens und
Rembrandt. Zu der Zeit aber, da sie starben, war die nieder—
ländische Malerei schon Gemeingut fast aller Nationen des
Abendlandes geworden. Nicht umsonst hatte sie sich in den
bedeutendsten Handels- und Industriestädten Mitteleuropas ent⸗
wickelt. Fremde sahen darum früh ihren Aufschwung, und
eine lebhafte Gemäldeausfuhr war die Folge. Sie ging nach
Spanien und Portugal, wo sie zur Begründung neuer Schulen
einheimischer Kunst führte; sie ging nach Italien, mit ihr zu—
gleich der Export der nicht minder herrlich entwickelten nieder—
ländischen Musik, auf deren Errungenschaften sich später das
        <pb n="183" />
        172 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Werk Palestrinas aufbaute. Sie traf vor allem auch das übrige
Deutschland. Was war natürlicher, als daß die großen Hanse—
kaufleute des. Ostens die Altäre ihrer Marienkirchen mit vlä—
mischen Bildern schmückten? Eine organische, für die weitere
Entfaltung der deutschen Malerei fruchtbringende Verbreitung
aber fand die Kunst des Nordwestens doch nur im alten, nicht⸗—
kolonialen Deutschland, den Rhein herauf in Köln und im
Oberland.

Köln hatte noch Ende des 14. Jahrhunderts, in der Zeit
Meister Wilhelms, die Führung in der Malerei des Nord—
westens gehabt; ein Kölnisches Bild dieser Zeit hängt zu
St. Salvator in Brügge. Aber seitdem war seine Kunst ver—⸗
fallen, und der erste große Meister, der dann von neuem auf—⸗
trat, zeigte bei aller Eigenart in seinen spätesten Werken doch
schon den Einfluß der Niederländer. Es ist Stephan Lochener,
ein Oberdeutscher von Geburt, der Ende 1452 zu Köln ge—
storben ist. Er knüpft in seinen ersten Werken an die alten
Kölner Meister an, doch mit einem gewissen Einschuß ober—
deutscher Art und unter dem deutlichsten Streben nach Natura—
lismus. So ist schon seine große Madonna im erzbischöflichen
Museum zu Köln nicht mehr ein Typus der frühkölnischen
engelhaft-seligen Reinheit; das Antlitz ist fester, gleichsam
irdischer gebaut, und die koloristische Wirkung des Bildes ist
derb, breit und natürlich. Noch mehr hervor tritt diese Wand—
lung dann in dem wohl in den vierziger Jahren entstandenen
Altarbild der Kölner Ratskapelle (jetzt im Dom), das die Anbetung
der Magier darstellt; in seinen lebensgroßen Figuren ist es ein
Werk von freiem Wurf, von gewaltiger, freskenartiger Wir—
kung des Tons, realistisch klar und dennoch ergreifend, ein
wenn auch unterlegenes Gegenstück Kölnischer Kunst zum Altar—
werke von Gent.
Aber ist der Naturalismus, der sich hier in der charaktervollen
Auffassung der Köpfe, in dem flotten Auftreten der Personen,
in der festen gegenseitigen Beziehung der Handelnden ausspricht,
nicht schon ein Zeichen niederländischer Einwirkung? Und ist
die angewandte Technik nicht bereits die der Ölmalerei der
        <pb n="184" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 173

van Eycks? Die Fragen sind schwer zu entscheiden. Zweifellos
aber stellt sich in späteren Bildern Locheners niederländischer
Einfluß ein. Übermächtig freilich und zerstörend drang dieser
Einfluß erst nach Loch eners Tode vor. Ihm gab sich schon
eine Anzahl teilweis hochbegabter Kölnischer Meister des dritten
Viertels des 15. Jahrhunderts hin, deren künstlerische Indivi—
dualität man wohl kennt, deren Namen aber in der Über—
lieferung noch nicht gefunden wurden: der empfindsame, schön—
heitstrunkene Meister des Münchener Marienlebens, der gewalt—⸗
fjame Künstler der Lyversbergischen Passion, ein gröberer Nach—
ahmer Rogiers, endlich der Meister von St. Severin, eine
Grüblernatur, die auch auf dem Wege des Häßlichen der Natur
entgegenstrebte. Völlig unter im niederländischen Einfluß aber
gingen die Kölner Maler seit der Wende des 15. und 16. Jahr⸗
hunderts; den Niederländern von Haus aus in Auffassung und
Technik eng verwandt, wurden sie jetzt niederländisch manieriert
und jeder selbständigen Auffassung bar. Eine heilsame Ein—
wirkung der niederländisch-nordwestdeutschen Kunst war unter
diesen Umständen nur in dem den Niederlanden nicht so eng
wie Köln verbundenen Oberdeutschland zu erwarten.

Die Vorbedingungen für eine naturalistische Entwicklung
der Tafelmalerei in Umriß und Lokalton waren in Ober—
deutschland anderer Art, als am Niederrhein und in den
Niederlanden.
Im Nordwesten hatte seit dem 14. Jahrhundert die
Miniaturmalerei unter dem Einflusse des burgundischen Hofes
und seiner französischen Verbindungen einen außerordentlichen
Aufschwung genommen; sie hatte das Versuchsfeld gleichsam
dargeboten, auf dem man sich in realistischen Zügen vornehmlich
der Farbenwirkung zum erstenmal erprobte.
Anders in Oberdeutschland. Zwar lebte auch hier seit späte—
stens dem Ende des 14. Jahrhunderts ein kräftiger Bildersinn,
iber er war weniger Sache der höchsten und zahlungskräftigsten
        <pb n="185" />
        174 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Kreise, als der bildungshungrigen Menge. Dementsprechend
wurden die Handschriften nicht so sehr mit kostbaren Minia—
turen, als, in demokratischer Illustrationstechnik, mit rasch hin—
geworfenen und roh angetuschten Federzeichnungen verziert. Rein
fabrikmäßig wurde diese Technik betrieben, und ihre Erzeugnisse
waren weit verbreitet; neben Rechtsbüchern, Chroniken, Bibeln
wurden namentlich Andachtsbücher so hergestellt!.
Natürlich förderte diese Kunst die realistische Anschauung
der Dinge in ganz bestimmter, von der niederländischen
Art abweichender Weise. Nicht die zarten Farbenbeziehungen
der Miniaturen wirkten hier ein, sondern der derbe Zug der
Zeichnung: er war die Mitgift, welche die Tafelmalerei der
Illustrat ionstechnik entnehmen durfte.
Verschärft und gefestigt wurde dieser Zusammenhang noch
durch den Umstand, daß sehr verbreitete und volkstümliche
polygraphische Gewerbe die Illustrationstechnik wirkungsvoll
ablösten. Die Techniken des Holzschnitts und des Kupferstichs
sind ihrer Grundlage nach uralt; namentlich auch das frühere
deutsche Mittelalter hat sie in der Form des Pergament- und
Zeugdrucks wie in der Niellotechnik der Goldschmiede bereits
gekannt. Allein zu graphischen Vervielfältigungsverfahren wurden
sie doch erst seit der Wende des 14. und 15. Jahrhunderts, mit
dem Einsetzen demokratischer Bilderlust. Und der Gang
ihrer Entwicklung ist der, daß sie schließlich vor allem in
Oberdeutschland heimisch wurden.
Am frühesten war der Holzschnitt am Platze; seine Anfänge
reichen noch weit über das 15. Jahrhundert zurück, wenn auch
der erste datierte Schnitt, das Einblatt des h. Christoph, erst aus
dem Jahre 1423 stammt. Nun handelte es sich freilich anfangs
nur um Einzeldarstellungen rohesten Charakters, Christusköpfe,
Heiligenfiguren, Reliquienbilder u. dgl. Aber bald suchte man
im Holzschnitt doch auch die verbreitetsten von jenen Büchern nach—
zuahmen, die in zeichnerischer Illustrationstechnik hergestellt wur—
den. Zu dem Zwecke ward eine ganze Reihe von Einzelholzschnitten,

S. Band IV Buch XII Kapitel 8 Nr. IV.
        <pb n="186" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. I 175

denen ein erklärender Text eingeschnitten war, zu einem Buche
verbunden, dessen figürliche Teile ebenso ausgetuscht wurden,
wie bisher die Federzeichnungen illustrierter Handschriften. Auf
diese Art entstanden die sog. Blockbücher, die Ars morieèndi,
das Speculum humanae salvationis, die Biblia pauperum,
das Canticum canticorum u. a. m.; ihre Anfertigung scheint
vor allem noch in den Niederlanden geblüht zu haben.
Die fernere, weit fruchtbarere Entwicklung des Holzschnittes
dagegen führte nun namentlich ins Oberland, denn sie hing mit
Gutenbergs Erfindung zusammen. Als Gutenberg im Jahre
1450 seine Biblia latina vulgata, das erste mit beweglichen
Lettern hergestellte Buch, zu drucken begann, wird er schwerlich
geahnt haben, in welch engen Bund der Holzschnitt alsbald
mit seiner Erfindung treten werde: schon die nächsten Jahr—
zehnte brachten eine Fülle illustrierter Drucke, die Bilderlust
der Nation wuchs jetzt erst recht heran und konnte sich kaum
noch genug thun. Diese Entwicklung aber folgte naturgemäß
der nächsten, anfangs beinahe auf Oberdeutschland beschränkten
Ausbreitung des Buchdrucks. Freilich nahm in ihr der Holz—
schnitt künstlerisch anfangs keinen Aufschwung; noch bis in die
achtziger Jahre des 15. Jahrhunderts blieb er mindestens so
handwerksmäßig, als er gewesen; erst gegen Schluß des
15. Jahrhunderts begannen große Meister für ihn zu zeichnen;
und eigentlich erst Dürer hat ihn zu einem vollkommenen Mittel
künstlerischer Sprache entwickelt.
Um so wichtiger war der viel früher zu höherem Gebrauch
entwickelte Kupferstich; er hat für die Geschichte der Malerei
des 15. Jahrhunderts wie für die Geschichte der Kunst über—
haupt ungleich größere Bedeutung. Auch für ihn sind die
Anfänge, die nicht ganz soweit zurückreichen wie für den Holz⸗
schnitt, vor allem am Niederrhein und in den Niederlanden zu
suchen. Aber auch für ihn wurde, und anscheinend noch früher
als für den Holzschnitt, der Schwerpunkt nach dem Oberland
verlegt; der Meister des h. Erasmus, dessen Wirksamkeit vor—
nehmlich noch in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts fällt,
war wohl in Nürnberg zu Hause; der erste und bedeutendste
        <pb n="187" />
        176 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Monogrammist aus der Mitte des Jahrhunderts, der Meister
E. S. vom Jahre 1466, war ebenfalls aller Wahrscheinlichkeit
nach ein Oberdeutscher, und oberdeutschen Ursprungs ist gewiß
auch der Meister des Hausbuches gewesen.
Was war nun die Wirkung dieser neu entwickelten poly—
graphischen Künste auf die Malerei? Sie verlief zunächst ganz
in den Bahnen der alten Illustrationstechnik; sie ging aufs
Derbe, Lineare, sie forderte zu dramatischer Scenenbildung auf.
Aber dazu kam bald ein Weiteres. Der Darstellungskreis der
Malerei erhielt eine leise Richtung auf das Sittenbild und die
Landschaft, die alte Wurzel germanischer Phantastik wurde neu
belebt, und Humor, Satire, überhaupt Laune drangen aus
den kleinen papiernen Bildchen in die Werke der Staffeleien.
Und wie mußten diese Wirkungen sich vervielfachen von dem
Augenblicke an, da hervorragende Maler zugleich dem Holzschnitt
oder dem Kupferstich huldigten! Wie mußte eine Technik die
andere befruchten, wie zugleich der Einfluß der Kunst auf die
Nation wachsen, der jetzt Schöpfungen der ersten Meister in
ihren weitesten Kreisen zugänglich wurden! Eben auf diesem
Wege hat die oberdeutsche Kunst ihre eigenartige Ausbildung
gefunden, und auf diese Art ist sie zu einem Lebenselemente
des 15. und 16. Jahrhunderts geworden, dem man auf Schritt
und Tritt begegnet.
Die erste folgenreiche Entwicklung in diesem Sinne knüpfte
sich an den Oberrhein, zunächst an Kolmar. Hier entstand,
nachdem vereinzelte Anfänge des Naturalismus an verschiedenen
Stellen Schwabens und Alemanniens schon vorher zu Tage
getreten waren, mit Kaspar Isenmann (f 1466) eine künst⸗
lerische Überlieferung, in der sich Spuren niederländischen Ein⸗
flusses in Außerlichkeiten und Technik mit einbeimischem Rea—
lismus mischten.
Aus dieser Überlieferung ist dann Martin Schongauer,
der erste große oberdeutsche Meister hervorgegangen. Um die
Mitte des 15. Jahrhunderts geboren, war er Isenmanns Schüler;
gestorben ist er im Jahre 1491 zu Breisach. Schongauer war
Qupferstecher und Maler zugleich, ja in gewissem Sinne mehr
        <pb n="188" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 177

Stecher, als Maler; alle seine Gemälde tragen den Charakter
des Zeichnerischen. Was aber hat er aus dem überlieferten
Kupferstich entwickelt! Mit einer Meisterschaft handhabte er
schließlich dies Ausdrucksmittel, wie sie keiner seiner Vorgänger
besessen hatte, immer stärker gab er das Leben seiner Vorwürfe
wieder, immer weiter dehnte er die Stufenleiter der Töne aus,
bis er sie vom schwärzesten Schwarz des Kernschattens bis zum
zartesten Lichte beherrschte. Und gleichzeitig hiermit streifte er den
gröblich- herben Naturalismus der oberdeutschen Tradition und
Rogiers ab. Seine Köpfe zeigen schließlich nicht mehr das Eckige
eines van der Weyden, seine Volkstypen sind nicht mehr der Ab—
klatsch der rohesten Gesellen der Gasse und des verweltlichten
Passionsspiels. Er wird abgewogen, weich, fast lyrisch in seinen
Schöpfungen, in der großen Blattfolge etwa der Passion mit
ihrem freundlich sanften Christustypus, oder noch mehr in den
seelenvollen, sonnigen Madonnenbildern der späteren Jahre.
Und mit dieser Entwicklung im Kupferstich hielt die in der
Malerei Schritt. Zwar hob sich hier auch später noch Schongauers
Farbenstimmung deutlich ab von der blühenden Palette, der
gegenständlich-sinnlichen Tönung der Niederländer; sie behält
immer einen Bruch ins Graue, und sie tritt zurück hinter der
sicheren Komposition und Zeichnung. Aber innerhalb dieser
Grenzen zeigt sich greifbar ein zunehmender Zug ins Anmutige,
Weiche, ja schließlich ein Streben nach schönheitlichem Natura—
lismus, das dicht davorstand, idealistisch in das Suchen nach
Typen umzuschlagen.
In alledem zeigt sich Schongauer als der eigentliche Vor—
läufer Dürers, und auch äußerlich ist der Entwicklungsgang
beider Männer ähnlich. Beide Söhne von Goldschmieden
teilten sie die frühe Neigung zum Kupferstich, und an ihm
zunächst gebildet, behielten sie auch im Malwerk einen speziell
zeichnerischen Charakter. Es war die Richtung, die das germa—
nische Genie verlangte; neben Dürer hat niemand auf die
gleichzeitigen und späteren deutschen Künstler größeren Einfluß
ausgeübt, als Schongauer.
Lamprecht, Deutsche Geschichte V.

2
        <pb n="189" />
        178

Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Und schon waren vieler Orten in Oberdeutschland junge
Schulen einer naturalistischen Malerei erblüht, deren jüngere
Generation auf Schongauer als den Meister sehen konnte. In
Ulm malte in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts
Hans Schüchlin, und ihm folgte bis über das Ende des Jahr⸗
hunderts hinaus sein großer Schüler Bartholomäus Zeitblom,
ein Maler von ruhiger Auffassung, feinem Farbengefühl und
klarem Naturalismus der Einzelheiten, besonders des Falten—
wurfs. In Augsburg wie Nürnberg wirkten Künstler, aus
deren Schaffen die Thätigkeit des jüngeren Holbein und Dürers
hervorgegangen ist. In Tirol endlich blühten sogar zwei
Schulen, und die südlichere des Pusterthals besaß in Michael
Pacher zu Brunneck einen außerordentlich angelegten Künstler,
der gleichbedeutend als Maler und Bildschnitzer bis zum Jahre
1498 gelebt hat. Sein Hauptwerk in bildnerischer wie male—
rischer Hinsicht, der Altar des Klosters St. Wolfgang am
Abersee, zeigt den breiten, alles Kleinliche abwerfenden Natura—
lismus einer südlichen Natur, die, obwohl von Italien her be—
einflußt, doch germanisch festhält am Charakteristischen in der
Kunst und ihre höchste Kraft deshalb einsetzt für die Bildung
der Köpfe. Darüber hinaus aber offenbart sich ein eigenartiger
Sinn für das landschaftlich Stimmungsvolle, der zum Auf—⸗
suchen koloristischer Wirkungen drängt, der den Umriß zu ver—
wischen sucht, der aus dem bloßen Naturalismus der Lokaltöne
hinausleitet zum Naturalismus des Lichts und des Gesamt—
tons. Es ist eine Neigung, die schon nicht mehr die Kunst
des 15. Jahrhunderts kennzeichnet; unmittelbar führt sie aus
dem beschränkten Können dieses Zeitalters hinaus in die
Malerei eines Grünewald und Baldung, hinein in das volle
Blühen und Reifen der deutschen Kunst in den ersten Jahr—
zehnten des 16. Jahrhunderts.

Michael Pacher war Bildhauer und Maler. Nicht minder
hat der Nürnberger Wohlgemut, Dürers Lehrer, eine Werk—
statt für Malerei und Plastik geleitet. Es sind für die Ge—
        <pb n="190" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 179

schichte der deutschen Bildnerei charakteristische Daten: die
Plastik folgte im 15. Jahrhundert im ganzen der tieferen Ent—⸗
wicklung der Malerei und hat damit den gleichen Werdegang zum
Naturalismus durchgemacht. Nur daß sie länger gebunden blieb;
noch bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts dauert in gewissem
Sinne der schon teilweis gebrochene Konventionalismus der
Gotik; ein vertikaler Zug, das Übergewicht der Gewandung über
die Modellierung des Körpers und die Knitterung aller Horizon⸗
talen namentlich im Faltenwurf beeinflussen noch die Gestaltung.
Dann wird die Plastik befreit sowohl durch die Wandlung
des gotischen Stils zur Freiräumigkeit und zum Flamboyant,
wie durch den Einfluß des vorwärts strebenden malerischen Na—
turalismus. Sie löst sich von der Architektur, sie verändert auch
teilweise das Material, indem anfangs in den Niederlanden am
Niederrhein und in den deutschen Kolonialländern, bald aber
auch sonst die Holzskulptur an Stelle der Steinbildnerei in den
Vordergrund tritt, und sie folgt mit besonderer Virtuosität den
soeben gefundenen malerischen Gesetzen!.
An dieStelle der statuarischen Einzelplastik der hochgotischen
Zeit tritt damit die nun aufs stärkste betonte Scenenbildung,
und die Scenen werden schon früh, auch bei Darstellung
heiliger Vorgänge, ins Genrehafte erweitert. Vor allem aber
wird das Studium der Natur bis in die kleinsten Einzelheiten
mit großem Ernste aufgenommen, und unter seiner Einwirkung
wächst das Verständnis des Nackten an Kopf, Händen und
Füßen, während freilich das anatomische Verständnis und
die Gesamtkenntnis des menschlichen Körpers noch äußerst
gering bleibt. Um so mehr werden die Kundgebungen der
inneren Bewegung des Menschen studiert und bemeistert, das
Dramatische der Gesten, das Mienenspiel des empfindenden
Angesichts. Bald wird nach dieser Seite hin das Leben mit
größter Treue wiedergegeben, vor allem in seinen weichen,
innigen Stimmungen, während das leidenschaftliche Pathos
leicht zu barbarisch genommen wird. Am besten gelingen

Vgl. hierzu schon Band IV Buch XII Kap. 3 Nr. IV.
12 *
        <pb n="191" />
        180 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

dieser Kunst deshalb Frauengestalten und frauenhafte Männer,
wie z. B. der Evangelist Johannes. Verstärkt aber wird die Rich—
tung auf das Gemütvolle wie der Ausdruck des Natürlichen noch
durch die ganz realistische Bemalung; ja diese giebt dem Ganzen
oft geradezu ein unverkennbares Moment der Stimmung.
Zuerst erblüht diese neue Kunst in Schwaben seit etwa
den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts; einer ihrer größten
Meister ist der namentlich im Ausdruck sinnig ernster Haltung
hervorragende, der Scenenbildung aber noch abgeneigte Ulmer
Jörg Syrlin der Ältere. Ein Ausläufer der schwäbischen Art ist
dann die Würzburger Schule Tilmann Riemenschneiders, der
um 1500 blühte; hier überwiegt nun völlig das lyrische
Element, und das Stimmungsvolle weicht bereits dem Em—
ofindsamen.
Neben den Schwaben sind die Bayern schon früh Träger
dieser Bildnerei geworden, nur daß sie hier lebensvoller, handgreif—
licher, derber entwickelt ward und ohne jene Rücksicht auf das
formhaft Schöne, die den Schwaben von jeher eigen gewesen ist.
Ihren Höhepunkt hatte diese Plastik in Tirol, und der uns
schon als Maler bekannte Michael Pacher war ihr größter
Meister. Bei ihm erweicht sich die fest gedrungene Auffassung
da, wo es nötig erscheint, auch ins Zarte; die ganze Stufen—
leiter des plastischen Ausdrucks steht ihm zu Gebote, und er
bleibt in ihrem Gebrauche germanisch, obgleich seine Wiege
nicht weit von der Tizians gestanden hat.
Eine merkwürdige Weiterbildung aber erlebte diese ober—
deutsche Plastik etwa seit 1480 im deutschen Nordwesten. Der Natu⸗
ralismus, bisher wesentlich der Wiedergabe des inneren Lebens
zugewandt, erscheint hier ausgeglichen; die Bedeutung der äußeren
Form wird hier nicht mehr so stark übersehen wie bisher; neben
die Beseelung tritt jene Monumentalität, die jeder höher ent—
wickelten Bildnerei eignen muß. So besonders in den zahlreichen,
noch an Ort und Stelle befindlichen Skulpturen von Tanten
und Calcar, an jener Stelle des Niederrheins, wo kölnische,
niederländische und westfälische Einflüsse sich berühren.
Und sehr bald. ward, sehr begreiflich bei den regen
        <pb n="192" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 181

Handelsbeziehungen, das deutsche Kolonialgebiet und auch sonst
der Nordosten von dieser Bewegung ergriffen. Aber man be—
gnügte sich hier nicht mit der bloßen Aufnahme der Einfuhr,
wie es zumeist im Gemälde- und Grabplattenimport der Fall
war; man wurde selbständig thätig. Denn nach der bildneri—
schen Seite vor allem erscheint die Bevölkerung der deutschen
Kolonialgebiete wie überhaupt der nordgermanischen Länder
der Ostsee beanlagt; zahlreiche Zeugnisse von den Wechsel—
burger und Meißner Skulpturen an bis auf die plastischen
Schulen Berlins und Dresdens in unserem Jahrhundert, und
von den nordischen Schöpfungen der Wikingerzeit bis auf
Thorvaldsen, Molin und Biörveson sind hier beweisend. Im
15. Jahrhundert wurde zunächst Lübeck, dann auch die jütische
Halbinsel Sitz reger bildnerischer Thätigkeit. In Lübeck, wo
man schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts trefflich in
Erz gegossen hatte, entstanden Schnitzereien, wie der Johannes
des Langschiffs der Marienkirche, und vor allem erblühte eine
sehr rege Ausfuhr plastischer Werke nach Schweden und Däne—
mark. In Schleswig-Holstein fand die Entwicklung über den
Pretzer Altar der Frederiksborger Sammlung zu Kopenhagen
hinaus ihren Höhepunkt um 1820 in der glänzenden Kunst
Hans Brüggemanns von Husum. Brüggemann überschritt die
rein naturalistischen Grenzen der bisherigen Plastik; er ver—
traute sich den einsamen Pfaden an, die zu einer Idealisierung
der naturalistischen Auffassung führen. Und er drang auf
ihnen vorwärts, gewaltig und phantasiereich, übersichtlich und
klar; seine Gestalten haben einen Zug ins Typische, Einfache
und Große; sogar im Faltenwurf sind sie schlicht und er—
haben: man spürt einen Hauch des Geistes, daraus Dürer seine
Apostel geschaffen hat.
Der westdeutsch-nordischen, an Werken weniger umfang⸗
reichen Plastik war seit den letzten Jahrzehnten des 15. Jahr⸗
hunderts immer fruchtbarer und vollkommener zugleich eine
fränkische, zunächst in Nürnberg heimische Bildnerei zur Seite
getreten, und bald gewann sie Einfluß auch in Schwaben und
Bayern, Hessen, Thüringen und Sachsen, wo sie an den Ab—
        <pb n="193" />
        182 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

hängen des Erzgebirges sonderbar ausschweifende Schosse trieb;
um die Wende des 15. und 16. Jahrhunderts war sie die
hauptsächlichste plastische Schule.
Ihre großen Meister waren Wohlgemut der Maler, Veit
Stoß, der um das Jahr 1480 blühte, Adam Kraft (1490)
und der gleichzeitig mit Kraft bekannt werdende Peter Vischer,
der 1529 gestorben ist. Alle diese Meister, von denen Wol—
gemut und Stoß zumeist in Holz, Kraft in Stein, Vischer in
Erz arbeiteten, brachten den naturalistischen Zug mit fränki—
schem Nachdruck und fränkischer Vorliebe für klares, hart
dramatisches Handeln zum Ausdruck. Bezeichnend für diese
Richtung ist namentlich Stoß; bei ihm zeigen sich die natura—
listischen Neigungen geradezu übertrieben und gleichsam nervös;
er vermeidet es bisweilen nicht, in hohles Pathos und über—
hitzte Empfindung zu verfallen. Erscheint ihm gegenüber Adam
Kraft in seiner Kunst streng, ja fast archaisch, so ist Peter
Vischer, dem sich namentlich in seinem herrlichen Grabdenkmal
des h. Sebald, ähnlich wie Brüggemann, der Weg zum Idealis—
mus aufthut, vielmehr zur Ruhe, zur Monumentalität, zu
klassischem Ebenmaß gestimmt. Und hierfür machen sich bei ihm
neben der eigenen genialen Anlage zugleich schon klassische und
italienische Einflüsse geltend, freilich ohne seine Eigenart im
tiefsten zu beugen. Er ist damit gleichsam der Holbein der
deutschen Plastik; im Grunde deutsch bleibend, entnimmt er
doch fremdem Einfluß gern, was ihm zur Klärung und Ver—
klärung seiner Kunst von Wert dünkte.
Es versteht sich, daß er damit eine Stellung einnahm, die
sich, auf der Scheide zweier Zeitalter, von keinem Nachfolger
aufrecht erhalten ließ: er ist der letzte große Plastiker dieser
Periode. Unaufhaltsam ergoß sich nach ihm der italienische
Einfluß über die Alpen und wirkte, die Grundfesten der deutschen
Bildnerei umspülend, verderblich. Er vernüchterte die Stimmung,
er lähmte die Bewegung, er führte zur Entartung in leeren
Formenklang. So zerstörte er das plastische Vermögen für
große und tief zu empfindende Aufgaben: genug schon, wenn
        <pb n="194" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 183

dieses fürderhin noch in den tausend Sächelchen eines kräftig
entwickelten Kunsthandwerks Bethätigung fand.
Im ganzen muß so von der Entwicklung der Bildnerei gesagt
werden, daß sie sich mit Ausnahme gewisser Werke der nordischen
und der fränkischen Schule im Naturalismus des 15. Jahrhunderts
erschöpfte; der Übergang zu einer reicher ausgestatteten Ideal—
plastik ist im allgemeinen nicht gefunden worden. Der künstlerische
Fortschritt in dieser Richtung, wie ihn die Wende des 15. und
16. Jahrhunderts brachte, fiel vielmehr der Malerei und dem
mit ihr verbundenen Holzschnitt und Kupferstich zu: nur
sie sind, unter fortwährender Steigerung der nationalen Sym—
pathien für sie, allseitig zur vollen Sonnenhöhe einer Kunst
emporgediehen, in der eine idealistische Auffassung sich aufs
innigste mit dem Naturalismus des 15. Jahrhunderts paarte.
Indes, ehe auf dem Gebiete der malenden und zeichnenden
Künste dieser Höhepunkt erreicht ward, hatte der Fortschritt der
wissenschaftlichen und litterarischen Bewegung einen ganz an—
deren Boden für ihr Verständnis und ihr Gedeihen geschaffen.

II.

Die ersten Spuren humanistischer Bestrebungen am böh—
mischen Hofe Karls IV. waren, soweit sie nach dem eigentlichen
Deutschland führten, ziemlich bald verwischt worden!; vergebens
hatte Petrarca im Jahre 1856 in Prag geweilt. Auch Enea
Silvio hatte um fast ein Jahrhundert später umsonst für die
italienisch-klassischen Studien gewirkt?; auch diesmal, wie schon
unter Karl IV., wurde im ganzen nicht viel mehr, als eine
gewisse geistige Bewegung in der kaiserlichen Kanzlei hervor—
gerufen.
Daneben aber traten zur Zeit Silvios, ja teilweis bereits
früher, andere, organischere Einwirkungen. Einige hervor—

S. oben S. 157 f—
S. oben S. 128.

2
        <pb n="195" />
        184

Vierzehntes Buch. Viertes Rapitel.

ragende Träger des deutschen Geisteslebens begannen dem
humanistischen Denken zu huldigen, teilweise im italienischen
Sinne und nach italienischer Schulung, aber doch schon mit
dem Versuche, unmittelbar an die Alten anzuknüpfen. Zu
nennen sind da namentlich der Zuricher Felix Hemmerlin
(c. 1898 — 1460), Doktor von Bologna, ein aristokratischer
Eiferer gegen die Unkultur der Bauern und den Verfall der
Kirche, ferner der große Gegner des Papsttums Gregor von
Heimburg (1410 1472), der erste humanistische Staatsmann,
Orator und Jurist, vor allem aber der Kardinal Nicolaus von
Kues (1401 - 1469), ein fleißiger Kenner der Alten, mit dem
einen Fuße noch auf dem Boden mittelalterlicher Mystik, mit
dem andern auf dem Grunde modernen Denkens stehend,
politisch begabt, ein kritischer Historiker, bedeutend als Mathe⸗
matiker und Astronom, am größesten vielleicht als Philosoph
in der Vorahnung neuerer erkenntnistheoretischer Probleme.
Indes diese Männer waren keine Agitatoren, so wenig
als die wenigen städtischen Patrizier, die, wie etwa der Augs⸗
hurger Sigmund Gossembrot, in so früher Zeit dem Humanis—
mus huldigten. Und auch die zur Propaganda geschaffenen
deutschen Elemente, die etwas nach der Mitte des 15. Jahr⸗
hunderts, in Italien gebildet, nach der Heimat zurückströmten,
um hier das Studium des Humanismus an einzelnen Univer⸗
sitäten flüchtig und unstet zu vertreten, ein Peter Luder oder
Samuel Karoch, haben keine große Wirkung geübt. Sie hatten
in der Flut des italienischen humanistischen Radikalismus zu⸗
meist ihren sittlichen Halt verloren, im Trunk und in Liebes—
händeln größer als im Wissen und Können erregten sie zumeist
das Kopfschütteln der soliden Gelehrten an den noch ganz
scholastischen Universitäten, und nur ihre unverwüstliche Sorg⸗
losigkeit hielt sie über Wasser.
Wirklich tiefer eingeführt in den Körper der Nation wurde
der Humanismus erst durch eine ganz andere Strömung, die
von den Schulen herkam und sich in durchaus kirchlichen Bahnen
bewegte. Sie hatte teilweis Zusammenhang mit manchen Be—
strebungen zur Klosterreform, die zugleich auf eine Besserung
        <pb n="196" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 185

der Studien und der Erziehung hinausliefen. Besonders deut—
lich trat das bei der von Gerhard Groot gestifteten nieder⸗
ländischen Genossenschaft der Brüder vom gemeinen Leben zu
Tage!. Zwar waren deren Niederlassungen von vornherein
keineswegs als Pflegstätten des Humanismus gedacht, aber ihre
Wirksamkeit lief, zumal seitdem sie von Papst Eugen IV. be—
stätigt worden waren, immerhin auf eine erziehliche Thätigkeit
hinaus, die bei ihrem energischen Studium und ihrer Fürsorge
für gut ausgestattete Bibliotheken nicht anders als zum
Humanismus führen konnte.
Und aus diesen Kreisen gingen vielfach pädagogisch und
wissenschaftlich veranlagte Männer hervor, Charaktere konser—
vativen Denkens und gefesteter Sittlichkeit, die ihren Gesichts—
kreis in Italien erweiterten und von dem damit gewonnenen
Standpunkte aus höhere Ziele einer humanistischen Erziehung
für Deutschland aufstellten. So vor allem Rudolf Agricola
(1443 -1485), der in seiner Schrift De formando studio für
eine antiaristotelische und damit antischolastische Studienordnung
eintrat und neben dem Latein Philosophie, Moral und Physik
in den Vordergrund gestellt wissen wollte. So weiterhin Jacob
Wimpheling, der Lehrer des Oberrheins, ein bibelfester Theo—
loge und eifriger Deutscher, Sebastian Brant (1457 -1521),
der bekannte Verfasser des Narrenschiffs, Ludwig Dringenberg,
der Gründer der berühmten Schule von Schlettstadt, Alexander
Hegius, der heitere und fromme Leiter der Schule von Deventer,
und nicht minder die großen Lehrer der Schulen, die nach
Deventers Verfall in Nordwestdeutschland emporblühten, Alk—
maars, Emmerichs und Münsters, vor allem Rudolf Langen
(J. 1519) und Johannes Murmellius (F 1527).
Die emsige Thätigkeit dieser und verwandter Männer
hrachte es dahin, daß seit etwa dem letzten Drittel des
15. Jahrhunderts die humanistische Richtung ihren Einzug in
die mittleren Schulen zu halten begann?. Es geschah in

Vgl. hierzu Band IV Buch XII Kapitel 3 Nr. II.
Zu deren Ursprung s. Band IV Buch XII Kapitel 3 Nr. I.
        <pb n="197" />
        186 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Nürnberg seit etwa 1485, darauf in den schwäbischen, noch
später in den bairischen Städten, in den Kolonialgebieten um
die Wende des Jahrhunderts; am meisten standen vielleicht der
Zeit nach die heute sächsisch genannten Länder zurück. Um
1510 aber war soviel gewonnen, daß der Rheinfranke Butzbach
schreiben konnte: „Gegenwärtig hört man auch in den kleinsten
Schulen die großartigen und mannigfaltigen Werke der alten
und neuen Autoren in Prosa und Versen!.“
Freilich waren deshalb die alten Bildungsideale keineswegs
völlig beseitigt. Auch jetzt blieb das starke Übergewicht religiöser
Unterweisung bestehen. Murmellius hat ausdrücklich erklärt,
daß er sich in seinen Schriften durchaus im Rahmen der kirch—
lichen Lehre gehalten wissen wolle, und er wie seine Gesinnungs⸗
genossen waren weit davon entfernt, die Bildung des Verstandes
zum Nachteil der Charakterbildung zu überschätzen; er hat es
ausgesprochen, daß es nichts Schlimmeres gebe, als einen
gelehrten und dabei schlechten Menschen.
Immerhin aber zog mit diesen Schulen etwas vom Wesen
des Humanismus in die tieferen Schichten der Nation; der
Zeitgeist wendete sich; nur der Kleriker hielt noch daran fest,
hinter der neuen Bildung Teufels Unrat zu wittern, während
der Bürger und auch der Adlige die Vorteile einer besseren
Schulung bis zu dem Grade erkannte, um materielle Opfer für
sie zu bringen. Und längst schon hatte sich über die tiefere,
gleichsam pädagogische Schicht des Humanismus eine höhere
der Gelehrsamkeit und der Lebenshaltung zu legen begonnen;
der Humanismus war an den Universitäten eingezogen.

Die ersten universitätsartigen Einrichtungen in Deutsch—
land haben zu Köln bestanden; hier blühte im 18. Jahrhundert
das Studium geneérale der Dominikaner, in deren Kloster
Albertus Magnus und sein Schüler Thomas von Aquino

Paulsen, Gelehrter Unterricht S. 119.
        <pb n="198" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 187

lehrten, und daneben bestand ein Studium der Franziskaner,
das durch Duns Scotus berühmt ward. Im übrigen freilich
hatten die Deutschen des 13. Jahrhunderts höhere Bildung
noch außerhalb des Landes zu suchen, in Bologna vor allem
und in Paris!. Teilweis anders wurde das erst im 14. Jahr⸗
hundert. Das zunehmende Bedürfnis an Klerikern und auch
schon Juristen namentlich in den östlichen, Paris abgewandten
Ländern der deutschen Kolonisation führte zur Begründung der
Universitäten Prag (1348) und Wien (1365), eine Sezession
von Pariser Lehrern infolge des Schismas von 1378 zur Be—
gründung der rheinischen Universitäten Heidelberg (1885) und
Köln (1888), sowie Erfurts (1392), eine verwandte Sezession
von Prag her zur Errichtung Leipzigs (1409). Der Kreis der
alten acht Universitäten wurde endlich geschlossen durch Rostock
(1409) und Löwen (1424); sie sollten dem Mangel an Hoch—
schulen im Osten und Westen der deutschen Seeküsten abhelfen.
Alle diese Universitäten wurden nach dem mittelbaren oder
unmittelbaren Muster des Pariser Studiums begründet.
Eine neue Periode der Universitätsgründungen begann mit
der Errichtung Greifswalds (1456). Um diese Zeit stieg das
Bedürfnis nach gelehrten Kräften, namentlich auch Juristen,
gewaltig; wird doch die Zahl der Studierenden in der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts zwischen sechs und sieben Tausend
betragen haben?. So wurde es notwendig, neue Hochschulen
zu schaffen. Zugleich aber wurde auch schon bei Fürsten und
städtischen Obrigkeiten das humanistische Bildungsbedürfnis wach;
von diesem Standpunkte aus soll Kaiser Max verlangt haben,
daß jeder Kurfürst in seinem Gebiete eine Hochschule besitzen
müsse. Und so traten die Gründungen rasch nacheinander ein,
obgleich sich die Nordgermanen um diese Zeit von der deutschen
Bildung zu befreien begannen (Aniversitäten Upsala 1477,
Kopenhagen 1479): auf Greifswald solgten Freiburg und
Basel 1460, Ingolstadt 1472, Mainz und Tübingen 1476,

t S. oben S. 158.
Paulsen in Hist. Ztschr. N. F. 9, S. 302.

2
        <pb n="199" />
        188 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Wittenberg 1502, Frankfurt a. O. 1506. Es sind im ganzen
acht neue Hochschulen.
An all diesen Universitäten war nun bis in die Mitte des
15. Jahrhunderts und darüber hinaus der Studienbetrieb auf
mittelalterlicher und scholastischer Grundlage aufgebaut; erst
im Laufe des zweiten und dritten Jahrzehnts des 16. Jahr⸗
hunderts ging diese allgemein verloren. Dementsprechend
waren sie kirchliche Institute, besaßen eine Dotation aus
kirchlichen Mitteln, Pfründen u. dgl., und dienten vor allem
der Bildung des Klerus. Die Artistenfakultät (philosophische
Fakultät) hatte den Charakter einer Mittelschule, die in den
Sprachen und freien Künsten zum Studium der Theologie und
zu dem mit diesem häufig verbundenen Studium der Rechte
vorbereitete, die medizinische Fakultät war unbedeutend.
Unter diesen Umständen war es klar, wo der Einfluß des
Humanismus an den Universitäten einzusetzen hatte. Sein
Gebiet waren nicht die höheren Fakultäten der Theologie und
der Rechte; er hatte die Artistenfakultät zu erobern. Dies
um so mehr, als vielleicht nur ein Sechstel der Studierenden
dieser Fakultät in die höheren Fakultäten aufrückte, während
—D—
von ihr aus alsbald ein kirchliches oder sonstiges Amt erstrebte,
dessen Dienst dann praktisch erlernt ward. Waren aber die
Artistenfakultäten von den Humanisten gewonnen, so mußten
ihnen bei dem aufsteigenden Studiengang ohne weiteres auch
die höheren Fakultäten zufallen.
Es ist der Weg, der mit zäher Beharrlichkeit von allen
Vertretern des Humanismus, den theologischen Pädagogen wie
den freier Denkenden verfolgt worden ist. Durchgeführt werden
konnte er freilich nur, wenn der Humanismus eine spezifisch
wissenschaftliche, gelehrte Farbung annahm. Dies geschah in
der That; die philologisch-formale Seite der neuen Bildung
trat hervor, die Realien blieben im Hintergrund; formale Ein—
seitigkeit war von Anbeginn das Bezeichnende des deutschen
Humanismus und ist es im ganzen noch immer mehr geworden.
Unter dieser Wandlung war freilich der Sieg an den
        <pb n="200" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 189

Universitäten so gut als sicher. Am frühesten errungen wurde er in
Wien, schließlich unter kräftigem Eingreifen Kaiser Maximilians,
der den Humanisten wohlgesinnt war. Nachdem schon seit 1454
Georg Peuerbach humanistische Kollegia gehalten und Regio—
montan Poesie (d. h. humanistische Stoffe) und Mathematik
vorgetragen hatte, wurde das humanistische Übergewicht gegen
Schluß des 15. Jahrhunderts entschieden, als der Historiker
und Philologe Cuspinian und bald nach ihm der glänzend
hegabte Dichter Conrad Celtes in den Lehrkörper eintrat. Zu—
gleich machte man in Wien den nirgends sonst wiederholten
Versuch, den Humanismus in einer besonderen Institution zu
organisieren, deren Wirksamkeit der Absicht nach vermutlich die
der vier Fakultäten überflügeln sollte. Im Jahre 1501 wurde
an der Universität das Kollegium der Poeten und Mathematiker
zrrichtet; es sollte den Studierenden auf Grund einer Prüfung
den Dichterlorbeer als akademische Würde verleihen dürfen.
Neben Wien, der südostdeutschen Universität, traten vor
allem die südwestdeutschen, Italien fast gleich nahe gelegenen
Hochschulen hervor. Am ehesten Basel. Hier berief man schon
bei der Begründung italienische Gelehrte, namentlich für die
Jurisprudenz, deren Vertreter fast stets zu den philologischen
Humanisten standen; dann aber wurde seit 1474 in Johann
Matthias von Gengenbach ein besonderer Humanist angestellt,
der täglich je eine Stunde in den freien Künsten und in der
Poesie lesen sollte; einer seiner Nachfolger war Sebastian
Brant. Die Früchte dieser Anregungen reiften rasch; Basel
wurde einer der Hauptsitze des Humanismus. Hier begründeten
Joh. Amerbach und Joh. Froben ihre berühmten Druckereien,
und Amerbachs Söhne wie der große Geograph und Musiker
Heinrich Glareanus waren die Stützen eines geistigen Zusammen⸗
hangs, der durch die Anwesenheit des Erasmus (seit 1514)
zuropäischen Glanz erhielt.
Ahnlich wie in Basel sind auch in Freiburg und Heidel—
berg die ersten Anregungen verlaufen. Aber ihnen folgte nicht
eine gleiche Blüte; namentlich in Heidelberg widerstanden die
scholastischen Elemente der Universität mit Energie; zu einer
        <pb n="201" />
        190 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

wirklichen humanistischen Reform kam es erst 1622. Weitaus
mehr in den Vordergrund trat dafür das benachbarte Tübingen.
Die Hochschule war hier zwar ärmlich genug ausgestattet, aber
die humanistische Begeisterung des Fürsten, der sie begründet
hatte, Eberhards im Barte, und die Thätigkeit eines einzigen
Mannes, Heinrich Bebels, gaben ihr eine besondere Stellung.
Bebel lebte in Tübingen seit 1497. Ein trefflicher Pädagog,
hatte er ungemeinen Zulauf, den seine Schriften, der Priumphus
Venéris und die Poggio nachgebildeten Facetien, voll sittlich be—
denklichen und dem Klerus feindlichen Inhalts, gewiß eher
mehrten als minderten. Zu einer vollen Durchbildung der Univer⸗
sität ins Humanistische kam es allerdings erst im Jahre 15265.
In Mitteldeutschland wurde Erfurt zum frühesten und
wichtigsten Sitze des akademischen Humanismus; in Leipzig
wurde ihm erst in den ersten zwei Jahrzehnten des 16. Jahr⸗
hunderts durch den energischen Herzog Georg Bahn gebrochen;
Wittenberg, alsbald freilich humanistischen Neigungen zugäng—
lich, ward erst im Jahre 1502 begründet.
In Erfurt trug schon um 1460 der Wanderhumanist Peter
Luder auf eigene Faust seine Lehren vor; später war Jodocus
Trutvetter, der Lehrer Luthers, seit 1476 in Erfurt, wenigstens
der neueren Richtung der Philosophie und auch der gramma⸗
tischen Studien nicht abgeneigt, insofern sie eine gediegene
theologische Vorbildung ergäben. Damit war der Boden ge—
ebnet für den durchschlagenden Erfolg des Humanismus, den
Conrad Mutianus Rufus (1471 -1526) erzielte. Mutian ver⸗
dankte seine erste Bildung Deventer und Erfurt, aber erst ein
zehnjähriger Aufenthalt in Italien gab ihm den Stempel: er
wurde ein begeisterter Anhänger des Platonismus der Floren⸗
tiner Akademie. Das hinderte ihn indes nicht, in Gotha eine
Stiftsherrnpfründe anzunehmen; als seine eigentliche Aufgabe
sah er dabei die Reform Erfurts an und die Verbreitung des
Humanismus in Deutschland vermittelst eines ausgedehnten
Briefwechsels. In der That gewann er in Erfurt Freunde
seiner Absichten. Ihren Mittelpunkt fanden diese in dem geist—
reichen, kritisch angelegten Crotus Rubeanus. Und erreicht
        <pb n="202" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 191

wurde, daß die Universität seit etroa dem Jahre 1517 dem
Humanismus gewonnen schien.
In Mutians Eingreifen tritt neben der Beeinflussung des
Lehrgangs der Universität ein weiteres Moment hervor: die
Beeinflussung gleichgesinnter Genossen und deren Verbindung
zu geistigem, litterarischem Austausch. Es ist der Gedanke der
gelehrten Gesellschaft, der Akademie. Er hatte inzwischen schon
in Süddeutschland sowohl im Westen wie im Osten feste Formen
gewonnen. In Wien war unter dem Schutze Kaiser Maximilians
um 1500 die Sodalitas litteraria Danubiana, in Heidelberg
unter dem des Pfalzgrafen Philipp und des Wormser Bischofs
Johann Dalberg die Sodalitas litteraria Rhenana entstanden.
Beide setzten schon eine weite Verbreitung des Humanismus
voraus, zumal neben ihnen noch kleinere Vereinigungen zu
Basel, Schlettstadt und Ingolstadt bestanden. In der That war
gegen Anfang des neuen Jahrhunderts aus der Thätigkeit der
Gelehrtenschulen wie der Universitäten schon eine reiche Fülle
humanistisch gebildeter Männer hervorgegangen, die wissenschaft—
liche Thätigkeit trieben und begünstigten; ein Boden weitver—
zweigter Studien und Interessen war bestellt; es bedurfte ge—
wisser Treffpunkte, gewisser Stätten zur Bildung einer öffent⸗
lichen Meinung über gegenseitigen Austausch und persönliche
Errungenschaften: ein gelehrtes Leben war erwacht.

Nicht zum geringsten fand dieses gelehrte Treiben eine
Heimat unter den Patriziern der deutschen Städte. Neben den
Humanisten von Beruf traten jetzt diese abgeklärten und doch
geistig regsamen Köpfe stärker in die Bewegung ein, an ihrer
Spitze in Straßburg der theologisch gebildete Peter Schott, in
Augsburg Conrad Peutinger, der Staatsmann und Historiker,
der einen Liber augustalis, eine umfassende deutsche Kaiser—
geschichte, plante, in Nürnberg der Arzt Hartmann Schedel,
Verfasser einer volkstümlichen Weltchronik, vor allem aber
Willibald Pirkheimer, thätig als kaiserlicher Kriegshauptmann
        <pb n="203" />
        192 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

wie als Staatsmann seiner Vaterstadt, Freund Dürers und
aller Kunst, selbst Geschichtsschreiber und Dichter, ein ver—
bindlicher Weltweiser, ein behaglicher Plauderer im Brief, ein
scharfer Gegner im Streite.
Indes über den behaglichen Betrieb der humanistischen
Studien, wie er im freien Bürgerhaus, und die bloße Weiter—⸗
verbreitung klassischer Kenntnisse, wie sie zumeist unter den
fahrenden Humanisten herrschte, erhob sich jetzt schon eine
strengere Wissenschaft, und bereits zählte sie ihre Fürsten, vor
allem Reuchlin und Erasmus.
Desiderius Erasmus ist im Jahre 1466 zu Rotterdam ge—
boren und im Jahre 1536 zu Basel gestorben. In Deventer
erzogen, eine Zeitlang Mönch, dann in freier Stellung und
vorübergehendem Aufenthalt zu Cambray, Köln, Paris, London
und Orford war er schon 1506, als er nach Italien ging, ein
bekannter Mann. Als einer der berühmtesten Gelehrten aber
konnte er gelten, als er sich nach nochmals wiederholtem eng—
lischem Aufenthalt im Jahre 1614 dauernd in Basel nieder—
ließ. Seine Vergangenheit mit den vielfach angeknüpften
persönlichen Beziehungen wie seine geistreich-satirische Art sich
zu äußern boten ihm von dieser Zeit ab Mittel, um sich zum
wissenschaftlichen und litterarischen Orakel Europas zu machen.
Je mehr ihn sein schwacher Körper an eine peinlich regelmäßige
Lebensführung und an einen dauernden Aufenthalt in Basel
—DDDDDDDD
Jahre unterlag, um so mehr ward er gleichsam zum bloßen
Intellekt, um so mehr wuchs seine geistige Kühle und seine Ab—
neigung gegen die Bethätigung des Willens. Immermehr
zurückgezogen, wenn auch noch von nah und fern gefeiert, ist
er schließlich wie ein Abstraktum aus dieser Welt geschieden.
Erasmus war nicht eigentlich ein Gelehrter der groben
Thatsachen. Er hat sich niemals für eine lebende Sprache
interessiert. Er hat sich nicht gebeugt vor der Macht der Über—
lieferung. Eine souveräne Natur, suchte er sie vielmehr geistig
zu beherrschen. Das wies ihn ohne weiteres auf litterarische
Wege; in der That hat er die Zeitgenossen vor allem als
        <pb n="204" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 193

Schriftsteller angezogen. Hier konnte auch sein Zug zur radi⸗
kalen Bespiegelung der Welt und seiner selbst zu voller Gel—
tung kommen, und hier unterstützte ihn sein lebhaftes, persön—
lich gewandtes lateinisches Stilgefühl wie das eingehende
Studium verwandter Geister, Lucians, Collenuccios und Pon⸗
tanos. Wie er auf diesem Gebiete zu wirken verstand, zeigen
schon seine im Jahre 1500 zuerst ausgegebenen Adagia, eine
durch launige Erklärungen des Sammlers unterbrochene Zu⸗
sammenstellung moderner und namentlich antiker Lebensweis⸗
heit. Aber sie wurden weit übertroffen durch die Laus stultitias
 vom Jahre 1509. Wie verarbeitete Erasmus hier die
in der Litteratur schon des 15. Jahrhunderts beliebte Idee,
schädliche Dinge humoristisch und satirisch zu loben! Die
ganze Welt dünkt ihn ein Narrenhaus, als dessen Be—
herrscherin Stultitia selbst das Wort ergreift. Natürlich er—
scheint ihr gut nur, was den Humanisten mißfallen konnte, vor
allem die Menge der Vertreter des alten Studiums, der Theo⸗
logen, des Klerus. Den Drang einer abgeklärten Weltweisheit,
sich in geistreichen Humor zu äußern, offenbarten dann mit
einer Wendung ins Lehrhafte die Colloquia fawiliaria (1519),
Plaudereien über Alles und Nichts, Feuilletons über wichtige
Fragen der Zeit, namentlich über Erziehungswesen und huma—
nistische Bildung. Auch hier wird Religion und Kirche oft
gestreift, aber auch hier nur in dem Sinne, daß ihre äußerliche
Reform nach humanistischen Idealen erstrebt wird, ohne daß
eigene Frömmigkeit dem Verfasser ins Herz griffe.
Indes haben die Arbeiten des Erasmus auf philologisch—
humanistischem Felde doch dauerndere Wirkungen hinterlassen,
als seine schöngeistigen Schriften. Vor allem knüpft sich hier
die Einführung des Griechischen in den regelmäßigen Betrieb
der Wissenschaft an seinen Namen. Gewiß war das Griechische
einigen Humanisten etwas höheren Alters bekannt, so Agricola
und Dalberg, einigermaßen auch Wimpheling, Bebel und
Celtes. Allein das bedeutete wenig gegenüber der Thatsache,
daß das erste Buch mit griechischen Lettern in Deutschland erst
Lamprecht, Deutsche Geschichte V 13
        <pb n="205" />
        194 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

im Jahre 1501 gedruckt worden ist; es war die in Erfurt
erschienene Eicayν ιοσ σν yιιιν Bnπν. Uber
diesen Stand der Dinge führte erst Erasmus hinaus. Er
kannte das Griechische durch und durch, er wußte es fein ins
Lateinische zu übersetzen, er legte die kritischen Grundlagen für
die Textgestaltung einer großen Anzahl von Autoren, darunter
auch des 1516 zu Basel mit lateinischer Übersetzung gedruckten
Neuen Testaments; er erklärte ihre Texte mit genialer Sicher—
heit. So that erst er die Pforten zum Studium des Griechischen
wirklich auf; und die Reformatoren, die seine Weltanschauung
mißbilligten und überwanden, haben auf diesem Gebiete seine
Errungenschaften übernommen und weitergebildet.
Was Erasmus für das Griechische geleistet hat, das er—⸗
reichte für das Hebräische Reuchlin (f 1522). Reuchlin, der
von Beruf Jurist war, ist der Sprache erst auf einem Umweg
nahegetreten, durch sein Studium der Kabbalah, der in nach—
biblischer Zeit entstandenen jüdischen Geheimlehre. Denn, ein
echter Gelehrter im Sinne des 14. und 158. Jahrhunderts,
nahm er vor allem an der Sache, weniger aber an der Form
Anteil, nüchtern, objektiv, Kleinstes und Größtes gleich be—
herrschend, alles andere denn ein Schriftsteller des Tages.
Nachdem er aber einmal sich für Bau und Wortschatz des
Hebräischen zu erwärmen begonnen hatte, hat er, gestützt auf
die Werke des bedeutendsten mittelalterlichen jüdischen Lexiko—
graphen und Grammatikers David Kimchi den deutschen Zeit—
genossen die Geheimnisse der fremden Sprache erschlossen.
Die Ergebnisse dieser Studien veröffentlichte er in seinen
Rudimenta hebraica (1506) und in dem Werke De accentibus
 et orthographia linguae hebraicae (1818).
So trat neben die Kenntnis des Griechischen die des
Hebräischen; die humanistischen Studien waren in wissenschaft—
liches Fahrwasser gelenkt trotz alles wilden Wirbels der vagie—
renden Enthusiasten; es schien, als sollten die Ergebnisse des
neuen wissenschaftlichen und litterarischen Lebens den theologisch—
scholastischen Betrieb der Wissenschaft kampflos beseitigen.
Da brach der Streit zwischen Alt und Neu, Beharren und
        <pb n="206" />
        Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 195

Fortschritt, wie so oft auf wissenschaftlichem Gebiete, nach
langer Spannung an einem gänzlich fern liegenden Punkte
in persönlichen Gegensätzen aus.
In Köln hatte man sich der allmählichen Umgestaltung
durch den Humanismus besonders kräftig entgegengestellt. Die
Kölner Hochschule sah auf eine ruhmreiche scholastische Ver—
gangenheit zurück, sie war im 15. Jahrhundert gut besucht
worden, sie rühmte sich der besonderen Pflege der höchsten aller
Wissenschaften, der Theologie. Es war eine geschichtlich ge—
gebene Stellung, die ohne weiteres zum Gegensatz gegen den
Humanismus drängte, sobald dieser erst einmal seine Angriffe
gegen Klerus und Kirche eröffnet hatte. Aber das hielt natür—
lich die Humanisten nicht von dem Versuche ab, Köln zu erobern.
Im Jahr 1507 erschien Hermann von dem Busche (Pasiphilus)
in Köln, ein westfälischer Rittersmann und Humanist, fein—
gebildet, aber nicht von der Festigkeit des Charakters, die ihm
in Köln allein den Sieg würde verbürgt haben. Und sein
Unglück wollte, daß ihm die theologische Fakultät in Ortwin
Gratius bald einen der Ihrigen entgegenstellen konnte, einen
Mann, der, vom Humanismus nicht unberührt, dessen Be—
deutung für die philologische Vorbildung der Theologen völlig
zugab, indes ohne die geringste Geneigtheit, ihm deshalb
den Rang einer besondern, womöglich überragenden Wissen⸗
schaft zuzuschreiben. So war klar, was kommen mußte. Her—⸗
mann von dem Busche unterlag, und der Humanismus erreichte
in Köln höchstens die Stellung einer dienenden Magd der
Gottesgelahrtheit.
Unter diesen Umständen fand es in Köln, namentlich auch
bei dem mit der Universität eng verbundenen Dominikaner—
ketzermeister Jakob von Hogstraten, zum mindesten keinen Wider—⸗
spruch, als in den Jahren 1507 — 1509 ein getaufter Jude,
Johann Pfefferkorn, heftige Schriften veröffentlichte gegen die
Juden und gegen die hebräische Litteratur, die zu vernichten
sei. Und man war einverstanden, als Pfefferkorn ein kaiser—
liches Mandat erwirkte, das ihn zur Konfiskation aller
hebräischen Bücher ermächtigte.
        <pb n="207" />
        196 Vierzehntes Buch. Viertes Rapitel.

Mit diesem Mandat trat Pfefferkorn 1809 vor die Juden —
und vor Reuchlin. Die Juden weigerten sich; und es ward ihnen
zugelassen, daß ein Ausschuß von Gelehrten über die Zulässig—
keit des Mandates entscheiden sollte. Ehe indes dieser Ausschuß
zusammentrat, hob ein neues kaiserliches Mandat die Kon—
fiskation auf, und gleichzeitig forderte der Kaiser die Gelehrten
des Ausschusses auf, sich in Gutachten zur Sache zu äußern.
Unter diesen Gutachten befand sich auch ein solches Reuchlins;
es trat für die Erhaltung der hebräischen Litteratur ein, mit
Ausnahme einiger Schandbücher. Dies Gutachten kam nun
durch Treubruch in die Hände Pfefferkorns; er veröffentlichte
es 1511 unter Schmähungen auf Reuchlin und begann, nach—
dem dieser geantwortet, gegen ihn zu predigen und zu agi—
tieren. Es war der Anfang eines wüsten Streites, der in
einen langwierigen Prozeß einmündete, und dieser Prozeß
wurde schließlich zu Rom im Jahre 1520 zu Ungunsten
Reuchlins entschieden.
Indes diese Verurteilung machte auf die Zeitgenossen nicht
den geringsten Eindruck mehr; denn längst schon war dem
ganzen Gegensatz von den Humanisten eine Wendung gegeben
worden, die zu einer tödlichen Niederlage nicht bloß der un—
mittelbaren Gegner Reuchlins, sondern der ganzen Partei des
alten scholastischen Studiums geführt hatte.
Unter den Humanisten hatte man bald erkannt, daß die
Tragweite des Streites weit über die zunächst in Rede stehende
Sache hinausreiche; und innerlich des Triumphes über die ältere
Richtung gewiß, nutzte man den Fall aus zur vollen Demütigung
des Gegners. Was nur humanistisch hieß, scharte sich zu diesem
Zwecke um Reuchlin; man sprach geradezu von einem Heere
der Reuchlinisten, und sein Hauptauartier war der humani—
stische Kreis in Erfurt.
Aus diesem Kreise erfolgte 1315 und 1517 der ver—
nichtende Schlag. In diesen Jahren erschienen die Epistolae
obscurorum virorum, erdichtete Briefe von Anhängern der
alten Richtung an Ortwin Gratius, den bestgebildeten Führer
der Kölner. Im schrecklichsten Küchenlatein äußern sich hier
        <pb n="208" />
        Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 197

die Herren Langschneiderius, Hafenmusius, Scheerenschlei⸗
ferius, Buntemantellus, Dollkopfius und andere über Deutsch—
land verteilte Käuze. Auch dem Inhalt nach zeigen sie sich im
ganzen Negligé; sie sind elende Hungerleider, die Schwelgen und
Prassen über alles schätzen; sie sind, obgleich Cölibatäre, jedem
Liebesabenteuer, besonders aber ungefährlichen Verhältnissen
zugethan, gleichwie ihr vergöttertes Haupt Ortwin Gratius in
der Gattin Pfefferkorns ein sicheres Schätzchen gefunden hat.
Es war unerhört, aber genial. In Köln schrie man
auf; doch konnte selbst eine Flut von Flugschriften den ersten
Eindruck der Dunkelmännerbriefe nicht wieder verwischen. Es
blieb bei der litterarischen Vernichtung des alten Universitäts—
betriebs und der alten Wissenschaft, und die zwanziger Jahre
sahen überall humanistische Reformen der Universitäten, vor
allem auch Kölns.

Und längst schon war eine Generation jüngerer Huma—⸗
nisten aufgetaucht, die der errungenen Wissenschaft froh dahin—
lebte, der die Stoffmassen klassischen Wissens nicht mehr roh
vorlagen, sondern abgeklärt in dem Sammelbecken entwickelter
gelehrter Arbeit, bereit zu künstlerischem Gebrauche. Sie
wollte nicht mehr bloß aneignen; sie wollte leben in der antiken
Welt; das Allerheiligste wollte sie schauen, nachdem die Vor—
höfe in emsiger Arbeit gereinigt waren. Eine Romantik gleich—
sam des klassischen Altertums ward dadurch heraufgeführt;
wie die Romantiker des 18. und 19. Jahrhunderts sich zurück—
versetzten in die Poesie des Mittelalters, so beanspruchten diese
jüngsten Humanisten ein thatsächliches Leben in der reinen
Luft der Antike. Absichten in diesem Sinne waren schon
früh vorhanden gewesen; bereits die Vaganten des 15. Jahr—
hunderts hatten der Ineinssetzung von Vergangenem und
Gegenwärtigem nachgestrebt. Aber jetzt erst wurden diese Nei—
gungen völlig Lebenshaltung und Modesache; und so bedeu—
tende Köpfe, wie die hauptsächlichsten Verfasser der Dunkel—
männerbriefe, Eobanus Hessus und Hutten, schworen ihr zu.
        <pb n="209" />
        —198 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Sie fühlten sich den Alten jetzt nicht mehr unterlegen, zumal
sie in der klassischen Überlieferung den wackeren germanischen
König Ehrenfest (Ariovist) und den Sachsenherzog Hermann
(Arminius) entdeckt hatten; sie hielten dafür, Briefe zu schreiben
besser vielleicht als Cicero, sie wetteiferten in der Dichtung mit
Horaz und Virgil, sie suchten im Denken Plato und Aristoteles
zu überflügeln. Und andererseits schauten sie mit religiöser
Inbrunst auf zu dem Ganzen der antiken Kultur und dachten
sich in deren Leben ein bis zu halber Verehrung der Götter
und Göttinnen des Pantheons. So verloren sie den Boden
ihrer Zeit unter den Füßen und wurden Poeten des Denkens,
faustische Naturen unbegrenzten Erkenntnistriebes, Pantheisten
freiester Anschauung. „Das himmelerstrahlende Feuer möchte
ich schauen,“ ruft Celtes einmal aus, „erkennen möchte ich
den Ursprung des Meeres und der Erde, des Windes, des
Nebels, der schneeigen Wolken. O könnt ich dich finden, du
Vater des Alls — allgegenwärtig, allbeseelend durchwaltet
dein Geist den Weltraum“i.
Natürlich, daß einer solchen Haltlosigkeit des Geistes sitt—
liche Verwahrlosung nur zu leicht zur Seite ging, zumal wo
dem geistigen Absentismus nicht die vollste Freiheit von
äußeren Sorgen zu Hülfe kam. Wie viele dieser Humanisten
wurden nicht im Wechsel von Armut und Überfluß oder an—
gestrengten Studien und fahrendem Virtuosentum, im schwan—
kenden Beruf als Hauslehrer und Professoren oder Hofschranzen
und Sekretäre, in der Aufreibung gegenseitigen Hasses und
blinder Verhöhnung seitens Außenstehender an ihrem Charakter
geschädigt auch noch über das Bedenkliche ihrer geistigen Hal—
tung hinaus!
Einer der frühesten und glänzendsten dieser Enthusiasten
ist Conrad Celtes. In Franken 1459 geboren, unstet von
Jugend auf, ein Fanatiker auch der äußerlich freien Bewegung,
suchte er gelehrte Bildung in Erfurt, Rostock und Leipzig, ging
dann nach Italien und lernte dort das damals in Deutschland

1Lenz, Luther S. 25.
        <pb n="210" />
        Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 199

noch seltene Griechisch. Schon früh aber zeigte er sich vor allem
—
überall verliebt, von schwüler Sinnlichkeit, deren Ergüsse er mit
eigenartiger Naivetät seinen Gedichten einverleibte; schon im
Jahre 1487 ist er von Kaiser Friedrich in Nurnberg zum
Dichter gekrönt worden. Darauf folgte ein neues Jahrzehnt
unruhigen Wanderns von der Weichsel bis zum Rhein, kurzer
Lehrthätigkeit an den verschiedensten Universitäten, gelehrten
Stöberns nach klassischen Handschriften, und immer wieder—
holter Versuche, die humanistischen Freunde in akademischen
Verbindungen zu einigen. Erst gegen Schluß des Jahrhunderts
endlich ließ sich Celtes an Wien fesseln, und hier, in dem be—
wegten Treiben der Hochschule und des kaiserlichen Hofes, hat
er leidlich ausgehalten, bis er, früh verlebt, im Jahre 1508 starb.
Neben Celtes schrumpfen all die anderen fahrenden Enthu—
siasten der ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts, auch soweit
sie Dichter waren, ins kleine zusammen. Männer, wie Jakob
Locher (Philomusus) waren gewiß poetisch begabt, und nament⸗
lich Eobanus Hessus gebot über ein nicht unbedeutendes for—
males Talent. Aber die Donquixoterie des junghumanistischen
Denkens spricht sich zu deutlich bei ihnen aus; maßlos ist
ihre gemachte Begeisterung, maßlos ihr Tadel. Die Schrift—
stellerei wird ihnen zum unwahren Sport, und die hohlen
Phrasen ihrer Gedichte sind Kupplerinnen, die sich an jeder—
mann wenden, der Vorteil verspricht. Es ist ein Überschlagen
der persönlichen Souveränetät in wüste Willkür.
Mehr Halt besaßen unter dieser Generation fast nur die
nun schon nicht mehr seltenen Herren vom Adel, die sich
humanistischen Studien widmeten. Bei ihnen wird die
Begeisterung der Antike gekühlt im Born eines gefestigten
nationalen Empfindens; zur Ungabhängigkeit gefestet durch
außere Stellung oder aristokratische Sicherheit des Denkens
gehen sie durchs Leben, die deutschesten Vertreter des Hu—⸗
manismus.
Der Glücklichste in dieser Gruppe war vielleicht der Graf
von Neuenahr (1491 - 1530), seit 1524 Dompropst zu Köln
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        200 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

und Kanzler der bis vor kurzem reaktionären Hochschule. Hoch
geboren, gab er fich einer fast fanatischen Liebe zum Altertum
hin, ohne die Heimat zu verlieren; reich begütert, war er ein
Mäcen aller Gefinnungsverwandten, die sein Haus aufsuchten;
von prickelndem Witz und beißender Satire, kämpfte er den
Gegnern fast unnahbar mit den schneidigsten Waffen.
Der größte Angehörige dieser Richtung indes, an Idealen
und Interessen freilich mannigfach über sie emporragend und
schließlich eine Macht und ein Wille für sich, ist Ulrich von
Hutten.

Hutten, geboren im Jahre 1488, entfaltete das Besondere
seiner Begabung etwa fünfundzwanzigjährig, nach einer unglück—
lichen Jugend und wirren Wanderungen durch Deutschland
und Italien, die ihn zur Ausbildung eines bestimmten Berufes
nicht hatten kommen lassen. So von vornherein auf sich ge⸗
stellt, ließ er seinem Hang zur Invektive, zur zornigen Satire,
zur tapferen Hervorkehrung eines ausgebildeten Subjektivismus
den freiesten Lauf. Er war einer der hauptsächlichsten Ver—
fasser der Dunkelmännerbriefe. Er verfolgte den Herzog Alrich
»on Württemberg, den Schänder einer Verwandten, in fünf
Reden (151521519) mit wahren Keulenschlägen des Wortes.
Aber bald wuchsen seine Interessen über den Umfang der
persönlichen und litterarischen Ereignisse hinaus, deren Schranken
den Blick der Humanisten zu begrenzen pflegten: das soziale
und politische Gebiet zog ihn an. Zwar pries er noch im
Jahre 1518 in einem begeisterten Sendschreiben an Pirkheimer
die humanistischen Studien; aber seine Thätigkeit zeigte, daß
er sie nur als Grundlage betrachtete eines persönlichen, von
allem Konventionellen freien Verständnisses der Gesellschaft und
des Staates, und als Mittel zur packenden Aussprache des auf
diesem Gebiete Gedachten. Vor allem das Reich zog hier
seine Blicke auf sich. In scharfgespitzten Epigrammen ging er
auf die Venetianer los, die Feinde des Kaisers, die den Sieg
des deutschen Namens in Italien hinderten. In eindringlicher
Rede forderte er ein energisches Auftreten der Nation gegen
die Türken. In Briefen und Ermahnungen, in Dialogen und
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        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 201

Sinnsprüchen berührte er verwandte Aufgaben; die äußere
Größe des Reiches war sein Traum. Nach innen zu aber,
in der sozialen Betrachtung, wandte er all seine Sorge
zunächst der Hebung seines in Verfall geratenen Standes
zu; hier zum letztenmal zeigt sich ein beschränkter Sinn, ein
schneidender Widerspruch sonst schrankenlosen Denkens und enger
Geburt. Auf einem Zuge des schwäbischen Bundes gegen
seinen Erzfeind, Ulrich von Württemberg, hatte er den frommen
Ritter Franz von Sickingen kennen gelernt; mit ihm tauschte
er Freundschaft um Freundschaft, und beflügelt vom Denken
Huttens faßte Sickingen jene großen Pläne, die zur sozialen
Befreiung des Adels führen sollten, in Wahrheit freilich dessen
politische Vernichtung zur Folge hatten!.
Doch ehe Hutten diese schmerzlichste Enttäuschung erfuhr,
die ihn aus Deutschland verdrängte, hatte ihn eine noch viel
tiefere Strömung erfaßt. Schon längst war er, veranlaßt
durch seine italienischen Erfahrungen, in scharfen Gegensatz zum
Papsttum, zu seinem finanziellen Aussaugungssystem, zu seiner
dekretistischen Praxis geraten; beißend, papst- und kirchen⸗
feindlich ließ sich eine Anzahl seiner Dialoge vernehmen, vor
allem der Vadiscus. Nun aber war Luther aufgetreten und
hatte der bisherigen Kritik gegenüber der alten Kirche eine
Richtung aufs Positive gegeben, auf die Begründung einer
neuen Frömmigkeit. Früher als viele erkannte Hutten den
in die Tiefe bohrenden Geist Luthers; mächtig ist er von dem
Gedanken der Freiheit eines Christenmenschen bewegt worden.
Und so lief er herzu, griff zornesmutig in die Bewegung
ein und versuchte sie mit den Ansprüchen des Adels zu ver—
knüpfen. Er schrieb nun deutsch:
Latein ich vor geschrieben hab,
Das war eim Jeden nicht bekannt:
Jetzt schrei ich an das Vaterland.
Er suchte Verbindung mit Luther, er brach mit Erasmus, dem
kalten, kühlen Manne, der zur Person Luthers so wenig wie
Vgl. unten Buch XV Kapitel 2 Nr. III, 2.
        <pb n="213" />
        202 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

zu seinem Werke Stellung zu finden wußte. Es war eine
enthusiastische Annäherung an den Gedankenkreis der religiösen
Opposition, ein grandioser Versuch, an der kirchlichen Neuerung
persönlich Anteil zu gewinnen.
Er ist mißlungen. In Wittenberg erkannte man früh,
was den Ritter für immer von der Reformation scheiden
werde — was lag ihm ferner, als die Beugung seines
herrischen Ichs unter die Idee der Rechtfertigung durch den
Glauben; wie entgegengesetzt dachte er über das reformatorische
Prinzip des leidenden Gehorsams gegenüber der Obrigkeit!
Einsam, vom Reiche verstoßen, der mißglückten Bewegung
des Adels zugethan, innerlich fremd dem sieghaften Vordringen
des Evangeliums, ist Hutten Ende August 1523 verschieden.
Hutten war der letzte große Humanist, so viele Führer
der Bewegung ihn überlebt haben. Was Ziel der humanistischen
Bewegung sein konnte, war um die Zeit seines Todes erreicht:
die Nation hatte die klassische Bildung der Alten aufgenommen,
soweit sie ihr Stütze zur Erreichung und Erhaltung individua—
listischer Kultur sein konnte. In dieser Richtung galt es jetzt
nur noch, die eingeleitete Bewegung zu sichern und zu pflegen.
Abgelehnt aber mußte ein weiteres werden: das volle Auf⸗
gehen der begabtesten Söhne der Nation in die Utopie einer
grundsätzlichen Renaissance. Schon Hutten mit seiner deutschen
Natur hat die Gefahr mehr wie andere beseitigen helfen; sein
politisches und soziales, sein nationales und religiöses Interesse
verhinderte ihn, in der formalen Pflege klassischer Erinne—
rungen wesenlos zu zerrinnen. Indem aber Hutten sich furcht—
los und tapfer auf diesen Standpunkt stellte, wies er über den
Humanismus hinaus in die Zukunftsfragen seines Volkes.
Es ging ihm auf, daß wahre persönliche Freiheit und damit
auch wahrer Humanismus dauernd nicht werde bestehen können
ohne völlige Lösung des Geistes vom Systeme der mittelalter—
lichen Kirche: daß eine religiöse Umwälzung die individualistische
Bewegung der Geister krönen und festigen müsse. Darum
jauchzte er Luther zu, und sterbend noch sah er in das freund—
liche und ihm doch so fremde Land zukünftiger geistiger Freiheit.
        <pb n="214" />
        Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 203

III.

Kaiser Max ließ im Jahre 1515 ein angeblich von ihm
selbst bearbeitetes Gebetbuch in zehn Exemplaren drucken und
beabsichtigte, die breiten Ränder einiger Exemplare durch
deutsche Maler verzieren zu lassen. Herangezogen wurde
hierzu vor allem Dürer, dann aber auch eine Malergruppe, be—
stehend aus Hans Baldung, Cranach und Altdorfer. Es waren
die hervorragendsten Künstler, die in deutschen Landen zu finden
waren, denn der jüngere Holbein, den man vermissen könnte,
war damals erst achtzehn Jahre alt. Es waren zugleich, nimmt
man den jungen Holbein hinzu, die Vertreter der drei großen
Strömungen, die sich seit etwa 1500 in der deutschen Malerei
entwickelt hatten.
Der Naturalismus des 15. Jahrhunderts konnte, nachdem
Lokalfarbe und Umriß bemeistert worden waren, eine doppelte
Weiterbildung finden. Entweder man ging auf dem ein—
geschlagenen Wege weiter und beschritt das Gebiet koloristischer
Wirkungen, indem man Licht und Gesamtton natürlich zu be—
wältigen suchte. Oder aber man stellte sich dem bisher natura—
listisch Erreichten selbständig in freier menschlicher Aneignung
und damit Verallgemeinerung gegenüber und entwickelte eine
idealistische Kunst. Und dies wiederum konnte ebenfalls auf
doppeltem Wege geschehen; man konnte sich dabei auf die Beihülfe
der soeben entfalteten italienischen Kunst, der italienischen
Hochrenaissance stützen, oder aber man konnte einen eigen—
ständigen Versuch machen auf freier germanischer Grundlage.
Dürer und Holbein haben eine germanische und italo⸗germanische
Idealkunst entwickelt; Baldung, Cranach und vor ihnen bereits
Grünewald sind auf die Eroberung des Koloristischen ausge—
zogen.

Aus dem Bestreben, konzentriertes Licht und allgemeine
Farbenwirkungen in die bisherige Stufe des Naturalismus
einzuführen, ergab sich für die Koloristen die Notwendigkeit, die
Strenge des zeichnerischen Umrisses zu mäßigen, den Pinsel
breit zu führen, neben den alten starken, oft ungebrochenen
        <pb n="215" />
        204 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Farben stark gebrochene, schillernde und flirrende Farbentöne
zu entwickeln, einen Aufbau der Darstellung in streng plastischer
oder architektonischer Linienführung zu vermeiden und an deren
Stelle eine neue Kompositionsart auf Grund harmonischer Ver—
teilung der koloristischen Faktoren zu setzen. Es sind die all—
gemeinen Merkmale aller koloristischen Meister dieser Zeit.
Und Hand in Hand damit geht die Neigung, den Stoff
poetisch, duftig zu behandeln und ihn, wenn irgend möglich,
in besonderen Lichteffekten vorzutragen.
Der erste und vielleicht auch der größeste Meister dieser
Richtung war Matthias Grünewald, ein Sonderling, der in
Mainz und Aschaffenburg lebte, und dessen Spur seit 1525
verschwindet. Sein reifes Vermögen zeigen unter dem bisher
geordneten Denkmälervorrat vor allem der Isenheimer Altar
zu Kolmar und ein Werk in der Münchener alten Pinakothek,
das vom Kardinal von Mainz Anfang der zwanziger Jahre für
die St. Moritzkirche zu Halle a. S. gestiftet ward. Hier wirkt
Grünewald innerhalb der koloristischen Auffassung vor allem
als Dramatiker; pathetisch, nervös, krampfhaft bisweilen ist
die Bewegung der Gestalten; jeder Muskel des Körpers dient
der Verdeutlichung des künstlerischen Zweckes. Daneben geht
ein nicht immer abgeklärter Zug ins Traumselige, Phantastische,
der gelegentlich des Lieblichen nicht entbehrt, wie in jener Ver⸗
herrlichung Marias durch Engel, welche dem Kolmarer Bilder⸗
kreis angehört. Energisch betrat der Meister diese neuen Wege;
so machte er Eindruck und fand Nachfolger.
Lukas Cranach steht in seiner schöpferischen Zeit, bis etwa
1520, mit Grünewald geistig in enger Verbindung. Kolo—
ristisches Streben nach Naturwahrheit, Größe der Auffassung,
Liebenswürdigkeit der nach rein malerischen Rücksichten gehand⸗
—D
Humor sind Kennzeichen dieser ersten Periode. Seit den Zeiten
der Reformation freilich, deren Inhalt er mit ganzer Seele
umfaßte und deren Führern und Fürsten er treu geblieben ist
bis in den Tod, ging Cranach als Künstler zurück. Er ward
        <pb n="216" />
        Erste Blüte individunalistischen Geisteslebens. 205

in die Agitation gezogen; darum wollte er ins Große
wirken, zumal er von lebhaftem Erwerbssinn getrieben war;
massenhaft sollten Erzeugnisse seiner Werkstatt auf dem Markte
erscheinen. So ward er zum Verleger einer von zahlreichen
Gesellen bevölkerten Malfabrik, aus der unzählige Andachts—
bilder und Porträts und Kupferstiche und Holzschnitte
ernster und karikierender Art hervorgegangen sind, freilich nicht
minder Darstellungen aus der Bibel und der heidnischen
Mythologie, bei denen es vornehmlich auf die Befriedigung
der Augenlust des Bestellers abgesehen war, Adam und Eva
etwa, oder die Grazien, oder Venusbilder mit verzeichneten
Körpern und schönbäckigen Gesichtern, die angestochenen Apfel—
chen gleichen. Unter dieser Thätigkeit verlor dann der Meister
sich selbst; er ward zum oberflächlichen Dolmetsch des neuen
Glaubens, und nur selten noch erhob er sich, wie in dem
Altarbild der Weimarer Pfarrkirche, über den Durchschnitt
handwerksmäßiger Auffassung.
In Oberdeutschland traf die Art Grünewalds namentlich
in dem Elsässer Hans Baldung, genannt Grün, und in dem
Baiern Albrecht Altdorfer auf geistesverwandte Künstler. Zwar
waren sie beide, und vor allem Baldung, selbständige künst—
lerische Charaktere; auch hat Dürer nebenher auf beide ein⸗
gewirkt. Aber gleichwohl läßt sich ihr Zusammenhang vor
allem mit Grünewald nicht verkennen.
Für Baldung, der um 1476 geboren und 15485 gestorben
ist, ergiebt sich das deutlich vor allem aus seinem Hauptwerke,
dem 1511 -1516 entstandenen Altar des Domes zu Freiburg
i. B. Gewiß ist hier die Linienführung fester, die Komposition
plastischer, als bei Grünewald; aber innerhalb dieses begrenzten
Rahmens waltet der träumerische Zauber des Kolorismus.
Und in späteren Jahren tritt dies Element, zugleich mit einer
Anlage zum Pathos, zum Humoristischen, zum sonderbar
Stimmungsvollen immer mehr hervor, und die Vorwürfe werden
immer phantastischer, von der Sündflut bis zu den Allegorien
der sogenannten himmlischen und irdischen Liebe und zu den
        <pb n="217" />
        206 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Motiven des Totentanzes. Zugleich übertrug Baldung die
neue Richtung auf die graphischen Künste, vor allem den
Holzschnitt. Er konnte dabei an die treffliche Entwicklung
des Holzschnitts in Straßburg anknüpfen; namentlich hatte
hier Hans Wechtlin die für einen Koloristen besonders wert—
vollen Zwei- und Mehrfarbendrucke schon meisterhaft gepflegt.
Auf dieser Grundlage schuf Baldung mindestens anderthalb
Hundert Blätter, deren Dürer manche für gut genug hielt, um
sie gleichzeitig mit seinen Holzschnitten zu vertreiben, und deren
kühne Phantastik und rücksichtslose Wahrheitsliebe noch heute
wunderbar fesseln.
Ganz anders geartet ist Altdorfer, der in Regensburg
lebte, um 1520 blühte und 1538 gestorben ist. Altdorfer, der
im Olbild, im Kupferstich und im Holzschnitt gleich zu Hause
war, ist der erste deutsche Landschafter, nachdem schon in der
Buchmalerei der Regensburger Schule während der ersten Hälfte
des 15. Jahrhunderts das landschaftliche Element eine große
Bedeutung gewonnen hatte. Zwar hat er wenig reine Land⸗
schaften geschaffen, und wo seine Landschaften Staffage zeigen,
liegt auf dieser der Nachdruck; immerhin aber spielte die
Landschaft bei ihm eine andere Rolle, als bisher, und vor
allem wandte er auf sie den neuen Kolorismus an. Dabei zog
er aber die pathetisch-phantastische Art Grünewalds und auch
Baldungs ins Idyllische, höchstens Romantische, und gleich—
zeitig überhob er sich mit einigen koloristischen Wendungen gern
eines gründlichen Studiums der Natur. Es war der Ruin
der koloristischen Richtung; sie verflaute von nun ab; Altdorfer
war ihr letzter ausgesprochener Meister.
Uns freilich mag es auf den ersten Blick so scheinen, als
hätte von Grünewald ein Weg unmittelbar zur Kunst eines
Rembrandt und Rubens führen müssen; als hätte die Ent—
wicklung nicht abbrechen können. Indes es ergeht den Kolo—
risten auf künstlerischem Gebiete, wie den Schwarmgeistern auf
religiösem: getragen von der hochwogenden Flut des neuen
Geisteslebens nehmen sie Entwicklungen voraus, deren fester
Besitz erst späteren Geschlechtern zufallen konnte, und so gehen
        <pb n="218" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 207

sie, kühne und geistreiche Erstlinge eines kommenden Zeitalters,
in der eigenen Gegenwart fruchtlos zu Grunde. Die nächsten
Jahrzehnte gehörten nicht dem vorfrühen Kolorismus, sondern
einem künstlerischen Idealismus, der die Errungenschaften des
15. Jahrhunderts zu unvergänglicher Schönheit ausreifte.

Die koloristische Richtung nahm ihren Ausgang von den
mittleren Gegenden des alten fränkischen Bodens; der Kardinal
von Mainz war ihr besonderer Gönner. Von hier verbreitete
sie sich nach Sachsen, Alemannien und Baiern, aber auch in
Sachsen war ihr Träger noch ein Franke. Hätte sie in dieser
Urwüchsigkeit wohl entstehen können, wenn ihre Wiege dem
italischen Süden näher gestanden hätte? Es scheint kein
Zufall zu sein, wenn die Vermählung des deutschen Natura—
lismus des 15. Jahrhunderts mit der italienischen Renaissance
am frühesten und gründlichsten in Augsburg eintrat.
Eine besondere Augsburger Malerei von eigenem, in zahl⸗
reichen Denkmälern überliefertem Charakter hat es vor dem
älteren Hans Holbein kaum gegeben. Erst Holbein schuf sie
seit dem letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, damals etwa
dreißig Jahre alt, also in den besten, phantasiereichsten Jahren
des Mannes. Ging er dabei von Schongauer aus, unterlag
er vielleicht auch gelegentlich Kölnischen Einflüssen, so stand er
doch bald auf eigenen Füßen. Er wurde ein breiter Erzähler
von handfester Art, der vor allem verständlich sein wollte und
auch das Burleske nicht scheute. Dabei war er naiv, warm⸗
blütig, unbesorgt wegen hier und da auffälliger Wirkungen,
und jeder Belehrung offen. In dieser künstlerischen Verfassung
erreichte ihn, um etwa 1508, der Einfluß der italienischen
Renaissance. Die Wirkung war merkwürdig. Der Meister
verlor seine kleinen Barbarismen; er begriff, daß die Wahrheit
der Schönheit nicht Eintrag zu thun brauche; er ahnte etwas
von der künstlerischen Weisheit, die Natur und Kunst zu ver—
schmelzen sucht. Und seine Gemälde wurden zu Zeugnissen
dieser Wandlung. Wer die Frauengestalten des Sebastians—
        <pb n="219" />
        208 Vierzehntes Buch. Viertes RNapitel.

altars in der Münchener alten Pinakothek betrachtet, die sanfte
h. Barbara, die anmutige h. Elisabeth, der wird immer wieder
fragen, ob er denn wirklich ein Werk des älteren Holbein vor
sich habe: so selten günstig, Nationales und Einheimisches er⸗
ziehlich bildend und doch nicht brechend wirkte der Umschwung.
Es sind die Flitterwochen gleichsam der Vermählung deutscher
und fremder Art.
Holbein ist in seinem Schaffen über dies Werk nicht hin—
ausgekommen. Aber was unter rauher Hülle bisher in ihm
geschlummert hatte, das war darin auch entbunden: ein freier
Schönheitskult, das Streben nach hohen Idealen der Form, und
ein Farbensinn, wie er bisher nur in Venedig gefunden ward.
Aber schon war Holbein in Hans Burgkmair (1478 -1531)
ein jüngerer Künstler unter italienischem Einfluß zur Seite ge—
treten. In seinem Bildungsgang wiederholen sich beinahe die
Entwicklungsstufen Holbeins: von Schongauer und den Nieder⸗
— DD—
und daß er sich widerstandsloser der Renaissance, namentlich
dem Einfluß Giovanni Bellinis hingab. Nicht eben zu Gunsten
seiner Kunst. Gewiß gewann sein Sinn für den Wohllaut
der Farben und Formen, aber bald vernachlässigte er die harte
Kontrolle an der Natur, und die Gefahr der Bildung eines
einseitigen, abstrakten Kanons trat auf — zum erstenmal hier
innerhalb der deutschen Entwicklung unter dem Einfluß der italie—
nischen Renaissance. Vermied sie Burgkmair noch im ganzen,
so verdankte er das wesentlich doch nur einer Reihe äußerer
Zwischenfälle. Seit dem Jahre 1510 wurde er fast ganz für
die großen Holzschnittwerke Kaiser Maximilians in Anspruch
genommen; er hat die Vorlagen für die meisten Holzschnitte
im Weißkunig, im Theuerdank und einigen anderen Pracht⸗
werken gezeichnet. Dazu kam seit 1515 eine zeitweilige Be—
schäftigung mit Fassadenmalerei nach italienischem Vorbild.
Das alles hielt ihn von eingehenderer Thätigkeit im Tafelbild
zurück, der wohl sonst die Bedenklichkeiten der Manier nicht
erspart geblieben sein würden.
Die volle Verschmelzung klassisch-italienischer Einflüsse
        <pb n="220" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 209

aber mit deutscher Kunst unter genügender Wahrung germa—
nischer Art brachte erst der jüngere Hans Holbein, der als
Sohn des älteren gleichnamigen Malers 1497 in Auasburg
geboren ward.
Holbein war ein frühreifes Kind, wie so oft wesentlich
formal begabte Naturen; schon im Jahre 1515 konnte er sein
eigenes Brot in Basel suchen. Er fand es auf dem Boden
der reichen Thätigkeit, die dort im Anschluß an den großen
humanistischen Verlag der Froben und Amerbach im Holzschnitt
herrschte: alle besseren Druckwerke wurden künstlerisch aus—
gestattet. Und er trat damit zugleich in eine humanistische,
der italienischen Renaissance verschwägerte Welt ein; wir
wissen, daß Erasmus im Jahre 1514 nach Basel gezogen war!.
Unter diesen Umständen war es für Holbein von großer Be—
deutung, daß er die ihm aus der Werkstatt seines Vaters längst
bekannten Formen der Renaissance öffentlich zuerst wenigstens
in der nationalen Technik des Holzschnitts anwandte; er blieb
dadurch der zeichnerischen Kunst des 15. Jahrhunderts näher.
Und niemals, so lange er in Deutschland wirkte, ist er dem
Holzschnitt untreu geworden: seine Bilder aus dem Volksleben,
seine satirischen Flugblätter reformatorischer und sozialistischer
Richtung, seine Illustrationen zum alten und auch zum neuen
Testament sind seinen Gemälden ebenbürtige Erzeugnisse.
Bald freilich wandte sich Holbein auch der Malerei zu.
Und hier begann er, bezeichnend genug, vor allem zu porträ—
tieren. Er gewann dadurch den vielleicht entscheidendsten Zug
seiner ganzen künstlerischen Persönlichkeit: war schon sein Vater
ein ausgezeichneter Bildnismaler gewesen, so darf er wohl als
der erste wahrhaftige Herzenskündiger auf dem Gebiete der
deutschen Bildniskunst betrachtet werden.
Darauf machten sich, gegen Ende des zweiten Jahrzehnts
des 16. Jahrhunderts, verstärkt italienische Einflüsse geltend;
die alte venezianische Einwirkung der Augsburger Zeit wurde
überholt durch den Eindruck der Kupferstiche Mantegnas und

1S. oben S. 180.
Lamprecht, Deutfche Geschichte V.
        <pb n="221" />
        210 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

der streng realistischen und dennoch idealisierten Malerei
Lionardos. Es waren Erlebnisse, welche die Künstlernatur
Holbeins erst vollends entbanden; indem er sie verarbeitete,
gewann er die Kraft zu seinen größten malerischen
Schöpfungen auf deutschem Boden, den Bildnissen des Boni—
facius Amerbach und der Dorothea Offenburg, der Solo—
thurner Madonna des Jahres 1522, dem Abendmahl der
Baseler Kunstsammlung und der Darmstädter Madonna der
Jahre 1525 — 1526. Und nicht minder schuf er im Holz—
schnitt jetzt das Höchste, was ihm erreichbar war. Wohl noch
der ersten Hälfte der zwanziger Jahre gehören die Zeichnungen
zu dem Totentanz an, der 1538 zu Lyon erschienen ist. Es
sind Bilder, die mit volkstümlichem Humor, doch alle früheren
Darstellungen durch die Kraft persönlicher Auffassung über—
ragend, den Tod als Gleichmacher feiern, nicht im mittel—
alterlich-abgeschiedenen Sinne transcendentaler Aufhebung aller
sozialen Unterschiede, sondern modern, von der sittlichen Er—
fahrung des Tages her. So geht der Tod gegen einen Grafen
an und schlägt ihn mit seinem Wappenschild darnieder, so
reißt er dem Kaiser die Krone vom Haupt: aber den armen
Greis führt er unter trostreichem Zitherspiel, wenn auch höhnisch,
zur ersehnten Ruhe des Grabes.
Es sind die letzten großen Werke, die Holbein in Deutsch—
land vollendet hat. Wie mit der Durchführung der Reforma—
tion in Basel der Humanismus abstarb, bis selbst Erasmus
den Wanderstab ergriff und nach Freiburg zog, so wurde auch
der Kunst der Lebensodem entzogen. Die Aufträge blieben
aus; 1526 wanderte Holbein nach England. Hier ist er seit—
dem mit wenigen Unterbrechungen bis zu seinem Tode im
Jahre 1543 thätig gewesen. Der Entwicklung der deutschen
Kunst war er damit verloren, so sehr er auch ein deutscher
Künstler geblieben ist, und so gern ihn, namentlich zu Beginn
seines englischen Aufenthalts, die hansischen Kaufleute des
Stahlhofs mit Aufträgen unterstützten.
In Holbein findet der Einfluß der italienischen Rengissance
einen gegen den germanischen Geist wohlabgewogenen Ausdruck;
        <pb n="222" />
        Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 211

er steht auf dem Wendepunkt dieser fremden Einwirkung, die
in der Kunst vor ihm nur stoßweise und unabgeklärt, in der
Kunst nach ihm übermächtig auftritt. Möglich wurde diese
Stellung für Holbein, weil er, ganz in der Richtung seines
Vaters, nur tiefer beanlagt, durch sein eigenes Wesen den
Italienern so verwandt war, als es der germanische Grund—
charakter nur eben noch zuließ. Wie diese, besaß er einen
überlegten Sinn für das gemessen Bewegte: darum ward er
zum größten Historienmaler des Zeitalters. Wie diese, suchte
er in geistreicher Kühle den idealen Hintergrund der natür—
lichen Formen zu gewinnen, indem er von dem Augenblicklichen,
Zufälligen derselben gleichsam innerlich Abstand nahm: darum
ward er zum größten Porträtisten. Indem aber so die tiefsten
Richtungen der italienischen Kunst bei ihm verwandtschaftliches
Verständnis fanden und zu frühreifer Klärung seiner Kunst
beitrugen, war es natürlich, daß auch ihre minder tief liegenden,
auffälligen Eigenschaften bei ihm Zutritt erlangten: der for—
male Schönheitssinn, die geschlossene Haltung in der Stimmung
der Farben. So ward er zum selbständigen Träger fremder
Auffassung in Deutschland, und in seinen Schöpfungen ver—
körperte sich in germanischem Sinne vollkommen jener italie—
nische Idealismus, der klassischen Einflüssen und eigener Ent—
wicklung gleichmäßig verdankt ward.

Einen deutschen Idealismus aus der naturalistischen
Formengebung des 15. Jahrhunderts heraus zu entwickeln und
damit, ohne tieferen fremden Einfluß, die volle Höhe germa—
nischer Kunst dieses Zeitalters zu erklimmen, blieb Dürer vor—
behalten. Er ist darum der eigentlich historische Charakter unter
den Malern der Zeit; wir verstehen ihn besonders gut; er
spricht vernehmlich zu uns noch heute.
In Nürnberg hatte die Malerei schon einmal im 14. Jahr—
hundert eine Blüte erlebt!. Und ging auch ihr schlichter

1S. Band IV Buch XII Kapitel 3 Nr. IV.
        <pb n="223" />
        212 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Charakter, soweit er ins übermäßig Zarte überleitete, mit dem
15. Jahrhundert verloren, so blieb doch reiche Empfindung bei
unversehrter Natürlichkeit noch das Kennzeichen so hervorragender
Kunstwerke, wie des um 1420 entstandenen Imhofschen Altares.
Dann freilich machte sich niederländischer und niederrheinischer
Einfluß auch hier geltend; Hans Pleydenwurff vor allem in seinem
1462 für die Breslauer Elisabethkirche bestellten Altare brach ihm
Bahn. Dauernde Bedeutung erhielt er dann durch Michel Wohl—
gemut, der, 1484 geboren, seit spätestens Mitte der sechziger
Jahre in Nürnberg arbeitete und dort 1519 gestorben ist. Wohl⸗
gemut besaß eine treffliche Begabung für das derb Charakte—
ristische; er hätte wohl einen Mittelpunkt völlig eigenartiger
Kunst begründen können. Allein hieran hinderte ihn die Art
seines Schaffens. Noch umfangreicher als Cranach entwickelte
er eine Malwerkstätte zahlreicher Gesellen, ja, da er zugleich
Bildhauer war und stark für den Holzschnitt zeichnete, so er—
weiterte er sie zu einem Atelier für bildende Kunst überhaupt.
Nun kam dies Verfahren gewiß dem Nürnberger kunstmäßigen
Buchdruck zu gute, so daß er so gewaltige Werke schaffen
konnte wie die illustrierte Schedelsche Weltchronik des Jahres
1493, auch mehrte sich der Export fabrikmäßiger Malereien.
Das tiefere Kunstleben der Stadt dagegen mußte auf seiten der
Maler wie auf seiten des bestellenden Bürgertums verflachen,
und selbst Wohlgemuts persönliche Malerei erhielt unter dem
Mehltau des Unternehmertums allmählich einen Zug ins banal
Käufliche.
Aus dieser Atmosphäre ist Dürer hervorgegangen. Am
21. Mai 1471 geboren, kam er als Knabe von fünfzehn Jahren
in die Schule Wohlgemuts. Es ist klar, was er da lernen
konnte: das Handwerk. Aber der Lehrzeit folgte die Wander—
schaft. Von 1490 bis 1494, vier lange Jahre, durchzog der
junge Malerbursch die Welt; er ging nach Venedig; er war
in Kolmar, ohne indes den gefeierten Schongauer noch am
Leben zu treffen; er arbeitete in Basel und Straßburg. Nach
Hause brachte er aus der Wanderschaft die Ehrfurcht vor großen
Meistern wie Schongauer und Mantegna, einen geschärften
        <pb n="224" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 213

Blick für die Natur und den zu fester Absicht abgeklärten
Drang, über die Zufälligkeiten der natürlichen Außenwelt,
wie fie die Darstellungsweise der deutschen Kunst bisher be—
herrscht hatten, obzusiegen durch Erkenntnis ihrer tieferen,
gesetzmäßigen Bildung.
Wie aber war das möglich ohne vergleichendes Studium
der Naturerscheinungen, und wie dies wieder ohne emsigstes
Eingehen auf jede Einzelheit? Der junge Künstler mußte des
Ganzen halber vor allem die Teile studieren; er mußte
den Entwicklungsgang der deutschen Kunst des 15. Jahr—
hunderts noch einmal in gereifterer Form durchleben, ehe er sich
imstande sah, sein eigentliches Ziel zu verfolgen. So begann
er mit dem fleißigen Studium des Nackten und landschaftlichem
Aquarellieren eingehendster Art; daneben liefen Tier- und
Pflanzenstudien her; nichts entging dem forschenden Auge des
Genius. Darüber kamen denn die ersten Malaufträge zu kurz;
sie sollten wohl nur den Unterhalt für die jung geschlossene
Ehe Dürers sichern und tragen teilweis geradezu das Gepräge
der bloßen Werkstatt. Aus sich heraus ging der Künstler
eigentlich nur in Zeichnungen für den Holzschnitt, wo er, bei
aller Verwertung seiner Naturstudien, doch kühn seine über—
quellende, nach Ausstrahlung drängende Phantasie walten lassen
konnte. Dieser Seite seines Lebens schafften namentlich die fünf—
zehn großen Blätter zur Apokalypse, die 1496 auf 1497 erschie—
nen, Genüge. Aus den naturalistischen Malstudien dagegen ließ
sich vor Abschluß ihres auf das Ganze gerichteten Umfangs
faft nur die Bildnismalerei als fruchtbar ausscheiden, sobald
vom Porträt zunächst nur gegenständliche Wahrheit verlangt
ward. Dürer hat um die Wende beider Jahrhunderte viel por—⸗
trätiert, u. a. sich selbst (das bekannteste Bild das in der
Schaube, Münchner alte Pinakothek) und seinen Vater.
Einige Jahre später, etwa seit 1503, glaubte er sich ge—
reift genug — er ging in das einunddreißigste Jahr — um neben
dem Holzschnitt und Kupferstich, deren Übung er eifrig weiter
betrieb, auch an Tafelbilder umfassenderer Art als persönlichste
Aufgaben denken zu können. Und es gelang. Die Anbetung
        <pb n="225" />
        214 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.

der Magier in den Uffizien vom Jahre 1504 zeigt schon
seinen individuellen Stil in der scharfumrissenen Zeichnung, in
dem klaren Gesamtton, in der besonderen Haltung der Figuren.
Und deutlicher, freier, vollendeter erscheinen diese Kennzeichen
in dem Rosenkranzbilde, das Dürer im Jahre 1506 für den
Fondaco dei Tedeschi in Venedig an Ort und Stelle gemalt
hat (jetzt besser, als gewöhnlich angenommen wird, erhalten im
Stifte Strahow zu Prag). Zugleich haben diese Bilder etwas
persönlich Gemeinsames mit den Zeichnungen, Kupferstichen und
Holzschnitten dieser Zeit, mit manchen Blättern der großen
Passion wie der grünen Passion der Albertina, mit den herr⸗
lichen Kupferstichen der heiligen Nacht oder des ersten Eltern⸗
paares, vor allem mit den Blättern des Marienlebens. Sie
zeichnen sich aus durch innige Auffassung in deutschem Sinne;
sie ziehen die Vorgänge des religiösen Lebens in den gemütvollen
Bereich des Sittenbilds; setzt doch im Rosenkranzbild der
Jesusknabe auf dem Schoße Mariens dem Papste Julius II.,
und Maria selbst dem Kaiser Max einen vollen Kranz
duftender Rosen aufs Haupt. Und sie sind zugleich Zeugnisse
für eine Abklärung des Meisters in den verworrenen Fragen
der Komposition und der rhythmischen Linienführung; der früher
drängende Überfluß der Figuren ist verschwunden, die Harmonie
der Bewegungen erstrebt, die Kraft der Einbildung gebändigt.
Freilich: die eigentlichen Probleme des Meisters wurden
durch diese Leistungen nur obenher getroffen. An sie trat
Dürer nach einem längeren Aufenthalte in Venedig von neuem
heran, gehoben durch fremde Eindrücke, befruchtet durch Ge—
danken- und Anschauungsaustausch mit den italienischen Mei—
stern, vor allem mit Giovanni Bellini. Und er wagte alsbald
einen großen Wurf. Seit Jahren hatte er in Zeichnung und
Kupferstich an dem Thema des ersten Elternpaars Versuche
zur naturalistischen Typisierung des nackten menschlichen Kör—
pers gemacht; jetzt löste er das Problem im Ölbild; im Jahre
1507 vollendete er den Adam und die Eva der Pradogalerie
zu Madrid. Hier sind die Körper aus dem Modell heraus—
        <pb n="226" />
        Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 215

gehoben; der Typus, das germanische Ideal des Menschen ist
gewonnen.
Aber war damit alles erreicht? Eine große idealistische
Kunst steckt ihr Ziel höher; sie will Sinnliches und Unsinn—
liches verknüpfen; sie will die Außenwelt geistvoll nachahmen,
sie verbinden mit den gemütlichen Strebungen, dem Innen—
leben des Menschen. Hier tritt neben das Typische der Gestalt
die Typik menschlicher Seelenzustände, menschlicher Konflikte.
Schon in der Schöpfung des ersten Menschenpaares klingen
bei Dürer die mit diesen Problemen verknüpften Forderungen
an. Adam und Eva sind nicht bloß nackte Körper; sie sind
zugleich die ersten Menschen und als solche in ihrem Schicksal
als Verführter und Verführerin gekennzeichnet. Aber doch erst
in den nächsten Werken verfolgte Dürer diese Forderungen
weiter. Während er auf Bestellung 1608 die Marter der
Zehntausend, 1509 den Hellerschen Altar, 1511 das Aller—
heiligenbild schuf, fesselte ihn bei diesen Bildern vor allem die
Wiedergabe einzelner Personen, deren Charakter durch typische
Darstellung im Sinne einer cholerischen, melancholischen oder son—
stigen Komplexion zu lösen wäre. In dieser Richtung konnte er
sich nicht genugthun in Studien, die sich nicht bloß auf Kopf,
Figur und Haltung, sondern auch auf die jeweils bezeichnende
Gestaltung der Gewandung erstreckten. Das ewig erneuerte
Suchen aber führte ihn naturgemäß wieder zu den kleineren
Techniken, zur Zeichnung für den Holzschnitt und zum Kupfer—
fstich. Die Wendung wurde deutlich, als er mit dem Jahre 1511
die großen Holzschnittfolgen der Apokalypse, des Marienlebens,
der großen und der kleinen Passion teils von neuem, teils zum
erstenmal herausgab. Sie wurde zudem auch äußerlich nahe—
gelegt durch den Mangel an Aufträgen für Gemälde und durch
die jetzt beginnenden großen Bestellungen des Kaisers Max für
den Holzschnitt der Ehrenpforte und des Triumphbogens. Als
für die tieferen Zwecke Dürers geeignet ergab sich freilich nicht
mehr der Holzschnitt, sondern der Kupferstich. Er beherrscht da—
— DDDD00000
handelt, die nächsten Jahre; und technische Verbesserungen,
        <pb n="227" />
        216 Vierzehntes Buch. Viertes Rapitel.

namentlich die Verbindung der Ätzkunst mit der Kunst des
Grabstichels, gestatteten hier bald die malerischsten, silber—
schimmernden Wirkungen in Ton und Tiefe. Es ist die Zeit,
da die Meisterwerke Dürers auf diesem Gebiete entstanden
sind: der christliche Ritter, das religiös-germanische Gegenstück
zu dem heidnisch-kraftstrotzenden Reiterstandbild des Colleoni,
der die tiefste Ruhe der Einsamkeit atmende h. Hieronymus
in der Zelle, die traumhaft bewegte Melancholie (1513 und 1514).
Indes diese Arbeiten, so hoch sie stehen, konnten nicht
den Abschluß der künstlerischen Ideen des Meisters bilden;
nur in der Tafelmalerei, dem vornehmsten aller malerischen
Ausdrucksmittel, vermochte er gefunden zu werden. Dürer war
dessen völlig inne geworden, als eine längere Reise nach den
Niederlanden und der Umgang mit den großen niederrheinischen
und niederländischen Meistern der Vergangenheit und Gegen—
wart in den Jahren 1620 -1521 ihn mit neuen Eindrücken und
frischem Lebensmut erfüllt hatten. Von nun ab erstrebte er
die Idealisierung der Empfindungs- und Strebungswelt der
Charaktere im vollen Glanze der Farbe. Es war ein Ziel,
das vielleicht schon im Bildnis bedeutender Menschen erreichbar
schien; das Porträt des Nürnberger Patriziers Holzschuher,
jetzt im Berliner Museum, giebt unter manchen anderen gleich—
zeitigen Bildnissen dafür den besten Beweis. Allein es blieb
hier doch immer noch etwas Zufälliges, gleichsam Irrationelles,
Irdisches; vollkommen konnte die ganze Typisierung des Charakters
nur in Idealgestalten gelingen. Und so griff Dürers frommes
Gemüt nochmals ein Problem auf, das ihn zeichnerisch schon
seit langem bewegt hatte, die Darstellung der Apostel und
Evangelisten. Hier, in einer Reihe geschichtlicher und doch
halb transscendenter Persönlichkeiten, nicht mehr im schönen
Körper allein, fand er den höchsten Vorwurf seiner Kunst.
Im Herbst des Jahres 1526 schenkte er seiner Vaterstadt
zum Gedächtnis an ihn die jetzt in München befindlichen sog.
vier Apostel, Johannes und Petrus, Paulus und Marcus auf
je einer Tafel. Sie verkörpern das höchste künstlerische Ideal
des Meisters. Hier ist in der That das Irdische nur noch
        <pb n="228" />
        Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 217

ein Gleichnis. Als die vergeistigten Urtypen menschlicher
Mannigfaltigkeit des Persönlichen treten diese Männer daher,
in feierlicher Einfachheit, in hohem, prophetischem Ernste; nichts
Gemeines reicht an sie; selbst die Gewänder, die sie umhüllen,
sind in den erhabenen Rhythmen ihres Faltenwurfs dem Aus—
druck des Innern dienstbar gemacht.
Die Apostel sind in jedem Sinne Dürers letztes Werk.
Am 6. April 1528 ist der größeste und deutscheste unserer
Maler verschieden. Sein Leben wur ein ununterbrochener
künstlerischer Kampf gewesen; doch er hatte gesiegt, und
noch vor dem Lebensende war ihm sein Wunsch geworden.
Aber wunderbar genug: indem er sein ästhetisches Ideal sich
erfüllen sah, begannen sich neue Ziele vor ihm aufzuthun. Die
von Dürer selbst verfaßte Inschrift der Aposteltafeln enthält
die Warnung: „Alle weltlichen Obrigkeiten in diesen gefahr—
vollen Zeiten sollen billig Acht haben, daß sie nicht für das
göttliche Wort menschliche Verfüuhrung annehmen; denn Gott
will nichts zu seinem Worte gethan, noch dannen genommen
haben. Darum horet diese trefflichen vier Männer, Petrum,
Johannem, Paulum und Marcum!“
Indem er seine künstlerischen Ziele immer weiter steckte,
war Dürer fromm geworden in anderem Sinne, als die mittel—
alterliche Kirche und damals moderne Schwarmgeister; indem
er, eine religiöse Natur, den Menschen aufsuchte in seinen
Tiefen, war er der Reformation Luthers nahe getreten. Auch
für den Fürsten im Reiche der Kunst hatten sich damit die
Probleme seines Zeitalters, die er zunächst ästhetisch zu be—
wältigen versuchte, ins Philosophische, Religiöse verschoben; er
fühlte es innig, daß das volle Morgenrot der neuen Zukunft
erst mit einer in sich festen Lösung des Menschen von der
Weltanschauung der mittelalterlichen Kirche hereinbrechen werde.
—A
ihrem höchsten Verstand einen Helden des Geistes und der Kraft,
der die Schranken des kirchlich hergebrachten Denkens zertrümmere.
        <pb n="229" />
        Fünfzehntes Buch.
        <pb n="230" />
        Erstes Kapitel.

Keligiöse Bewegung; Luther.

Das Geschlecht, aus dem Luther stammte, saß seit Urväter
Zeiten zäh und kräftig im Dorfe Möhra, am Südwestabhange
des Thüringerwaldes, wie es sich dort noch bis zur Gegenwart
erhalten hat: an den Grenzen der größten mitteldeutschen
Stämme, der Thüringer und der Franken, mitten im Herzen
Deutschlands, stand die Wiege seines Vaters. Der alte Luther
zog von dort nach Eisleben; hier wurde ihm, am 10. November
1483, kurz vor Mitternacht, sein erster Sohn, Martin, der
Reformator geboren. Bald darauf siedelte die Familie
nach Mansfeld über, in die hüglige Stadt des Mansfel—
dischen Grafenhauses. Der alte Luther arbeitete dort als
Berghauer; die Familie, der ein reicher Kindersegen zu
teil ward, nährte sich anfangs kümmerlich; oft mußte die
Mutter all ihr Holz auf dem Rücken eintragen. Aber der
Vater war fleißig und hielt an sich; so gelang es ihm wohl;
er erwarb schließlich zwei Schmelzöfen, und noch heute stehen
in der Hauptstraße der Stadt Reste des stattlichen Hauses,
das er später erbaut hat.
Die Jugend des kleinen Martin, anfangs durch Armut
        <pb n="231" />
        222 J Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

getrübt, blieb bei dem Wesen der Eltern auch später umdüstert.
Der Vater war ein kurz angebundener, starrsinniger Patriarch;
die Mutter, von der Martin Gestalt und Antlitz, vielleicht auch
einige Züge des Charakters ererbt hat, lehrte ihn zwar zu
Gott und den lieben Heiligen beten, aber aus ihrer Über—
lieferung stammt auch der verworrene, vielfach mit Bergmanns—
sagen durchsetzte Dämonenglaube, dessen graue Schatten den
Reformator zeitlebens verfolgt haben. Und beide Eltern waren
zu härtester Zucht geneigt; oft erhielt der kleine Martin um
geringfügiger Dinge willen Schläge, auch von der Mutter, die
dem Knaben gegenüber in keiner Weise die Rolle etwa der
Frau Rat Goethe gespielt hat, deren Gatte dem Vater
Luthers in vieler Hinsicht ähnelte.
Zur herben Zucht des Hauses trat früh ein verkehrter und
pedantischer Unterricht; Martin konnte noch nicht laufen, als
er schon zur Schule gebracht ward. Schläge waren auch hier die
Würze des Daseins; aus persönlichen Erfahrungen hat Luther
später einmal geäußert: vor Zeiten ward die Jugend allzuhart
gezogen, daß man sie in der Schule Märtyrer geheißen hat;
er ist einmal an einem Schulmorgen fünfzehnmal hintereinander
gestrichen worden. Im Jahre 1497 vertauschte Martin die
Mansfelder Schule mit einer Magdeburger; der Vater wollte
hoch mit ihm hinaus; er sollte ein Gelehrter, ein Jurist werden.
Von Magdeburg kam der Knabe bald darauf nach Eisenach,
vielleicht des leichteren Unterhalts willen; jedenfalls hatte er
hier sein Brot teilweis singend um Gottes willen zu verdienen.
Dennoch fielen jetzt die ersten Lichtstrahlen wärmeren Lebens
in das verstörte Gemüt des Häuersohns; er kam in Be—
ziehungen zu dem Hause des Kaufmanns Cotta, und dessen
Frau Ursula nahm sich des Verlassenen an. Niemals hat
Luther diese Wohlthat vergessen; dankbar hat er später das
Haus gefördert, wie er nur immer vermochte, und gern citierte
er vor den Gesellen seines Wittenberger Tisches das wohlige Wort
der Frau: „Es ist kein lieber Ding auf Erden, denn Frauen—
liebe, wem sie kann zu teil werden.“ Zugleich kam Luther
        <pb n="232" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

223

durch die Familie Cotta in Beziehung zu anderen Bürger—
familien Eisenachs, namentlich solchen, die mit den Franzis—
kanern des Ortes eifrige Freundschaft hielten; hier mag er
auch von dem unglücklichen später eingekerkerten Franziskaner
Johann Hilten gehört haben, der kühn die Schäden der Kirche
rügte und von einem Reformator weissagte, der über ein
Kleines erscheinen werde.
Vier Jahre darauf bezog Luther die Universität Erfurt, im
Sommersemester 1501 ist er immatrikuliert worden. Jung, nun
endlich lebensfrisch, ein sangesfroher Kamerad, befand er sich
damit in einem vielseitig strahlenden Brennpunkt geistigen
Lebens. Erfurts Akademie war damals, wie wir wissen!, auf
jener glücklichen Übergangsstufe, da noch kräftige Epigonen
der Scholastik in einträchtigem Wetteifer mit den ersten Trägern
des Humanismus zusammenwirkten. So machte Luther zunächst
den althergebrachten Kreis philosophisch-scholastischer Studien
durch; gern übte er seinen Verstand an ihrer gefeilten Dialektik.
Aber auch den humanistischen Kreisen ist er nicht fern geblieben.
Unter diesen Einwirkungen kam der Abschluß der philosophischen
Studien heran; zu Anfang des Jahres 1505 ward Luther als
zweiter unter siebzehn Bewerbern Magister der freien Künste.
Nun zog er nach Hause, sich froh den Eltern zu zeigen; der
Vater beschaffte ihm für seine kommenden Studien alsbald das
teure Corpus iuris; er sah ihn schon als künftigen Geheimen
wenn nicht Kanzler seiner gnädigen Herren von Mansfeld; er
war willens, ihm ehrlich und reich zu freien. Da, auf der
Rückreise nach Erfurt, überfiel den jungen Magister, den schon
vorher der Tod eines Freundes erschüttert hatte, ein jähes
Donmnerwetter; er fürchtete den tötenden Strahl; und in der
Angst des Todes gelobte er sich dem Leben im Kloster.
Luther hat über die Beweggründe dieser Stunden niemals
anders als kurz gesprochen; sie sind ein Geheimnis seines
Herzens geblieben. War es ein leidenschaftlicher Impuls mittel—

S. oben S. 190.
        <pb n="233" />
        224 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

alterlichen Charakters? Brach der in den Tiefen seiner Brust
rauschende Quell religiösen Lebens plötzlich hervor?
Am 17. Juli 1505 trat Luther in das Kloster der
Augustiner-Eremiten zu Erfurt. Seine Familie fluchte ihm;
der Vater, um große Hoffnungen betrogen, hat noch im Jahre
1507 seinen Sohn als jungen Priester nur mit Widerwillen
wiedergesehen und ihm bei der festlichen Tafel nach der Primiz
statt mit Glückwünschen vielmehr mit Vorhaltungen über die
ernachlässigten Pflichten des vierten Gebotes zugesprochen.
Bot der Orden dem jungen Mönche Ersatz für die ver—
lorene Vaterliebe? Der Orden der Eremiten des h. Augustin
war, nach vergeblichen Versuchen der Päpste Gregor IX. und
Innocenz IV., die regellos lebenden Eremiten zu vereinigen,
durch Alexander IV., um die Mitte des 18. Jahrhunderts in
Italien begründet worden. Nach Deutschland kam der neue
Orden sehr früh; die urkundlichen Nachrichten über seine Ver—
breitung beginnen schon mit dem Jahre 1256; und mit seine
ersten Niederlassungen sind die Sammungen zu Gotha und
Erfurt. Im 14. Jahrhundert ist der Orden dann sehr empor—⸗
zeblüht; man hatte ihn gern in den Stäödten, seine Prediger
namentlich waren gesucht; und in Karl IV. fand er einen
freigebigen Gönner. Diese glückliche Ausbreitung wurde im
15. Jahrhundert freilich teilweise durch innere Gärungen ver—
langsamt; aber in ihnen hob sich aus der Masse der Klöster
ein Verband besonders strenger Observanz empor, die sächsische
Kongregation. Zu ihr gehörte neben den Klöstern zu Magde—
hurg, Nürnberg und München auch Erfurt; und im Jahre
1503 ward sie durch neue Konstitutionen nochmals in sich ge—
festigt. Doch führte diese Absonderung zu keiner abweichenden
Lehre, wenn auch auf die Lektüre der Bibel besonderes Gewicht
zelegt ward. Eher könnte man von einer besonderen kirch—
lichen Praxis sprechen. Zur Zeit Luthers waren die Augu—
stiner-Eremiten der sächsischen Kongregation zweifelsohne einer
der strengsten Orden; die Askese blühte in den Mauern ihrer
Klöster, und sie ging nicht in bloß äußeren Formen auf;
Zelbstprüfung ward dem Novizen zur Pflicht gemacht, und
        <pb n="234" />
        Religiösse Bewegung; Luther.

288

häufige Beichte galt als nötig zur Läuterung der grübelnd
zrregten Seele.
Das war es, was Luther zunächst suchte. Und ernst und
freundlich haben ihn die Brüder, als sie sein Wesen sahen, in
seinem Streben unterstützt. Er ward des unfruchtbaren Ein—
sammelns von Käsen und Eiern entbunden; er erhielt weitere
Belehrung; die Schriften der Väter und der großen Lehrer
wurden ihm aufgethan. Schon mochten die Brüder in ihm
rinen künftigen Theologen, eine dereinstige Zierde ihres Ordens
erblicken. Auch alle Mittel herkömmlicher praktischer Frömmig—
keit zur Erringung des Heils durfte er anwenden: alle Arten
massiver Askese, alle Weisen der Kontemplation, alle Gaben
höherer Mystik. Er beachtete die Ordensregel mehr als pein—
lich, er fastete über Maß, er kasteiete sich, er gab sich endloser
Versenkung hin, und er harrte in der Narkose der Verzückung,
bis daß er glaubte, unter den Chören der Engel zu sein: keine
Werkmöglichkeit der alten Kirche zur Rechtfertigung in Voll—
kommenheit blieb unerschöpft: „Ist je ein Münch gen Himmel
kommen durch Müncherei, so wollt ich auch hineinkommen sein;
das werden mir zeugen alle meine Klostergesellen.“
Aber was Luther eigentlich suchte, fand er nicht. Weder
die Ermattung in Zerfleischung des Körpers, noch die verzückte
zeitweilige Vereinigung mit einem pantheistisch verflüchtigten
Gotte täuschten ihn hinweg über die immer mächtigere Forde—
rung seiner Seele, ein persönlich-dauerndes Verhältnis zu Gott
zu besitzen. Das Gegenteil geschah: je mehr alle Mittel der
Kirche sich erschöpften, auch die der Sakramente und vornehm—
lich der Beichte, in der man ihn nicht verstand, um so schreck—
licher ward die Einsamkeit, die Gottverlassenheit seiner Lage;
er trieb dem Abgrund der Selbstverzweiflung zu und des
Wahnwitzes. „Wo nur eine kleine Anfechtung kam von Tod
oder Sünde, so fiel ich dahin und fand weder Taufe noch
Müncherei, die mir helfen möchte; so hatte ich nun Christum
und seine Taufe längst auch verloren. Da war ich der elendste
Mensch auf Erden; Tag und Nacht war eitel Heulen und
damprecht, Deutsche Geschichte V. 15
        <pb n="235" />
        Verzweifeln, daß mir niemand steuren konnte.“ So setzte sich
das ihm gleichwohl unmittelbar gewisse Gefühl seiner Ab⸗
hängigkeit von Gott je länger je mehr in Furcht und Entsetzen
um; ?er bildete sich Christum vor, wie er auf dem Regen—⸗
bogen sitzt als rächender Richter; er kannte ihn nur noch als
Stockmeister und Henker“ des Gerichts.
In dieser Not, da er Gott suchte als eine ihm persönlich
nahe, ihn persönlich erfüllende und beherrschende liebevolle
Macht und ihm kein Mittel der alten Kirche helfen konnte,
ihn zu finden, da ward ihm die Bibel zum Führer.
Die mittelalterlichen Studien hatten die Bibel als erste
Grundlage aller Theologie längst aus den Augen verloren;
Luther hatte lange geglaubt, ihr Text bestehe nur aus den
Perikopen: da „fand ich in der Liberei zu Erfurt eine Bibel;
die las ich oftmals. Da ward ich darin also bekannt, daß ich
wußte, wo ein jeglicher Spruch stünde und zu finden war,
wenn davon geredet ward; also ward ich ein guter Textualis.
Darnach las ich die Kommentare der Väter und Lehrer. Aber
ich mußte sie zuletzt alle aus den Augen stellen und wegthun,
dieweil ich in meinem Gewissen damit nicht konnte zufrieden
sein, und mußte mich also wieder mit der Bibel würgen:
denn es ist viel besser, mit eigenen Augen sehen, denn mit
fremden.“

Es war eine anscheinend so einfache Errungenschaft —
freilich einfach, wie alles Große. Und wie schlug sie der wissen⸗
schaftlichen Methode der Zeit ins Gesicht. Der gefeierte Erfurter
Scholastiker Bartholomäus Arnoldi von Usingen trat Luthers
Bestrebungen mit den Worten entgegen: „Ei, Bruder Martine,
was ist die Bibel? Man soll die alten Lehrer lesen, die haben
den Saft der Wahrheit aus der Bibel gezogen; die Bibel
richtet allen Aufruhr an.“
Luthern brachte die Bibel tiefste Ruhe der Seele. Frei—
lich anfangs las er sie mit Furcht und Zittern, mit krampf⸗
haftem Forschen nach der Möglichkeit eigenen Heils; und wie
mißverstand er sie zuerst, da er mit den Begriffen der her—
        <pb n="236" />
        Keligiöse Bewegung; Luther.

227

gebrachten Schultheologie an sie herantrat! Doch endlich sprach
sie klar zu ihm. Und sie kündete ihm, was sein heißes Herz
suchte: dauernde Gottesgewißheit, persönliche Gotteskindschaft
im Glauben an die in ihr geoffenbarte Wahrheit. Damit trat
sie vor Luther hin als die einzige Autorität über alle Autori—
täten, auch über den Ordensheiligen Augustinus: „In der
Erste las ich Augustinus. Da mir aber die Thür in Paulo
aufgethan ward, daß ich wußte, was die Gerechtigkeit des
Glaubens war, da war es aus mit ihm.“
Freilich, nicht in wohldefinierter Klarheit, als ein niemals
bezweifeltes Gesetz errang sich Luther alsbald mit Hilfe der
biblischen Offenbarung die dauernden Ideale seines Lebens.
Als Mittelpunkt einer neuen, dem mittelalterlich gebundenen
Denken völlig entgegengesetzten Weltanschauung ward die neue
Lebenskraft überhaupt nicht von ihm erschlossen, sondern erlebt,
nicht ausgeklügelt, sondern in tausend Angsten des Widerspruchs
erobert und errungen. So wurde sich Luther nur langsam,
unter frommer Pflege teilnehmender Freunde, namentlich seines
Ordensvorgesetzten Staupitz, seines Fundes voll bewußt; und
er selbst würde wohl in späteren Jahren schwerlich imstande
gewesen sein anzugeben, wann er den ersten, wenn auch oft
noch sturmdurchwühlten und stündlich wieder zu ersiegenden
Frieden seiner Seele gefunden habe. Doch mag angenommen
werden, daß die früheste Krystallisation seiner reformatorischen
Gedanken schon dem ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts
angehört.

Inzwischen war Luther im Frühjahr 1507 zum Priester
geweiht und darauf in den Wittenberger Konvent seines Ordens
versetzt worden, zugleich mit einem Lehrauftrag für die in
Wittenberg im Jahre 1502 begründete Universität, die einst—
weilen kaum mehr war, als eine erweiterte Studienanstalt
seines Ordens. Es waren keine Ereignisse, die in sein Leben
tiefer eingegriffen hätten; im Spätherbst 1509 ward er sogar
noch einmal für einige Zeit nach Erfurt zurückversetzt. Von
dauernder Bedeutung dagegen waren zwei Ereignisse der Jahre
15*
        <pb n="237" />
        228 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.
1511 und 1512, seine Reise nach Rom und die Erwerbung
der Doktorwürde der heiligen Schrift.

Von seiner Reise nach Rom hat Luther oft gesprochen.
Gleichwohl wissen wir nicht genauer, in welchem Auftrage
seines Ordens er sie angetreten hat; wir kennen auch nicht
ihren geschäftlichen Ausgang. Wir hören überhaupt von Luther
über Land und Leute nur wenige Einzelheiten. In einer Zeit,
in der die Kunst der modernen Reiseschilderung entwickelt zu
werden beginnt, aus Orten, die von jeher der Deutschen ganze
Teilnahme fanden, erzählt Luther fast nur von den schönen
Spitälern von Florenz, dem ambrofianischen Meßkanon zu
Mailand; und Rom, das Rom der Renaissance, der mittel⸗
alterlichen Päpste, des alten Imperiums, dessen Gegenwart und
Vergangenheit damals noch ganz anders vielstimmig redete,
denn heute, ringt ihm kaum ein Wort der Bewunderung ab.
Zwar steht er überwältigt vor der unvergleichlichen Größe der
klassischen Bauten, aber unter welcher Geringschätzung des
Modernen: „Rom, wie es jetzund ist und gesehen wird, ist wie
ein totes Aas gegen die vorigen Gebäude.“ Und was waren
ihm schließlich selbst die Reliquien der Jahrtausende! Nur der
religiöse Gedanke beherrschte ihn. „Da ich Rom erst sahe,
fiel ich auf die Erde, hub meine Hände auf und sprach: Sei
gegrüßt, du heiliges Rom!“ Aber wehe: welch eine Ent—⸗
läuschung wartete seiner. Die feine gläubige Stadt ist zur
Hure geworden. Die Priester sind rasch fertig mit dem Hand—
werk; im Hui haben sie eine Messe geschmiedet. Und zum
Himmel schreien die Thaten der Päpste: „Es soll keiner Papst
geworden sein, er sei denn ein ausgefeimter, übertrefflicher
Schalk und Bösewicht.“ Tausend Einzelheiten verbanden sich
zu Einem Eindruck; Luther sah, wie arg, wie elend die Kirche
geworden war. Und es waren unauslöschliche Erfahrungen. Zwar
find sie noch einmal, wenigstens gegenüber dem obersten Haupte
der Kirche, gleichsam untergetaucht; der loyale Mann konnte
        <pb n="238" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

229

sich ein Jahrfünft später den Papst doch zunächst nicht anders
vorstellen, denn als treuherzig und gerade, gleich sich selbst.
Im ganzen aber blieb der erste Eindruck: „Ich wollte nicht
hunderttausend Gulden dafür nehmen, daß ich nicht auch Rom
gesehen hätte; ich müßte mich sonst immer besorgen, ich thäte
dem Papste Gewalt und Unrecht; aber ꝰwas wir sehen, das
reden wir?.“
Mit diesem Ergebnis wanderte Luther aus der ewigen
Stadt heim nach dem kleinen Wittenberg. Der Gegensatz
konnte kaum größer sein. Schon die Umgebung der heimat—
lichen Stadt, deren Wesen noch heute fast nichts als das Zeit—
alter des Reformators widerspiegelt, hatte zu dem liebens—
würdig bedauernden Reim Anlaß gegeben:

Ländiken, Ländiken,
Du bist ein Sändiken.

Die Stadt selbst war ein wirres und schmutziges Durcheinander
weniger, mit Lehmhütten besetzter Straßenzeilen, aus dem
einige bessere kirchliche und weltliche Gebäude hervorragten; in
ihr lebte eine Bevölkerung von etwa 3000 Seelen. Luther
mußte sich darin gleichsam an den Grenzen jener Okumene der
Kultur fühlen, als deren Mittelpunkt Rom noch immer gelten
konnte; noch im Jahre 1186 ist der Landstrich um Wittenberg
ein locus ab infidelibus prius occupatus genannt worden.
Nun war freilich seitdem die Besiedlung des Ostens erfolgt,
und seit dem 14. Jahrhundert waren Lichtwellen höherer Bil⸗
dung von Prag und Erfurt her auch über die Binnenlande
jenseits der Elbe gedrungen. Ja, vom deutschen Standpunkte
aus, den Blick auf die Zukunft gerichtet, konnte man sich schon
versucht fühlen, Wittenberg nicht so sehr als an den Grenzen
deutscher Bildung, denn vielmehr als im Centrum der mutter—
ländischen und der kolonialen Teile der Nation gelegen zu
denken: unvergleichlich vielleicht für einen Agitator des Geistes,
der von hier aus sich in einem mittleren Dialekt nach allen
Seiten verständlich machen konnte!.

S. Genaueres hierüber unten Kapitel 2 Nr. L, J.
        <pb n="239" />
        230 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Und weitere Vorteile bot die Landesherrschaft einem
Manne freien und kühnen Denkens. Das Haus der Wet—
tiner, der alten Fürsten an Saale und Elbe, hatte seit
dem Erwerb der sächsischen Kurwürde im Jahre 14231 einen
bemerkenswerten Aufschwung genommen. Zwar hatten um
die Mitte des 15. Jahrhunderts blutige Verwandtenkriege
stattgefunden, und im Jahre 1485 war es in Leipzig zu einer
endgültigen Teilung der Gesamtlande gekommen, indem die
ältere Linie der Ernestiner die Kur samt dem größten Teil
Thüringens und des Osterlandes, sowie die fränkischen und
voigtländischen Besitzungen erhielt, während die jüngere Linie
der Albertiner mit Nordthüringen und Meißen ausgestattet
ward. Indes diese Teilung wurde für die ältere Linie, der
auch Wittenberg als eine der Residenzen zugehörte, durch die
Persönlichkeit des Herrschers noch zum guten Teile wett gemacht.
Kurfürst Friedrich der Weise erfreute sich als ein zwar entschluß⸗
schwerer, aber verständiger und nüchterner Politiker allgemeiner
Achtung im Reiche; er galt für einen der ersten Führer im Rate der
Fürsten; nicht selten fiel ihm die Vermittlung entgegenstehender
Bestrebungen zu. Das gab seinem Lande erhöhtes Ansehen,
um so mehr, als er es trefflich, ein guter Haushalter und
Finanzmann, regierte. Dazu brachte er den religiösen Dingen
besonderen Anteil entgegen. Er war fromm im Sinne der
Zeit; unendliche Reliquien hat er in seinem Wittenberger Hof—
stift angehäuft, das allen Heiligen gewidmet war. Aber de—
mütig, war er religiösem Fortschritt nicht unzugänglich; er
pflegte zu sagen: „Was man sonst liest von weltlichen Dingen
oder Weisheit, das will ich wohl verstehen; aber wenn Gott
redet, das ist zu hoch, das ergreift und ergründet man nicht
so bald.“ Es war eine Gesinnung, die den Kurfürsten zum
zögernden Freunde lutherischen Strebens machen mußte, zu—
mal er der Förderung seiner Universität sich aufs lebhafteste
zuwandte, als deren bervorragender Lehrer Luther bald gelten
mußte.

Vgl. darüber Band IV.
        <pb n="240" />
        Religiöse Bewegung; Luther. 231

Kurz vor Ostern des Jahres 1512 war Luther von Rom
zurückgekommen. Und noch einmal griff Staupitz, bestimmen—
der als bisher, in fein Leben ein. Er veranlaßte ihn, das
Doktorat der Theologie zu erwerben, sehr gegen seinen ur—
sprünglichen Willen; noch viele Jahre später hat Luther, nicht
ohne gelegentliches Seufzen, den Birnbaum im Hofe des
Wittenberger Augustinerklosters gezeigt, unter dem ihm der
schwere Entschluß entrungen ward. Nachdem er aber die
Würde erhalten hatte, widmete er sich alsbald mit heißem
Eifer der damit auf ihn übergegangenen Pflicht der Aus—
legung der h. Schrift.
Und hier wurden seine inneren Erfahrungen zum erstenmal
nach außen wirksam. Er sah ab von der bisher für exegetische
Vorlesungen üblichen Methode; er hielt sich nicht an die Kom—
mentare der Väter und Scholastiker; an den Quell selbst führte
er die durstigen Schüler. So las er in den kommenden
Jahren, wenn auch noch auf Grund des Tertes der Vulgata
und wenn auch teilweis noch mit allegorischer Interpretation,
üͤber die Psalmen, über den Römer- und Galaterbrief, über die
Briefe an die Hebräer und an Titus. Es war eine Anderung,
die Luther allein schon einen nie zu erschütternden Ehrenplatz
in der Geschichte der Wissenschaften sichern würde. Aber weit
wichtiger waren die Folgen für den inneren Ausbau seiner
religiösen Überzeugungen. Indem er sich jetzt berufsmäßig,
allseitig, unter Mitteilung an andere, mit der Erklärung der
Bibel aus dem Kern seiner religiösen Errungenschaften her⸗
aus beschäftigte, mußte er diese selbst klären und erweitern.
Bei dieser Arbeit, beim Einheimsen der großen Ernte eines
neuen, persönlichen und unmittelbaren Verständnisses der bib—
lischen Schriften war Luther nun im wesentlichen nur auf
—ADDD— fast
völlig ungestörtes Jahrfünft hindurch hingeben konnte, höchstens
durch geschäftliche Arbeiten im Interesse seines Ordens unter—
brochen. Als Stütze eigener Anschauungen trat ihm außer⸗
dem die Geistesarbeit zweier sehr verschiedener Perioden frü⸗
herer kirchlicher Entwicklung zur Seite, die der sich bilden—
        <pb n="241" />
        232 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

den römischen Kirche in Augustin, und die des späteren Mittel—
alters in der deutschen Mystik, vornehmlich Tauler.
Die Schriften Augustins hatte Luther schon sehr früh kennen
gelernt, dann aber anscheinend eine Zeit lang zurückgeschoben.
Nun nahm er sie wieder zur Hand, und er fand sich mit ihnen
eins in dem Bewußtsein einer völligen, rückhaltlosen per—
sönlichen Hingabe an Gott; es ist bezeichnend, daß er von
Augustin nichts lieber gelesen hat, als die Konfessionen. Dem—
entsprechend ward er kühn genug, die Theologie als indifferent
gegenüber jenen mittelalterlichen Dogmen zu denken, die man
nicht überzeugt zu erleben, sondern nur äußerlich für wahr zu
halten brauchte. Theologie wurde ihm zum bewußten und
konsequent zur eigenen Lebensführung angewandten Bekenntnis
persönlicher Zuversicht zur göttlichen Gnade. Aber diese Gnade
erschien nun Luther nicht — und hiermit ging er über Augustin
hinaus — als theoretisch aus dem Begriffe Gottes zu er—
schließen, sondern vielmehr als rein geschichtlich offenbart
und in Christi Wort und Werk erreichbar und zu genießen.
„Wer Gott erkennen und ohne Gefahr von Gott spekulieren
will, der schaue in die Krippe, hebe unten an, und lerne erst—
lich erkennen der Jungfrau Maria Sohn, geboren zu Beth⸗
lehem, so in der Mutter Schoß liegt und säugt oder am
Kreuze hängt. Darnach wird er fein lernen, was Gott sei.
Solches wird alsdann nicht schrecklich, sondern aufs allerlieb—
lichste und tröstlichste sein. Und hüte sich ja vor den hohen
fliegenden Gedanken, hinauf in den Himmel zu klettern ohne
diese Leiter, nämlich den Herrn Christum in seiner Menschheit,
wie ihn das Wort vorschreibt rein einfältiglich; bei dem
bleibe, und laß dich die Vernunft nicht davon abführen, so er—
greifst du Gott recht.“
Was Luther hier in späterer Zeit abgeklärt lehrt, das mag
an die Erfahrungen streifen der Jahre, da er über Augustin
hinaus Tauler kennen lernte. Es ist der über die My—
stik hinweggehende, indes immerhin in klarer Fortbildung
mittelalterlicher Kontemplation weiter verlaufende Einschuß
deutsch⸗religiöser Anschauung überhaupt, der hier zu Tage
        <pb n="242" />
        Keligiöse Bewegung; Luther

238

tritt; und niemand hat diesem Zusammenhang klarer Ausdruck
gegeben, als Luther selbst, indem er das von ihm innigst ge—
liebte mystische Büchlein aus der Mitte des 14. Jahrhunderts
„Von rechtem Unterscheid und Verstand, was der alt und
neu Mensche sei, was Adam und was Gottes Kind sei, und
wie Adam in uns ersterben und Christus erstehen sall,“
unter dem Titel einer deutschen Theologie im Jahre 1518 von
neuem herausgab. Bei diesem späteren Zusammenhange mit der
deutschen Mystik war Luther freilich weit entfernt von den
Ekstasen des enthusiastischen Mysticismus, deren Leere er schon
in den ersten Jahren seiner Klosterzeit durchschaut hatte. Nicht
asketische Gottvereinigung in der Hingerissenheit des Augen⸗
blicks, sondern ständige Gotteskindschaft in der Sündenver—
gebung durch Christus war sein Ziel: „Solche Zuversicht und
Erkenntnis göttlicher Gnade machet fröhlich, trotzig und lustig
gegen Gott und alle Kreaturen.“
So hat Augustin die Erkenntnis, Tauler das Erleben
des Glaubens in Luther gefördert. Aber was Luther unter
ihrer Unterstützung schuf, war doch ein völlig Neues. Wir
lernen nach Luther Gott nicht kennen durch irgend ein Er—
kenntnisprinzip; Gottes Dasein kann nur offenbart, nicht
bewiesen werden. Wir kommen auch nicht zu ihm durch ein
Leben der Kontemplation zu christlicher Verzückung; wir er—
greifen ihn dauernd nur durch persönliches Vertrauen zur
Person Christi. „Lerne Christum,“ schreibt Luther am 8. April
1516 an seinen Freund Spenlein „und zwar den Gekreuzigten.
Lerne ihm lobsingen und an dir selbst verzweifelnd sagen:
„Du, Herr Jesus, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine
Sünde.“ —
Luther war jetzt etwa 83 Jahre alt. Er war in den
Jahren, wo sich bei denkeifrigen Menschen Überzeugungen
klären und festigen, ohne doch schon zum System zu erstarren.
Welche Stelle nahm der neue, klar zu Tage tretende Kern
der religiösen Lebensanschauung Luthers ein im Zuge der ge—
schichtlichen Entwicklung? Es ist die wichtigste Frage für das
Verständnis des 16. bis 18. Jahrhunderts: denn in der Stille
        <pb n="243" />
        234 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

der Erfurter und Wittenberger Klosterzelle hatte sich, für uns alle
noch heute wirksam, für die letztvergangenen Jahrhunderte ent⸗
icheidend, die endgültige, vorbildliche Scheidung zwischen mittel⸗
alterlichem und nachmittelalterlichem Geiste vollzogen.
Das Christentum, ursprünglich eine Lebensgemeinschaft in
bestimmtem Anschluß an die Traditionen über das Leben
Christi, war durch den Übergang an die Griechen mit ihrer
ausgebildeten Philosophie zu einer Gemeinschaft vor allem der
Lehre geworden. Diese Lehre, von den Griechen dogmatisch
niedergeschlagen, war weiter in der römischen Umformung des
Christentums zum Gesetze erstarrt. Als ein System gesetzlicher
Forderungen, als ein Erzeugnis zugleich höchster Kultur, war
dann das Christentum an die niedrig civilisierten Volker des
Mittelalters, auch an die Deutschen, gelangt.
Nun hätte dieser Vorgang an sich schon zur juristischen
Versteinerung auch einer vollkommen in Frommleben aufgehen—
den Religion führen müssen: denn Religionen höherer Kultur
können sich gegenüber niedriger civilisierten Voöolkern nur in
hierarchischen, wenn nicht gar despotischen Formen zur Geltung
bringen, wollen sie anders auf Sitte und Glauben wirken.
Um wie viel mehr mußte dies mit dem Übergang des an sich
schon jurifizierten römischen Christentums auf das deutsche
Mittelalter eintreten! Die Lehre vereiste jetzt erst recht zu
einem Codex juris, und die aristokratische Hierarchie des 8.
bis 8. Jahrhunderts ward abgelöst durch den papalen Despo—
tismus.
Wie verschob sich nun unter diesen Wandlungen die An—
schauung vom Zustand der Frommen, von der Seligkeit? War
dieser Zustand ursprünglich rein individuell gedacht worden,
als ein glückliches Leben persönlichen Gottvertrauens, so ward
er jetzt objektiv vorgestellt als das durch die Kirche und deren
sakramentale und asketische Mittel gewirkte Wunderdasein der
Visio Dei. Es war zugleich eine durch die ganze psycho⸗
logische Disposition der mittelalterlichen Welt aufgedrängte
Nötigung: wie sollte die gebundene Persönlichkeit des 10. bis
15. Jahrhunderts freithätig aufstreben zu subjektiver Sicherheit
        <pb n="244" />
        Religisse Bewegung; Tuther.

288

der Gotteskindschaft! Die Menschen dieser Zeit suchten statt
dessen die objektive Bürgschaft äußerer Mittel. Diese aber
ruhten in der Hand der Kirche. Indem die Priesterschaft die
Sakramente verwaltete in der Kraft objektiver Seligmachung
für jedermann, indem sie Askese und Kontemplation als Mittel
religiöser Verzückung sich einverleibte und regelte, beherrschte
sie die mittelalterliche Welt; wie zu einer gütigen Mutter, die
alle guten Gaben verteilt, schauten die Laien zu ihr empor.
Dem entsprach ihre Haltung. Sie forderte nicht Glauben,
sondern Gehorsam; sie wollte nicht die Anerkennung inneren
Erlebens, sondern die Fügsamkeit halb unbewußter Existenz;
sie hielt nicht auf Uberzeugung, sondern auf Ruhe; sie kannte
keine Individuen, sondern nur Massen.
Dem allen widersprach nun Luther. Er forderte ein
Verhältnis des Einzelnen zu Gott. Es war ein Wagnis, nicht
denkbar ohne furchtbaren Zwiespalt zwischen Wollen und
Sollen, ohne anfängliches persönliches Schuldbewußtsein gegen—
über einem allgerechten Gott. Aber dies Bewußtsein, dieser
Zwiespalt führte zur Selbstentsagung, zur Demut und zu dem
ernstesten Vorsatz des persönlichen Vertrauens auf die göttlich
geoffenbarte Gnade als die wirkende Kraft der eigenen Tugend.
Es war der schärfste Gegensatz zur Seligkeitstheorie der
mittelalterlichen Kirche. Dort als Mittel des Heils die sakra—
mental, magisch gewirkte Gnade der Kirche, ein dingliches Gut;
hier die subjektive, im eigenen, natürlichen Erlebnis erfahrene
Gnade Gottes als eines Vaters, eine persönliche Errungenschaft.
In der That: persönlich errungen im höchsten Grade war
das Verhältnis Luthers zu seinem Gott. Wie oft hatte er,
hbevor er Gewißheit der Gnade erlangte, dem erbarmungslosen
göttlichen Richter in unendlicher Verlassenheit gegenüberge—
standen mit dem faustischen Wort: Weh, ich ertrag dich nicht!
Sein Selbst schien zu zerschellen vor dem Unendlichen; seine Seele
erschien ihm ausgespannt mit Christo, daß man ihre Gebeine
zählen konnte, und es gab keine ihrer Falten, die nicht er—
füllt gewesen wäre von bitterster Bitternis. Aber Luther hat in
dem immer wiederholten Kampfe obgesiegt. Und er siegte —
        <pb n="245" />
        286 Fünfzehntes Buch. Erstes Rapitel.

erst das verknüpft ihn mit dem Christentum — mit Hülfe der
biblischen Offenbarung. Er war der Kämpfer; Sieger ward er
durch die Waffen geschichtlich-göttlicher Verheißung. Das Be—
dürfnis individuellen Verhältnisses zu Gott war das Ur—
spruͤngliche; erfüllt ward es durch die hinzutretende Wohlthat
des Evangeliums. So verbanden sich, sein religiöses Dasein
zu vollenden, zwei Strömungen: die der persönlichen Hingabe
an Gott und die der Aufzeigung eines Heilsweges durch die
biblische Offenbarung. Ihr Ergebnis war die protestantische
Frömmigkeit, ja die deutsche Weltanschauung des 16. bis
18. Jahrhunderts.
Nun konnte aber die erstere, rein individualistische Strö—
mung leicht Schaden leiden, ja gelegentlich abgesperrt werden,
sobald sich innerhalb der zweiten feste Massen eines gerei—
nigten Dogmas aufbauten. Es ist eine Gefahr, der die Ent—
wicklung der evangelischen Kirchen nicht entgangen ist. Luther
in seiner Heldenzeit war von dieser Gefahr weit entfernt. Noch
stand er am klaren Quell der Bildung seiner Uberzeugungen; nie—
mals hat er das von ihm frei persönlich beigebrachte Element
unterschätzt. Auch fand er bei vollster Anwendung seiner Methode
auf geschichtlichem Gebiete noch kein Dogma vor. Er hatte sich
nur an die Bibel zu halten; das Dogma aber ist später gebildet
worden, als der Kanon der neutestamentlichen Schriften. Für die
Zukunft aber hat er sich später wenigstens gelegentlich mit dem
Gedanken getröstet, daß eine fortgesetzt erneute Bearbeitung
der Schrift zur stetigen Regeneration der Glaubensanschauungen
zu führen imstande sei: das war ihm in seinen besten Augen—
blicken der Sinn des Prinzips freier Forschung. Und auch ganz
allgemein war er später, und erst recht in der Zeit der Bildung
seiner Lebensanschauung, weit davon entfernt, das Wesen des
neuen Glaubens vornehmlich in abgeklärten Lehrmeinungen zu
suchen. Das widersprach seiner ganzen Natur; das wäre ihm
Werkdienst gewesen: „Werke aber gehören dem Nächsten, der
Glaube Gott.“ Vielmehr, wie die religiöse Überzeugung jedem,
der sie besitzt, als die sicherste aller Wissenschaften gilt und als
die encyklopädische Grundlage jedes Meinens und Handelns, so
        <pb n="246" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

287

suchte auch Luther den Gewinn seiner Kämpfe mit Gott nicht in
irgendwelchem dogmatischem Abschluß, sondern in den weiten
Friedensräumen einer allgemeinen religiös-sittlichen Haltung des
Lebens.
Von so hohem Standpunkte aus mußte ihm alle Hierarchie
als Hindernis persönlich-religiöser Erfahrung erscheinen, als
eine Cernierungstruppe gleichsam, die da wehrt durchzudringen
zur vollen Klarheit der Kinder Gottes. Für ihn konnte darum
die Kirche grundsätzlich nur aus denen bestehen, die an der
Hand der Offenbarung in eigenem Kampfe Gott finden gelernt
haben, eine unsichtbare, geistige Erscheinung, eine Gemeinde der
Heiligen. Und praktisch konnte er einen schlechten, sterblichen
Rahmen einer solchen Gemeinde nur in einer demokratischen
Kirchenverfassung erkennen.
Diese Gedanken führten weiter. Ein vergeistigt-persönlicher
Glaube bedarf keiner besonderen Lebenshaltung überhaupt; er
steht weit über dem Berufsgewirr dieses Lebens. Bezieht man
ihn aber auf die Gestaltung des Zeiklichen, so wird er adeln,
wen er nur immer ergreift. So zerfließt das Ideal äußer—
licher kirchlicher Vollkommenheit, das Ideal der letzten Genera—
tionen des Mittelalters; ein jeglicher kann vollkommen sein
vor dem Vater im Himmel. Diese Welt aber steht an sich
außerhalb der Religion; ihre Lebensgebiete unterliegen ihr
nicht und nicht der Kirche. Frei sind Wissenschaft und Staat,
frei Beruf und Ehe — das Zeitalter kirchlicher Emancipation,
geistiger Säkularisation bricht an. Und frei vor allem ist das
Individuum in dem Sinne, daß ihm gegenüber kein Wider—
stand berechtigt und erfolgreich ist, wenn Gott ihm zur Seite
steht. So ist das Freiheitsbewußtsein zwar noch gebunden an
die Gottesvorstellung des neuen Glaubens, aber nicht mehr an
die Kirche: es ist selbständig geworden in der Gnade Gottes.
Das etwa sind die wichtigsten, aber zunächst noch keines—
wegs völlig bewußt gezogenen Konsequenzen jener Lebens—
anschauung, die Luther um das Jahr 1517 hegte. Er hat sie
später wohl vollkommen erkannt; er hat die bittere Wahr—
heit ausgesprochen: „Ich habe dem Papst nicht allein die
        <pb n="247" />
        238 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Mißbräuche, sondern auch die Lehre angegriffen und das Herz
abgebissen.“ Zunächst aber wandelte er noch dahin unbekannt
mit den furchtbaren Gaben, die er im Busen trug. Er war
eine innerliche Natur, und insofern konservativ. Er ließ sich
an dem persönlichen Glück des neuen, ihm offenbarten Evange—
liums genügen; er fühlte nicht die Verpflichtung zu einer
Propaganda der That außerhalb seines Berufes. Er besaß die
selbstsichere Bescheidenheit des Genies. Er hat einmal bemerkt,
ein gutes Werk werde selten aus Weisheit oder Vorsichtigkeit
unternommen; es müsse alles in einem Irrsal oder Unwissenheit
geschehen.
Aber ward er gezwungen zur That: — wie anders er—
schien dann der Reformator. Dann war es ihm gegeben, daß
er stahlhart sein konnte trotz innigen Gemütes, daß seine Zunge,
so wohltönend im Gesang, zum vernichtenden Schwert ward, daß
seine Herzensweichheit sich donnernd ergoß in empörten Lauten,
wie sie dem Quellborn der deutschen Sprache noch niemals
entsprungen waren. So, ein Mann seelischer Kämpfe, deren
tiefes Weh ihn mild gemacht hatte im privaten Verkehr, deren
endlicher Sieg aber ihn härtete im Vertrauen auf Gott, furcht—
los und treu, festen Körpers trotz aller Nachwirkung unsinniger
Askese, trat er vom Katheder herab in den Kampfplatz der
Gemeinde, der Nation, der Welt, da seine Stunde gekommen war.

II.

Für die Anschauungen Luthers, soweit sie sich um die
Jahre 1515 bis 1617 abzuklären begannen, konnte innerhalb
der kirchlichen Praxis des Alltags kaum irgend etwas anstößiger
erscheinen, als der Gebrauch der Sakramente. Auf diesem
Gebiete vor allem hatte sich die Kirche veräußerlicht, indem die
Wirkungen der Sakramente immer magischer vorgestellt worden
waren, während gleichzeitig die Bedingungen, unter denen ihr
Genuß zu erreichen war, immer lässiger gefaßt wurden.
Die Lehre von den Sakramenten gipfelte nun in der
Eucharistie als dem Hauptsakrament: allgemein ward es als die
        <pb n="248" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

239

Sonne unter den Sakramenten gefeiert; in ihm vollzog sich die
mystische Vereinigung der Kirche mit Christus; in ihm zauberte
der Priester täglich während der Messe den Herrn hervor und
opferte ihn; ihm galt das Fronleichnamsfest und die Adoration
der Hostie. Praktisch wichtiger aber ward das Sakrament der
Buße, der Absolution. Und hier eben war eine massive Auf—
fassung schon besonders früh hervorgetreten: die Priester hatten
nach Auflegung gewisser äußerer Leistungen zu absolvieren be—
gonnen; das wichtigste, für die Absolvierung notwendigste
Element der Reue war in der Praxis zurückgetreten. Die
Kirche war dann der Praxis langsam auch in der Lehre gefolgt:
schon ward es ausgesprochen, daß der Priester durch das Buß—
sakrament die unvollkommne Reue in vollkommne zu wandeln
vermöge!. Damit erhielten die satisfaktorischen Werke der
Buße, die dem Sünder auferlegt wurden, eine ganz andere
Bedeutung, als bisher.
Nun konnten diese Werke nach altem Brauche der germa—
nischen Kirche auch durch andere, Mönche z. B. und Priester,
vorgenommen werden, falls deren Thätigkeit von dem Büßenden,
zumeist durch materielle Mittel, gewonnen ward. Und weiter
hatte sich in der Kirche überhaupt die Lehre ausgebildet, daß
wie Christus so auch viele Heilige mehr verdienstliche Werke
gethan hätten, als notwendig war zu ihrer Seligkeit; und daß
die Kirche befugt sei, aus diesem Schatz überzähliger verdienstlicher
 Werke an bedürftige und reuige Sünder gegen verhältnis—
mäßig geringe Remuneration (eleemosyna) abzulassen. Frei—
lich sollte durch eine derartige Überschreibung fremder Verdienste
nicht die unmittelbare Seligkeit erkauft, sondern nur zeitliche
Strafe und Fegefeuer erspart werden können. In dieser Form
war die Lehre, so strittig auch noch lange eine Anzahl von
Einzelheiten blieb, doch gegen Ende des 18. Jahrhunderts im
wesentlichen entwickelt; zusammengefaßt wurde sie in der Extra—
vagante Unigenitus des Papstes Clemens VI. vom Jahre 1849.
Damit waren die theoretischen Vorbedingungen des Ablasses

1Von Johann von Paltz; vgl. Harnack, Dogmengesch. 32, 504 Anm. 2.
Die Lehre von der attritio ist dann im Tridentinum kanonisiert worden.
        <pb n="249" />
        240 Fünfzehntes Buch. Erstes LKapitel.

gegeben. Zugleich aber erwuchsen auch die praktischen. Im
früheren, naturalwirtschaftlichen Mittelalter hatten Schenkungen
an die Kirche im Sinne von satisfaktorischen Werken nur in
Land stattfinden können; es gab fast kein anderes der Kirche
willkommnes Zahlungsmittel. Dementsprechend hatte die satis—
faktorische Praxis im ganzen einen aristokratischen Charakter
bewahrt; Landschenkungen pflegten immer größere Schenkungen
zu sein. Später dagegen, seit dem 18. Jahrhundert, wurden
auch Schenkungen in Geld möglich; die Kirche bedurfte ihrer,
da ihr Landbesitz wie der des Adels im Ertrag zurückging; sie
konnten in kleinen Raten erfolgen und wurden so angenommen;
an die Stelle seltenerer, aristokratischer Schenkungen schob sich
der massenhafte, demokratische Erwerb von urkundlichen Ver—
schreibungen des Ablasses.
In dieser Form war die Ablaßpraxis schon mit beginnen—
dem 15. Jahrhundert völlig entwickelt; bereits Hus klagt in
einer Synodalrede des Jahres 1405: „Ablaßkrämer und
Bettelmönche plündern haufenweise durch ungeheuerliche Feste,
durch vorgebliche Wunder, durch Bruderschaften und andere
lügenhafte Vorspiegelungen das Volk aus.“ Was wollte aber
die Praxis dieser Zeit besagen gegenüber der Steigerung, die
in den nächsten Generationen eintrat!
Anlaß hierzu gab nach gewissen Seiten hin zunächst das
mmer dringlicher entwickelte Bedürfnis der Laien selbst nach
kirchlichen Beruhigungsmitteln. Die geltende Heilstheorie bot
suchenden Seelen keine wirkliche Befriedigung mehr; mit um
so größerer Inbrunst ergriffen diese daher die Surrogate, wie
sie sowohl im Kultus und dessen Formenreichtum als auch in
der Ablaßpraxis von der Kirche dargereicht wurden; ihr Be—
dürfnis hat die Verbreitung und Durchbildung des Ablasses
wesentlich gesteigert. Und in derselben Richtung mußte das
—
Vor allem aber sprachen hier doch auch die finanziellen
Bedürfnisse der Kirche und des Papsttums mit. Im 14. Jahr⸗
hundert hatte die Kurie vornehmlich die Kirche geplündert; die
konziliare Bewegung des 15. Jahrhunderts ist nicht zum geringsten
        <pb n="250" />
        Religiöse Bewegung; Luther. 241

getragen durch den Wunsch des Klerus, sich der finanziellen
Umgarnung durch die Kurie wieder zu entziehen!. Und in
der That hatte der Klerus auf diesem Gebiete einige Erfolge
erreicht. Im ganzen freilich blieb der alte Zustand erhalten;
und so konnte der Klerus das Bedürfnis empfinden, den weiter
lastenden Druck durch stärkere Ausbildung des Ablasses auf die
Laien abzuwälzen. Vor allem aber nahmen die finanziellen
Bedürfnisse des Papsttums selbst noch gewaltig zu. Die zweite
Hälfte des 15. Jahrhunderts umfaßt recht eigentlich die Periode
der Begründung des modernen Kirchenstaats; rücksichtslos, hin—
weg über Dasein und Interessen der kleinen Nachbarstaaten,
etwa im Sinne der Territorialpolitik deutscher Fürsten zur
gleichen Zeit, ward er geschaffen. In diesen Kämpfen wurde
das Haus der Borgia groß mit seinen grauenvollen Mitgliedern,
deren Schandthaten die popularen Phantasien über einen wieder—
kommenden Nero, einen zukünftigen Antichrist übertrafen, bis
dann zurückhaltender und würdevoller Julius II. ein Zeitalter
berhältnismäßiger Ruhe einleitete. Aber eben unter Julius
sttiegen die finanziellen Bedürfnisse dennoch weiter; es ist die
Zeit der herrlichsten italienischen Renaissance, Rafaels und
Michelangelos; und Glanz und Laster, ruhmvolles Mäcenat
und weichlicher Luxus erforderten nie gekannte Summen. So
spannte das Papsttum die Mittel des Klerus aufs äußerste
an und ging über sie hinaus an die Laien. Päpstliche Ablässe,
früher Ausnahmen, wurden jetzt völlig gebräuchlich und zum
einfachsten Handgeld sittlicher und religiöser Beruhigung: eine
neue, scheinbar unerschöpfliche Geldquelle brach empor. „Seht
da die große Scheuer des Erdkreises,“ rief Hutten von diesem Zu⸗
stand, „darinnen zusammengeschleppt wird, was in allen Landen
geraubt und geplündert worden ist, und in der Mitte jenen un—
ersättlichen Kornwurm, der ungeheure Haufen Frucht vers chlingt,
umgeben von seinen zahlreichen Mitfressern, die uns zuerst das
Blut ausgesogen, dann das Fleisch abgenagt haben, jetzt aber

1S. darüber Band IV.
Lamprecht, Deutsche Geschichte V.
        <pb n="251" />
        2422 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

an das Mark gekommen sind, uns das innerste Gebein zer—
malmen, und zerbrechen, was noch übrig ist.“
Aber das Beginnen war verwegen. Der Klerus mochte es
ertragen, wenn ihn die Kurie beim Kragen faßte: jetzt ward den
Laien nach der Seele gegriffen. Nicht die Kirche als hier—
archische Anstalt, die Kirche als Heilsanstalt geriet in Gefahr.
Der Humanist Bebel spricht es schon im Jahre 1505 in seinem
Triumph der Venus aus: „alle Ersparnisse der Reichen und
Armen frißt jetzt der sogenannte Ablaß: die Seligkeit liegt
inter einem vollen Sacke begraben.“ Luther aber wandte sich
empört eben gegen diese Gefahr, daß das finanzielle Bedürfnis
der Kurie den Laien das Gewissen abgrabe; es ist der Anfang
der religiösen Kämpfe des 16. Jahrhunderts.
Papst Leo X. hatte zum Bau der Peterskirche einen großen
Jubiläumsablaß ausgeschrieben. Seinen Vertrieb für einen
großen Teil Deutschlands übernahm der Kurfürst Albrecht von
Mainz. Einer seiner Unterkommissare war Tetzel, ein Leipziger
Predigermönch, sittlich bedenklich, aber rührig und beredt. Er
begann seinen Handel im Jahre 1515, begleitet von Bevoll⸗
mächtigten des Hauses Fugger. Seine Thätigkeit erstreckte sich
namentlich auf den deutschen Nordosten; im Herbste 1517
sperrte er seinen Kasten zu Jüterbog und Zerbst auf, nördlich
und südlich von Wittenberg; deutlich merkte man in Wittenberg
den entsittlichenden Einfluß des Treibens.
Luther würde trotzdem, bei der nach innen gewandten
Art seines Wesens, schwerlich Einspruch erhoben haben,
hätte ihn nicht dazu eine im Jahre 1515 in seinem Leben ein⸗
getretene Wendung veranlaßt. Er war an Stelle des kränklichen
Simon Heinse stellvertretender Stadtpfarrer von Wittenberg
geworden. Das neue Amt war ihm anfangs schwer geworden;
nur mit Widerstreben bestieg er die Kanzel. Aber einmal mit
ihm ausgesöhnt ward er ein rechtschaffener Pfarrer; öfters
predigte er mehr als einmal am Tage, und seine Freunde
spöttelten wohl seit 1316, ob er mehr Pfarrer sei, ob mehr
Professor.
Von dieser neugewonnenen Seite seines Lebens her, als
        <pb n="252" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

248

verantwortlicher Hirt seiner Gemeinde, konnte er sich bei der
innerlichen, persönlichen Abweisung des Ablaßtreibens nicht
beruhigen. Er sah, wie Tetzel im Nu zerstörte, woran er lange
gebaut; er fühlte am Körper der Gemeinde die religiöse Zer—
setzung. Da hielt es ihn nicht. Er sprach von der Kanzel
gegen die Ablaßpraxis des Dominikaners; seit 1516 lassen sich
seine Warnungen verfolgen. Aber sie verfehlten des Eindrucks.
So blieb nichts übrig, als andere Mittel der Einwirkung zu
suchen.
Die Möglichkeit hierzu bot Luthers Stellung als Professor.
Es war oft geübte Sitte, daß gefeierte Universitätslehrer zur
Erörterung schwieriger Probleme ihrer Wissenschaft Thesen
aufstellten und zu deren Disputation die Gegner auf bestimmte
Frist einluden. Nun war es auch in der Ablaßlehre möglich,
über eine ganze Anzahl unsicherer Punkte Thesen aufzustellen,
und es war sachgemäß, in sie auch solche Punkte einzubeziehen,
die auf das sittlich Bedenkliche der Ablaßpraxis hinwiesen, wie
sie geübt ward.
Am 31. Oktober 1517, am Vorabend Allerheiligen, schlug
Luther mit Rücksicht auf die 94 Bestimmungen, welche Erz—
bischof Albrecht seinen Unterkommissaren mit auf den Weg
gegeben hatte, 95 Thesen an die Pforten der Wittenberger
Allerheiligenkirche an; zugleich versandte er eine Anzahl von
Exemplaren des Anschlags als Einladung zur Disputation:
es war das herkömmliche Verfahren.
Über das Herkommen hinaus aber gingen teilweis Inhalt
und Form seines Plakates. Zwar zeigen die Thesen im ganzen
noch rein scholastischen und schulgemäßen Charakter; doch sieg—
reich äußert sich hier und da schon die sittliche Entrüstung
über die springenden Punkte des Unfugs, und die Formu—
lierung zeigt gelegentlich bereits den künftigen Volksprediger
und Agitator. „Wer durch Selbsthilfe meint seiner Seligkeit
gewiß zu sein, der wird ewiglich verdammt sein samt seinen
Lehrmeistern. Der Papst will und kann keine andern Sünden—
strafen erlassen, als die, die er nach seinem und der kirchlichen
Satzungen Befinden auferlegt hat. Jeglicher Christ hat, wenn
16*
        <pb n="253" />
        244 Fünfzehntes Buch. Erstes LKapitel.

er in aufrichtiger Reue steht, vollkommnen Ablaß von Strafe
und Schuld auch ohne Ablaßbriefe. Doch soll man darum
den Erlaß und Anteil, den der Papst verleiht, keineswegs ver⸗
achten, weil er die Erklärung der göttlichen Vergebung ist.
Der wahre Schatz der Kirche ist sfreilich nicht der Ablaß,
sondern] das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und
Gnade Gottes. Man lehre die Christen, daß des Papstes
Meinung nicht sei, das Lösen von Ablaß irgendwie den Werken
der Barmherzigkeit gleichzustellen. Man lehre sie, daß, wer
einen Bedürftigen sieht und des ungeachtet sein Geld für
Ablaß ausgiebt, damit nicht des Papstes Ablaß, sondern
Gottes Zorn erwirbt. Man lehre sie, daß, wenn der Papst
den Schacher der Ablaßprediger wüßte, er lieber den Peters⸗
dom wuͤrde in Asche sinken lassen, als daß er auf Kosten von
Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe sollte gebaut werden.
Wer gegen die Wahrheit des apostolischen Ablasses redet, der
sei verbannt und verflucht! Wer aber gegen die mutwilligen
und frechen Reden der Ablaßprediger auf der Wacht steht, der
sei gesegnet! Zu sagen, daß das Ablaßkreuz, das mit des
Papftes Wappen geschmückt in den Kirchen aufgerichtet wird,
gleichen Wert habe mit dem Kreuz Christi, ist Gotteslästerung.
Solche freche Ablaßpredigt macht, daß es auch gelehrten Männern
schwer fällt, die dem Papste schuldige Ehrfurcht aufrecht zu
erhalten gegen die böse Nachrede oder die unzweifelhaft scharfen
Einwendungen der Laien. Hinweg also mit alle den Propheten,
die dem Volke Christi sagen: Friede, Friede: und ist doch kein
Friede n!“
Es sind die ersten kraftvollen Sätze des Reformators;
empört verdammen sie den Mißbrauch. Das neue System des
Ablasses an sich dagegen tasten sie nicht an. Zwar finden sich
Stellen, die Angriffe tödlicher Art auf die mittelalterliche Lehre
bom Bußsakrament enthalten, aber sie werden noch gegengewogen

Zusammenstellung einzelner Thesen, mit der Absicht ungefährer
Wiedergabe des Gesamtsinns in Luthers Worten, nach der Übersetzung
don Kawerau (Luthers Werke f. d. christl. Haus, 1, 113 f.).
        <pb n="254" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

245

durch andere, die den Bestand dieses Sakraments als legal
voraussetzen. Fern war Luther noch jeder Scheidung von
Papst und Kirche, noch war er getreuer Hüter des nicht gemiß—
brauchten Bestehenden: noch kannte er die Tiefen seiner Seele
nicht: noch würde er jede Geistesverwandtschaft mit einem
Wesel abgewiesen haben, der schon zwei Generationen vor
ihm jederlei Ablaß als pia fraus gebrandmarkt hatte.
Der äußere Erfolg der Thesen überraschte Luther voll—
ständig; in vierzehn Tagen liefen sie durch Deutschland. Und
doch war die Wirkung erklärlich genug. In der Ablaßfrage
gipfelten alle Vorwürfe, die von den verschiedensten Stand—
punkten her gegen die Kirche erhoben werden konnten: hier
fanden sich die Frommen, ewig nach Heil dürstend und niemals
gesättigt, zusammen mit den Lauen, die den Ablaß unter
stillem Spotte kauften, und mit den Patrioten, die empört
waren über die Aussaugung des Volkes. Und in welchen Boden
ward diese Saat theologischen Zweifels und sittlicher Entrüstung
gesät! Unter den dünnen Schichten der Wohlhabenden und
humanistisch Gebildeten braute und wogte es im Hexrenkessel
sozialer Leidenschaften, sannen Bauerschaft und städtisches Prole—
tariat geheimer Erhebung nach, aufs äußerste empfänglich für
jede Auflehnung gegen gleichgültig welche Autoritäten. Die
höheren Schichten aber waren längst voll Spotts über Kirche
und Klerus; die entrüstete Sprache Luthers war ihnen ein
neuer, interessanter Ton in gewohnter Musik. Dazu die un—
endlich gewachsenen Verkehrsmöglichkeiten der Zeit, die neuen
Wege des Nachrichtendienstes und des Handels, und als un—
erhörter Fortschritt geistiger Mitteilung der Buchdruck! Und
all diese Mittel vereinzelt schon zur geistigen Bearbeitung der
Nation angewandt in den politischen Manifesten Kaiser Mari—
milians, in der astrologisch-kalendarischen Volkslitteratur, in
der Verbreitung von Schriften der Erbauung und in Büchern
einfachsten litterarischen Zeitvertreibs!
Und innerhalb des kirchlichen Gebietes selbst wieder ein
Stand, bereit und fast gezwungen, sich der Verbreitung der
Anschauungen Luthers besonders anzunehmen: der Pfarrklerus.
        <pb n="255" />
        246 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Außerordentlich hatte dieser Klerus schon seit dem 13. Jahr⸗
hundert gelitten unter der besonderen Beichtermächtigung der
Bettelmönche: sie hatte ihm die Seelsorge in der Gemeinde
unterbunden. Wie aber war seine Thätigkeit dann erst durch
die Ablaßkrämer gelähmt worden! Hatte doch Luther nur aus
trüben pfarramtlichen Erfahrungen heraus zum Mittel der Ab⸗
wehr gegriffen! Der Anlaß, der ihn zum Handeln zwang,
war allgemeiner Art; allenthalben erkannte der Pfarrklerus in
Luther den Vertreter seines mangelnden Erfolges, seiner Be⸗
sorgnis. So nahm er sich der Propaganda an und brachte
die Anschauungen der lateinischen Thesen in deutscher Münze
uinter die Menge.
So vorbereitet, so herbeigeführt war die Wirkung der
Thesen unvergleichlich; schon die Zeitgenossen haben den Beginn
der Reformation von ihrem Erscheinen gerechnet.

Zu der von Luther ausgeschriebenen mündlichen Erörterung
—D
trat Tetzel mit schriftlichen Gegenthesen hervor, auf die hin er
gegen Schluß des Jahres 1517 an der gegen Wittenberg eifer—
füchtigen Universität zu Frankfurt a. O. den Grad eines theo⸗
logischen Doktors erwarb: nur daß der Schritt Luther zu
iner Gegenschrift veranlaßte, in der sein grundsätzlicher Stand⸗
punkt gegenüber Ablaß und Bußsakrament schon deutlicher
hervortritt.
Wichtiger war, daß geheime Stimmen Luther unmittelbar
als Häretiker zu bezeichnen begannen. Unter ihnen trat be—
sonders die des Doktors Johann Eck von Ingolstadt hervor,
eines gewandten, sittlich aber nicht sehr hochstehenden Theo—
logen, der gleich Luther aus dem Bauernstand hervorgegangen
war. Ohne äußerlich das gute Verhältnis zu Luther aufzu—
geben, verbreitete Eck handschriftlich Schmähartikel unter dem
Titel der Obelisci (Spießchen), womit man in Handschriften
verdächtige Stellen zu bezeichnen pflegte. Luther antwortete
        <pb n="256" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

247

darauf mit den ebenfalls nur privatim verbreiteten Asterisci
(Sternchen), ohne im übrigen den tiefen Gegensatz zu erkennen,
in den ihn seine ersten öffentlichen Außerungen nicht bloß zur
Meinung der Kirche, sondern auch zum päpstlichen Stuhle gebracht
hatten. Vielmehr meinte er noch immer in seinen Thesen die
reine kirchlich- päpstliche Ansicht über den Ablaß gegen falsche
scholastische Lehren verteidigt zu haben, verehrte nach wie vor
im Papste den höchsten Richter der Christenheit und lebte des
Glaubens, er werde nur für eine genauere Aufklärung der
Kurie zu sorgen haben, um Recht zu erhalten.
Von diesem Standpunkte aus hatte er schon früher die
Thesen an seine kirchlichen Obern geschickt, die sie nach Rom
zelangen ließen. Von diesem Standpunkte aus arbeitete er
setzt bis Mitte Mai 1518 Erklärungen zu den Thesen aus, die
er ebenfalls dem Papste zur Kenntnisnahme bestimmte. Und
in dem Widmungsschreiben unterwarf er sich noch ganz dem
Papste, freilich unter der Voraussetzung, daß Christus aus
seinem geweihten Munde spräche. „Ich falle Eurer Heiligkeit
zu Füßen und ergebe mich ihr samt allem, was ich bin und
habe. Verhänget Leben, verhänget Tod; saget zu, saget ab;
bestätiget, verwerfet, wie Euch beliebt: Eure Stimme werde
ich als die Stimme Christi anerkennen, der in Euch regiert
und redet.“ Es ist die Stimmung, die in einem gleichzeitigen
Briefe an Staupitz wiederkehrt: „Christi Urteil erwarte ich
vom römischen Stuhle zu hören.“ Aber freilich: sollte der
Papst nicht Ehristi Stimme folgen, so ist Luther zum Wider⸗
stand bereit, und todesfreudig schaut er dem Martyrium ent—
gegen. „Der einige nichtige Leib, durch viel und stetige Be⸗
schwerde geschwächt, ist noch übrig; richten sie den, durch List
oder Gewalt, Gott zu Dienst, so machen sie mich ärmer um
eine Stunde oder zwei meines Lebens. Mir genügt mein süßer
Erlöser und Erbarmer, der Herr Jesus Christus: dem will ich
ingen, so lang' ich lebe.“
War das die Stimmung, die in Rom Entgegenkommen
finden konnte? Die erste Antwort auf den lutherischen Handel,
die von Rom her öffentlich verlautete, ging nicht vom Papste
        <pb n="257" />
        248 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

aus — der nahm die Sache anfangs sehr leicht —, sondern
von dem Meister des apostolischen Palastes Silvester Mazzolini,
genannt Prierias. Er entzog sich auf einige Tage den Tiefen
seiner thomistischen Studien, um den fernen, ihm gefährlich
erscheinenden Mönch abzuthun. Es geschah geringschätzig und
grob, und grob und geringschätzig antwortete Luther. Hier
zum erstenmal zeigte sich völlig die urbaner Formen bare, bauern⸗
haft heroische Freiheit von Menschenfurcht, die Luther niemals
verloren hat.
Und schon handelte es sich in diesem Streit, dem Vorspiel
für das kommende psychologische Drama der allmählichen Ab—
wendung Luthers von Rom, um die prinzipiellsten aller Fragen,
um die Autorität des Papstes und der Konzilien: und Luther
ging so weit, die Denkbarkeit des Irrtums beider zu behaupten,
wenn ihre Fehlbarkeit auch geschichtlich noch nicht erwiesen sei.
Und dieser Hintergrund, dies Grundthema einer neuen An—
schauung zeigte sich auch schon klar, gleich dem durchblickenden
Blau eines sonst noch wolkenbedeckten Himmels, in einer von
Luther behandelten Einzelfrage: er behauptete, der Bann trenne
nur von der Kirchengemeinschaft, nicht von der Gemeinschaft
der in Christo uns gegebenen geistlichen Güter, und er verstieg
sich zu dem Satze: „Selig ist und gebenedeiet, wer da stirbt
in ungerechtem Bann, denn um der Gerechtigkeit willen wird
er die Krone empfahen.“
Es waren Betrachtungen, die Luther freilich fast unbewußt
nahetreten mußten. Denn in Rom, wo der von Luther an—
genommene Zwiespalt zwischen kirchlicher und scholastischer
Lehre keineswegs bestand, war man schon längst nicht mehr
gewillt, mit ihm zu disputieren; es bestand nur die Absicht,
ihn mundtot zu machen auf irgend eine Art.
Schon im Frühjahr 1518 war an der Kurie der Ketzer—
prozeß gegen Luther eingeleitet worden; zu Richtern waren
bestellt der Bischoff von Ascoli und — Silvester Prierias.
Luther ward vor ein Gericht citiert, dessen Urteil nicht zweifel—
haft sein konnte; er rief den Schutz seines Landesherrn an.
Nun befand sich Kurfürst Friedrich der Weise damals auf
        <pb n="258" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

249

einem Reichstage zu Augsburg, dem letzten, den der alternde
Kaiser Maximilian gehalten hat. Es war eine wichtige Tagung,
und in ihre Interessen war auch der Papst verflochten. In
Rom ward nämlich seit 1512 ein allgemeines Konzil gefeiert,
noch von Julius II. berufen; es sollte die seit dem Verfall
der konziliaren Bewegung des 15. Jahrhunderts neu erworbene
Hoheitsfülle des Papsttums bestätigen und hat diese Aufgabe
durch die feierliche Proklamation der Bulle Bonifaz' VIII.
Unam sanctam zur Zufriedenheit gelöst. Daneben aber sollte
es nach dem Wunsche Julius II. und noch mehr seines Nach—
folgers Leos X. den christlichen Widerstand gegen die Türken
beleben; und in der That hat es einen allgemeinen Türkenzehnt
für die abendländische Kirche beschlossen. Ihn nunmehr durch
den Reichstag gut heißen und auf die deutsche Nation
ausschreiben zu lassen, war eine der wesentlichen Sorgen der
oäpstlichen Gesandtschaft beim Augsburger Reichstag.
Aber das war schwierig. Die Deutschen wollten nicht
zahlen; man höhnte laut und leise, der Zehnt werde schwerlich
den Türkenkriegen zu gute kommen. Noch mehr: man holte
die alten Beschwerden gegen die Kurie wieder einmal vor, das
endlose Thema über Annaten und Pfründenverleihungen, über
Indulgenzen, Exspektanzen und anderes, und man faßte sie
wieder einmal in einem kräftigen Schriftstück zusammen, das
einem früheren vom Jahre 1456 fast auf ein Haar glich.
Diese Haltung mußte die Kurie gegenüber dem Reichstag
verbittern — und auch gegenüber dem Kaiser. Nun bedurfte
aber Max damals der Kurie. Er ging damit um, seinem
Enkel, dem Herzog Karl von Burgund, die Nachfolge im Reiche
zu sichern. Kam es hierbei einerseits darauf an, die deutschen
Kurfürsten für dessen Wahl schon bei Lebzeiten Maxens zu
gewinnen, so mußte andererseits auch die Zustimmung der
Kurie dazu erreicht werden, daß diese Wahl, obwohl Max nur
erwählter, nicht auch gekrönter römischer Kaiser war, dennoch
gethätigt werde.
Das war die Lage, die Luthers Gesuch an seinen Kur—
fürsten; man möge ihn in Deutschland verhören, zu Augsburg
        <pb n="259" />
        2509 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

vorfand. Kaiser Maximilian mußte sich den Kurfürsten Friedrich
als einflußreichsten Wahlfürsten günstig gesinnt erhalten, und er
mußte zugleich die Kurie zur Zulassung der Wahl bewegen.
Das ergab in Sachen Luthers, dessen Gesuch der Kurfürst alsbald
zu fördern bestrebt war, ein sehr einfaches Verfahren. Der
Kurfürst war befriedigt, wenn für Luther das Gehör vor der
päpstlichen Gesandtschaft in Augsburg erlangt ward; der Kurie
war damit einigermaßen entgegengekommen und dennoch jener
gefährliche Mönch nicht ausgeliefert, mit dem man ihr viel—
leicht später, war sie nicht willfährig, drohen konnte. So ward
Luther nach Augsburg vor die päpstliche Gesandtschaft citiert;
zum erstenmal wirkten auf sein Schicksal, seine Person, seine
Lehre politische Gesichtspunkte ein. Es waren dem Mönch
völlig neue Zusammenhänge; ihr Wirken und ihr wiederholtes
Auftreten mußte ihn, ein wie weltabgeschiedenes Gotteskind er
auch war, dennoch von dem engeren Standpunkte bloßer Für—
sorge für sein und seiner Gemeinde Seelenheil überleiten zu
weiterer Umschau. Die nationalen Bewegungen, die Welt—
vorgänge traten in seinen Gesichtskreis; der Reformator begann
Politiker zu werden und Patriot.
An der Spitze der päpstlichen Gesandtschaft, soweit sie
für Luther in Betracht kam, stand der Kardinal Thomas de
Vio von Gaeta, ein eifriger und liebenswürdiger Diplomat,
ein nicht unbedeutender Theologe, ein Mann, der aufrichtig
bestrebt war, die Deutschen zu verstehen, wie schwer es ihm
auch wurde. Er empfing Luther zum erstenmal am 12. Oktober
1518, nach dem Schlusse des Reichstags. Luther war ärm—
lich, auf Schusters Rappen, nach Augsburg hinauf gewallt;
in Nürnberg hatte er sich noch eine bessere Kutte borgen
müssen, um würdig vor dem Kardinal zu erscheinen. Wohl
niemals noch hatte er vor einem so hohen Kirchenfürsten ge—
standen; er war schüchtern; Cajetan dagegen hatte sich nach
Luthers Schriften auf eine andere Erscheinung gefaßt gemacht;
er hatte beschlossen, sachlich fest und formell entgegenkommend
zu sein, jede Erörterung aber zu vermeiden und von dem
Mönch nur dreierlei unabweislich zu fordern: den Widerruf
        <pb n="260" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

251

seiner Irrtümer; das Versprechen, sie auch künftig zu meiden,
und das Gelübde, in der Kirche niemals Verwirrung zu stiften.
Es scheint nun, daß Luthers Befangenheit den Kardinal von
der vollen Durchführung seines Vorhabens ablenkte; er ließ
sich schließlich doch in eine Erörterung ein. Da aber, auf
dem Kampfplatz wissenschaftlicher Gründe, unter gleichverteiltem
Licht und Schatten, ward Luther sicherer: es kam zu einer
förmlichen Disputation. Natürlich ging man dabei mit den
gegenseitigen Gründen aneinander vorbei; Luther konnte sich
nicht für besiegt erachten. Und so protestierte er am folgenden
Tage (13. Oktober) gegen ein einfaches Verdikt, erbot sich aber
zur Annahme eines akademisch-wissenschaftlichen Schiedsgerichts.
Der Kardinal lächelte über den Vorschlag: es kam zu er—
neuten Disputationen: was konnten sie nützen? Schließlich ging
man im Zorn auseinander. Es war ein fuür Luther persönlich
peinliches Ende, bei all seiner Sicherheit in der Sache. Er warf
fich vor, zu hitzig gewesen zu sein; er wollte noch ein letztes
Mittel versuchen, ehe er an die oberste Autorität innerhalb
der Kirche, an ein allgemeines Konzil sich berufe. Am 16. Ok—
tober appellierte er auf den Rat seiner Freunde, kirchlichen
Vorschriften entsprechend, vom schlecht unterrichteten an den
besser zu unterrichtenden Papst.
Wenige Tage darauf ist er aus Augsburg entflohen,
nachts, notdürftig bekleidet, durch ein kleines Pförtchen der
Stadtmauer, in einem jähen Ritte von acht Stunden, nach
dem er totmüde vom Pferde sank. Am 31. Oktober war er
wieder in Wittenberg. Es war bei den von der Gegenseite
vorbereiteten Maßregeln vielleicht ein sehr notwendiger Abschluß.
Aber was nun? Konnte Luther von seiner Appellation
noch etwas erhoffen? Und war es aussichtsvoll, an ein all—
gemeines Konzil zu appellieren? War jetzt überhaupt die alte
Ehrfurcht vor dem päpstlichen Recht noch am Platze? Und
waren Kurie und Kirche überhaupt noch zwei verschiedene Dinge?
Inzwischen kam von Cajetan die Weisung an Kurfüurst
Friedrich, den Mönch nach Rom zu senden oder wenigstens
aus dem Lande zu jagen. Der Kurfürst sandte den Brief an
        <pb n="261" />
        252 J Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Luther. Und Luther war entschlossen, das Land zu meiden:
werde er gebannt, so werde er gehen, „ungewiß, wohin, viel⸗
mehr sehr gewiß, wohin: deun Gott ist überall.“ Zugleich
vollzog er, da der Papst ihn ungeachtet seiner Appellation
verstieß, die Berufung an ein allgemeines Concilium, den
28. November 1518.
In diesem Augenblick erschien in Deutschland ein säch—
sischer Edelmann, der päpstlicher Kämmerer und Notar ge—
worden war, Karl von Miltitz. Er war beauftragt, dem Kur—
fürsten Friedrich die goldene Rose zu überreichen — denn die
Kurie bedurfte für ihre politischen Ziele des guten Willens
Friedrichs —, zugleich aber sollte er die Auslieferung Luthers
betreiben. Aber kaum hatte er die Grenzen seines Vater—⸗
landes überschritten, so begriff er, daß es unmöglich war, die
päpstlichen Befehle gegen Luther auszuführen. Wie anders
sah diese geistige Bewegung in der Nähe aus, als man in
Rom träumte: es handelte sich nicht mehr um Luther, son—
dern um die Nation; unverkennbar war die allgemeine Wir—
kung der Schriften des Reformators. Die Kraft des ent—
schlossenen Wortes rettete Luther diesmal; sein Wort war seine
That, wie auch später: kein Wunder, wenn er immer kühner
vorging im Vertrauen auf den Gott, der aus ihm zeugte.
Der Kämmerer von Miltitz, stets politischen Seitensprüngen
zugeneigt, glaubte, von seinem Auftrag abgehen zu müssen; er
schmeichelte sich, Luther in gütlichen Verhandlungen zur Ruhe
bringen zu können; Anfang des Jahres 1519 trafen Edelmann
und Mönch in Altenburg zusammen.
Luther empfand die Nähe des Höflings unheimlich;
gleichwohl ließ er sich dazu herbei, seinen Handel dem Trierer
Erzbischof, Richard von Greifenclau, einem Freunde Kurfürst
Friedrichs, zu unterbreiten und bis zum Abschluß dieser Unter—
suchung Schweigen zu geloben, falls seine Gegner ebenfalls
schwiegen. Zugleich ging er darauf ein, einen Brief an den
Papft zu schreiben, der diesen geneigt machen sollte, die von
Miltitz eingeleiteten Verhandlungen zu bestätigen. Luther hat
        <pb n="262" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

258

diesen Brief am 8. März 1519 geschrieben. Er war demütig
im Tone, grundsätzlich vergab er den Anschauungen Luthers
nichts. „Ich bekenne frei, daß der römischen Kirche Gewalt über
alles sei, und ihr nichts, weder im Himmel noch auf Erden,
könne vorgezogen werden, denn allein der Herr Jesus Christus,
der Herr über alles.“ Sollte ein solcher Akt nur scheinbarer
Fügsamkeit der Anfang dauernden Friedens sein? Die Thätig—
keit Miltitzens war bestimmt, als Zwischenhandlung zu enden.
Und schon ward auch von anderer Seite her dafür ge—
sorgt, daß dieser Ausgang eintrat: die Bedingung vorläufigen
Schweigens ward von den Gegnern Luthers nicht beachtet.
Zwischen Karlstadt, einem theologischen Kollegen Luthers
an der Wittenberger Universität, und dem Ingolstadter Eck
bestand seit länger eine litterarische Fehde, und die Gegner
waren übereingekommen, sie auf einer Disputation zu Leipzig
auszufechten. Als Vorspiel hierzu gab nun Eck am 12. De—
zember 1518 zwölf Thesen heraus: — aber diese Thesen be—
schäftigten sich fast weniger mit Karlstadt, als mit Luther.
Und auch hinsichtlich Luthers hatten sie wieder eine besondere
Spitze. Sie betonten aufs schroffste den anfänglichen Primat
des Papstes. Sie forderten Luther heraus, seine gegensätzliche
Ansicht klar zu formulieren und sich dadurch als offenbarer
Ketzer von der Kirche zu scheiden.
Die Absicht war unverkennbar, und Luther war nicht der
Mann, sie zu übersehen. Er wollte sich dem Gegner in Leipzig
stellen; den ganzen Winter 1519 widmete er sich emsiger Vor—
bereitung. Und je mehr ihn Ecks Thesen in geschichtliche Studien
hineintrieben, um so mehr erschien ihm der ganze Rechts- und
Verfassungsbau der Kirche nicht bloß unberechtigt, sondern als
das gerade Gegenteil ursprünglicher Anlage der christlichen
Kirche — schon am 183. März 1519 schrieb er an Spalatin:
„Ich beschäftige mich für meine Disputation auch mit den
Dekretalen und (ich flüstere es dir ins Ohr) ich weiß nicht,
ist der Papst der Antichrist selbst oder sein Abgesandter.“
Inzwischen nahte die Zeit der Disputation. Ihr Aus—
        <pb n="263" />
        254 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

schreiben hatte großes Aufsehen gemacht; von allen Seiten her
strömten Theologen und Gelehrte herzu; Herzog Georg von
Sachsen, der kluge und wissenschaftlich eifrig interessierte
Landesfürst Leipzigs, hatte einen Saal seines Schlosses Pleißen⸗
burg für sie zur Verfügung gestellt und war persönlich an—
wesend. Am 27. Juni begann der Akt nach feierlicher Messe
und zierlicher Begrüßung durch den Leipziger Professor Petrus
Mosellanus. Die ersten Tage waren durch Karlstadt und Eck
in Anspruch genommen; ihre Erörterungen verliefen ins End—
lose, das Interesse begann zu ermatten; die Professoren nickten
ein, die Studenten schliefen. Da, am 4. Juli, trat Luther
auf, der abgehärmte Mönch mit seinem kargen Körper, seinen
Leidenschaft blitzenden Augen. Die Disputation sprang nach
einigen Bemerkungen sofort auf den Primat des Papstes über.
Luther konnte hier nicht anders, als seine von der kirchlichen
Meinung abweichenden Ansichten aufstellen: es war ein taktischer
Sieg Ecks. Aber noch mehr. Am 5. Juli warf Eck Luther
vor, seine Ansicht, daß der Primat nicht heilsnotwendig sei,
sei husitisch und schon vom Konstanzer Universalkonzil verurteilt
worden. Klar war, wo Eck hinaus wollte: Luther hatte die
Autorität der allgemeinen Konzilien, soweit solche im Verlaufe
der kirchlichen Geschichte getagt hatten, noch nicht verworfen:
dazu sollte er gedrängt werden. Die Absicht ward erreicht. Luther
behauptete, unter den Artikeln Husens seien manche echt christlich
und grundevangelisch — eine Bemerkung, die ihm einen Fluch
Herzog Georgs eintrug — und er sprach es schließlich, wenn auch
noch nicht ohne Schwankungen, aus, daß selbst Konzilien geirrt
haben könnten, nur das geoffenbarte Gotteswort sei unfehlbar.
Es war der Höhepunkt und fast auch der Schluß der Dis—
putation. Eck hatte erreicht, was er wollte: offenbar war die
Ketzerei des Mönchs; er war abgedrängt von den Grundlagen
der alten Kirche. Aber ein anderes übersah der kluge Eck.
Luther war, gegen seinen Willen fast, zugleich zugedrängt der
Basis einer neuen Kirche. Frei war jetzt die Bahn: nun galt
es für Luther, die inneren Erlebnisse früherer Zeiten fruchtbar
zu machen für die Nation, nun galt es, eine neue Gemein—
        <pb n="264" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

255

schaft der Heiligen zu begründen auf das lautere Wort Gottes.
Wir treten in Luthers größtes Jahr ein, ins Jahr 1520.

Während der Anfänge der religiösen Bewegung war
Deutschland zugleich in eine politische Aufregung von fast un—
absehbaren Folgen gerissen worden. Am 12. Januar 1519 war
Kaiser Maximilian gestorben. Wer sollte sein Nachfolger sein?
Kaiser Max hatte grundsätzlich niemals eine andere Kandi—
datur begünstigt, als die seines Enkels Karl, des Herzogs von
Burgund, der jetzt auch König von Spanien und Neapel ge—
—00
zusetzen wäre, hatte er auch schon die Mehrheit der Kurfürsten
gewonnen. Aber nun war er vorzeitig gestorben, und die Kur—
fürsten fanden sich an ihr Wort nicht mehr gebunden. Die
Frage, wer gewählt werden solle, war also von neuem offen.
Und längst schon vor dem Tode Marens hatte sich außer
dem Kaiser auch die europäische Politik mit ihr beschäftigt.
Mochte diese Politik realistisch sein im schlimmsten Sinne des
Worts, nur auf gegenseitige materielle Übervorteilung be—
rechnet, ehr⸗ und treulos, wie kaum jemals später: immer er—
kannte sie doch in der fast rein ideell gewordenen Kaiserwürde
noch eine wirkliche, allerseits zu erstrebende Macht an.
Da erhob nun vor allem Frankreich Ansprüche. Seit dem
13. Jahrhundert folgten die Franzosen einem universalen Zuge
ihrer Politik, der anfänglich über den Besitz Neapels zum Orient,
nach Palästina führen sollte; in seinem Verlauf waren sie
dann im Ausgange des 15. Jahrhunderts machtvoll wenigstens
in Oberitalien eingedrungen; und hier, auf altem Reichsboden,
war Kaiser Max ihnen unterlegen. Da erschien der Übergang
der Kaiserkrone auf Frankreich um so natürlicher, als seit
1515 auf dem französischen Throne in Franz J. ein ebenso
ruhmsüchtiger, als leichtsinnig alles wagender Herrscher saß.
In der That trat Franz schon lange vor dem Tode des
alten Kaisers als Bewerber auf. Und seit Ende Juli
1518 hatte er eine seinen Absichten günstige Konstellation
        <pb n="265" />
        256 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.
der europäischen Mächte geschaffen. Er hatte England ge⸗
wonnen, er gewann die Kurie. Freilich wäre dem Papste
Leo X. die Wahl eines minder mächtigen deutschen Reichs⸗
fürsten am liebsten gewesen; allein hatte er zwischen Franz
von Frankreich und Karl von Burgund von Spanien und von
Neapel zu wählen, so schien ihm doch auf die Dauer wohl
derjenige der beiden Kandidaten vorzuziehen, der nicht in der
Verbindung Neapels und Deutschlands ohne weiteres die alte
staufische, der Kurie so gefährliche Machtgruppierung wieder
herbeiführen würde; zudem aber und vor allem zogen ihn seine
medicäischen Hausinteressen auf die Seite Franzens.
Während dieser Lage der Dinge starb Kaiser Max. Damit
ward die Wahl dringlich, und das Aktionsfeld verschob sich von den
Gebieten der internationalen Politik mehr auf Deutschland be—
sonders: es galt, die Kurfürsten zu gewinnen. Auch hier war Franz
zunächst unleugbar im Vorteil. Er besaß die Geldmittel zur üb⸗
lichen Bestechung, er war dem Reiche nahe, während Karl fern in
Spanien saß und jene Not materieller Mittel litt, die den Be—
herrscher so vieler Reiche auch später niemals verlassen hat.
Aber allmählich änderte sich die Lage. Karl wußte England
von Frankreich zu trennen. Englands König trat, wenn auch nur
verschämt, selbst als Bewerber auf: die Vermehrung der Kandi⸗
daten mußte dem bisher schwächeren der beiden Nebenbuhler zu
gute kommen. Indes die entscheidende Wendung kam diesmal
mehr, wie vielleicht bei irgend einer Kaiserwahl der späteren Zeit,
von Deutschland, von der Nation selber. Dem Volke war Karl
der Enkel des geliebten Kaisers Max, selbstverständlich also min—
destens ein halber Deutscher: Franz dagegen der Herrscher des
übermütigen, nachbarlich unruhigen Fremdlands. Den Fürsten
zeigten sich die deutschen Unterhändler Karls entgegenkommend,
vertraut namentlich auch mit den Bestrebungen nach landes—
herrlicher Freiheit. Die Franzosen dagegen traten ruhmredig
auf und verletzend; in cynischer Weise glaubten sie die Krone
kaufen zu können und vermieden den herkömmlichen, ehrbar
dreinschauenden Nimbus der geheimen Bestechung.
So kam der Tag der Wahl heran. Er führte die Kur—
        <pb n="266" />
        Keligiöse Bewegung; Luther.

257

fürsten in die Rheinlande, Gegenden, die ihre Feindseligkeit
zegen die Franzosen und die mit ihnen verbündete Kurie offen
zur Schau trugen, man sang hier Spottlieder auf Frankreich,
und der Legat wagte nicht mehr ohne kriegerischen Schutz zu
reisen. Hätten die Fürsten da Franz wählen können? Und
noch ein weiteres kam hinzu. In Süddeutschland war
Herzog Ulrich von Württemberg, dieser unsinnige Schinder
seines Landes, Parteigänger der Franzosen geworden. Er lag
damals mit dem schwäbischen Bunde in Kampf, und dieser
vertrieb ihn Anfang April 1519 aus dem Lande. Dadurch wurde
die franzosenfeindliche Stimmung in Süddeutschland gehoben;
vor allem wurden aber auch die Kräfte des süddeutschen Adels
frei, die unter Sickingens Führung dem Bunde gedient hatten.
Sie zogen nun in hellen Haufen in die Nähe Frankfurts; noch
einmal machte der niedere Adel, unter dem es seit Jahren
zärte, seinen Einfluß auf eine Königswahl geltend.
Mitte Juni trafen die Kurfürsten in Frankfurt ein; schon
war die Wahl Franzens aussichtslos. In diesem Augenblick
hat die Kurie dann noch einmal ihren geheimsten Wunsch be⸗
tont, daß man einen deutschen Fürsten wählen möge. Sie
empfahl am 15. Juni durch Miltitz Friedrich den Weisen.
Aber Friedrich lehnte ab. Nun war kein Zweifel mehr. Ein—
stimmig ward am 28. Juni Karl von Burgund gewählt. Es
war wenige Tage vor der Disputation zwischen Luther und Eck.
Karl kam einstweilen noch nicht ins Land. Um so mehr
durfte man von ihm erwarten. Wie weit war man doch in
diesen Tagen entfernt von der resignierten Stimmung schon
der ersten zwanziger Jahre, der Kurfürst Friedrich die bezeich⸗
nenden Worte lieh: „Gott hat uns diesen Kaiser gegeben zu
Gnaden und zu Ungnaden.“ Man erwartete alles von dem
„jungen teuren Blut“, diesem Erben der deutschen Persönlich⸗
keit Maxens: er wird den Glanz des alten Reiches erneuern,
er wird die Sehnsucht der Frommen erfüllen nach einer ge⸗
reinigten Kirche. So dachte man namentlich im Adel und in
den humanistischen Kreisen: schon sah man ein neues Zeit⸗
alter emporsteigen, in dem Kaiser und städtischer wie ländlicher
Samprecht, Deutsche Geschichte V. 17
        <pb n="267" />
        258 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Adel, politische und litterarische Gewalten der Welt ihren
Willen sollten zu setzen vermögen.
Diese Stimmungen wurden laut in dem Augenblicke, da
Luthers Wege sich von denen der alten Kirche trennten, da
dem Reformator der Begriff der Nation völlig aufging aus
tausend und abertausend Außerungen der Zustimmung zu seinem
Thun, wie aus der Verbreitung seiner Schriften über All—
deutschland, da der Lärm der politischen Ereignisse laut in
seine Zelle drang. Sie konnten nur eine Wirkung üben: der
Mönch, der die Institutionen der alten Kirche von sich abge—
ttreift hatte, mußte mit seinen Absichten Schutz suchen bei den
nationalen, den politischen Gewalten. Nicht mehr mit Hülfe
der kirchlichen Institutionen allein, die ihre Kraft versagt
hatten, war die Kurie zu bekämpfen und die neue Frömmigkeit
zu stützen; rettend, fördernd, aufbauend hatten die weltlichen Ge⸗
walten, hatten Kaiser und Reich, Adel und Fürsten einzutreten,
auf daß die Berufung eines heiligen, rechten, freien Kon—
ziliums zur Reformation der hülflos gewordenen Kirche wahr
werde. So, auf gleichsam sekundärem Wege, ward Luther
national; auch jetzt noch war sein Denken in erster Linie durchaus
religiös und kirchlich; aber die Vollziehung seiner Anschau—
ungen sah er als möglich an nur noch auf zunächst nationalem
Gebiete und durch nationale Mittel.
Doch war er einstweilen noch weit davon entfernt, die
in diesem Zusammenhange ruhenden Gedanken zu Ende zu
denken. Ihn beschäftigte zunächst nur die Sorge um sich und
die Seelen seiner Gemeinde; auch jetzt ward er erst von außen
her weitergetrieben. Seine Gegner griffen ihn an: er ant—
wortete mit triumphierender Derbheit. Die Humanisten standen
teilweis für ihn auf; der deutsche Adel näherte sich ihm;
Hutten, Humanist und Edelmann zugleich, schrieb seine beißenden
Satiren: Luther mußte vorwärts schauen und nicht hinterwärts.
Und schon war weithin sichtbar an seine Seite der
Humanist getreten, der unbefangener, weil nicht durch tiefste
religiöse Lebenserfahrungen gebunden, und kühner, weil halb
unbewußt, die Konsequenzen lutherischer Anschauungen zog:
        <pb n="268" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

259

Melanchthon. Am 28. August 1518 war er nach Wittenberg
gekommen, blutjung, schwächlich, durch sein Äußeres zunächst
enttäuschend, ein vielumworbener Kenner der griechischen Sprache;
aber wie bald hatte der ausgezeichnete Lehrer Fuß gefaßt
im Kreise seiner Zuhörer und noch mehr im Herzen Luthers,
der den Jüngling als seinen Meister verehrte. In der That
konnte es einen Augenblick scheinen, als habe Luther in seiner
Bescheidenheit recht, daß er nur der Vorläufer Philippi sei,
dem er nicht wert sein werde, die Schuhriemen zu lösen.
Melanchthon fand nach der Leipziger Disputation für eine
Fülle von religiösen Erlebnissen Luthers mit sicherer Hand die
allgemein bindende Formel; er deckte mit Erfolg die Grund—
schwächen der katholischen Lehre von der Messe auf; er stellte
schon nahezu tadellos das formale Prinzip des Protestantismus
auf, das Grundgesetz der dogmatischen Interpretation und der
alleinigen Geltung der Schrift als Quelle des Glaubens.
Es waren Errungenschaften, die Luthers Feuergeist hätten
vorwärts treiben müssen, selbst wenn keinerlei Anstöße äußer—
licher Art erfolgt wären. Aber auch diese blieben nicht aus.
Seit Anfang 1520 ward Luther unmittelbarer wie bisher
auf die Hilfe des Reichs gewiesen. Ein Gesandter Karls kam
an den Hof des sächsischen Kurfürsten; Luther speiste mit ihm
zu Hofe; er konnte ihm einen Brief mitgeben an die Majestät,
‚ein armseliger Bettler“, einen Brief, der gleichwohl freimütig
forderte, daß man ihn höre: „Ich will keinen Schutz, wenn ich
der Gottlosigkeit und Ketzerei überführt werde. Darum allein
bitte ich, daß meine Lehre, möge sie wahr sein oder falsch,
nicht verdammt werde ungehört und unüberwunden.“
Und auch Rom ließ über sich in doppelter Weise hören.
Hutten sandte Luther eine Schrift des Laurentius Valla zu,
die unwiderleglich die Unechtheit der sog. konstantinischen
Schenkung, eines der Fundamente für die Begründung der
weltlichen Herrschaft des Papstes, nachwies; nun sah sich
Luther fast unausweichlich gezwungen, den Papst als die dämo—
nische Macht auf Erden, als den Antichrist zu betrachten. Und
in diesem Glauben bestärkte ihn eine neue Schrift Mazzolinis,
17*
        <pb n="269" />
        260 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

in der der höchste Paroxysmus papaler Theorieen erreicht ward;
findet sich doch in ihr der Satz: „Unzweifelhaft kann der
Papst weder von einer Kirchenversammlung noch von der
ganzen Welt rechtmäßig abgesetzt oder gerichtet werden, auch
wenn er so schändlich wäre, daß er die Völker haufenweise zum
Teufel führte.“ Es waren Außerungen, die Luthers Vorsatz,
an sich zu halten, beseitigten: „Das Geheimnis des Antichrists
muß offenbar werden,“ schreibt er an Spalatin, „es drängt
selbst dazu; es will nicht länger verborgen bleiben.“ Das war
die Stimmung, aus der heraus er als Motto für sein nächstes
Buch die Worte nahm: „Die Zeit des Schweigens ist ver—
gangen, und die Zeit des Redens ist gekommen,“ aus der her—
aus er sein Manifest „An den christlichen Adel deutscher Nation,
»on des christlichen Standes Besserung“ schrieb.
Es ist die Schrift, in der Luther die Wendung von der
Kirche zu den weltlichen Mächten, zu Kaiser, Fürsten und Adel,
As den Garanten einer künftigen Freiheit der Kirche, vollzieht.
Mitte August 1520 ist sie erschienen; in wenigen Tagen waren
biertausend Exemplare davon verkauft. In hohem Tone spricht
sie; klar, selbstbewußt, schneidend, donnernd ist ihr Stil; die
ZSätze fallen wuchtig oder eilen in vornehmem Gange daher,
mag ihr Inhalt auch unter der Maske des Hofnarren vor⸗
gebracht werden, dem alles zu sagen erlaubt ist. In der That:
eine Ausschüttung des ganzen Herzens Luthers, all seiner
kritischen Bedenken ist dies Manifest vor allem. Aber es er—⸗
weitert sich zu positiven Vorschlägen, und in wohldurchdachten
Forderungen einer zunächst noch äußerlichen, weltlich-kirchlichen
Reformation, als der rechten Hülle gleichsam eines zu er—
wartenden neuen religiösen Lebens, geht es zu Ende!:
„Nun wollen wir sehen die Stücke, mit denen Päpste,
Kardinäle, Bischöfe und alle Gelehrten billig Tag und Nacht
umgehen sollten, wo sie Christum und seine Kirche lieb hätten.
Zum ersten ist es greulich und erschrecklich anzusehen, daß der
Oberste in der Christenheit, der sich Christi Stellvertreter und

Das Folgende giebt einen Auszug der positiven kirchlichen Vor—
schläge, thunlichst im Anschluß an einzelne Sätze Luthers selbst.
        <pb n="270" />
        Religisse Bewegung; Luther.

261

Sankt Petrus Nachfolger rühmt, so weltlich und prächtig daher—
fährt. Sie sprechen, er sei ein Herr der Welt, und etliche
haben den Teufel in sich so stark regieren lassen, daß sie ge—
halten haben, der Papst sei über die Engel im Himmel und
habe, ihnen zu gebieten. Das ist erlogen. Denn Christus
sprach vor Pilatus: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.
Zum andern: Wozu ist das Volk nutze in der Christenheit, das
da heißt die Kardinäle? Nun Welschland ausgesogen ist,
kommen sie ins deutsche Land, heben fein säuberlich an; aber
sehen wir zu, Deutschland soll bald dem welschen gleich werden.
Es gehet so: man schäumet oben ab von den Bistümern,
Klöstern und Lehen. Der Kardinäle wäre übergenug an zwölf,
und jeglicher hätte des Jahrs tausend Gulden Einkommen.
Zum dritten: wenn man von des Papstes Hofe den hundertsten
Teil bleiben ließe und neunundneunzig Teile abthäte, so wäre
er dennoch groß genug in Glaubenssachen. Nun ist aber ein
solch Gewürm und Geschwürm in Rom, und alles rühmt sich
päpstlich, daß zu Babylon nicht ein solches Wesen gewesen ist.
Und wir verwundern uns noch, daß Fürsten, Adel, Städte,
Stifter, Land und Leute arm werden? Wir sollten uns ver—⸗
wundern, daß wir noch zu essen haben! Doch ich klage nicht,
daß das natürliche oder weltliche Recht und Vernunft bei ihnen
nichts gilt. Es liegt alles noch tiefer im Grund. Ich klage,
daß sie ihr eigenes, erdichtetes Recht nicht halten, das doch an
sich selbst lauter Tyrannei, Geizerei und zeitliche Vracht mehr
ist, denn ein Recht.
Und wiewohl ich nun zu gering bin, Stücke vorzulegen
dienlich zu solchen greulichen Wesens Besserung, will ich doch
sagen, soviel mein Verstand vermag, was wohl geschehen könnte
and sollte von weltlicher Gewalt oder allgemeinem Konzil.
Die Annaten, das ist: die Hälfte der Zinsen des ersten
Jahres von jeglichem geistlichen Lehen, an den Papst zu zahlen
sollen Fürsten, Adel, Städte ihren Unterthanen frischan ver—
hieten und sie abthun; gegen die unterschiedlichen Praktiken
wider Stifter und Bistümer soll der Adel sich setzen; und ein
kaiserliches Gesetz gehe aus, keinen Bischofsmantel, auch keine
        <pb n="271" />
        262 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Bestätigung irgendeiner Dignität fortan aus Rom zu holen.
Es werde keine weltliche Streitsache mehr nach Rom gezogen,
sondern dieselben alle der weltlichen Gewalt gelassen; und die
weltliche Gewalt soll das Bannen und Treiben nach Rom nicht
gestatten, wo es nicht Glauben oder gutes Leben betrifft. Der
Papst verzichte auf die seiner Absolution vorbehaltenen Fälle;
er verringere das Gewürm und Geschwürm zu Rom; er hebe
die schweren greulichen Eide auf, so die Bischöfe ihm zu thun
gezwungen sind; er beanspruche keine Gewalt über den Kaiser;
r unterwinde fich keines Titels auf das Königreich zu Neapel
und Sizilien, sowie auf die Außenlande des Erbes Petri; er
iei demütig in seinen geistlichen Handlungen.
An Stelle der Jurisdiktion des Papstes trete eine deutsche
oberste Kirchengewalt; der Primat in Deutschland zu Mainz
halte ein gemeines Konsistorium, zu welchem durch Appellation
die Sachen in Deutschland ordentlich gebracht und getrieben
würden. Die Wallfahrten gen Rom seien abgethan; wenigstens
walle niemand aus eigenem Vorwitz oder Andacht, er würde
denn zuvor von seinem Pfarrer, Stadt- oder Oberherrn an—
erkannt, daß er genugsam und redliche Ursache dazu habe.
Daß man ferner nicht mehr Bettelklöster bauen lasse: Hilf
Gott, ihrer ist schon viel zu viel! Und daß man sie des
Predigens und Beichtens überhebe, es wäre denn, daß sie von
Bischöfen, Pfarrern, Gemeinde oder Obrigkeit dazu berufen
und begehret würden. Daß Stifter und Klöster wiederum auf
die Weise verordnet würden, wie sie im Anfang waren, da sie
alle jedermann die Freiheit ließen, darinnen zu bleiben, so
lange es ihm gelüstete. Denn was sind Stifter und Klöster
anders gewesen, denn christliche Schulen, darinnen man Schrift
und Zucht nach christlicher Weise lehrte und Leute auferzog
zu regieren und zu predigen.
Daß eine jegliche Stadt aus der Gemeinde einen gelehrten,
frommen Bürger erwählte, demselben das Pfarramt beföhle
ind ihn von der Gemeinde ernährte, ihm freie Willkür ließe,
ehelich zu werden oder nicht; der neben sich mehrere Priester
oder Diakonen hätte, auch ehelich oder wie sie wollten, die den
        <pb n="272" />
        Keligiöse Bewegung; Luther.

263

Haufen und Gemeinde regieren hülfen mit Predigen und
Sakramenten. Es wäre auch not, daß die Jahrestage, Be—
zängnisse, Seelmessen ganz abgethan oder doch verringert
würden. Was sollte Gott für einen Gefallen daran haben,
wenn die elenden Vigilien und Messen so jämmerlich geschlappert
werden, weder gelesen noch gebetet: es liegt Gott nicht an viel,
sondern an wohl beten! Daß man alle Feste abthue und allein
den Sonntag behalte. Daß die wilden Kapellen und Feld—
kirchen zu Boden zerstört werden, da die neuen Wallfahrten
hingehen, denn es geschieht den Pfarrkirchen Nachteil davon,
daß sie weniger geehrt werden. Es hilft auch nicht, daß
Wunderzeichen da geschehen; denn der böse Geist kann wohl
Wunder thun. Auch sollte man abthun oder verachten oder
doch allgemein machen aller Kirchen Freiheit, Bullen, und was
der Papst zu Rom verkauft auf seinem Schindanger. Denn
so er Wittenberg, Halle, Venedig und vor allem seinem Rom
Indulte, Privilegien, Ablässe, Gnaden, Vorteile verkauft oder
giebt: warum giebt er es nicht allen Kirchen insgemein? Oder
muß das verfluchte Geld in Sr. Heiligkeit Augen einen so
großen Unterschied machen? Er ist ein Hirte: ja, so du Geld
hast, und nicht weiter! — Es ist wohl der größten Nöte eine,
daß alle Bettelei abgethan würde in aller Christenheit, daß eine
jegliche Stadt ihre armen Leute versorgte und keinen fremden
Bettler zuließe, sie hießen, wie sie wollten, es wären Wallbrüder
oder Bettelorden. Es könnte eine jegliche Stadt die ihren
ernähren: so müßte da sein ein Verweser oder Vormund, der
all die Armen kennt und, was ihnen not wäre, dem Rat oder
Pfarrer ansagt. Die Bruderschaften, ferner Ablässe, Ablaß—
briefe, Butterbriefe, Meßbriefe, Dispensationen und was des
Dinges gleich ist, nur alles ersäuft und umgebracht! Das ist
nichts Gutes. Kann der Papst dich dispensieren im Butter⸗
essen, Meßhören u. s. w., so soll er es den Pfarrern auch
assen können, denen er es zu nehmen nicht Macht hat.
Die Universitäten bedürften auch wohl einer guten stracken
Reformation. Hier wäre nur mein Rat, daß die Bücher des
Aristoteles Physice, Metaphysica, De anima, Ethica, welche
        <pb n="273" />
        264

Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

bisher für die besten gehalten sind, ganz abgethan würden.
Als hätten wir nicht die heilige Schrift, darinnen wir über—
reichlich von allen Dingen belehrt werden, davon Aristoteles
nicht den kleinsten Geruch empfunden hat. Doch möchte ich
gern leiden, daß des Aristoteles Bücher von der Logik, Rhetorik,
Poetik behalten oder, in andere kurze Form gebracht, nützlich
gelesen würden, junge Leute zu üben wohl zu reden und zu
predigen. Daneben hätte man nun die Sprachen, Latein,
Griechisch und Hebräisch, die mathematischen Disziplinen,
Historie: welches ich Verständigeren befehle. Auch die Ärzte laß
ich ihre Fakultäten reformieren. Die Juristen und Theologen
nehme ich für mich und sage zum ersten, daß es gut wäre,
daß das geistliche Recht von dem ersten Buchstaben bis an den
letzten zu Grund ausgetilgt würde. Denn heute ist geistliches
Recht nicht das in den Büchern, sondern was in des Papstes
und seiner Schmeichler Mutwillen steht. Das weltliche Recht
aber, hilf Gott! wie ist das auch eine Wildnis geworden.
Fürwahr, vernünftige Regenten neben der heiligen Schrift
wären übrig genug Recht; die weitläufigen und fern gesuchten
Rechte sind nur Beschwerung der Leute und mehr Hindernis,
denn Förderung der Sachen. Meine lieben Theologen aber
haben sich aus der Mühe und Arbeit gesetzt, lassen die Bibel
wohl ruhen und lesen Sententias (scholastische Dogmatik). Nun
aber, so die Sentenzen allein herrschen, findet man mehr heid—
nischen und menschlichen Dünkel, denn heilige, gewisse Lehre
der Schrift in den Theologen. Wie wollen wir denn nun
thun? Vor allen Dingen sollte in den hohen und niederen
Schulen die vornehmste und allgemeinste Lektion die heilige
Schrift sein, und für die jungen Knaben das Evaugelium.
Und wollte Gott, eine jegliche Stadt hätte auch eine Mädchen—
schule, darinnen des Tages die Mägdlein eine Stunde das
Evangelium hörten, es wäre auf deutsch oder lateinisch.
Damit sei genug gesagt von den geistlichen Gebrechen.
Ich achte auch wohl, daß ich hoch gesungen habe, viele Dinge
vorgegeben, was als unmöglich angesehen wird, viel Stücke zu
scharf angegriffen. Wie soll ich ihm aber thun? Ich bin es
        <pb n="274" />
        Keligiöse Bewegung; Luther.

265

schuldig zu sagen; könnte ich, so wollte ich auch also thun.
Es ist mir lieber, die Welt zürne mit mir, denn Gott; man
wird mir ja nicht mehr denn das Leben nehmen können. Gott
gebe uns allen einen christlichen Verstand und sonderlich dem
— DD0 geistlichen Mut,
der armen Kirche das Beste zu thun: Amen!“ —
Die Schrift an den christlichen Adel deutscher Nation galt
den mehr äußeren, verfassungsmäßigen Schäden der Kirche;
die Frage nach der kirchlichen Ausprägung der tieferen religiösen
Wahrheiten des Christentums ließ sie unerörtert. Aber sie
entstand schon unter der Voraussetzung, daß eine Kritik dieser
Seite der Papstkirche bald folgen werde: „Wohlan, ich weiß
noch ein Liedchen von Rom. Juckt sie das Ohr, ich will's
ihnen auch singen und die Noten aufs höchste stimmen. Ver⸗
stehst mich wohl, liebes Rom, was ich meine?“
Am 6. Oktober 1520 erschien die Schrift „De captivitate
Babylonica ecelesiae praeludium“. Sie wandte sich gegen
den entscheidenden Punkt der römischen Glaubenslehre, gegen
die Art, in der die alte Kirche den Seelen das Heil vermittelte,
gegen die Sakramente. Ihre Aufgabe war zu zeigen, daß
Rom durch gewinnsüchtige Verdrehung der alten, wie durch
herrschsüchtige Aufstellung neuer Sakramente die ursprüngliche
Freiheit des Christentums in Fesseln geschlagen, die Kirche in
habylonische Gefangenschaft geführt habe. Luther wandte sich
mit diesem Thema nicht so sehr an weite Kreise des Volkes,
als an den Klerus und die Gebildeten. Die Sprache ist darum
lateinisch, die Beweisführung die der üblichen Methode schola⸗
stischen Denkens, der Ton ruhig, wenn auch schneidend scharf
ind von tiefster Überzeugung getragen; doch nur selten erhebt
sich die Rede zu rhetorischer Höhe und zeigt das Pathos des
Agitators.
Von den sieben Sakramenten der alten Kirche: Abendmahl,
Taufe, Buße, Firmung, Ehe, Priesterweihe und letzte Olung:
läßt Luther nur drei, ja eigentlich nur zwei als schriftgemäß
bestehen, das Abendmahl und die Taufe; doch will er den
ibrigen Sakramenten ihren Sinn als harmlos fromme Bräuche
        <pb n="275" />
        266 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

nicht nehmen. Aber eben darüber sind sie längst hinaus ent—
wickelt, sie sind, namentlich die Ehe und die Priesterweihe,
zefährlich geworden, indem sie das Herrschgelüst der Kirche zu
Sakramenten gestempelt hat. Indes die damit verbundenen
Übelstände haben mehr der Kirche als Ganzem, als der Religio—
sität des einzelnen geschadet. Anders mit den Hauptsakra—
menten, dem Abendmahl, der Taufe, der Buße. Ihre Schäden
behandelt Luther am ausführlichsten, und in erster Linie die
des Abendmahls; hier giebt er zugleich auch mehr als sonst
schon einen Überblick der eigenen Auffassung.
Er geht da von der genauen und sinngemäßen Deutung
der biblischen Stellen, namentlich der Einsetzungsworte, aus
und folgert: „das Sakrament gehört nicht den Priestern, son⸗
dern allen; und die Priester sind nicht Herren, sondern Dieuer,
die da beiderlei Gestalt denen geben müssen, die sie begehren,
so oft sie das thun.“ Er spricht dann von, der Transsubstan⸗
tiationslehre der mittelalterlichen Kirche; er stellt sich ihr teilweis
entgegen; aber er läßt in weitherziger Toleranz auch andere
Meinungen zu. Von viel größerer Bedeutung erscheint ihm
jener schreckliche Mißbrauch, dadurch es geschehen ist, daß heute
in der Kirche wohl nichts so allgemein und so sehr geglaubt
wird, als daß die Messe ein gutes Werk und ein Opfer sei.
Denn dieser Mißbrauch hat unzählige andere erzeugt, bis der
Glaube des Sakraments gänzlich erloschen ist, und man aus
dem Gebrauch des göttlichen Sakraments die reinen Jahrmärkte,
Schankstätten und Geldgeschäfte entwickelt hat.
Dem gegenüber muß zum Verständnis zunächst alles bei—
seit gelassen werden, was zur ursprünglichen Form dieses
Sakraments menschlicher Eifer und Andacht hinzugethan hat,
Meßgewand, Zierrat, Gesänge, Gebete, Orgeln, Lichte und alle
Pracht finnenfälliger Dinge. Fest steht dann unfehlbar auf
Grund der Bibel, daß die Messe oder das Sakrament des
Altars das Testament Christi ist, das er sterbend nach sich ließ
zur Austeilung an seine Gläubigen „zur Vergebung der
Sünden“. So liegt im Testament eine Verheißung. Den
Zugang zu ihr aber erhält man durch keinerlei Werke, eigene
        <pb n="276" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

2867

Kräfte oder Leistungen, sondern allein durch den Glauben.
Diesem Glauben aber folgt die Liebe, und die Liebe erst thut
alles gute Werk, denn sie ist des Gesetzes Erfüllung. Daraus
siehst du, daß zu einer würdigen Feier der Messe nichts anderes
erforderlich ist, als der Glaube. Ihm folgt alsbald von selbst
die innigste Bewegung des Herzens, durch die der Geist des
Menschen weit und fruchtbar gemacht wird, so daß er zu
Christus, dem freundlichen und gütigen Testator, sich hingezogen
fühlt und ein ganz anderer und neuer Mensch wird.
Aber wie viele wissen denn jetzt, daß der Inhalt der
Messe Christi Verheißung ist? Statt auf den Sinn, legt man
allen Wert auf das äußere Zeichen, auf Brot und Wein der
Sakramente; damit geht der Glaube unter, und Werke und
Satzungen des Werks treten an seine Statt. Von da ist's
weiter gegangen bis zu dem äußersten Maß des Unsinns, daß
man erlogen hat, die Messe wirke in Kraft des äußerlichen
Vollzugs: und auf diesen Sand hat man Zuwendungen, An—⸗
teilschaften, Bruderschaften, Seelmessen und dergleichen zahl⸗
lose Gewinn⸗ und Erwerbsgeschäfte gebaut und das ehrwürdige
Testament Gottes der Knechtschaft ruchlosen Gewinns unter⸗
worfen.
Was hier gilt, das gilt auch für die anderen Sakra—
mente: das kirchliche Dogma betrachtet sie nicht als Symbol,
als Zeichen der Verheißung, sondern hat ihnen eine objektiv
wirksame Kraft der Rechtfertigung untergeschoben auf Kosten
des persönlichen Elementes, des Glaubens: man hängt allein
an dem Zeichen und an dem Gebrauch des Zeichens und zerrt
ins vom Glauben ins Werk, und aus dem Wort ins Zeichen:
dadurch hat man die Sakramente nicht nur gefangen, sondern,
soviel das möglich, völlig abgethan. Nun sollen wir zwar
diese Tyrannei thatsächlich ertragen, wie jede Gewaltthätigkeit
der Welt. Allein die Päpste wollen darüber hinaus das Be⸗
wußtsein unserer Freiheit so verstricken, daß wir glauben
sollen, alles was sie thun, sei wohlgethan, und es sei nicht
erlaubt, es zu tadeln und ihres unbilligen Thuns uns zu be⸗
klagen, und während sie Wölfe sind, wollen sie als Hirten er⸗
        <pb n="277" />
        268 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

scheinen, während sie Antichristen sind, wollen sie als Christen
geehrt werden. Dieser Freiheit und diesem Bewußtsein zu gut
erhebe ich meine Stimme und rufe voll Zuversicht: kein Gesetz
(subjektiven Bewußtseins) darf dem Christen mit irgendwelchem
Rechte auferlegt werden, weder von Menschen noch von Engeln,
außer soweit sie einwilligen: denn wir sind frei von allen Ge—
setzen 1.
Die Schrift bedeutet die endgültige Absage an Rom und
die alte Kirche. Die Grundlagen des mittelalterlichen Christen⸗
tums sind bloßgelegt, angegriffen, zerstört. Und das allein
mit den Hebeln eines gereinigten Verständnisses des Evan—
geliums, dessen Autorität auch die alte Kirche nicht zu leugnen
imstande war. Der Eindruck war außerordentlich. Er reichte
weit über Deutschland hinaus. Die Pariser Universität trat
jetzt wider Luther auf, und König Heinrich VIII. von Eng—
land verdiente sich mit einer schwachen Gegenschrift vom
Papste den Titel eines Defensor fidei. In Deutschland
selbst drang der Schlag bis in die Mitte der Gegner; auf den
Beichtvater Karls V. wirkte die Lektüre des Buches nach
eigenem Geständnis wie eine körperliche Züchtigung; und alle
lauen Geister, ihnen vorweg Erasmus, erkannten nunmehr in
dem furchtbaren Mönche von Wittenberg ihren Meister, der
sie zu Ja und Nein zwang in den Fragen des religiösen Ge—
wissens.
Luther aber ließ der Kritik den ersten Aufbau des eignen
Systems folgen. In der Schrift über die babylonische Ge—
fangenschaft der Kirche hatte er die köstliche Zeit kommen
sehen, da einmal das Papsttum zusammenbräche; „dann wird
wieder zu uns die fröhliche Freiheit zurückkehren, in der wir
uns alle als gleich in jeglichem Rechte erkennen und wissen werden,
daß wer ein Christ ist, Christum hat; wer aber Christum hat,
alles hat, was Christi ist, ein Herr aller Dinge“. Und er

Soweit Worte Luthers in diesem Auszuge unmittelbar benutzt
sind, ist dies nach der trefflichen Übersetzung Kaweraus geschehen (Luther—
ausgabe f. d. Deutsche Haus 2. 375 ff..
        <pb n="278" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

269

hatte hinzugefügt: „Davon will ich noch mehr und kräftiger
schreiben.“ Dies Versprechen erfüllte er in der dritten großen
Schrift des Jahres 1520 „Von der Freiheit eines Christen—
menschen“, die dem Buche De captivitate Babylonica unmittelbar
 folgte.
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und
niemand unterthan — und: Ein Christenmensch ist ein dienst⸗
barer Knecht aller Dinge und jedermann unterthan.“ Um diese
zwei widerständigen Reden von der Freiheit und der Dienstbar⸗
keit zu verstehen, sollen wir gedenken, daß ein jeder Christen—
mensch zweierlei Natur ist, geistiger und leiblicher.
Für den geistlichen Menschen ist es offenbar, daß kein
äußerliches Ding ihn frei noch fromm machen kann, wie es immer
genannt werden mag. Also hilft es der Seele nichts, ob der
Leib heilige Kleider anlegt, wie die Priester und Geistlichen
thun, auch nicht, ob er in den Kirchen und heiligen Stätten
sei, auch nicht, ob er mit heiligen Dingen umgehe, auch nicht, ob er
leiblich bete, faste, walle und alle guten Werke thue, die durch
und in dem Leibe geschehen möchten ewiglich. Es muß noch ganz
etwas anderes sein, das der Seele Frömmigkeit und Freiheit bringe
und gebe. Sie hat kein ander Ding weder im Himmel noch auf
Erden, darinnen sie lebe, fromm und frei, und Christ sei,
denn die heiligen Evangelien, das Wort Gottes, von Christo
gepredigt, wie er selbst sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit
und das Leben. Im Worte aber hörst du zunächst deinen
Gott zu dir reden, wie all dein Leben und deine Werke nichts
vor ihm seien, sondern müßtest mit alledem, das in dir ist,
ewiglich verderben. So du solches recht glaubst, wie du
schuldig bist, so mußt du an dir selber verzweifeln. Daß du
aber aus dir und von dir, das ist aus deinem Verderben
kommen mögest, so setzt Gott dir vor seinen lieben Sohn
Jesum Christum, und läßt dir durch sein lebendiges, tröstliches
Wort sagen, du sollest in denselben mit festem Glauben dich
ergeben und frisch auf ihn vertrauen. So sollen dir um des—
selben Glaubens willen alle deine Sünden vergeben, all dein
Verderben überwunden sein, und du gerecht, wahrhaftig, be—
        <pb n="279" />
        70 unfzehntes Buch. Erses Rapitel

friedigt, fromm und alle Gebote erfüllt sein, und du von allen
Dingen frei sein.
Also sehen wir, daß an dem Glauben ein Christenmensch
genug hat; er bedarf keines Werkes, daß er fromm sei. Das
ist die christliche Freiheit, der einzige Glaube, der da macht,
nicht, daß wir müßig gehen oder übel thun mögen, sondern
daß wir keines Werkes zur Frömmigkeit bedürfen. Nicht, daß
wir damit aller Dinge leiblich mächtig wären, sie zu besitzen
oder zu brauchen. Denn dies ist eine geistliche Herrschaft, die
da regiert auch in der leiblichen Unterdrückung, das ist, ich
kann mich an allen Dingen bessern nach der Seele, daß auch
der Tod und Leiden mir dienen müssen und nützlich sein zur
Seligkeit.
Über das sind wir Priester, denn Christus hat uns er—
worben, daß wir mögen geistlich für einander eintreten und
bitten, wie ein Priester für das Volk leiblich eintritt und bittet.
Wer mag nun ausdenken die Ehre und Höhe eines Christen—
menschen? Durch sein geistliches Königreich ist er aller Dinge
mächtig, durch sein Priestertum ist er Gottes mächtig: denn
Gott thut, was er bittet und will.
Nun kommen wir aufs andere Teil, auf den äußerlichen
Menschen. Hier wollen wir antworten allen denen, die sich
irgern aus den vorigen Reden und zu sprechen pflegen: „Ei,
so denn der Glaube alle Dinge ist und giebt allein genugsam
fromm zu machen, warum sind denn die guten Werke geboten?
So wollen wir guter Dinge sein und nichts thun!“ Nein,
lieber Mensch, nicht also! Es wäre wohl also, wenn du allein
ein innerlicher Mensch wärest und ganz geistlich und innerlich
geworden, welches nicht geschieht bis an den jüngsten Tag.
Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anheben und Zunehmen,
welches wird in jener Welt vollbracht. Da heben nun die
Werke an. Hier muß der Mensch nicht müßig gehen, da muß
fürwahr der Leib mit Fasten, Wachen, Arbeiten und aller mäßigen
Zucht getrieben und geübt sein, daß er dem innerlichen Menschen
und Glauben gehorsam und gleichförmig werde. Darum ver—
werfen wir die guten Werke nicht um ihretwillen, sondern um
        <pb n="280" />
        Religisse Bewegung; Luther.

271

des bösen Zusatzes, daß sie an sich gut machen, willen, um
dieser falschen, verkehrten Meinung willen, welche macht, daß
sie nur gut scheinen und sind doch nicht gut.
Das sei von den Werken insgemein gesagt und von denen,
die ein Christenmensch gegen seinen eigenen Leib üben soll.
Nun wollen wir von mehr Werken sagen, die er gegen andere
Menschen thut. Siehe, da hat Paulus klärlich ein christliches Leben
dahin gestellt, daß alle Werke sollen gerichtet sein dem Nächsten
zu gut, dieweil ein jeglicher für sich selbst an seinem Glauben
genug hat, und alle andern Werke und Leben ihm übrig sind,
feinem Nächsten damit aus freier Liebe zu dienen.
Darum, ob er nun ganz frei ist, soll er sich wiederum
williglich zu einem Diener machen, seinem Nächsten zu helfen,
mit ihm zu verfahren und zu handeln, wie Gott mit ihm
durch Christum gehandelt hat.
Siehe, also fließt aus dem Glauben die Liebe und Lust
zu Gott, und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches
Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen; und ein Christen⸗
mensch lebt nicht sich selbst, sondern in Christo und seinem
Nächsten: in Christo durch den Glauben, im Nächsten durch
die Liebe.
Siehe, das ist die rechte geistliche, christliche Freiheit, die
das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten,
welche alle andere Freiheit übertrifft, wie der Himmel die
Erde. Diese gebe uns Gott recht zu verstehen und zu behalten!
Amen! —
Mit den großen Schriften des Sommers und Herbstes
1520 war Luthers Bruch mit Rom, soweit er noch nicht ein—
zetreten war, innerlich vollkommen entschieden. Und die Nation
folgte dem kühnen Führer. Freilich: wie wußte er sie zu
packen! Staunenswert, unermüdlich war er thätig; dauernd
hat er allein mehrere Druckpressen beschäftigt. Und welche
Töne schlug er an! Wenn er mit der Erfahrung eines reifen
Agitators die Interessen besonderer Stände in den Vordergrund
schob, wie in der Schrift an den christlichen Adel die des
Pfarrklerus; wenn er mit Geschick die einzelnen Teile seiner
        <pb n="281" />
        272 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Flugschriften so zu runden verstand, daß sie ein Ganzes zu
bilden schienen, geeignet zur Aufnahme durch den Geringsten
des Volks im Verlaufe flüchtiger Minuten; wenn er trotzdem
die Fülle dieser Abschnitte zu packendem Schlusse zu schürzen
wußte und ihnen lebendigstes Leben verlieh durch ein niemals
oersagendes Pathos: — so trat er andererseits in einer
Schrift, wie der von der Freiheit eines Christenmenschen, als
Freund dem Freunde nahe in den stillen Angelegenheiten des
Herzens; es schien, als spräche einsam Seele zu Seele, als
zffnete sich allen offenbar und doch verborgen das Geheimnis
tiefsten sympathischen Austauschs.
So erklärt sich der unglaubliche Erfolg der lutherischen
Schriften: der Person des Reformators vor allem wird er
verdankt trotz aller günstiger Vorbedingungen der Sprache, des
Wohnorts und des geistlichen Standes. Und welchen Wider—
hall fand Luther in der Nation! Die Zahl der deutschen
Drucke hatte 1513 erst 90 betragen, 1519 stieg sie auf 2852,
1520 auf 571, 1523 auf 944: erst Luther hat die Deutschen
zffentlich reden und laut denken gelehrt.
Und das war's, was er bezweckte. Er war fern jeder
unduldsamen Rechthaberei; schon seine echte Herzenshöflichkeit
bei aller Roheit der Formen schloß das aus; Grobheit war
ihm nur Bedürfnis grotesken Humors. So hat er einmal, in
lebhafter Erwartung von Gegenäußerungen, sagen können, das
Evangelium könne nicht ohne Rumor gepredigt werden. Jetzt
war er da, dieser Rumor; das Volk war aufgestanden: nicht
Luther, Deutschland lautete das Feldgeschrei.
Und Rom? Was hatte es den fröhlichen und unerhört
offenen Angriffen Luthers zu erwidern? Ihm blieb nur das
berbrauchte Mittel des Banns; und ungewiß der künftigen
Haltung des neuen Königs wagte es selbst mit ihm kaum
kraftvoll zu handeln; matt, tastend erfolgte der Gegenschlag.
Eck hatte schon kurz nach der Leipziger Disputation zur
Bannbulle gedrängt; erst im Mai 1520 ward man mit dem
Entwurfe fertig. Und noch zögerte man; erst am 15. Juni
hatte Eck das Schriftstück in Händen, das Luther als den
        <pb n="282" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

278

wilden Eber bezeichnete, der des Herrn Weinberg verwüste.
Und selbst diese Bulle drohte Luther mit dem Banne nur,
falls er binnen sechzig Tagen nicht widerrufe; der wirkliche
Bannstrahl erfolgte erst am 83. Januar 1521.
Um so eifriger war Eck in Verbreitung der Drohbulle.
Allein er mußte die Erfahrung machen, daß das veraltete Mittel
dem religiösen Helden des Volks nicht mehr schadete. Nur
wenige Bischöfe publizierten die Bulle; die Universität Erfurt
wies sie ab; die Universität Wittenberg betrachtete sie als nicht
authentisch; ähnlich urteilte Kurfürst Friedrich.
Luther selbst war nicht im Zweifel über sein ferneres
Verhalten. Er wiederholte auf den Rat vorsichtiger Freunde
am 17. November 1520 seine Berufung an ein freies Konzilium,
ein Konzilium im Sinne seiner Schrift an den christlichen Adel;
dann beschloß er zu thun, was ihm persönlich gegenüber der
Bulle des Antichrists Rechtens dünkte. Am 10. Dezember ver⸗
sammelte sich außerhalb der Stadtmauern Wittenbergs bei der
Kirche zum h. Kreuz, was in Wittenberg zum Studium der
wangelischen Wahrheit hielt; Luther erschien, und eigenhändig
schleuderte er die Bulle und die päpstlichen Rechtsbücher in ein
emporloderndes Feuer mit den Worten: „Weil du den Heiligen
des Herrn betrübt hast, darum betrübe dich das ewige Feuer!“
Darauf ging er, zitternd und bebend vorher, nun frohgemut
im Wonnegefühl einer guten That seines Wegs, während die
Studenten den Dekretalen die Schriften Ecks, Emsers und
anderer Papisten in die Flammen nachsandten. Der Welt aber
verkündete er sein unerhörtes Vorgehen in einer Flugschrift,
die selbst in Fassung und Stil die römische Bulle triumphierend
berspottete.

III.

Am 11. Oktober 1620 hat Luther an Spalatin geschrieben:
„O daß Karl ein Mann wäre und für Christus den Kampf
gegen diese Satane aufnähme!“ In der That; neben der un—
weigerlichen Entschlossenheit des Reformators hing jetzt viel
Lamprecht. Deutsche Geschichte V. 18
        <pb n="283" />
        274 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

davon ab, wie sich der junge Kaiser zur religiösen Bewegung
stellen werde.
Karl war seit dem Jahre 1515 formell Herrscher der
Niederlande; in Wahrheit blieb er, geistig ungemein langsam
reifend, noch lange, auch körperlich schwach und zart, in den
Händen seiner Ratgeber, namentlich des klugen Wallonen von
Chièvres. Und diese Lage verbesserte sich für ihn keineswegs
seit dem Tode seines Großvaters, des Königs Ferdinand von
Aragon (28. Januar 1516). Jetzt galt es, Spanien zu ge—
winnen; waren hierzu die niederländischen Herren die geeigneten
Ratgeber? Karl gelangte erst spät nach Spanien; seine fremde
Umgebung erregte sofort nationale Empfindlichkeiten; und ver—
einzelte Spuren persönlicher Selbständigkeit Karls, die sich in
absolutistischer Richtung bewegten, vermochten ihm die Liebe
der neuen Unterthanen auch nicht zu gewinnen. Dazu kamen
schon jetzt finanzielle Verlegenheiten; sie zwangen zu ungewohnter
Anspannung der spanischen Steuerkraft. Gründe genug, um
im Lande eine Unzufriedenheit hervorzurufen, die sich bald im
Streben der Einzelkönigreiche Aragon, Catalonien und Valencia
nach früherer Selbständigkeit und in einem hartnäckigen Auf—
stande des dritten Standes, der Communeros, äußerte. So
waren die Verhältnisse Spaniens keineswegs geklärt, als Karl
im Frühjahr 1520 das Land verließ; die Communeros fochten
weiter; erst später stellte sih der Adel auf Seite Karls; und
es war ein besonderer Glücksfall, daß der Connetable Valesco
die Aufständischen am 28. April 1521 bei Villalar gründlich
zu Boden schlug.
Aber auch dann blieb der Besitz Spaniens für Karl nicht
dornenlos. Es mag davon abgesehen werden, daß die spanische
Krone wenig eintrug, trotz der Eroberung der amerikanischen
Boldländer. Vor allem bedeutete die Herrschaft über Spanien
nebst Unteritalien, wie sie jetzt mit Burgund vereint war, eine
dauernde Bedrohung und somit Gegnerschaft Frankreichs; und
dieser Gesamtbesitz, wie er nun nochmals erweitert war durch
den Erwerb der Kaiserkrone und die Verfügung über die öster—
reichischen Herzogtumer und damit auch Mittelitalien um—
        <pb n="284" />
        Religiöse Bewegung; Cuther.

275

klammerte, mußte zugleich zu einer ständigen Bedrohung und
somit Gegnerschaft des Papsttums führen.
Es waren Aussichten, die schon bei der deutschen Königs—
wahl des Jahres 1519 zur gelegentlichen Verbindung der Kurie
und Frankreichs geführt hatten; nach der Wahl Karls erwuchs
aus ihnen eine natürliche Interessengemeinschaft beider Mächte,
die während seiner ganzen Regierungszeit immer wieder her—
vorgetreten ist und für die deutschen Schicksale, namentlich
auch den deutschen Protestantismus, entscheidende Bedeutung
gehabt hat. Nun hätte Karl beide Gegner vielleicht beherrscht,
wäre er im sicheren Besitz der Kräfte seiner Länder gewesen.
Allein eben dies traf niemals zu. Schon die peripherische
Lage seiner Herrschaften im Verhältnis zu Frankreich und dem
Kirchenstaat ließ bei den Verkehrsmitteln und der geringen
Intensität der Verwaltung im 16. Jahrhundert keine gleich—
zeitige und ebenmäßige Ausnutzung dieser Kräfte zu. Außer—
dem aber waren die Rechte Karls in den verschiedenen Staaten,
die nur der Zufall des Erbes zusammengefügt hatte, überall
verschieden und überall zugleich beschränkt; in Sizilien hatte
er mit dem Parlament zu rechnen, in Spanien mit den Cortes,
in Burgund mit den Generalstaaten, von sterreich und Deutsch—
land nicht zu reden.
So schien die Macht Karls weit größer, als sie war.
Aber eben diese Lage mußte den Träger dieser Macht immer
wieder zu der Anschauung verlocken, daß er nicht bloß der
mächtigste Monarch der Welt, sondern auch mehr oder minder
absolut sei. Damit war in Karls Leben und Politik ein nie
zu überwindender Gegensatz um so mehr geworfen, als er
persönlich je länger je mehr dem Absolutismus zuneigte.
Die Folge war, daß er gegen die Selbständigkeitstriebe seiner
Völker zu regieren suchte, daß er zu diesem Zwecke die Kräfte
der einen gegen die der andern ausspielte. Es war eine
Neigung, vielleicht eine Notwendigkeit seiner Lage, die seinen
Willen und seine Machtentfaltung wohl nicht weniger gelähmt
hat, als der Gegensatz gegen Frankreich und den Papst.
So, durch die verschiedensten Rücksichten dauernder Natur
18*
        <pb n="285" />
        276 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

von vornherein stark gebunden, erschien der junge Fürst in den
Niederlanden, ward er in Achen gekrönt, schrieb er nach Worms
seinen ersten Reichsstag aus zum 6. Januar 1521.
Und noch ehe er dort erschien, hatte er, wenn nicht dem
deutschen Volk, so doch den deutschen Ständen einen bestimmten
Eindruck seiner Person und seines Handelns gegeben. Die
Stände hatten Karl allerdings niemals bloß als den treuherzig
biederen Enkel Maximilians angesehen; in der Wahlkapitula—
tion des Jahres 1519 hatten sie sich vor absolutistischen
Neigungen nicht minder gesichert, wie vor dem etwa zu be—
fürchtenden Einfluß fremder, undeutscher Anschauungen. Trotz—
dem waren die Fürsten, die den Hof Karls in den Niederlanden
besuchten, von dem fremden Thun peinlich überrascht. Karl
war der deutschen Sprache „nicht bericht“; er und sein Hof
redeten wallonisch; konnte man bei ihm von anderen, als rein
dynastischen Interessen sprechen, so fühlte er sich als franzö—
sischer Burgunder. Und die Umgebung des Herrschers, soweit
sie wallonisch war, machte den Fürsten einen gleich abstoßenden
Eindruck; gegenüber den Spaniern am Hofe aber empfanden
sie sofort den tiefen Haß, der die Deutschen der folgenden
Generationen immer noch steigend beherrscht hat: sie er—
schienen ihnen lächerlich stolz und in ihrer Bettelarmut
dennoch erpressungssüchtig; und ihr unendlich ceremonielles
Wesen war ihnen nicht minder zuwider, wie die sengende Glut
ihrer religiösen Empfindung.
Und bald glaubte man auch an Karl einige spanische
Züge zu entdecken, namentlich auf dem wichtigen Gebiete
religiösen Gefühls. Er hatte nichts von der derben, weltfrohen
Frömmigkeit der Vlaamen; er betete mit jener leidenschaftlichen
Inbrunst, wie sie später ein Ribera gemalt hat; er führte die
Heiligenbilder zu häufigem Kusse an seine Lippen. Und von
diesem Standpunkte religiösen Gefühls aus hielt er ganz an
den kaiserlichen Idealen der Vergangenheit fest. Trotzdem er
in Achen bei der Königskrönung nach dem Vorbilde Maxens
zum „erwählten römischen Kaiser“ ausgerufen worden war,
erstrebte er doch aufs innigste die religiöse Weihe auch durch
        <pb n="286" />
        Religisse Bewegung; LCuther.

277

den Papst; Imperium und Sacerdotium schienen ihm auf—
einander angewiesen, wie nur irgend einem Kaiser des Mittel—
alters: sie standen ihm noch auf der unerschütterten, un—
erschütterlichen mittelalterlichen Grundlage.
Das alles war nicht geeignet, den Kaiser zur Hoffnung
jenes Teils der Nation zu machen, der Luther zujubelte. Aber
auch den Fürsten und andern Ständen, die für die deutsche
Libertät schwärmten, gaben, wenn nicht Persönlichkeit und
Hof, so doch die ersten Maßregeln des Kaisers im Reiche bald
zu denken.
Zwar daß der Kaiser sich denjenigen norddeutschen Fürsten
wenig gnädig erwies, die als Freunde Frankreichs bekannt
waren, erschien begreiflich. Was aber sollte man zu Karls
Politik in Württemberg sagen?
Hier war, wie wir wissen!, Herzog Ulrich vor der Königs—
wahl des Jahres 1519 seines Landes verjagt worden. Aber
schon im August 1519 hatte er versucht, sich wieder festzu—
setzen. Dagegen war denn der schwäbische Bund als Friedens—
bewahrer Oberdeutschlands von neuem aufgetreten, mit ihm
auch Karl, der als österreichischer Erzherzog dem Bunde an—
gehörte. Ulrich ward vertrieben und flüchtete in die ihm
freundlich gesinnte Schweiz. Das Schicksal seines Landes war
nun zweifelhaft; sollte aber Ulrich abgesetzt werden, so mußte
ihm nach Reichsrecht sein Sohn Christoph folgen. Da that
Karl einen unglaublichen Schritt: er „kaufte“ am 6. Februar
1520 dem schwäbischen Bunde das Herzogtum gegen Ersatz der
Kriegskosten ab und fügte es dem Besitz seiner deutschen Länder
ein, deren Regierung er damals dem Erzbischof Matthäus
Lang von Salzburg, bald darauf dem Erzherzog Ferdinand,
seinem Bruder, unterstellte. Es war ein offener Rechts—
bruch. Freilich: die alterstrebte festere Stützung der vorder—
österreichischen Besitzungen durch ein größeres Territorium und
ihr Zusammenhang mit der Centralmacht des Hauses Habsburg
an der Donau, wie man ihn im 14. und 15. Jahrhundert

S. oben S. 257.
        <pb n="287" />
        278 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

durch die Eroberung der Schweiz vergebens herzustellen ver⸗
sucht hatte, war damit nach vielen Richtungen hin erreicht:
Osterreich war auch eine südwestdeutsche Macht von Bedeutung
geworden. Und der bald darauf erfolgende Erwerb der Land⸗
vogtei Hagenau ließ noch weitere Schlüsse zu. Jetzt bildeten
die österreichischen Besitzungen um den Oberrhein eine genügend
feste Masse, um von ihr aus gegebenenfalls gegen Frankreich
loszubrechen: die deutsche Territorialpolitik des Kaisers ward
alsbald einbezogen in den weltgeschichtlichen Zwist der Univer—
salmacht Karls mit den Königen Frankreichs.
Die deutschen Fürsten sahen dem allem mit Mißtrauen zu;
und ihre ersten Vertreter, darunter auch Friedrich der Weise,
antworteten sofort mit einer gewissen Hinneigung zu Frank—
reich. Es war der Beginn einer Verschiebung der Interessen,
die schließlich zum Bunde des Kurfürsten Moritz mit Frankreich
und zum Verlust der Bistümer Metz, Toul und Verdun
geführt hat.
Aber freilich: all diese Bedenken und Schwierigkeiten
waren gegen Schluß des Jahres 1520 auch unter den Ein—
zeweihten noch keineswegs völlig klar und ausgesprochen, und
noch viel weniger Gemeingut weiterer Kreise. Die Nation er⸗
wartete von dem nahenden Kaiser noch alles; mit fast un—
begrenztem Vertrauen schaute sie nach ihm aus, nicht zum
mindesten in der Sache ihres Herzens, in der kirchlich-religiösen
Bewequng.

Als Karl nach Deutschland kam, waren ihm Name und
Sache des Reformators nicht mehr unbekannt, mochte er auch
niemals etwas von Luther gelesen haben. Schon am 12. Mai
1520 hatte ihm sein Gesandter bei der Kurie, Juan Manuel,
berichtet: wenn er ins Reich gehe, möge er einem gewissen
Mönche, der sich Bruder Martin nenne, einige Gunst erweisen;
das werde gegenüber dem Papste, der diesen Martin sehr fürchte,
gelegentlich gut wirken. So beherrscht schon im Anbeginn der
politische Gesichtspwunkt die Behandlung der reformatorischen
        <pb n="288" />
        Keligiöse Bewegung; Luther.

279

Vorgänge in der Umgebung des Kaisers; man will sie aus—
zeuten zur Beherrschung der Kurie. Darauf hatte, noch in
den Niederlanden, in Löwen, der päpstliche Gesandte Aleander,
ein eifriger, gewandter, gebildeter Vertreter der Kurie, von
Karl den Erlaß eines Befehls versprochen erhalten, wonach in
allen Erblanden Karls mit den Büchern Luthers und seiner
Anhänger nach Vorschrift der päpstlichen Bulle vom 15. Juni
1520 verfahren werden sollte?.
Jetzt, in Köln, nach der Königskrönung, verlangte der
Legat vom Kaiser den gleichen Befehl für das Reich: der für
die deutsche Bewegung entscheidende erste Schritt des Kaisers
stand bevor. Aber der Legat stieß auf Hindernisse. Zwar
ließ Karl zu, daß Luthers Schriften auf kirchliches Betreiben
in Köln und anderswo öffentlich verbrannt wurden. Aber ein
allgemeines Mandat hierzu ergehen zu lassen, lehnten die kaiser—
ichen Räte ab. Wollte man Friedrich den Weisen schonen,
den man als Gönner Luthers kannte und dessen man einst—
weilen noch bedurfte?
Bald erlebte der Legat Schlimmeres. Aus welchen Gründen
mmer, ob infolge gewissenhafter Auslegung einiger Bestim—
mungen der Wahlkapitulation Karls oder infolge einer politischen
Wendung gegenüber der Kurie: man erklärte ihm in Worms,
wo der Kaiser am 28. November 1520 eintraf, Luther müsse
vor jedem weiteren Schritte im Reichstag verhört werden;
demgemäß sei an den Kurfürsten von Sachsen geschrieben.
Freilich blieb es nicht bei dieser Maßnahme. Während
Luther sich zu kommen freudig bereit erklärte, nahm ein weiteres
kaiserliches Schreiben vom 17. Dezember 1520 den Inhalt
desjenigen vom 28. November zurück und gab dem Kurfürsten
anheim, Luther zwar nicht bis Worms, wohl aber bis nach
Frankfurt oder einem anderen in der Nähe gelegenen Ort mit—
zubringen, und auch dies nur in dem Falle, daß er widerrufen
vosle. Was war inzwischen geschehen? Der PVopst hatte sich

Das Mandat scheint aber nicht veröffentlicht worden zu sein, val.
Baumgarten, Karl V., 2, 110 Anm.
        <pb n="289" />
        280 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

in Sachen der spanischen Inquisition einigen Bitten Karls
entgegenkommend gezeigt. So scheint es, als hätte man Luther
nun nicht mehr als Mann des Widerspruchs ausspielen, son⸗
dern sich dadurch, daß man ihn mundtot machte, ein Verdienst
um die Kurie erwerben wollen.
Aber auch an dieser Auffassung war es wiederum nicht
möglich festzuhalten. Je länger der Kaiser in Deutschland
weilte, umsomehr erkannten seine Ratgeber erst, was Luther
bedeutete. Die Flut der religiös-politischen Flugschriften wuchs
immer bedrohlicher, immer erregter ward ihr Ton, zumal seit man
von der Verbrennung der päpstlichen Drohbulle durch Luther
gehört hatte. Dabei war kein Zweifel, daß die gebildeten und
einflußreichen Kreise auf Seite Luthers standen. „Gegen uns,“
berichtet Aleander Mitte Dezember nach Rom, „erhebt sich eine
Legion armer deutscher Edelleute, die, nach dem Blute des
Klerus dürstend, unter Huttens Führung am liebsten gleich
über uns herfielen. Die deutschen Legisten und Kanonisten,
die Priester wie die Verheirateten, sind alle unsere Feinde
und erklärte Lutheraner. Schlimmer noch, als diese, treibt es
die mürrische Sippschaft der Grammatiker und Poeten, von
denen es in ganz Deutschland wimmelt!.“ Es war soweit
gekommen, daß Aleander wo er ging und stand verspottet
ward; nur in seiner elenden Wohnung, nahe dem kaiserlichen
Quartier, fühlte er sich noch sicher. Ja am Hofe selbst ward
er gelegentlich von einem „überaus lutherischen“ Thürsteher mit
Rippenstößen traktiert. Dazu kam, daß der Kaiser und der
künftige Reichstag in Worms im Machtbereich, gleichsam unter
der Aufsicht Sickingens lebten, dessen Hanptburgen in der Nähe
lagen. Nun hatte Sickingen sich allerdings dem Kaiser an⸗
geschlossen; aber wie oft hatte er nicht schon zwischen Reich
und Frankreich geschwankt, und von seiner Feste Ebernburg an
der Nahe, einer der „Herbergen der Gerechtigkeit“ aus, schleuderte
eben jetzt Hutten Pamphlet auf Pamphlet zu Gunsten Luthers

Nach der Übersetzung Kalkoffs (Schriften des Ver. f. Reformgesch.
7, 2228)
        <pb n="290" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

281

in die erregte Welt. War es nach alledem schon ratsam, sich
gegenüber Luther abwartend zu verhalten trotz dessen unver—
blümter Absage an Rom, so ergab sich hierfür die dringendste
Notwendigkeit, als die Stimmung übersehen werden konnte, in
der die deutschen Fürsten und Städteboten zum ausgeschriebenen
Reichstag einritten. Es war kein Zweifel: sie waren, soweit
die Schäden der Kirche in Betracht kamen, überwiegend luthe—
risch gesinnt, und auch die wichtigsten Bischöfe, ein Albrecht
von Mainz, ein Matthäus Lang von Salzburg, waren weit
entfernt von fanatisch-religiösem Entsetzen über den Ketzer.
— —
lich die lutherische Bewegung verabscheute, dennoch aus poli—
tischen Gründen versucht sein, wenn auch unter häufigen
Schwankungen, zu seiner Haltung vom November 18520 zurück⸗
zukehren. Zunächst aber unternahm er es, die religiöse Erregt—
heit der Nation zu ignorieren, indem er den Reichstag mit
anderen Gegenständen beschäftigte.
Der Reichsstag wurde am 27. Januar 1521 feierlich mit
einem Gottesdienst in den Hallen des Wormser Doms eröffnet;
ungemein zahlreich waren die Stände, die sich zu ihm, dem
ersten des jungen Kaisers, eingefunden hatten. Tags darauf
ward den Ständen die kaiserliche Vorlage für die Beratungen
überreicht. Sie wünschte bessere Ordnung der innern Verhält—
nisse, namentlich volle Durchführung des Reichsfriedens, regte
die Einsetzung eines kaiserlichen Regiments während der Ab—
wesenheit des Herrschers vom Reiche an, und verkündete die
Absicht Karls zur Romfahrt und zu einem bewaffneten Zuge
nach Italien, um die Avulsa imperii zurückzuerobern. Über
all das war sehr höflich und zuvorkommend geredet; um die
Ziele der auswärtigen Politik des Reichs zu erreichen — die
freilich zugleich die Hauspolitik des Kaisers war —, stellte der
Kaiser die Kraft all seiner übrigen Herrschaften zur Verfügung.
Aber die Stände waren weit davon entfernt, die einzelnen
Punkte der Vorlage dem Sinne des Kaisers gemäß in systema—
tischer Arbeit zu erledigen: von allem anderen abgesehen
ging das gegen ihre Gewohnheit. Sie verbrachten vielmehr
        <pb n="291" />
        282 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Woche auf Woche mit leeren Erörterungen; und sehr früh
nahmen sie statt der kaiserlichen Vorlage die erneute Aufstellung
von Beschwerden gegen die Kurie, die in einem unerhört
heftigen Ton gehalten wurden, in Angriff: „alle schrieen nach
einem Konzil, kündigten Rom den Gehorsam auf und empörten
sich gegen den Klerus“. Anfang März war so in Sachen des
Kaisers noch nichts erreicht; der Kaiser ward ungeduldig; er
kam auf seine Wünsche dringlich zurück und nahm Gelegenheit
zu betonen, es sei des Reiches Herkommen, daß man einen
Herrn habe.
Es ist zu bezweifeln, daß eine solche Erinnerung in diesem
Augenblicke völlig am Platze war. Der Kaiser war damals
infolge neuer Verschiebungen der allgemeinen europäischen Zu—
stände ganz in den Händen der Stände. In Spanien wütete
noch der Aufstand der Communeros. An der burgundisch—
französischen Grenze geriet die Treue wichtiger Adelshäuser
gegenüber Burgund ins Wanken. Der Papst, an sich schon
zu Frankreich neigend, ward durch die Ankündigung einer be—
waffneten kaiserlichen Romfahrt immer völliger in die Arme
König Franzens getrieben. Und Franz kannte diese Lage der
Dinge sehr wohl; er sah seinen Vorteil darin, die kaiserliche
Proposition an den Reichstag als Kriegserklärung zu betrachten;
schon warf er Truppen gegen die spanische Grenze.
Unter diesen Umständen konnte der Kaiser in Worms nicht
anders als der autonomen Bewegung des Reichstags folgen.
Diese drängte aber von der kaiserlichen Proposition schon längst
ab in die religiöse Bewegung. So blieb Karl nichts übrig;
er mußte noch vor der Erledigung seiner Vorlage die Be—
sprechung der lutherischen Sache zulassen und selbst Farbe be—
kennen. Am 13. Februar sprach Aleander zum erstenmal vor
dem Reichstag über Luther; darauf legte der Kaiser den
Ständen ein scharf gefaßtes Mandat gegen den Ketzer vor.
Die Stände, zuerst die Kurfürsten, traten darüber während
der nächsten Tage in eine langwierige, äußerst hitzige Beratung;

Aleander am 8. Februar; Brieger Nr. 6; Kalkoff S. 50.
        <pb n="292" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

283

Kurfürst Friedrich der Weise und der von Anbeginn luther—
feindliche Kurfürst Joachim von Brandenburg wurden fast
handgemein. Gleichzeitig ließ Kurfürst Friedrich geheime Ver—
handlungen mit dem kaiserlichen Beichtvater Glapio führen,
einem klugen französischen Franziskaner, der einer weitgehenden
Reformation der Kirche im Sinne der konziliaren Bestrebungen
des 15. Jahrhunderts nicht abgeneigt schien; Friedrich wollte
sehen, bis zu welchem Grade etwa bei dem Kaiser ein Ent—
gegenkommen gegenüber Luther zu erwarten wäre. Es waren
hange Tage; „der Mönch,“ berichtete die Frankfurter Gesandt—
schaft nach Hause, „macht viel Arbeit; es wollte ihn ein Teil
gern ans Kreuz schlagen; fürchte, er wird dem kaum entrinnen;
allein ist zu besorgen, wo es geschehe, er wird am dritten Tage
wieder auferstehen.“
Am 19. Februar antworteten die Stände dem Kaiser.
Sie traten ihm nicht grundsätzlich entgegen. Aber sie meinten,
ohne weiteres dürfe man Luther nicht ächten, da der gemeine
Mann an vielen Enden aus Luthers Predigten, Lehre und
Schrift allerlei Gedanken, Phantasie und Pläne gefaßt habe,
so daß aus seiner Bestrafung ohne Verhör leicht Unruhe und
Empörung erwachsen könne. Darum solle man ihn unter
sicherem Geleit kommen lassen und verhören. Freilich: dis—
putieren dürfe man mit ihm nicht. Er solle lediglich auf die
Frage antworten, ob er auf dem beharre, was er wider den
h. Glauben habe ausgehen lassen. Widerrufe er hier, so könne
man mit ihm über die andern „Punkte und Sachen“ dis—
putieren. Widerrufe er nicht, so würden die Stände das
ächtende Mandat Sr. Majestät unterstützen.
Den Ständen war die dogmatische Opposition Luthers
zuwider, gleichgültig, ob sie dieselbe verstanden oder nicht; seine
Rechtfertigungslehre sollte er abschwören. Wäre das aber ge—
schehen, so dachten sie ihn als Führer der allgemeinen Oppo—
sition gegen die kirchlichen Mißbräuche zu hören und auszunutzen!.

Diese Auffassung ist gesichert durch die in Aleanders Bericht vom
27. Februar 1521 (Brieger Nr. 1)) gegebene Umschreibung der Antwort
der Stände.
        <pb n="293" />
        284 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Der Kaiser willfahrtete dem Antrage des Reichsstags. Am
15. März ließ er Luther durch einen besonderen Herold auf—
fordern, unter freiem kaiserlichen Geleit vor dem Reichstag zu
erscheinen. Das Anschreiben war mild und freundlich gehalten;
es bediente sich der Anrede „Ehrsamer, Lieber, Andächtiger“.
Hatte aber der Kaiser gehofft, mit diesem Zugeständnis auf
religiös-kirchlichem Gebiete die Zustimmung der Stände zu
seinen politischen Propositionen völlig zu sichern, so sah er sich
enttäuscht; die Stände zeigten auch jetzt noch Bedenken. Diese
Erfahrung brachte in seiner Haltung gegenüber Luther alsbald
zinen Rückschlag; er ließ trotz des Geleitsbriefes ein schon
länger bereit liegendes, vielleicht auch vorher von den Ständen
in gesetzlicher Form gut geheißenes Mandat veröffentlichen,
——
So war die Lage nicht vollkommen geklärt, als der kaiser—
liche Herold am 26. März in Wittenberg erschien und Luther
aufforderte, ihm zu folgen. Es war am Dienstag vor Ostern.
Eine Woche darauf brach Luther auf. In einem Gefährt, das
ihm der Wittenberger Rat gestellt hatte, durchzog er Thüringen,
geleitet von dem ihm wohlgesinnten Herold und zwei Witten⸗
berger Getreuen, begeistert gefeiert in Erfurt, Gotha, Eisenach,
wo überall er ergreifend predigte; am 14. April erreichte er
Frankfurt.
Inzwischen war das kaiserliche Mandat gegen seine Bücher
allenthalben bekannt geworden; die Aufregung wuchs; Luthers
Freunde hegten für ihn ernstliche Sorge; auch Kurfürst Friedrich
warnte von Worms aus. Aber Luther blieb fest: „Christus
lebt, und wir werden nach Worms kommen, allen Pforten der
Hölle und Fürsten der Welt zum Trotz.“ Seine Stimmung
war kriegerisch; ein Versuch Glapios, ihn zu einer Unterredung
auf der Ebernburg zu bestimmen, scheiterte an seinem Wider—
spruch, während es Glapio im Vereine mit Karls Kämmerer
Paul von Amstorff gelang, Hutten zur Annahme eines kaiser—
lichen Jahrgehalts zu bestimmen und Sickingen in Ansichten
hineinzudrängen, die eine Bedrohung des Kaisers und des
Reichstags von seiner Seite her ausschlossen.
        <pb n="294" />
        Keligiöse Bewegung; Luther.

285

Am 16. April, während der mittäglichen Speisezeit, zog
Luther in Worms ein. Der Türmer auf dem Dom stieß ins
Horn, da der Wagen durch die Thorburg fuhr; die stillen
Straßen belebten sich; eine Menge Volks begleitete den Mönch
in seine Herberge, die er, „dämonischen Auges umherblickend“,
nit den Worten: „Gott wird mit mir sein“, betrat.
Und schon am andern Tage, nachmittags gegen vier Uhr, stand
er vor Kaiser und Reich. In der dicht gedrängten Versammlung
trat ihm der Offizial des Trierer Erzbischofs, Johann Eck, ein
altkirchlich getreuer, wohlgesinnter Mann, gegenüber. Er legte
ihm im Namen des Kaisers zwei Fragen vor: ob er das vor
ihm liegende Bündel von Schriften, das Aleander zusammen—
gebracht hatte, als von ihm geschrieben anerkenne, und ob er
zeren Inhalt widerrufen wolle? Luther bekannte sich zur ersten
Frage mit leisem Ja; auf die zweite Frage ward er völlig be—
fangen. Er, der oft genug in Todessehnsucht verzückt ein
Martyrium erwartet hatte, der später den ersten Feuertod eines
Evangelischen mit dem Jauchzen des Hohenliedes begleitete:
„Nun ist die Zeit wieder gekommen, daß wir der Turteltauben
Stimme hören und die Blumen aufgehen in unserm Lande“ —
er sprach mit leiser, fast niedergelassener Stimme, daß man ihn
auch in der Nähe nicht wohl hören mochte, und bat um Be—
denkzeit. Sie ward ihm auf einen Tag, widerwillig genug,
gewährt; Luther verließ die Versammlung. Aleander trium—
phierte: „Der Narr war lachend eingetreten, und vor dem
Kaiser neigte er fortwährend den Kopf hin und her, auf und
nieder; als er fortging, schien er weniger heiter. Auch von
seinen Gönnern haben ihn viele, nachdem sie ihn gesehen, die
einen für närrisch, die andern für besessen erklärt, viele andere
zür einen frommen Mann voll heiligen Geistes.“ Aber Luther
fand sich alsbald nach der Versammlung wieder; noch am
selben Abend schrieb er an Cuspinian: „Nicht ein Tüpfelchen
werde ich widerrufen, wenn Christus mir gnädig ist.“
Des andern Tages ward Luther von neuem vorgelassen.

Aleander am 16. April 1521.
        <pb n="295" />
        286 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Er mußte warten; es dunkelte; die Fackeln strahlten, als er
den von dichtem Gedränge erfüllten Saal betrat. Und nun
sprach er offen und frei zur zweiten Frage. Er teilte seine
Schriften in drei Gruppen: von der Lehre des Evangeliums,
von Kurie und Papst, von seinen Gegnern habe er gehandelt.
Er bedaure den heftigen Ton seiner Streitschriften; seine Ab—
handlungen zum Evangelium würden auch von seinen Gegnern
anerkannt; zur zweiten Gruppe seiner Schriften wider Papst
und Kurie habe er nichts zu widerrufen. Aber nicht auf den
Widerruf komme es an, sondern auf die Wahrheit. „Derhalben
bitte ich um der göttlichen Barmherzigkeit willen Eure Majestät,
die allerdurchlauchtigsten Herrschaften, oder wer sonst sei er
hoch oder niedrig es vermag Zeugnis vorzubringen, meine
Irrtümer darzuthun, mich mit prophetischen und evangelischen
Schriften zu überwinden. Werde ich dessen überwiesen, so
bin ich bereit, jeden Irrtum zu widerrufen, und werde der
erste sein, der meine Bücher ins Feuer wirft.“
Aber man dachte nicht daran, Luther eine Disputation
zu bewilligen. Wie wäre sie im Reichstag auch nur möglich
gewesen? Der Trierer Offizial brachte die Meinung der
Stände zum Ausdruck, wenn er Luther bemerkte, er habe
nicht zur Sache geredet, man müsse eine Antwort „ohne Hörner
und ohne Mantel“ verlangen. Darauf erklärte Luther in „un—
stößiger und unbissiger“ Antwort: „Es sei denn, daß ich durch
Zeugnis der Schrift überwunden werde oder aber durch offen—
bare Gründe — denn ich glaube weder dem Papst noch den
Konzilien allein, weil es am Tage ist, daß dieselben zu mehr—
malen geirrt und wider sich selbst geredet haben —: so bin
ich überwunden durch die Schriftsteller, welche ich angeführt
habe, und gefangen in dem Gewissen an dem Wort Gottes:
deshalben ich nichts mag noch will widerrufen, weil wider
das Gewissen zu handeln beschwerlich, unheilsam und gefähr—
lich ist.“
Die Mehrheit des Reichstages hörte die Worte mit Ent—
setzen. Der Papst kann irren, die Konzilien haben geirrt!
Auch das Konstanzer Konzilium, der Stolz der letzten deutschen
        <pb n="296" />
        Religiöse Bewegung; Luther

287

sonst so unendlich traurigen Vergangenheit! Der Mönch lästerte
Gott, die Nation und die Kirche. Es war genug. Man wollte
nicht weiter hören. Während der Anfänge einer Debatte
zwischen Luther und Eck erhob sich der Kaiser, erhoben sich die
Fürsten und machten den Verhandlungen ein tumultuarisches
Ende. Luther aber, der Gewalt eines unverschuldeten Ab⸗
bruchs weichend, schloß mit den Worten: „Ich kann nicht
anders. Hier stehe ich. Gott helfe mir. Amen!“
Draußen war es Nacht geworden; man drängte nach
Hause. Als Luther, von sicherer Wache geleitet, aus dem
Saale trat, reckte er nach Art der deutschen Landsknechte,
wenn sie im Kampfspiel über einen wohlgelungenen Hieb froh—
locken, sieghaft seine Arme empor und schrie: „Ich bin hin—
durch, ich bin hindurch!“ Und die Begeisterung seiner Lands⸗
leute folgte ihm in den stillen Raum der Herberge. Unab⸗
lässig drängten sich in den folgenden Tagen die Besuche der
Bürger, des Adels, der Fürsten; der tapfere Mut des Mönchs
riß fie mit; und fröhlich sprach der junge Landgraf von Hessen
dem Reformator zu: „Habt Ihr Recht, Herr Doktor, so helfe
Euch Gott.“
Am folgenden Tage versammelte auch der Kaiser die
Fürsten. Er sagte, er wolle ihnen seine Meinung nicht vor⸗
enthalten. Und er verlas im Sinne eines Manifestes ein
von ihm persönlich verfaßtes Schriftstückt: „Ihr wißt alle,
daß ich von den christlichsten Kaisern deutscher Nation und
den katholischen Königen der Spanier, von den österreichischen
Erzherzögen und den burgundischen Herzögen herstamme, welche
alle bis zu ihrem Tode die treuesten Söhne der katholischen Kirche
und die Verteidiger und Ausbreiter des katholischen Glaubens
zur Ehre Gottes, zur Vermehrung des Glaubens und zum
Heil ihrer Seele gewesen sind . . . . Da es nun offenbar ist,
daß ein einzelner Mönch, durch seine besondere Meinung be—
rogen, in die Irre geht, sich mit dem Glauben der ganzen

Die folgende teilweise Wiedergabe nach Baumgarten, Karl V.,
l, 456 ff.
        <pb n="297" />
        288 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Christenheit in Widerspruch setzt, sowohl derjenigen, welche
vor tausend Jahren, als derjenigen, die heute leben, und sich
anmaßt zu behaupten, alle Christen seien bis jetzt im Irrtum
gewesen, so haben wir beschlossen, an diese Sache alle unsere
Reiche und Lande, unsere Freunde, unser eigen Leib, Blut,
Leben und Seele zu setzen .... Der Mönch soll nach In—
halt seines freien Geleites, das wir halten wollen, zurück—
geführt werden; verbieten aber, daß er predige und mit seiner
schlechten Lehre das Volk verführe und Aufruhr errege. Wir
haben beschlossen, gegen ihn als einen wahren und überführten
Ketzer zu verfahren, und ermahnen Euch, daß Ihr in dieser
Sache wie gute Christen und so, wie Ihr versprochen habt,
Eure Meinung kundgebt.“
Viele der Fürsten, da sie diese Worte hörten, wurden
bleich wie der Tod. Zum erstenmal redete der junge Kaiser
aus sich heraus, statt aus dem Munde der Räte: diese
Worte kamen aus den Tiefen seiner Seele, ein persönliches
Zeugnis: der deutsche Mönch hatte den universalen Kaiser
zum Bekenntnis gezwungen.
Unter diesen Umständen konnten weitere Versuche gegen—
seitiger Verständigung, wie sie wohlwollende Fürsten unter
der Führung des Trierer Erzbischofs anbahnten, keinen Erfolg
mehr haben. Sie schwanden dahin vor der sengenden Glut
der emporlodernden Gegensätze: wer nicht für Luther war, war
wider ihn. Luther selbst war darüber nicht im Zweifel: „Es
ist geschehen, wie es dem Herrn gefallen mag; der Name
des Herrn sei gelobt.“
Am 26. April morgens zog Luther in dem kaiserlichen,
noch auf 21 Tage erstreckten Geleit von dannen; am Abend
des 2. Mai kam er in Eisenach an. Von hier aus ging er
die Berge der südlichen thüringischen Hänge, seine Verwandten
um Möhra herum zu besuchen. Er wurde innig von ihnen
aufgenommen: würde man sich jemals wiedersehen? Als er
dann von dorten über die Scheide des Gebirges nach Walters—
hausen zureiste, ward er in tiefer Waldeinsamkeit, an einer Stelle,
die jetzt frommes Gedächtnis mit einem Denkmal geschmückt
        <pb n="298" />
        Religiöse Bewegung; Luther.

—*

hat, von kurfürstlich sächsischen Reitern aufgehoben und zur
Wartburg gebracht. Luther wußte seit den letzten Zeiten in
Worms, daß er in Sicherheit gebracht werden würde; so hatte
es sein vorsichtiger Kurfürst beschlossen. Im Reiche aber blieb
sein Schicksal noch lange ein Rätsel, und Thränen flossen um
den Verbleib des Totgeglaubten. „O Gott, ist Luther tot,“
schrieb Dürer in das Tagebuch seiner niederländischen Reise,
„wer wird uns hinfort das heilige Evangelium so klar vor—
tragen?“

In Worms haͤtte sich inzwischen der Kaiser mit den
Ständen über die Ordnung des neuen Reichsregiments und
die Anforderungen für die auswärtige Politik verständigt. Es
blieb nur noch die Sache Luthers übrig. Klug wartete Karl
mit der Erledigung, bis die Kurfürsten, deren Widerspruch er
zu gewärtigen hatte, Friedrich von Sachsen und Ludwig von
der Pfalz, Worms verlassen hatten, und bis er sicher berichtet
war, daß der Papst, bisher Frankreichs Freund, in dem
drohenden Kampfe mit König Franz auf seiner Seite stehen
werde. Darauf, am 25. Mai nachmittags, nahm er die
Kurfürsten und Fürsten, die noch anwesend waren, aus einer
Beratung im Wormser Rathaus mit sich in seine Residenz.
Hier verlasen die Nuntien zunächst ein dem Kaiser sehr günstiges,
einige den Luther freundlich gesinnten Kurfürsten sehr abgünstige
Schreiben des Papstes. Darauf, nachdem Stimmung gemacht
war, zog der Kaiser ein Mandat hervor, das Aleander schon
am 8. Mai, am Tage der politischen Verbindung des Kaisers
und des Papstes gegen Frankreich, in kaiserlichem Auftrage
geschrieben hatte: es sei das Edikt in Sachen Luthers; der
Kanzler werde es verlesen. Es geschah, und Kurfürst Joachim
nahm es auf sich, namens der teilweis schon abgereisten Stände
zu erklären, es entspreche ganz der Meinung des Reichstags.
Am andern Morgen hat es Karl unterzeichnet, und auf den
8. Mai zurückdatiert wurde es nunmehr im Reiche verbreitet.
Das Wormser Edikt zählt die Ketzereien Luthers auf; es
bezeichnet Luther als den bösen Feind in Menschengestalt, der
einen Haufen alter Irrtümer in eine stinkende Pfütze ver—
Lm precht. Deutsche Geschichte V. 19
        <pb n="299" />
        290 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

sammelt und neue hinzuerdacht habe; als einen Menschen, der
zu Mord und Brand rufe, der die Gesetze umstürze, der ein
viehisches Leben lehre. Seine Schriften werden zum Feuer
verdammt, wie denn alle Druckschriften hinfür zur Verhütung
weiteren Unheils einer Censur unterbreitet werden sollen.
Seine Anhänger sollen ergriffen und ihre Güter eingezogen
werden. Luther selbst aber wird als in die Acht des Reiches
verfallen erklärt; niemand wird ihn hausen und herbergen,
speisen und tränken, jedermann seine Person dingfest machen
und der kaiserlichen Obrigkeit ausliefern.
        <pb n="300" />
        Zweites Kapitel.

Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale
Revolufion.

Fast ein Jahr verweilte Luther auf der Wartburg. Es
war eine Zeit, da er, von neuem von den Wechselfällen ein—
samen Grübelns bedroht, Rettung und Erholung zugleich fand
in unendlich fleißiger litterarischer Arbeit. Zwar erwuchs ihm
in dem Burghauptmann von Berlepsch ein lieber Freund; zwar
bewegte er sich als Junker Georg, von einem Reitersknecht be—
gleitet, frei in Wald und Flur, und selbst der ritterlichen Lust
der Jagd konnte er sich in seiner Vermummung nicht völlig
entziehen. Doch hinweg über all das lebte er zunächst seinen
Studien und seiner Sache. Briefe und Traktate von ihm er—
schienen in reicher Fülle, und in der Postille ward eine Aus—
legung des reinen Evangeliums für das Volk begonnen.
Vor allem aber, während der langen Wintertage von 1521
auf 1522, trat der Gedanke einer Übersetzung der Bibel vor
seine Seele; und in weniger als drei Monaten war die
Übersetzung zunächst des Neuen Testaments in den Grundzügen
vollendet. Nachmals ward sie weiter gefeilt; am 22. Sep—
tember 1522 ist sie bei Hans Lufft in Wittenberg erschienen
und alsbald, trotz aller Verbote, in die weitesten Kreise des
Volkes verbreitet worden.
        <pb n="301" />
        292 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Luther ist nicht der erste Übersetzer des Neuen Testaments
und der Bibel überhaupt gewesen; weit über ein Dutzend
anderer Übertragungen sind vor der seinigen entstanden. Aber
Kinder großenteils der mystischen Bewegung des späteren
Mittelalters, redeten sie eine Sprache, deren Laute und Begriffe
schon das 16. Jahrhundert teilweis zu verstehen Mühe hatte;
und der Vulgata nachgebildet, gaben sie besonders für das
Neue Testament nicht den reinen Text des Evangeliums, wie
ihn Luther aus der griechischen Ausgabe des Erasmus schöpfte.
Vor allem aber waren sie ungeschickt und erfaßten das Wort
mehr als den Sinn. Luthers Bibel dagegen hat man mit
Recht mehr als eine Umgießung der h. Schrift ins Deutsche!,
denn als Übersetzung bezeichnet.
Zudem: wer hatte die Bibel im 15. Jahrhundert kaufen
können! Luthers Testament kostete anderthalb Gulden; hier wie
sonst hat Luther jedes schriftstellerische Honorar verschmäht. Und
das äußere Moment leichter Verbreitung wurde nicht wenig
durch ein anderes unterstützt. Luthers Familie stammte aus
den südlicheren Gegenden Mitteldeutschlands; er selbst war an
den Grenzen des Mittel- und Niederdeutschen erwachsen und
lebte in Wittenberg, an der Scheide der Dialekte des kolonialen
Ostens und des westlichen Mutterlands. So konnte seine
Zunge an sich schon nicht mehr völlig dialektisch gebunden sein.
Wie aber mußte dieser Umstand veredelnd und abschleifend
wirken auf einen Mann, der, mit natürlichem Interesse an der
Sprache begabt, des Wortes mächtig war, wie fast kein
Deutscher vor und nach ihm, der zudem musikalisch fühlte und
den Rhythmen der Sprache nicht minder lauschte, wie denen
der Töne!
Das ist die persönliche Aussteuer, die Luther in eine sprach—
liche Bewegung einbrachte, deren Verlauf an sich schon zur
Entwicklung einer gemeinsamen deutschen Schriftsprache hätte
führen müssen. Mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft seit
den Tagen der Staufer war der Verkehr unter den deutschen

1 Kolde, Luther 2, 62.
        <pb n="302" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 293

Stämmen viel lebhafter geworden; ein obrigkeitlicher und kauf—
männischer Briefwechsel hatte sich gebildet. Und da diese Rich—
tung auf vermehrten Austausch von Gedanken, Wünschen und
Aufträgen rein national war, so bediente man sich in ihr je
länger je mehr der deutschen Sprache. Es war dabei natür—
lich, daß in den wichtigsten und unablässigsten dieser Korre—
spondenzen allmählich gewisse dialektische Eigenheiten abgeschliffen
wurden. Nirgends aber mußte das mehr zutreffen, als für
den Verkehr zwischen den Fürsten und der kaiserlichen Kanzlei.
So bildete sich in der Kanzlei zunächst der Luxemburger
allmählich der Anfang einer Gemeinsprache aus; sie war
entsprechend den regsten Beziehungen des Reichs und der Herr—
scher zunächst vornehmlich oberdeutschen Charakters; mit öster—
reichischen und bairischen mischten sich in ihr allenfalls noch
mitteldeutsche Elemente. Diese Sprache strömte nun unter
fortwährenden Umbildungen auch in die fürstlichen Kanzleien
über; auch am sächsischen Hofe bürgerte sie sich ein. Hier er—
griff dann Luther diesen Strom mit vollem Bewußtsein. In—
dem er seine Elemente der eigenen Sprache einverleibte, bildete
er sich das Deutsch seiner Bibel und seiner Traktate, seiner
Briefe und seiner Predigten: ein Deutsch, das jedermann ver⸗
stand, eine der Grundlagen des heutigen Schriftdeutschen.
Es war eine Einwirkung auf den deutschen Genius fast
sondergleichen. Nicht bloß auf Lautstand und Wortform, auf
Satzbau und Rhythmus hat sie sich erstreckt; auch den Wort—
schatz hat sie ergriffen; Wörter wie Eifer und Ekel, Halle und
Hügel, fühlen und freien, abergläubisch und albern tragen die
Prägung Luthers; und wo zwei oder drei Angehörige der
Sprachgemeinde deutscher Gebildeter sich heute treffen in schrift—
lichem oder mündlichem Austausche ihrer Gedanken, da redet
Luther noch heute unter ihnen mit, und der Unterrichtete spürt
in Wort und Wendung noch den gegenwärtigen Hauch seines
Geistes.
Während so Luther auf der Wartburg, dem Ewigen zu—
gewandt, nebenher eine breite Grundlage schuf für die fernsten
Wirkungen seiner Persönlichkeit, überwogen in Wittenberg, der
        <pb n="303" />
        294 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Stätte seiner alten Thätigkeit, die Sorgen des Tages. Es
war klar, daß jetzt, nach der in Worms gefallenen Entscheidung,
vor allem hier der Anfang zum Aufbau eines neuen Lebens
im Sinne der lutherischen Lehre gemacht werden mußte. Und
hierfür genügte nicht der außerordentliche Aufschwung der
Universität, der neben trefflichen neuen Lehrern und Förderern,
einem Justus Jonas, Johann Bugenhagen, Aurogallus, unzählige
Schüler zustrebten: eine neue Gemeindeverfassung kirchlicher Art
mußte begründet werden.
Die Anregung ging beim Fehlen des eigentlichen Seel—
sorgers, Luthers, von anderen Theologen aus. Hierbei trat
sehr bald ein akademischer Amtsgenosse Luthers, Andreas
Bodenstein aus Karlstadt am Main, in den Vordergrund.
Karlstadt war eine in sich zerrissene, ehrgeizige, dem Extremen
zugeneigte Natur; sein Handeln stand unter dem Drucke nervöser
UÜbereilung. Jetzt wollte er Luther verdunkeln, an seine Stelle
treten. Er drang in die Seelsorge der Gemeinde ein und
mahnte zum Fallenlassen äußerlicher katholischer Gebräuche; er
erregte die Klosterbrüder Luthers, bis daß sie im Oktober 1521
aufhörten, die Messe zu lesen. Er wirkte nicht aufbauend,
sondern zerstörend; und bald zeigten sich die Ergebnisse seiner
Thätigkeit in vereinzelten Tumulten.
Luther sah dieser Entwicklung von seinem Patmos her
mit steigender Besorgnis zu. Endlich litt es ihn nicht mehr
auf der Burg; im Dezember 1521 kam er mit Lebensgefahr
auf einige Tage nach Wittenberg. Aber vorübergehend, hatte
sein Aufenthalt auch nur vorübergehenden Erfolg, obwohl
Luther seine Wirkung durch die Veröffentlichung einer kleinen
Schrift „Eine treue Vermahnung zu allen Christen, sich zu
hüten vor Aufruhr und Empörung“ zu stärken suchte.
Vielmehr ging Karlstadt eben jetzt vorwärts; seit Weih—
nacht 1521 setzte er seine radikalen Forderungen völlig ins
Leben. Er erteilte das Abendmahl in beiderlei Gestalt ohne
priesterliche Abzeichen; er heiratete, obwohl geweiht; er ließ es
geschehen, daß die Augustiner-Eremiten sich immer größeren
Ausschreitungen hingaben; er begann, den Forderungen der
        <pb n="304" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 295
Gemeinde nachgebend, die Reform auf das soziale Gebiet zu
übertragen; ein gemeiner Kasten sollte dem Unterhalt der
Waisen und Arbeitsunfähigen, der Förderung arm Geborener
in Beruf und Leben, der zinsfreien Darleihung von Kapitalien
an kreditbedürftige Erwachsene dienen. Es war eine höchst
bedenkliche Wendung, deren rascher Vollzug wohl schon dem
Einfluß religiöser Fanatiker verdankt ward, die sich von Zwickau
nach Wittenberg gewandt hatten.
Luther zweifelte demgegenüber keinen Augenblick an seiner
Pflicht; aus der freien Luft der Wartburghöhen, zu neuer
Thatkraft gestärkt in dem hier besonders innigen, weil un—
gestörten Verkehr mit dem Worte Gottes, nun völlig sicher
seines gottgewollten Berufs als Reformator, kehrte er nach
Wittenberg zurück. Vergebens warnten seine Freunde, vergebens
fürchtete der Kurfürst. Luther stellte allen Bedenken das Wort
entgegen: „Lasset uns beweisen als die Kinder Gottes in Auf—
ruhren1;“ und seinem Kurfürsten schrieb er aus Borna bei
Leipzig, vor den Thoren gleichsam Wittenbergs, die kühnen
Worte: „Euer Kurf. Gnaden wisse, ich komme gen Wittenberg
in einem gar viel höheren Schutz, denn dem des Kurfürsten ...
ja ich halte, ich wollte Euer Kurf. Gnaden mehr schützen, denn
sie mich schützen könnte . .. Diesen Sachen soll noch kann
kein Schwert raten noch helfen; Gott muß hie allein schaffen,
ohne alles menschliche Sorgen und Zuthun. Darum wer am
meisten glaubt, der wird hier am meisten schützen. Dieweil
ich denn nun spüre, daß Euer Kurf. Gnaden noch gar schwach
ist am Glauben, kann ich in keinerlei Wege Euer Kurf. Gnaden
für den Mann ansehen, der mich schützen oder retten könnte.“
Am 6. März 1322 traf Luther in Wittenberg ein; seit
dem 9. März, dem Sonntag Invocavit, bestieg er auf eine
Woche täglich die Kanzel. Die Predigten dieser Woche über—
raschen durch ihre konzentrierte Mäßigung, durch den sachlich
ermahnenden Ton: es ist der Vater, der zu verirrten Kindern

2. Kor. 6, 4 f.; Brief an Kurf. Friedrich, Ende Febr. 1522,
Wartburg.
        <pb n="305" />
        296 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

redet. Sie stellen die radikalen Forderungen Karlstadts als
Adiaphora hin, keineswegs als Bedingungen, aus deren Be—
tonung heraus die Tiefen eines neuen evangelischen Glaubens
entwickelt werden könnten. Sie warnen deshalb davor, sie
schwachen Christen aufzudrängen als eine neue, werkhafte Last:
man soll das Wort frei gehen lassen und nicht unsere Werke
dazu thun; das Wort sollen wir predigen, aber die Folge soll
Gott anheimgestellt sein.“ Umsomehr halten sie fest an dem
Aufbau des Glaubens auf das Wort, am begrenzt individua—
listischen Prinzip der geschichtlich-biblischen Offenbarung als
der Grundlage des Heils: „Du mußt dich gründen auf einen
hellen, klaren, starken Spruch der Schrift, dadurch du dann
bestehen magst. Denn wenn du einen solchen Spruch nicht
hast, so ist's nicht möglich, daß du bestehen könnest: der Teufel
reißt dich hinweg, wie der Wind ein dürres Blatt hinweg—
reißt.“

Der Erfolg dieser Predigten war außerordentlich. Alles
fügte sich; der Stadtrat, noch eben das Organ Karlstadts,
verehrte dem Reformator als dem Sieger gleichsam symbolisch
Bier und Wein und sandte das Zeug zu einer neuen Kutte.
Die Neuerungen wurden abgestellt; nur die Predigt erhielt
einen hervorragenderen Platz im Gottesdienst, als bisher. Da—
mit setzte eine leise Richtung auf unmerkliche Reformation der
Adiaphora ein, deren Charakter es gestattet hat, daß noch heute
in den evangelischen Gemeinden der Wittenberger Umgebung
Marienfeste gefeiert werden.
Grundsätzlich aber ward die Gemeinde zum Kern der
neuen Kirchenbildung gemacht. Um Ostern 1523 führte Luther
in einer besonderen Schrift aus, „daß eine christliche Ver—
sammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre
zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen“, und
dementsprechend wählte sich die Wittenberger Gemeinde im
Herbst 1528 frei Johann Bugenhagen, den trefflichen Doktor
Pomeranus, den Begründer und Förderer der Reformation in
fast ganz Niederdeutschland, zum Pfarrer. Und schon vorher
hatte Luther die Kastenordnung der kleinen Stadt Leisnig in
        <pb n="306" />
        Weiterbildung der religiössen Ideen, soziale Revolution. 297

Sachsen herausgegeben, in der eine christlich-soziale Fürsorge
der Kirchengemeinde für die Kranken und Bedürftigen weitherzig
gefordert ward.
Die Gemeinde ward auch allmählich zum Hauptorgan
und Mittelpunkt des Gottesdienstes. Ihr unverständliche Teile
des alten Gottesdienstes fielen hinweg; die deutsche Lektüre der
Bibel ward eingeführt. Vor allem aber ward die Gemeinde
in allen ihren Seelen zur persönlichen Gottesverehrung heran—
gezogen im Kirchenlied.
Zwar haben schon die deutschen Gemeinden des 14. Jahr—
hunderts Kirchenlieder gesungen, und in Böhmen wurden Ende
dieses Jahrhunderts sogar schon persönlich gehaltene geistliche
Lieder gedichtet: aber sie waren wesentlich außerliturgischen
Charakters. Das liturgische Kirchenlied als solches ist beinahe
ausschließlich ein Erzeugnis der Reformation; monumental,
bon erhabener Ruhe, dem tiefsten Empfinden aller Ausdruck
verleihend, ist es die Form, in der die neue Gemeinde Gott
sucht. Der erste Dichter der Gemeinde aber ist Luther gewesen,
und die erste singende Gemeinde war die von Wittenberg.
Noch aus dem Jahre 1528 stammt Luthers Lied: „Nun freut
euch, liebe Christengemein“; im Anfange des Jahres 1524
entstand dann das gewaltige Bußlied „Aus tiefer Not schrei'
ich zu dir“. Und schon kamen die ersten Gesangbüchlein; das
letzte des Jahres 1624 umfaßt bereits 24 Lieder, darunter die
Übersetzung des Credo durch Luther: ein Siegel gleichsam auf
die ganze neue Entwicklung, da die Gemeinde sich nun anstatt
des Priesters im erhebendsten Gesang zum Glauben an den
Dreieinigen bekennt. —
Der Verlauf der Wittenberger Bewegung in den Jahren
1521 bis 1524 kann als im wesentlichen typisch bezeichnet
werden für eine Fülle verwandter Erscheinungen, die überall
auf deutschem Boden, in den Städten zumal, sich entwickelte.
Nur daß nicht überall zu rechter Zeit so besonnen, so klärend
und aufbauend wie in Wittenberg, ein Luther dazwischen trat;
denn Luthers persönlicher Einfluß, von ihm niemals absichtlich
zesucht oder erweitert, erstreckte sich nur auf einen Teil der
        <pb n="307" />
        298 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

mitteldeutschen Länder; neben der Wittenberger Reform hat
er predigend namentlich in Borna, Altenburg, Zwickau, Eilen—
hurg, auch in Erfurt gewirkt.

Aber weit hinaus über den Kreis der mitteldeutschen Länder
war inzwischen der Ruf des Evangeliums erklungen und ge—
hört worden. Und überall folgte ihm ein außerordentlicher
Aufschwung zunächst der nationalen Denkarbeit; die deutschen
buchhändlerischen Erscheinungen haben sich vom Jahre 1518
bis zum Jahre 1523 versiebenfacht. Was half demgegenüber
die im Wormser Edikt proklamierte Büchercensur? Fast überall
kaufte man frei die reformatorischen Schriften, vor allem die
Luthers, die im Jahre 1528 bereits das erste Hundert über—
schritten hatten!.
Die volkstümliche, lutherfreundliche Litteratur war aber
—
einwirken konnte, im Südwesten Deutschlands, auf dem Boden
der erhebendsten Erinnerungen aus der Geschichte des Reichs,
in den Gegenden besonders gespannter sozialer Gegensätze, in
den Ländern alten Sektentums der Waldenser, Gottesfreunde
und Winkler.
Und hier nahm sie auch einen besonders hitzigen und
zugleich groben, ja unflätigen Ton an. Schon im späteren
Mittelalter waren die litterarischen Manieren des Bürgertums
alles andere als fein gewesen; jetzt lebten sie unverbessert in
den neuen Flugschriften fort. Daneben aber trat der Bauer
in die Bewegung ein; er wurde in seinem groben Kittel
litteraturfähig; und schon im Jahre 1520 wurde im Karsthans
der litterarische Typus des politisierenden und religiös philo—
sophierenden Bauern geschaffen, dessen pfiffig-thörichte Weis—
heit allen Witz der Gelehrten zu Schanden macht. Natürlich,
daß mit diesem dröhnenden Einmarsch nationaler Grundelemente,
mit dem gleichzeitigen Druck einer wachsenden Agitation der

S. v. Bezold, G. der deutschen Reformation, S. 851.
        <pb n="308" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 299

Ton wohl gelegentlich genial übermütig, sicherlich aber immer
wüster ward. Jetzt wurden die Gegner Luthers, ein Eck,
Murner, Cochläus, mit den Spottnamen des Gecken, Mur—⸗
narren, Kochlöffels bedacht; jetzt die Bettelmönche, diese popu—
lären Vertreter des alten Systems, als Käshabichte und Wurst—
huben, als heilige Vuter vom Sauermilchtopf, ja als des
Teufels Mastschweine verspottet.
Aber auch der Inhalt dieser Litteratur wurde immer
radikaler. Schon die Schrift „Doktor Luthers Passion“, die
nach dem Wormser Reichstag erschien, hatte den Vergleich
zwischen der Vernehmung Luthers zu Worms und dem Verhör
Christi durch Pilatus bis ins kleinste durchgeführt; nach unserem
Geschmack, wenn auch nicht ganz nach der Auffassung des 16. Jahr⸗
hunderts, waren die Grenzen zwischen Blasphemie und religiöser
Satire überschritten. Und bei der Kritik der kirchlichen Ver—
fassung scheute man sich bald nicht mehr, zur Durchführung der
Reformation unmittelbare Gewalt anzuraten, und mit religiösen
Ideen vermischt tauchten kommunistische Programme empor.
Der größte Teil dieser Litteratur ist anonym; nur hier und
da erheben sich aus der Masse dunkler Skribenten begabte
schriftstellerische Persönlichkeiten, so der Ulmer Franziskaner⸗
mönch Eberlin von Gunzburg. Um so notwendiger war es
für den würdigen Verlauf der reformatorischen Strömung,
daß sich ihrer kühne und überzeugte Männer annahmen, um
unter dem Druck der allgemeinen Erregung die Ketten der
alten Kirche zu sprengen. Hier kämpften die Ordensgenossen
Luthers in erster Reihe, ein Johannes Mantel in Schwaben,
Jakob Präpositus und Heinrich von Zütphen in den Nieder—
sanden, Kaspar Güttel in Thüringen; aus ihrer Mitte sind
auch die ersten Märtyrer des neuen Glaubens, die am 1. Juli
1523 zu Brüssel verbrannten Heinrich Voes und Johann von
Essen, hervorgegangen. Aber neben die Augustinermönche traten
doch auch Benediktiner und Dominikaner, wie Bucer, der Re⸗
formator Straßburgs, vor allem aber Franziskaner und Karme—

1 S. v. Bezold a. a. O. S. 353.
        <pb n="309" />
        300 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

liter: die demokratischen Orden vornehmlich nahmen sich des
Evangeliums an. Es ist eine Erscheinung, die sich im Welt—
klerus entsprechend wiederfindet. Hier sind es besonders die
kleinen Pfarrvikare des platten Landes, und in den Städten
wenn auch langsamer die Vertreter des niederen Klerus über—
haupt, die den Ruf aus Wittenberg weitertragen. Der Hier—
archie zur Seite aber tritt, namentlich in dem grübelnden, von
alters her sektenreichen Schwaben, in merkwürdigster Weise das
Laienelement: es tauchen Laienprediger empor, einfache Leute
vom Lande und kleine Handwerker, Kürschner, Schuster, Bauern,
Gärtner, und sie reden unter gewaltigem Zulauf.
So war es kein Wunder, wenn sich auf dem Lande, zu—⸗
mal in Schwaben-Alemannien, das Evangelium früh ver—
breitete; auch die Thatsache, daß der hier besonders zahlreiche
selbständige Adel, wenn auch vielfach aus politischen Grün—
den, Luther sich anschloß, mag in dieser Richtung gewirkt
haben. Die Brennpunkte der religiösen Reform aber wurden
dennoch zunächst nur die großen Städte. Hier war ein Patri—
ziat vorhanden, das auf schöngeistigem Gebiete längst indivi—
dualistische Bildung gepflegt hatte; es mußte die lutherische
Reform ohne weiteres im Sinne einer notwendigen Abrundung
seiner Kultur begrüßen. Aber auch das mittlere Bürgertum,
bisher kirchlich skeptisch und religiös unbefriedigt, empfand
Luthers Lehre als Erlösung; aus seiner Mitte ertönten die
Stimmen Dürers und Hans Sachsens, der im Jahre 1522
sein Lied von der Wittenbergischen Nachtigall ausgehen ließ
mit dem Motto: „Ich sage Euch, wo diese schweigen, werden
die Steine schreien.“ Und so erhoben sich überall in den großen
Städten Bewegungen ähnlich der Wittenberger; vor allem in
Süddeutschland: in Nuürnberg, in Augsburg, in Ulm, in
Schwäbisch Hall und Heilbronn, in Straßburg, in Basel —
in jenen Städten vornehmlich, die tief und dauernd den Ein—
fluß humanistischen Geistes erfahren hatten, und deren Be—
völkerung seit den Tagen Kaiser Friedrichs II. und Kaiser Lud—
wigs des Baiern teilweis ketzerischen Neigungen und staats—
kirchenrechtlichen Erörterungen zugänglich geworden war.
        <pb n="310" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 301

Weniger rasch verbreitete sich das Evangelium in den nordi—
schen Städten, mit Ausnahme etwa Bremens; sie lagen den
romanischen Ursprungsländern früherer Ketzereien und späterer
humanistischer Bildung ferner, sie wurden durch den Verband
der Hansa noch immer in aristokratisch abweisender Stimmung
erhalten, auch der bedächtig konservative Sinn der Niedersachsen
mag allzurascher Einführung widersprochen haben. In Ham⸗
burg waren die ersten Anfänge schwach und spärlich; anderswo,
z. B. in Stralsund, kam es gar zu tumultuarischer Gegen⸗
wirkung; nur Magdeburg bewährte schon jetzt jenen Ruhm be—
sonders energischen religiösen Denkens, der bis auf unsere
Tage nicht völlig erloschen ist.
Aber freilich: wichtiger für das unmittelbare Schicksal
der Reformation, als all diese Bewegungen, konnte zunächst
die Stellungnahme der Fürsten erscheinen. Sie beherrschten
mit ihrem Einfluß den Reichstag und damit bis zu einem ge—
wissen Grade das Reich: eine ruhige, verfassungsmäßig abge⸗
schlossene Ausgestaltung der Reformation erschien ohne ihre
Beihilfe fast undenkbar. Und hier waren die Aussichten einst⸗
weilen wenig tröstlich.
Zwar Friedrich der Weise, obwohl niemals völlig von der
alten Kirche getrennt, bewahrte der Reformation und Luther
seine Gönnerschaft. Trat er nicht ohne jeden Rückhalt offen
für sie ein, so war das unter den bestehenden Verhältnissen
ein Glück; ein Cunctator trotz Fabius, hat er die Reformation
eben durch seine anscheinend entschlußlose Haltung gerettet.
Aber neben Friedrich hielten einstweilen nur wenige weltliche
Fürsten zur Reformation, etwa Friedrichs Bruder Johann und
dessen Sohn Johann Friedrich, sowie der vertriebene Dänenkönig
Christian; von den geistlichen Fürsten konnte der einzige Bischof
des fernen Samlands, Georg von Volenz, allenfalls als
Anhänger gelten.
Dagegen gab es in unmittelbarer Nachbarschaft Witten⸗
bergs und Kursachsens eine Anzahl sehr überzeugter Gegner:
den Kurfürsten Joachim von Brandenburg, einen Bruder des
Kardinals Albrecht von Mainz, und den Herzog Heinrich von
        <pb n="311" />
        302 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Braunschweig. Vor allem aber gehört in diese Reihe der
Herzog Georg von Sachsen, ein Mann von außerordentlichem
Eifer fürstlicher Pflichterfüllung, der alten Kirche als Ver—
fassungsinstitut keineswegs hold, aber erfüllt von fanatischem
Hasse gegen Luther und seine Werke. Und auch abgesehen
von diesen unmittelbaren Gegnern, denen in Süddeutschland
noch die bairischen Wittelsbacher und Erzherzog Ferdinand,
der Bruder Karls V., zuzuzählen waren, versuchten die meisten
Fürsten dem Wormser Edikt, wenn es auch vieler Orten lange
nicht veröffentlicht ward, doch einigermaßen gerecht zu werden,
indem sie die Schriften Luthers und seiner Anhänger verboten:
sogar die Verbreitung des Neuen Testaments in Luthers Über—
setzung wurde, zu Luthers größtem Unwillen, in manchen
Landen untersagt, so in Baiern, im Herzogtum Sachsen, in
Brandenburg.
Das alles schien keine guten Aussichten für das weitere
Schicksal der evangelischen Sache vor dem Reiche zu eröffnen,
wo sie seit Herbst 1622 in einem Nürnberger Reichstage von
neuem verhandelt ward. Allein das schließliche Ergebnis war
über Erwarten günstig. Der Kaiser war in der Anwendung
äußeren Druckes im Reiche beschränkt durch den Kriegszustand
mit Frankreich; die Stände waren in sich uneins, indem eben
jetzt die sozialen und wirtschaftlichen Gegensätze zwischen Fürsten
und Städten, zwischen Großkaufmannschaft und Adel die be—
drohlichste Ausdehnung gewannen! — und vor allem zeigte sich,
daß die durch Luther aufgerufene öffentliche Meinung in einer
bisher niemals erhörten Weise auf die Beratungen des Reichs—
tages drückte: die laue oder feindliche Stimmung der Fürsten
wurde gegengewogen durch die geistigen Vorgänge in den
Tiefen des Volkes. Man mußte die weite Verbreitung refor—
matorischer Ansichten wohl oder übel eingestehen; Erzherzog
Ferdinand, des Kaisers Statthalter, schrieb damals an diesen:
„Die Sache Luthers ist im ganzen Reiche so eingewurzelt, daß
unter tausend Personen heute nicht einer davon frei ist.“ Und

S. unten S. 322 ff.
        <pb n="312" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 303

man fürchtete die Macht dieser Ansichten um so mehr, als sich
die kommenden sozialen Stürme des Bauernkrieges hier und
da in dumpfem Murren ankündigten und vorauszusehen war,
daß sich bei gewaltsamer Unterdrückung der lutherischen Lehre
in ihnen die radikalsten religiösen und sozialen Ziele zusammen—
finden würden.
Unter dem Drucke dieser Erwägungen, die in dem fast
völlig protestantischen Nürnberg besonders nahe lagen, dazu
vorwärts geschoben durch die beängstigende Haltung des bei—
nahe ganz lutherischen Adels von Oberfranken, endlich gedrängt
durch die Drohung der meist lutherischen Großstädte, dem Reiche
ihre finanzielle Beihilfe zu entziehen, kam der Reichstag zu
sehr merkwürdigen Beschlüssen. Er erklärte sich zunächst, wenn
möglich noch deutlicher, als bisher, über die Mißbräuche in
der Verfassung der alten Kirche; hierüber sei man jetzt durch
die Schriften Luthers gut unterrichtet, hieß es im Bericht seines
Ausschusses. Vor allem wünschte man hier, in Überein⸗
stimmung mit dem selten aufrichtigen päpstlichen Nuntius
Chieregati, daß der „römische Hof, von dem vielleicht alles
solches Ubel ausgegangen, reformiert werde“. In Sachen der
Reformation aber wurde beschlossen, daß binnen Jahresfrist
in einer deutschen Stadt, etwa in Straßburg, Köln, Mainz
oder Metz, ein Konzil zusammentreten solle. In diesem Konzil
sollte, um nun wirklich die Wahrheit zu finden, jedermann
beim Heil seiner Seele verpflichtet sein, göttliche und evan—
gelische Wahrheit zu reden, Geistliche sowohl wie Laien. In⸗
zwischen aber sollte im Reiche nichts gelehrt werden, als das
rechte lautere Evangelium nach der Lehre und Auslegung der
bewährten und von der christlichen Kirche angenommenen
Schriften.
Ein merkwürdig zwischen mittelalterlichen und reforma—
torischen Anschauungen schwankender Beschluß: die Laien sollen
uͤber göttliche Dinge mitsprechen; aber die Wahrheit kann nur
als eine formuliert werden, und sie wird zweifellos aus den
legalen Verhandlungen eines Konzils, das mithin nicht irren
kann, hervorgehen. Klar war nur, daß die Halbheit der ganzen
        <pb n="313" />
        304 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Formulierung der Sache Luthers zu gute kommen mußte; die
Reformation befestigte sich.
Den Beweis hierfür erbrachten deutlich genug die Er—
fahrungen, die der zu einem neuen Reichstag nach Nürnberg,
im Frühjahr 1524, abgesandte päpstliche Legat, Lorenzo Cam—
peggi, in Deutschland machen mußte. In Augsburg ward
er beim Segensprechen verhöhnt. In Nürnberg riet man ihm
von vornherein, er möge beim Einzug seinen Segen und Kreuz
zu thun lieber unterlassen; und er mußte mit ansehen, wie in
der Karwoche Tausende von Nürnberger Bürgern das Abend—
mahl in beiderlei Gestalt nahmen.
Was war da vom Reichstag zu erwarten? Es war klar,
daß die Stände vielleicht Luthers Person fallen lassen würden,
nicht mehr aber die von ihm angefachte Bewegung; im Fall
der Gegnerschaft gegen diese fürchteten sie „viel Aufruhr, Un—
gehorsam, Totschläge, Blutvergießen, ja ein ganzes Verderben“.
Nun war das im Jahr 1522 geplante Konzil nicht zu stande
gekommen. Indes hielten die Stände hartnäckig an ihm fest
trotz der Gegenbemühungen des Legaten; und um den Plan
nicht weiteren Wechselfällen auszusetzen, beschlossen sie am
18. April 1524 der Mehrzahl nach trotz heftigen Wider—
strebens der Anhänger der alten Kirche die ersten vorbereiten⸗
den Schritte.
Zum 11. November 1824 sollte in Speier eine „gemeine
Versammlung deutscher Nation“ zusammentreten, in der ein
„Auszug aller neuen Lehren und Bücher, was darin disputier⸗
lich befunden“, vorgelegt werden sollte; er sollte vorher durch
verständige Räte der Stände angefertigt werden. Den Inhalt
dieses Auszugs wollte man dann erörtern und feststellen, was
als Ergebnis dieser Erörterung ,bis zu Anstellung des gemeinen
Konzils gehalten werden solle“. Inzwischen aber solle jeder
Stand das Wormser Edikt durchführen, „soviel es ihm mög—
lich sei', und sollte das „heilige Evangelium und Gottes
Wort nach dem rechten wahren Verstand und Auslegung der
von gemeiner Kirche angenommenen Lehre ohne Aufruhr und
AÄrgernis gepredigt und gelehrt“ werden.
        <pb n="314" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 305

Es handelte sich also zunächst um eine Nationalversamm⸗
lung in religiösen Dingen, um ein von Laien geplantes laien—
haftes Vorkonzilium: es war ein vom Standpunkte des kirch—
lichen Rechts her unerhörter Beschluß. Papst Clemens VII. war
außer sich vor Entsetzen; Karl V., obwohl durch den Krieg mit
Frankreich aufs Außerste in Anspruch genommen, fand doch den
Mut, am 15. Juni 1524 die Nürnberger Beschlüsse zu vernichten,
die Speierer Versammlung zu verbieten und die Einhaltung des
Wormser Edikts den Ständen bei schärfster Strafe anzudrohen.
Es war wieder einmal ein Moment, der entscheidende
Klarheit brachte. Deutlich war zu Tage getreten, daß die
Mehrheit der Reichsstände in ihren kirchenpolitischen Maßregeln
von der öffentlichen Meinung fast gegen ihren Willen der Refor—
mation zugedrängt worden war; die Lutherischen hätten von
der Speierer Versammlung, die auch den Katholischen recht
—
Papst hatten sich ihnen offen entgegengeworfen. Aber be⸗
deuteten diese einstweilen viel? Die Sache Luthers, des Ge—
ächteten, hatte einstweilen noch immer gesiegt, seine Gedanken
beherrschten noch immer die germanische Welt.

II.

In der erfolglosen Gegnerschaft und in der Unklarheit
der öffentlichen Gewalten durch so viele Jahre hindurch hatte
sich gezeigt, daß die religiöse Bewegung durch äußere Kraft—
entwicklung überhaupt schwerlich zu unterdrücken war. Wie
aber, wenn ihr geistige Mächte entgegentraten? Die huma—
nistische Strömung war älter, als die religiöse; sie war gerade
in den großen Städten, den festesten Sitzen des Evangeliums,
weit verbreitet; sie konnte nach manchen Seiten als Vorläuferin
der reformatorischen Bewegung gelten: sollte sie sich dieser
ruhig unterordnen?
Luther hat die Bedeutung des Humanismus niemals ver—
kannt. Noch in späteren Jahren hat er einmal gesagt: „Wäre
gamprecht, Deutsche Geschichte V. 20
        <pb n="315" />
        306 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

ich so beredt und reich an Worten, als Erasmus, und wäre
ich im Griechischen so gelehrt, als Joachimus Camerarius, und
im Hebräischen so erfahren, als Forstenius, und wäre auch
noch jünger: ei, wie wollt' ich arbeiten!“ Aber diese Aner—
kennung hat bei ihm niemals zum vollen Aufgehen in den
Humanismus geführt; weit entfernt blieb er jedem schwärmeri⸗
schen Untertauchen in den Geist der klassischen Völker; an den
humanistischen Studien war ihm immer nur die philologische
Seite von Bedeutung: sie sind ihm bloße Hilfsmittel theologisch
tieferen Verständnisses. Darum ist Luther auch niemals über
das zur Interpretation der Bibel nötige Maß humanistischer
Kenntnisse hinausgekommen. Die Grundlage seiner Bildung
war und blieb scholastisch; seine Predigten verliefen in dem
scholastischen Schematismus der Moralität, und sein Latein
gewann nur dann humanistische Färbung, wenn er Gewicht
darauf legte, elegant zu schreiben.
So hat Luther sich wohl gelegentlich nicht ungern vom
Humanismus berühren lassen; aber niemals anders, als
oberflächlich. Die Beziehungen zu den Erfurter Huma—
nisten waren vorübergehend; Luthers Freundschaft mit Spa—
latin beruhte auf andern, als humanistischen Grundlagen,
wenngleich sich Luther von ihm wohl über humanistische Vor—
gänge unterrichten ließ. Daneben zeigte sich seit der Mitte
des zweiten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts bei ihm
gelegentlich sogar offene Abneigung gegen das Treiben nament—
lich der jüngeren Humanisten. Der heilige Zorn, der ihn
gegen die Verrottung der Kirche erfaßte, bot keinen Raum
des Verständnisses für die frivole Sprache der Dunkelmänner⸗
briefe. Die rein historisch-philologische Interpretation des
Römerbriefs durch Erasmus konnte dem Theologen nicht be—
hagen, der in den Lehren des Neuen Testaments keine „Philo—
sophie Christi“ erblickte, sondern die göttlich geoffenbarte
Grundlage eines Lebenswandels im Glauben.
Indes dieser innere Gegensatz hatte sich einstweilen nicht
ausgesprochen. Im Gegenteil: durch Vermittlung und auf Rat
Melanchthons, der Luthers persönliche Freundschaft genoß, waren
        <pb n="316" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 307

freundschaftliche Verbindungen gesucht worden; vor der Leipziger
Disputation hatte Luther mit Reuchlin und Erasmus Fühlung
genommen. Und in der That: hatten Reformation und Huma—
nismus nicht noch auf Jahre hin in der Bekämpfung der alten
Kirche gemeinsame Ziele? Nach der Leipziger Disputation
feierte der größte Teil der Humanisten Luther; und Luther
ließ sich das wohl gefallen, wenngleich er gegen die Führer
stets kühl blieb, namentlich gegenüber dem mehr als leidenschaft—
lichen Hutten.
Aber jetzt nun, nachdem sich offen gezeigt hatte, daß
Luthers Kampf gegen die Kirche nur die negative Seite war
des positiven Aufbaus einer neuen Frömmigkeit auf der un—
verbrüchlichen Grundlage der Bibel; und als diese positive
Grundlage, ein völlig Neues auf dem Gebiete geistiger Entwick—
lung, zunächst enthusiastisch aufgenommen ward von den Massen
der Nation, demokratisch, unter krampfhafter Bewegung auch
des äußeren Volkslebens: konnte da der Humanismus noch mit
Luther gehen, diese aristokratische Bewegung der höheren Volks—
kreise, die die möglichste Freiheit persönlichen Daseins predigte,
deren Halt nicht in der Bibel lag, sondern in der hingebenden
Begeisterung für die Antike?
Und längst bereits schien die Reformation den Humanis—
mus überholt zu haben. Die Jugend wollte nichts mehr wissen
vom humanistischen Studium; Kunst und Wissenschaft erschienen
ihr als untergeordnete Mächte — hat doch Luther selbst im
Jahre 1525 die Vernunft des Teufels Hure genannt —: nur
der Glaube beseligte sie. So verödeten die humanistischen
Universitäten; in Erfurt sank die Zahl der Immatrikulationen
zwischen den Jahren 1520 und 1526 von 312 auf 14. Es
war eine neue geistige Strömung, die nun auch die älteren
Humanisten, vor allem die Juristen unter ihnen, von der
Reformation hinwegzutreiben begann; Wimpheling, Zasius,
Mutian, Crotus, schließlich selbst Pirckheimer näherten sich
wieder dem Boden der alten Kirche.
In dieser Not sah alles Volk der Humanisten auf seinen
20 *
        <pb n="317" />
        308 Fünfzehntes Buch. Zweites Napitel.

geborenen Fürsten und Führer, auf Erasmus. Wird er den
Kampf gegen Luther aufnehmen? Und wird er siegen?
Erasmus hat nie tiefere Sympathien für Luther gehegt;
das war unmöglich, die Charaktere beider waren zu verschieden.
Aber seit dem Erlaß der Bannbulle begann er ihn geradezu zu
verleugnen, wo es nicht anders anging. Im übrigen schwieg
er, alternd, kränklich, niemals dem lauten Treiben demokratischer
Offentlichkeit hold, ein Gelehrter, kein Agitator; zugleich hoffte
er wohl noch im stillen, wie bisher, auf eine Kirchenreform
durch vernünftiges Einvernehmen der oberen Kreise, gleichsam
auf wissenschaftlich-diplomatischem Wege. Aber diese Haltung
behagte den bedrängten Humanisten immer weniger; sie ließ
sich auch im Interesse des erasmischen Ruhms nicht aufrecht
erhalten; denn schon betrachtete Luther den Humanistenkönig
nur noch als geschichtliche Größe: „er hat gethan, wozu er
bestimmt war; er hat die Sprachen eingeführt und von wider—
göttlichen Studien abgelenkt. Vielleicht wird auch er, wie
Moses, in den Gefilden Moabs sterben. Denn zu den besseren
Studien, die auf Frömmigkeit abzielen, führt er nicht!.“
Trotzdem bedurfte es eines naiv provokatorischen Briefes
Luthers vom Frühjahr 1524, um Erasmus zum offnen Auf—
treten zu veranlassen. Im September 1524 erschien seine
Schrift De libero arbitrio. Nur mit Widerstreben gesteht
Erasmus in ihr sich dem Problem der Willensfreiheit zu—
gewendet zu haben; Erörterungen über dunkle, unlösbare Fragen
könnten nur Unheil gebären. So ist denn auch sein Eintreten
in der Sache nicht völlig sicher, seine Darstellung nicht logisch
und spekulativ gedrungen; er giebt allgemeine, auf reicher
Lebenserfahrung beruhende Erörterungen, die zu dem Schlusse
gelangen, daß die Wahrheit inmitten der Gegensätze der Willens—
freiheit und Willensgebundenheit ruhe; daß göttliche Gnade es
schon sei, wenn wir leben und uns eines Willens erfreuen,
dessen Ausübung nicht bloß von der herben Notwendigkeit
absoluter, also göttlicher Prädestination beherrscht sei. Es ist

Brief Luthers an Äkolampad, 20. Juni 1528; Kolde 2, 126.
        <pb n="318" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 309

ein Protest gegen jeden Dogmatismus, das Programm einer
lebenden und leben lassenden, schönheitstrunkenen, optimistischen
Gesellschaft.
Luthern erregte die Schrift Entrüstung, Ekel, Verachtung;
er gesteht, er sei bei der Lektüre versucht gewesen, sie unter
die Bank zu schleudern. In der That: was hatte der huma—
nistische Idealmensch des Erasmus, dessen Religion Lebens—
philosophie ist, gemein mit dem Christenmenschen Luthers?
Offen zu Tage lag der Bruch zwischen humanistischer und reforma⸗
torischer Weltanschauung.
Aber Luther war gegenüber einem Gegner, wie Erasmus,
gehalten, dies auch offen zu betonen. Lange hat er an der
Gegenschrift gedanklich gearbeitet; erst nach den großen Kämpfen
des Jahres 1525 hat er sie geschrieben. Im Dezember 1525
erschien sein Buch De servo arbitrio. In selten geschlossener
Beweisführung, mit einem Feuer des spekulativen Denkens, das
er sonst kaum wieder erreicht hat, vertritt Luther hier die
Willensgebundenheit in Gott. Gott wirkt alles in allem,
Gutes und Böses; er ist die alleinige bewegende Kraft unseres
Daseins. Man frage nicht, warum Gott Böses wirken könne;
die Lösung dieses Rätsels ist einer anderen Welt vorbehalten.
Aber der Mensch glaube sich determiniert: sonst ist er ein
Lucian und Epikuräer und heimlicher Atheist, sonst giebt er
nicht Gott die Ehre, sondern sich selbst und seiner Vernunft,
der tollgewordenen, die alles bestimmen und messen will. Am
allerwenigsten aber gehe er der strikten Frage nach Willens—
freiheit und Willensgebundenheit aus dem Wege, wie Erasmus
sich zu thun vermißt: „Wenn du die Frage nach der Willens—
freiheit und göttlicher Gnade als für Christen unnötig erklärst,
dann tritt ab vom Kampfplatz: wir haben nichts miteinander
gemein!“
Nach dieser Auseinandersetzung der führenden Geister
konnte es sich nur noch um eine weitere Scheidung auch der
gesamten Bewegungen und der in sie verflochtenen Personen
handeln. Sie hat sich in den folgenden Jahren, im wesent⸗
lichen zu Gunsten der Reformation, vollzogen; der philologische
        <pb n="319" />
        310 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Betrieb des Humanismus flüchtete in den Bereich des neuen
Glaubens; und dieser siegte über den Paganismus der Huma—
nisten, über den Versuch einer rein auf das Verständnis der
Antike gestützten Anschauung der Dinge.
Ehe indes dieser Sieg über den Kern der humanistischen
Weltauffassung entschieden war, war aus den Keimen humani—⸗
stischen Denkens heraus im südlichsten Deutschland eine neue
religiöse Reformbewegung entstanden, die kräftig emporgedieh,
die Reformation Zwinglis.
Zwingli ist, wie Luther, ein Bauernkind; er ist am 1. Januar
1484 in Dorf Wildhus, im Toggenburgischen, geboren. Aber
nicht in Trübnis und Entbehrung, in Seelenkampf und Askese
gingen seine ersten Jahrzehnte dahin, wie die Luthers; seine
Eltern waren angesehene Leute, und der harmonisch begabte,
weltfrohe Jüngling studierte frei unter den Humanisten Wiens.
Hier hat er die grundlegende Richtung seines Lebens empfangen,
durch die seine Beanlagung nur gefestigt und erweitert ward:
die klare Übersicht über die weltlichen Dinge, die Auffassung
der Frömmigkeit als einer wesentlich kirchlichen Daseinsform,
die Sicherheit in der Vermeidung religiöser Untiefen, die Be—
trachtung des Dogmas im Sinne einer christlichen Philosophie,
deren Sätze an der Hand philologischer Interpretation des
Neuen Testaments zu entwickeln seien. Es waren Anschauungen,
die den Schweizer Reformator, trotz größerer Strenge kirchlichen
Denkens und religiöser Gesinnung, wie mit den italienischen
Humanisten, so namentlich mit Erasmus zusammenführten; er
verehrte in Erasmus seinen Meister und hat später viele Ab—
weichungen seiner Lehre von derjenigen Luthers auf Anregung
eben erasmischer Schriften zurückgeführt.
Offentlich hervor trat Zwingli zuerst als Patriot, wie er
denn stets mindestens ebenso lebhaft politisch als religiös ge—
fühlt hat; als Pfarrer zu Glarus wirkte er seit 1606 in zün—
dendem Wort gegen das Unwesen des Reislaufs und die An—
nahme französischer Jahrgelder. Die Schäden der Kirche aber
lernte er erst als Priester an dem berühmten Wallfahrtsorte
Maria Einsiedeln recht kennen; und zu ihrer öffentlichen Kritik
        <pb n="320" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 311

—
münster, an dem er zum 1. Jamuar 1519 eintrat.
Dabei war er zunächst weit entfernt davon, tiefere religiöse
Probleme aufzuwerfen; seine erste reformatorische Schrift, vom
April 1522, handelt „von Erkiesen und Freiheit der Speisen“:
die Reform der Kirche, nicht des Glaubens, lag ihm zunächst
am Herzen. So griff er die Fastengebote, die Heiligenverehrung,
das Klosterleben an. So hat er die Säuberung der Kirchen
von Götzen und Gaukeltischen, von Bildern und Altären durch—
gesetzt. So ist er der Begründer der Nüchternheit reformierter
Gottesdienste geworden. So hat er vom Gesichtspunkte kirch—
licher Zucht her ein überaus strenges Sittenleben der Gemeinde,
vielfach unter Anwendung alttestamentlicher Bestimmungen,
durchgesetzt.
Und für diese Reform fand er fast durchweg den staat—
lichen Weg. Er trug dem Zuüricher Rat seine neuen Vorschläge
vor; er erhärtete sie in öffentlichen Disputationen, die auf Befehl
des Rates stattfanden; und er veranlaßte dann den Rat, die
disputatorisch festgestellte Wahrheit im Sinne bürgerlichen Ge—
setzes einzuführen. In diesem Verfahren ward ein Stück der
alten Kirchenverfassung nach dem andern eingerissen oder um—
gebaut; unaufhaltsam, glatt, klar drang das neue Kirchenwesen
durch; mit der Abfassung der 67 Thesen vom 29. Januar 1528
konnte es als begründet gelten.
Und rasch verbreitete es sich weiter In der Schweiz
wurden bis zum Jahre 1529 u. a. Bern, St. Gallen, Glarus,
Schaffhausen und Basel gewonnen, in Oberdeutschland machten
sich schon von 1624 auf 1525 Einwirkungen zwinglischer Lehre
zu Straßburg und Ulm, zu Konstanz, Lindau, Memmingen und
sonst in schwäbischen Städten bemerkbar. Hier trafen sie nun
mit der lutherischen Lehre zusammen; schon äußerlich war
darum eine Auseinandersetzung zwischen zwinglischer und
lutherischer Reformation unvermeidlich.
Um wie viel notwendiger aber war sie aus inneren Grün—
den! Geist und Verlauf der schweizerischen und der sächsischen
Reformation waren völlig verschieden; nie hat Zwingli die
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        312 — Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

religiöse Glut Luthers, nie Luther die staatsmännische Klarheit
Zwinglis besessen. War Luthern das Neue Testament die Macht,
deren Geheimnisse er mit der Inbrunst gläubigsten Vertrauens
umfaßte, so war die Bibel Zwingli zwar auch die Grundlage
der Religion und der Kirche, aber er verstand sie mit Hilfe
der kühlen Interpretationskunst des Erasmus.
Unter diesen Umständen mußte namentlich in der Lehre
von den Sakramenten der tiefe Zwiespalt des gegenseitigen
Wesens offenbar werden. Luther ist nur in vereinzelten Augen—
blicken geringerer Klarheit der Anschauung der Schweizer näher
gekommen, daß die Sakramente, namentlich das Abendmahl,
bloße äußerlich-symbolische Zeichen seien; seiner Grundanschauung
nach mußte er diesen Gedanken fliehen, obwohl er sah, welchen
Stoß er mit der schweizerischen Art der Betrachtung der hyper—⸗
sakramentalen alten Kirche hätte versetzen können. Für ihn
stand es festh, daß Gott mit dem Menschen auf zweierlei Art
handle, nämlich äußerlich durch das Wort des Evangeliums
sowie leibliche Zeichen, die Sakramente, und innerlich durch
den Glauben; und er fand, daß zwischen dem äußeren Mittel
des Worts und der Sakramente und der inneren Wirkung des
Glaubens ein für Wort und Sakrament gleich geheimnisvoller,
aber auch gleich zweifelloser Zusammenhang bestehe. Für
diesen Zusammenhang waren ihm, soweit das Abendmahl in
Betracht kam, die Einsetzungsworte: das ist mein Leib' voll⸗
kommenes Zeugnis: „Ich sehe hier dürre, helle, gewaltige Worte
Gottes, die mich zwingen zu bekennen, daß hier Christi Leib
und Blut im Sakramente sei.“ Das war gegenüber der eras—
misch-zwinglischen Auslegung dieser Worte im Sinne eines
bloßen symbolischen Hinweises auf das Gedächtnis Christi eine
Abweichung innerlichster Art, die niemals ausgeglichen werden
konnte. Und alsbald hat Zwingli, der Luthers Anschauungen
früher kennen lernte, als Luther die Zwinglis, den abweichen—
den Geist der Lutherischen vollkommen erkannt. Schon in den
537 Thesen des Jahres 1523 tritt hier und da der Gegensatz
gegen die lutherische Art hervor.
Zu völliger Klarheit kam es von dem Augenblick an, da
        <pb n="322" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 313

die Straßburger, in deren Mauern sich lutherische und eras—
misch-zwinglische Anschauungen besonders hart begegneten, über
den Charakter des Abendmahls in Zweifel gerieten und zu
dessen Lösung einen Diakonus nach Wittenberg sandten, Luthers
Meinung zu hören. Es war Ende November 1524.
Luther antwortete zunächst in einem kurzen Schreiben vom
15. Dezember 1524, bald darauf, Ende 1524, ausführlich in
der Schrift „wider die himmlischen Propheten, von den Bildern
und Sakrament“. Es ist eine der bedeutendsten, persönlichsten
Schriften Luthers; Luther hat sehr wohl gefühlt, in ihr Ent—
scheidendes zu sagen. In der That liegt in ihr seine Abend—
mahlslehre im Gegensatz zur schweizerischen Lehre vom bloßen
Gedächtnismahl schon vollständig ausgeprägt vor!; andere
Meinungen werden mit den Worten abgelehnt: „wo die
h. Schrift etwas geredet zu glauben, da soll man nicht weichen
vpon den Worten, wie sie lauten.“
Damit war der Bruch mit dem schweizerischen Christen—
tum, wie es weit verbreitet war in den oberdeutschen Städten,
förmlich und für immer vollzogen; neben Luthers religiösem
Individualismus machte sich ein anderer, weniger inniger, aber
subjektiv weiter fortgeschrittener Individualismus geltend: die
religiöse Bewegung teilte sich.
Und schon standen Luthertum und Zwinglianismus nicht
mehr allein. Neben ihnen hatten sich radikalere religiöse Rich—
tungen entwickelt, die man unter den Namen des Schwärmer—
tums und der Wiedertaufe zusammenzufassen pflegt.

Nicht überall, wo man an der alten Kirche irre geworden
war, hatte sich alsbald eine neue Seelsorge der reformatorischen
Bewegungen gebildet. Vielfach standen die Laien, die ihren
Gott suchten, allein; nichts als der reine Text der Bibel war
nach den großen reformatorischen Vorbildern ihr Leitstern. Aber

Kolde, Luther 2, 168.
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        314 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

sie lasen die heilige Schrift nicht mit vorsichtig philologischer
Interpretation, sondern hingerissen vom Wort, gläubig er—
schauernd in erregter Einbildungskraft. Aus solchem Thun
mußte ein Gefühlschristentum sehr verschiedenartiger Form und
ungleichen Wertes hervorgehen. Das umsomehr, als den
Suchenden auf süd- und mitteldeutschem Boden vielfach Einzel—
auffassungen alter, niemals völlig überwundener Sekten zu—
strömten: der Waldenser, der lombardischen Armen, der joachi⸗—
mitisch-franziskanischen Elemente, der Winkler, der Taboriten.
So entstanden überall, vielfach gemischt mit mittelalter—
lichen Resten, die Keime einer neuen, mannigfach abgestuften
Lehre. Gemeinsam war ihnen nur ein absoluter Biblizismus,
der die Interpretation der Schrift ganz in die Wortauffassung
der einzelnen Persönlichkeit verlegte, und dadurch vermittelt ein
weithin entwickelter absoluter Subjektivismus — denn wie
sollte die Autorität der Bibel bestehen bleiben können gegenüber
einer in sich willkürlichen Art der Auslegung? Dieser Subjek—
tivismus aber führte, soweit seine Jünger nicht in fanatisches
Fahrwasser gerieten, zu einer Toleranz, die weiter ging, als
die religiöse Duldung der Reformatoren.
War so die Grundlage dieser subjektivistischen Religions—
anschauung in sich schwankend und fast grenzenlos weit, so
lassen sich doch bei aller Verschiedenheit der Anschauungen im
einzelnen innerhalb der gesamten Bewegung zwei Strömungen
unterscheiden, deren Charakteristik anknüpfen kann an die Voll—⸗
kommenheitsideale der mittelalterlichen Mystik: denn wie alle
mittelalterlichen Sektierer und vornehmlich die Mystiker, so
fühlten sich auch die Anhänger dieses neuen Glaubens als be—
sonders Auserwählte, als höher stehende Christen: es ist ein
mittelalterliches, mehr äußerliches Moment ihrer Entwicklung
gegenüber dem Kernpunkt eines fast modernen Subjektivismus.
Nun hatte die mittelalterliche Mystik ein quietistisches und
ein enthusiastisches Vollkommenheitsideal entwickelti. Dem
quietistischen Ideal entsprach es, wenn jetzt in der neuen

S. Band IV Buch XII Kapitel 83 Nr. II.
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        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 315

Strömung teilweis der Gedanke auftauchte, als erkenntnis—
theoretisches Prinzip zum Verständnis der Bibel habe die
ruhige, innere, göttliche Offenbarung des Einzelnen zu gelten;
und dem habe im äußeren Leben eine vollendete stoische Ruhe
des vollkommenen Gläubigen zur Seite zu gehen, wie sie sich
zeige in Enthaltsamkeit vom Kriegsdienst und obrigkeitlichen
Amtern und im widerspruchslosen Erdulden aller Widerwärtig—
keiten des Daseins. Dem enthusiastischen Ideal dagegen ent—⸗
sprach eine Auffassung, wonach das Erkenntnisprinzip der Bibel
zegeben sei in Verzückungen intellektuellen Ursprungs, im visio—
nären Zustand, im Traum und in sonstigen inneren Phanta—
sieen; und diese Auffassung drückte sich in einer energischen, ja
fanatischen Betrachtung des äußeren Lebens aus, das dem
Bedankensystem der Gläubigen unterworfen werden müsse.
Die erstere Auffassung war in Oberdeutschland zu Hause;
ihr wichtigster Bildungsherd war Zurich, die Stadt des schweize—
rischen Reformators; die letztere Auffassung bildete sich vor—
nehmlich in den Grenzländern der husitischen Bewegung, in
Oberfranken, Thüringen, Sachsen; einer ihrer wichtigsten Durch—
zangspunkte war Wittenberg, die Stadt Luthers.
In Zwickau tauchte im Jahre 1520 oder 1521 eine Lehre
auf, die auf dem Erkenntnisprinzip der verzückten inneren
Offenbarung beruhte; von ihm aus wurde das baldige Nahen
des Reiches Christi erwartet, und ein Leben in Gütergemein—
schaft und paradiesischer Unschuld sollte hierauf vorbereiten.
Den Mittelpunkt dieser Bewegung bildeten in der industrie—
und bergwerksreichen Gegend die zahlreichen, sozial schwer ge—
drückten Tuchknappen; ihr Prophet war neben dem betrogenen
Betrüger Nicolaus Storch vor allem Thomas Münzer, seit 1520
Prediger in Zwickau, ein phantastischer Mann voll krankhafter
Unruhe, ohne Selbstzucht, eitel und feig, aber von einer
gelegentlichen Willenskraft, die durch keinerlei Hemmungs—
erscheinungen des Gewissens gelähmt ward, und darum in
seinem Wesen wechselnd zwischen dumpfem Brüten und düsterem
Thatendrang.
In Zwickau wurde aber das Treiben der Schwarmgeister,
        <pb n="325" />
        316 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

sobald es sozial bedenklich erschien, nicht länger geduldet; der
Rat schritt ein, und die Propheten wurden eingekerkert oder
entflohen. Münzer entkam nach Böhmen, um die Bibel als
Buchstaben, die Offenbarung als Geist zu verkünden; Storch
und einige andere wandten sich Ende 1521 nach Wittenberg.
Es war, wie wir uns entsinnen!, der Augenblick, da
Karlstadt seine radikale Umformung des alten Gottesdienstes in
der Wittenberger Gemeinde durchzusetzen begann; mit offnen
Armen nahm er die Schwärmer auf. Die Folgen sind bekannt;
es kam zum Bildersturm und zum Sturz der Altäre; Luther
trat auf; in den gewaltigen Invocavitpredigten reinigte er die
Gewissen seiner Wittenberger Gemeinde vom Spuk radikaler
und schwärmerischer Ideen. Das veranlaßte den Abzug der
Schwärmer aus Wittenberg, unter ihnen auch Karlstadts.
Storch ging nach Süddeutschland; Karlstadt, nun ganz
Enthusiast geworden, zog aufs Land nahe Wittenberg; er wollte
werden, wie die Kindlein; er kaufte ein Gut, ging barhäuptig
und ließ sich von den Bauern nicht mehr Doktor nennen, son—
dern Nachbar Endres; so hatte der Geist es ihm eingegeben.
Allein nicht lange litt es ihn in dörflicher Ruhe; er wanderte
weiter nach Orlamünde im Thüringischen und ward zum
schwärmerischen Pfarrer des Orts. Und er hatte Erfolg. Die
Gemeinde hielt es mit seinen Erleuchtungen, stürzte mit ihm
zum Bildersturm und zerriß die Altäre. Luther, der ihm
persönlich gegenübertreten wollte, erhielt in Orlamünde den
übelsten Willkomm; es blieb ihm nichts übrig, als bei Kur—
fürst Friedrich die Ausweisung Karlstadts zu erwirken. Karl—⸗
stadt wandte sich nach Süddeutschland.
Inzwischen war Münzer zum weit gefährlicheren Agitator
geworden. Von Prag aus war er im Jahre 1522 auf kurze
Zeit in Wittenberg erschienen, dann ging er Anfang 1523 als
Pfarrer nach Allstedt bei Sangerhausen. Hier verheiratete er
sich und begann seine Ideen agitatorisch zu verwerten. Er
ließ keinen Zweifel, daß er die Gemeinschaft mit Gott in

S. oben S. 294.
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        Weiterbildung der religisösen Ideen, soziale Revolution. 317

Erscheinungen, Träumen und Offenbarungen über die Bibel
stelle: „Was Bibel, Bubel, Babel, man muß auf einen Winkel
kriechen und mit Gott reden!“ Die in Gemeinschaft Gottes
Stehenden aber sind die Auserwählten; weit stehen sie über
dem Wittenbergischen Papst und den Geistlichen der alten
Kirche: diese sind Tiere des Bauchs: „Oho, sie nehmen gerne
rote Gulden mit großer Andacht.“ Die Auserwählten stehen
auch weit über den Fürsten dieser Welt, die nichts andres sind,
denn Henker und Büttel, eine „Grundsuppe des Wuchers, der
Dieberei und Räuberei; man muß sie erwürgen, wie die
Hunde“. Die Auserwählten aber werden die Kirche Gottes
bauen, sie werden die Welt kommunistisch ordnen, sie werden
herrschen ewiglich.
Es sind Lehren revolutionärster Art; bald zeitigten sie
zrtliche Gewaltthat. Und Münzer griff weiter. Er gewann
die Mansfelder Berggesellen, er sandte Landläufer aus in die
Orte zwischen Thüringerwald und Harz, er suchte, freilich ver—
gebens, Verbindung mit Orlamünde und Karlstadt.
Lange haben die sächsischen Fürsten, die Allstedt gemeinsam
regierten, diesem Treiben unthätig zugesehen. Erst als Luther
sie durch ein Sendschreiben über die „Furie von Allstedt“ auf—
rüttelte, sahen sie zum Rechten. Als sie eingriffen, entfloh
Münzer, am 8. August 1524, zunächst nach Mühlhausen, dann
nach dem südlichen Deutschland. Von hier aus schimpfte er
agitatorisch fort; Mitteldeutschland schien beruhigt.
Bald zeigte sich indes, daß die thüringische Bewegung,
wenn auch durch Männer wie Karlstadt und Münzer außer⸗
ordentlich geschürt, doch auf tieferen, allgemein verbreiteten Ur⸗
jachen beruhte. Das in Orlamünde und Allstedt gedämpfte
Feuer brach in Mühlhausen verheerender aus.
Mühlhausen war um das Jahr 1523 eine nach den Be—
griffen der Zeit bessere Mittelstadt, während Orlamünde und
Allstedt kleine Orte waren; es hatte etwa 5000 Einwohner;
es besaß lebhaftes Gewerbe in Bier und Tuch; es war Hanse—
stadt; es war mit seinen drei Klöstern und etwa fünfzehn
Kirchen und Kapellen ein kirchliches Centrum; es hatte in der
        <pb n="327" />
        318 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Ausbildung einer plutokratischen Ratsverfassung, in der Verbreite—
rung des Gegensatzes zwischen Arm und Reich, in der Entwicklung
einer politisch rechtlosen Gemeinde gegenüber dem Rat die allge—
meinen Schicksale der größeren Städte des 15. Jahrhunderts typisch
mit erlebt. Sprang die schwärmerische Bewegung hierher über,
so fand sie ganz andern sozialen Zündstoff, als in ihren vor—
nehmsten Standorten bisher; ein blutiges Beispiel alles Unheils
war zu erwarten, das sie in Verbindung mit den Bestrebungen
eines fortgeschrittenen Proletariats anzurichten imstande war.
Anfang des Jahres 1523 kam nach Mühlhausen Heinrich
Pfeiffer, ein verlaufener Mönch eines Klosters des Eichfelds,
der seit 1321 als Prädikant des neuen Wortes vagabundiert
hatte. Er predigte sofort gegen die alte Kirche mit aufrühre—
rischen Motiven: die Klerisei sei vom Teufel; ihr Eigentum sei
armer Leute Schweiß und Blut. Der Rat, reformatorisch ge—
finnt, blieb ihm gegenüber anfangs unschlüssig; so glitt die
von Pfeiffer bewirkte Erregung in revolutionäres Fahrwasser.
Die Gemeinde stand auf; sie formulierte ihre lange zurück—
gehaltenen Forderungen gegenüber den Geschlechtern: bessere
Zusammensetzung des Rates, geringere und gerechtere Steuern,
vor allem Mitwirkung der Gemeinde an der Regierung durch
einen Ausschuß. Als der Rat die Annahme verweigerte, kam
es zu offener Gewalt; die Klöster wurden geplündert (8. Juli
1523). Darauf gab der Rat nach, doch Pfeiffer, der in der
nachwogenden Dünung der Revolution weiter hetzte. ward aus—
gewiesen.
Indes es trat keine volle Beruhigung ein. Eine radikale
Partei war aus den Kämpfen festgebildet zurückgeblieben;
Pfeiffer kehrte schließlich unter ihrem Schutze zurück und be—
gann nun vollkommen münzerische Ideen zu entwickeln. Er
sprach vom kommenden Reiche des Glücks, er verwarf die be—
stehende Obrigkeit; er erregte einen Bildersturm bis über das
städtische Weichbild hinaus. Und nun erschien Münzer selbst;
am 24. August 1524. Er begann eine Agitation voll wahn—
witziger Schlagwörter; er führte die Menge von neuem zum
Bildersturm, er schüchterte die Feigen unter dem Rate ein und
        <pb n="328" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 319

vertrieb die Beherzten. Darauf begann er ein ungeordnetes,
in hohlen Phrasen sich ergehendes Regiment voll theokratischer
Schrecknisse; die Stadt befand sich am Rande des Abgrunds.
Es ist der Augenblick, da die Schutzherren der Stadt,
Philipp von Hessen und Georg von Sachsen, sowie ihre länd—
lichen Unterthanen, aufgeboten von den letzten besonnenen Resten
des Rates, die Gegenrevolution begannen und Münzer und
Pfeiffer vertrieben (27. September 1524). Von da ab mündete
die Bewegung in den mitteldeutschen Bauernkrieg des Jahres
1525 ein, in dem Pfeiffer und Münzer schließlich unterlegen
sindJ.
Die Mühlhausener Vorgänge nicht minder wie die früheren
kleineren Bewegungen hatten gezeigt, daß das enthusiastische
Schwärmertum keine Zukunft besaß. Verloren in einen wüsten
Subjektivismus, wahllos und willkürlich, oberflächlich und
ordnungsfeindlich, mußte es in furchtbaren Katastrophen, die
doch nur den Wert von Episoden hatten, zu Grunde gehen.
Ganz andere Bedeutung hatte das quietistische, oberdeutsche
Schwärmertum, wie es von Zürich mit zuerst ausging.
Nach Zürich, der Stadt kirchlicher Reformation und an—
scheinend religiöser Duldung, waren seit dem Auftreten Zwinglis
die Sektierer aus allen Orten zusammengeströmt, aus dem
schwäbischen und bairischen Oberland, aus Basel, aus dem
Thurgau, aus Graubünden. Anfangs ruhig sich unterordnend,
begannen sie seit 1628 einen Kreis selbständiger Meinungs⸗
äußerung gegenüber Zwingli zu bilden. Sie mißbilligten
Zwinglis Haltung in der Frage der Berechtigung der Zinse
und Zehnten, sie fanden seine reformatorischen Fortschritte nicht
radikal, nicht biblisch genug. Sie wollten, verstärkt durch
Züricher Handwerker, eine besondere Gemeinde des Heils bilden
in Verfolgung des apostolischen Beispiels, und sie gewannen
für ihre schwärmerischen Bestrebungen die Gunst einiger vor—⸗
nehmer Männer Zürichs. So entstand ein traumseliges Ge—
meindeleben in der kommunistischen Reinheit des Pfingstfests,

S. unten S. 349 ff.
        <pb n="329" />
        320 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

der Welt abgeschieden, demütig in Leid und Ertragung, hoch—
mütig in der Kritik anderer, noch ohne ausgebildete Lehre,
ohne kirchlichen Zwang: kaum, daß Unwürdige ausgestoßen
wurden.
Aber im Jahre 1524 wuchs die Gemeinde immer mehr,
und in der Verwerfung der Kindertaufe zeigte sich ein erstes,
wenn auch zunächst nur negatives Moment kirchlichen Ab—
schlusses. Es war ein Punkt, von dem aus sich immerhin
schon eine äußerliche Scheidung der Geister vollziehen ließ,
und Zwingli benützte das, um am 28. Januar 1528 die Häupter
des neuen Glaubens aus Zürich zu vertreiben.
Aber vor der nun eintretenden ersten Not der Verfolgung
verbanden sich die Häupter der Gemeinde noch einmal durch
erneute Taufe und nahmen darauf das Nachtmahl Christi, auf
daß sie alle eins und je einer des andern Bruder in Christo
wären!. So wurden sie zu Wiedertäufern: eine kirchliche Institu—
tion verband jetzt die Glieder zu einer auch äußerlichen Gemein—
schaft; als Angehörige einer neuen, verhaßten, verachteten Kirche
zogen die Verbannten hinaus unter das Volk der oberdeutschen
Stämme, ein neues Evangelium zu predigen. Und in Sturmes—
eile flogen die Funken der neuen Lehre von Ort zu Ort;
namentlich in den Großstädten, in Bern und Basel, in
St. Gallen und Schaffhausen, in Straßburg und Speier, in
Augsburg und Nürnberg fanden sie entsprechende, vielfach
schon in eigener Entzündung emporlodernde Nahrung. Und in
Nürnberg, später in Augsburg, fand sich in Hans Denck, dem
Schulmeister von St. Sebald, dem Apollo der Wiedertäufer,
der Mann, der der neuen Lehre zu vollendetem spekulativem
Ausdruck verhalf. Ihm galt die Bibel zwar als Gottes Wort,
aber nur für den, der willens ist, es darin zu finden; vor
aller Offenbarung steht das religiöse Gefühl, das „innere
Wort“. Nur indem wir inne werden, daß ein Funken gött⸗
lichen Geistes in uns ist, daß das Reich Gottes in uns wohnt,
gelangen wir zum richtigen Verständnis der Bibel. Diese

Cornelius, Wiedertäufer 1, 27.
        <pb n="330" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 321

Empfindung aber ist uns angeboren als ein dunkler Drang
zum Guten; uns in ihr zu klären und zu stärken, hat Gott
Christus, seinen Sohn, in die Welt gesandt; so ist Christus
nicht unser Heiland, sondern nur unser Vorbild.
Man sieht den Zusammenhang mit dem mittelalterlichen
Vollkommenheitsideal, dem Christus vornehmlich auch nur als
Wegweiser galt; man sieht die vollständige Abweichung von
Luthers Lehre und die Betonung der Selbständigkeit des Sub⸗
jekts im Sinne eines späteren Jahrhunderts. Und man wird
zugleich nicht den milden, quietistischen Zug der Lehre ver—
kennen.
Eben dieser Zug vor allem zeichnete das Leben der ober—
deutschen Brüder aus. Fern blieben sie dem Besuch öffent—
licher Lustbarkeiten, der Einkehr in Zunftstuben, der Teilnahme
an den Versammlungen der selbstverwaltenden Körperschaften in
Stadt und Land; verboten erschien ihnen Eid und Schwert,
Kriegsdienst und obrigkeitliches Amt, ja das Erstreiten guten
Rechts vor dem staatlichen Richter. So, ohne ein Verhältnis
zu irgend etwas Außerlichem, frei in freigewählter Armut, mit—
teilend dem Bedürfnis der Brüder und Schwestern, was immer
sie hatten, lebten sie dahin, geduldig in Leid, der Verfolgung
harrend: denn der Feigenbaum blüht, der Sommer ist nahe,
und die Erlösung der Frommen herbeigekommen. Dabei er—
füllte sie der Wanderdrang der irischen und angelsächsischen
Mönche, der Waldenser, Tertiarier und Taboriten, und mit
ihm die stille Lust an geheimer Propaganda. Mit dem Gruße
des Friedens betraten sie die Hütten, schlugen die Bibel
auf und lehrten das Evangelium in ihren Zungen. Und wo
man sie erhörte in Stadt und Land, da besiegelten sie den
neuen Bund der Heiligen mit wiederholter Taufe und weihten
die Brüder zu Märtyrern Christi und geduldigen Bekennern
der kommenden Zeit des Entchrists.
So floß die neue Bewegung freudig dahin in den Tiefen
der Nation, unter Handwerkern und Bauern zumal, ge—
tröstet in Hoffnung, geduldig in Trübsal: bald umfaßte sie
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 21
        <pb n="331" />
        322 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

alle Stillen im Oberland. Was sollte ihr Schicksal sein? Es
ist eine Frage, die bei der Leidensstimmung der Gläubigen
einstweilen mehr von den großen reformatorischen Bewegungen
Zwinglis und Luthers, und bei ihrer staatlichen und gesell—
schaftlichen Indifferenz vielleicht noch mehr vom Verlauf der
gleichzeitigen sozialen und politischen Strömungen abhing.

III.

Während sich in den Jahren 1521 bis 1524 eine reißende
Entwicklung der religiösen Ideen vollzog, traten zugleich die
politischen Ergebnisse jener sozialen Bewegung zu Tage, die
seit spätestens dem Ende des 14. Jahrhunderts begonnen hatte.
Es sind die Ergebnisse, deren spätere Durchschlingung mit den
Wirkungen der geistigen Bewegung das Schicksal der Reforma—
tion, ja unseres Volkes überhaupt mindestens während der
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bestimmt hat.
Noch Kaiser Sigmund hatte im Anfange seiner Regierung
eine monarchische Reform der Verfassung mit Hilfe der Städte
gegen die Fürsten versuchti. Er war damit infolge der Lau—
heit der Städte und noch mehr infolge des energischen Handelns
der Kurfürsten gescheitert. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts
war dann keine Frage mehr gewesen, daß die Reichsverfassung
nur noch in föderalistisch-fürstlichem Sinne entwickelt werden
könne; die Städte waren zurückgedrängt; genug, wenn ihr
finanzieller Widerstand gegen Schluß der Regierung Kaiser
Friedrichs IIII. den vollen Sieg der Fürsten noch einmal ver—
eitelt hatte?. In den Zeiten Maximilians J. hatten dann alle
Bestrebungen im föderalistischen Sinne, von Fürsten getragen,
auch fürstlichen Charakter gezeigt; und seit dem Reichstag zu
Köln im Jahre 1512 waren sogar schon Anzeichen einer den
Städten feindlichen partikularen Reichsgesetzgebung und par—
teiischer finanzieller Belastung hervorgetreten.

S. Band IV Buch XIII Kapitel 2 Nr. V.
S. Band IV Buch XIII Kapitel 3 Nr. III.
        <pb n="332" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 323

Der fürstliche Föderalismus hatte denn auch die Wahl
Karls V. beherrscht. In seiner Wahlkapitulation hatte der
Kaiser versprechen müssen, ein Reichsregiment im Sinne des
Regiments unter Kaiser Max einzurichten, und alsbald, nach—
dem er ins Reich gekommen, war er an die Ausführung dieses
Versprechens gemahnt worden. Auf dem Wormser Reichstage
des Jahres 1521 überreichten ihm die Stände einen Entwurf
lüber Errichtung des Reichsregiments wie des Kammergerichts;
auf diesem Gebiete vor allem andern drangen sie auf feste
Beschlüsse.
Der ständische Entwurf des Reichsregiments ging sehr
weit; durchgeführt hätte er die Herabsetzung des kaiserlichen
Amtes zu einer bloßen Würde, zu einem Ornament bedeutet.
Und auch die Städte wären dabei ihrer verfassungsmäßigen
Bedeutung im Reiche fast ganz entkleidet worden.
Karl V. dachte natürlich nicht daran, einen solchen Ent—
wurf ohne weiteres anzunehmen. Allein in den langwierigen
Verhandlungen, die jetzt begannen, mußte er sich doch, da er
der kriegerischen Hilfe des Reiches bedurfte, in manchen
Punkten den fürstlichen Ansprüchen fügen. Zwar sollte das
Regiment nur während der Abwesenheit Karls selbständig,
sonst nur als Reichsrat neben ihm thätig sein; man wußte
aber, daß der Kaiser viel außerhalb des Reiches sein werde.
Auch sollten dem Kaiser die auswärtigen Angelegenheiten
grundsätzlich vorbehalten sein; doch wurde durchgesetzt, daß
das Reichsregiment mit andern christlichen Ständen und Ge—
walten handeln möge, um den Anfechtern des Reiches Wider—
stand zu thun. Im ganzen war das Regiment politisch doch
ziemlich ständisch, d. h. fürstlich charakterisier. Dem Wider—
part zu halten war auch die Statthalterschaft des Erzherzogs
Ferdinand zunächst wenig imstande; denn Ferdinand war
einstweilen noch nicht einmal des Deutschen mächtig und
mußte darum den Vorsitz im Regiment einem deutschen Fürsten,
dem fröhlichen und verbindlichen Pfalzgrafen Friedrich, über—
tragen.
So fanden denn die deutschen Fürsten jetzt fast völlig
91*
        <pb n="333" />
        324 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

freie Gelegenheit, zu zeigen in welchem Sinne ihnen eine ein—⸗
heitliche Leitung der Nation Möglichkeit und Bedürfnis sei;
namentlich seitdem Karl nach Spanien gegangen war und ihn
dort einheimische, französische und italienische Dinge aufs
mannigfachste in Anspruch nahmen, waren sie in ihren Ent—⸗
schlüssen nahezu sich selbst überlassen.
Wie sie darauf die Angelegenheit der Reformation und
Luthers behandelten, wissen wir!; das Endergebnis war eine
Duldung, die nur durch die Furcht vor Umsturzbewegungen
im Falle strengen Durchgreifens erzwungen ward.
Wie aber entwickelte sich die Lage auf sozialem und poli—
tischem Gebiete?
Das Regiment, wie es um die Wende der Jahre 1521
und 1522 seine Thätigkeit begann, war aus klugen Köpfen
und energischen Männern zusammengesetzt; die Blüte der
höheren Beamten der neuentwickelten Territorialverwaltungen
saß darin, allen voran der treffliche Franke Hans von
Schwartzenberg. Und sofort ergriff man im Regiment die
Frage der Reichsreform am richtigen Zipfel. Es wurden Vor—
lagen ausgearbeitet über die finanzielle Sicherung des Reichs—
regiments und des Kammergerichts und über eine Reichsvoll⸗—
zugsordnung zur Durchführung des Landfriedens. In beiden
Fällen handelte es sich im Grunde um die Frage der Reichs—
finanzen. Und hier liefen nun die Pläne des Reichsregiments
auf eine volle finanzielle Mündigkeit und die Entwicklung einer
völligen Steuerverfassung des Reiches hinaus. Man dachte
an einen verbesserten gemeinen Pfennig, an eine starke Be—
steuerung des Klerus, an die Konfiskation der dem Papste aus
Deutschland zu zahlenden Annaten zu Gunsten des Reichs—
säckels, endlich an ein Reichszollsystem: es waren Pläne so
weitgehend, daß man bei ihrer Durchführung auch ein Reichs—
heer gegen die Türken, deren Sultan im August 1521 Bel—⸗
grad erobert hatte, wohl hätte aufstellen können.

S. oben S. 302 f.
        <pb n="334" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 325

Der Nürnberger Frühjahrsreichsstag von 1522 hatte über
diese Vorlagen zu beraten. Es kam nichts zu stande; die Klerisei
schrie, die Fürsten fehlten. Die Städte aber, aufgebracht
durch einige provisorische Veranlagungen, in denen sie zu
Gunsten der Fürsten unglaublich überschätzt worden waren,
beschlossen, sich gegen den Reichszoll, der ihrem Handel drohte,
energisch zu wehren. Nach dem Reichstage kamen sie im
Sommer 1522 auf einem besonderen Tage zu Eßlingen zu—
sammen und schärften die Waffen ihrer Gründe und ihres
Einflusses für die Entscheidung, die im nächsten Reichstage
fallen mußte.
Es war der Nürnberger Novemberreichsstag vom Jahre
15221. Die Städte erschienen auf ihm ungemein zahlreich
und glänzend; langsam kamen die Fürsten. Die gegenseitige
allgemeine Entfremdung lag in der Luft. Zum Ausdruck kam
sie zunächst in einem nebensächlichen Punkte. Eine vom Kaiser
erbetene Türkenhilfe sollte in Geld gezahlt werden. Hiergegen
machten die Städte, welche bei dieser Art der Aufbringung
übervorteilt zu werden fürchteten, den Vorschlag, sie wollten
ihren Beitrag in Leuten stellen. Daraufhin ward ihnen am
16. Dezember 1522 eröffnet: auf ihren Vorschlag käme es nicht
an; was Kurfürsten, Fürsten und andere Stände des Reiches
beschlossen hätten, das sei nach altem Brauch als Beschluß der
Stände überhaupt zu betrachten. Es war klar: um später ge—
gebenen Falls den Reichszoll durchsetzen zu können, bestritten
die Fürsten den Städten die volle Reichsstandschaft, die zu er—
werben sie ihnen eben gegen Schluß der Regierung Fried—
richs III. behilflich gewesen waren. Und wirklich erklärte der
Reichstag schließlich trotz aller Vorstellungen der Städte: die
Städte hätten am Reichstag niemals wie die Fürsten ge—
stimmt; seien sie hie und da in Ausschüsse gekommen, so sei
das nicht auf Grund eines Stimmrechts geschehen, „sondern

S. oben S. 302f.
        <pb n="335" />
        326 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.
aus gnädigem und günstigem Willen und mehrmals aus Mangel
anderer Versonen“

In diese für die Städte höchst peinliche Lage fiel ein
Schreiben des Kaisers ein, das die Hauptfrage, den Reichs—
zoll, wieder in den Vordergrund drängte und hierfür die Grund—
lage der Erörterung sehr zu Gunsten der Städte verschob.
Das Reichsregiment hatte den Kaiser um Genehmigung
der Finanzvorlage gebeten, diese aber nicht weiter abgewartet,
da an seiner Zustimmung nicht gezweifelt wurde. Nun meldete
aber das kaiserliche Schreiben am 26. Dezember 1522, der
Kaiser hege gerade gegen den Reichszoll wegen der nicht völlig
sicheren Wirkung auf die Niederlande Bedenken; ehe er sich
entscheide, wolle er Genaueres wissen über die Gestaltung des
Tarifs, über die Zollgrenze und andere technische Fragen.
Jetzt blieb nichts übrig, als den Beschluß über den Zoll aus—
zusetzen und an den Kaiser von neuem zu berichten. Das
Regiment that das unterm 8. Februar 1523 in dringend em—
pfehlendem Sinne.

Aber konnten die Städte nicht auch an den Kaiser gehen
und ihn zu unterrichten suchen? Am 22. März 1528 be—
schlossen sie auch ihrerseits eine Gesandtschaft an den Kaiser,
und am 8. August empfing Karl ihre Boten zu Valladolid.
Die Boten führten aus: der Reichszoll werde sie ruinieren, zu—
mal man auch gegen die Monopole geschlossen vorgehen wolle?;
er sei unmöglich. Aber wozu bedürfe die Majestät überhaupt eines
Reichsregiments, das sie stets beunruhige? Besser, das Regi—
ment höre auf; den Städten genüge der Majestät Bruder als
Reichsstatthalter und eine tüchtige Besetzung des Kammer—
gerichts, und am liebsten sähen sie Ferdinand als römischen
König.

Was sollte der Kaiser auf diese verführerischen Sätze
antworten? Und konnte der Kaiser, ganz davon abgesehen,

Baumgarten, Karl V., 2, 805 Anm.
2 S. dazu oben S. 96f.
        <pb n="336" />
        Weiterbildung der religiössen Ideen, soziale Revolution. 327

gegen die Städte vorgehen? Hörte er nicht aus ihren Worten
die Stimmen der Fugger, der Welser, aller jener Großkaufleute
heraus, denen er ewig verschuldet war, der finanziellen Stützen
der katholischen Welt? Und gedachte er jemals stärkere finan—
zielle Hilfe aus Deutschland' erhalten zu können, von wem
anders konnte er sie erwarten, als von den Städten? Schon
Macchiavelli hatte gesehen, daß die flüssige Wirtschaftskraft
der behäbigen Nation allein in den Städten lebe, aus ihnen
allein zu heben sei. Zudem: die teilweis zwinglischen und auch
ganz allgemein schweizerischen Neigungen vieler oberdeutschen
Städte waren dem Kaiser wohl bekannt. Sollte er den Anstoß
dazu geben, die Städte auf die Seite der Eidgenossen zu treiben,
deren unklare Haltung ihn in seiner italienisch-französischen
Politik fortwährend in peinlicher Spannung erhielt? Der Kaiser
ließ schließlich antworten: die Städte würden, falls sie ihm
rziemlich Hilfe und Steuer thun wollten, bei ihm und seiner
deutschen Botschaft gnädige und ehrbare Antwort und endliche
Abschaffung des Zolles finden.
Kein Zweifel: die Städte hatten in dem Kampfe um den
Reichszoll gesiegt. Denn wie hätte das Reichsregiment ihrem
und des Kaisers vereintem Willen widerstehen sollen? Und mit
dem Reichsregiment hatten auch die Fürsten, dessen Auftrag—
zeber, eine teilweise Niederlage erlitten.
Unter diesen Umständen hätten die Fürsten alles daran
setzen müssen, ihr Organ, das Reichsregiment, in jeder Hinsicht
zu halten und zu heben. Allein das Gegenteil geschah. Zum
Verständnis dieser merkwürdigen Schwenkung, in deren Verlauf
der letzte Versuch einer föderalistischen Reform im Sinne der
Zeit Kaiser Friedrichs IIIX und Kaiser Maxens zu Grunde
zing, müssen wir die Entwicklung einer schon längere Zeit in
den Vordergrund gedrängten sozialen Klasse verfolgen, des
niederen Adels.

Dem niederen Adel war längst sein eigentliches soziales
Lebensideal entzogen worden. Wo waren die Zeiten hin, da
        <pb n="337" />
        328 J Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

er sich als den einzigen wehrhaften Stand der Nation hatte
rühmen dürfen! Längst waren die Heere aus dem Zulauf der
Landsknechte beschickt worden, und eben Kaiser Max, der letzte
Ritter, hatte dieser Heeresart Halt und Organisation gegeben.
Wozu also noch der ritterliche Adel? Die Meinung auch ruhig
denkender Männer war, daß er in den Bürgerstand aufgehen
müsse.
In der That hätte der Adel diesen Vorwürfen und dem
eignen Verfall nur entgehen können, hätte er ein neues Ideal
nationalen Dienstes verfolgt. Aber davon blieb er, wenigstens
in den Gebieten des Mutterlandes, weit entfernt. Er begann
endgültig geldwirtschaftlichen Erwerb zu verabscheuen; er ver—
mied es auch, Landwirtschaft im großen zu treiben, wie der
Adel der Kolonialgebiete. Unbeweglich horstete er auf seinen
Burgen in starrem Konservatismus; wie bisher sollte ihn auch
ferner der grundholde Bauer ernähren. Damit knüpfte er sein
Geschick an das wirtschaftliche Schicksal der bäuerlichen Welt;
und da er von deren Überfluß lebte, so mußte ihn das volle
Unglück seiner Grundholden im 15. Jahrhundert noch früher
treffen, als diese selbst. Seit etwa 1450 ist dieser Zusammen⸗
hang klar; das Dasein des Adels wird wirtschaftlich erbärm—
lich, sittlich verworfen; ganz anders, als bisher, tritt das
Raubritterwesen auf und wird als berechtigt betrachtet.
Gleichzeitig aber erstarkten die Territorien. Konnten die
Fürsten, deren erstes Bestreben die Ruhe ihrer Länder war, die
jeder Gewaltthat geneigte Lebenshaltung des Adels billigen?
Sie gingen gegen den räuberischen Territorialadel vor, so
namentlich im Bayrischen und Brandenburgischen; sie suchten
zugleich da, wo, wie in Franken und am Rhein, eine zahlreiche
Reichsritterschaft zu voller Unabhängigkeit saß, diese zu unter—
drücken.
Es waren Zustände, die schon um die Wende des 15. und
16. Jahrhunderts zu einer allgemeinen Spannung zwischen
Fürsten und Adel, Reich und Reichsritterschaft führten. Und
noch schien der Adel hier und da kräftig genug, um sich selbst
zu helfen. In Schweinfurt stellte im Jahre 1507 eine Anzahl
        <pb n="338" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 329

fränkischer Ritter eine „Beschwernis gemeiner Ritterschaft“
zusammen; man konnte in ihrer Bewegung den Anfang einer
Reform erblicken wollen. Allein bald stellte sich heraus, daß
auch jetzt noch dem Adel ein Verständnis seiner Lage abging.
Er wollte noch den Fürsten ebenbürtig auftreten, mit ihnen
verhandeln auf dem fast gleichheitlichen Fuße etwa des 14. Jahr⸗
hunderts. Er ignorierte die sozialen und politischen Verände⸗
rungen der letzten fünf Generationen; er lebte gleichsam nicht
in seiner Zeit.
Unter diesen Umständen mußten sich die anderen Stände
der Reform des Adels annehmen, die er selbst nicht verstand;
die Frage wurde im höchsten Grade eine öffentliche, eine Reichs⸗
frage. Von diesem Standpunkte aus wandte sich schon der
Kölner Reichstag des Jahres 1512 gegen das Raubritterwesen,
wenn er „unehrliche, unerhörte That und Mißhandlung“ ver⸗
dammte. Allein, was half eine so versteckte Ruge? Eben im
Jahre des Kölner Reichstags plünderte der tapfere Ritter Götz
don Berlichingen einen großen Warenzug, der von der Leipziger
Messe nach Süddeutschland ging, und selbst der Umstand, daß
seine Genossen ihn ächteten, hinderte ihn nicht an weiterer
Gewaltthat. Und bald ward er von Sickingen übertroffen.
Als einfacher Räuber hat auch Sickingen begonnen, mochte er
nebenher auch aus dem Betriebe von Bergwerken namhafte
Summen ziehen. Seine Fehde gegen Worms im Jahre 1514
hatte es nur auf unredlichen Erwerb abgesehen; im Jahre 1517
hat er im Mainzer Gebiet einen Warenzug schwäbischer Städte
mit seltener Frechheit geplündert. Reichsmandate halfen dem
gegenüber nicht; zum Schutze vor ihnen ward Sickingen Pen—
fionär des Herzogs von Lothringen und des französischen Königs.
Trat er dann im Frühjahr 1618, nunmehr schon politisch be—
deutend, auf die Seite Kaiser Maxens, so geschah auch das
nur unter dem Einfluß einer kaiserlichen Pension, und die
Schwenkung hinderte ihn nicht, bald darauf die deutschen
Tetritorien der Stadt Metz und des Landgrafen Philipp von
Hessen aufs jämmerlichste zu brandschatzen.
Was war gegen solche Ungeheuerlichkeiten zu thun? Kaiser
        <pb n="339" />
        330 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Max dachte noch in seinen letzten Jahren an eine Reichsreform
des Ritterrechts; wir wissen, daß er damit gescheitert ist!.
Darauf folgten die bewegten Zeiten der Kaiserwahl Karls; die
Ritter wirkten während der entscheidenden Tage im Sinne der
öffentlichen Meinung der Nation ein; Sickingen trat auf die
Seite des jungen Kaisers; er ließ davon ab, den Wormser
Reichstag zu beunruhigen?: es konnte scheinen, als ob sich
die Ritter politisch zusammenraffen, als ob sie sich klug der
ihnen ungünstigen Wendung der gesamten deutschen Entwicklung
fügen würden.
Allein die Haltung der Ritter im Beginne der Regierung
Karls blieb nur ein Zwischenspiel. Wie hätte man auch
glauben können, daß einige politische Ereignisse das Bewußt—
sein von der Anderungsfähigkeit und Anderungsnotwendigkeit
ihrer sozialen Lage würden beseitigt haben! In der Tiefe
gärten die Gegensätze weiter, und schon hatten die dumpfen
Emanzipationsgelüste des Adels mit den großen revolutionären
Richtungen des Zeitgeistes Verbindung gesucht, mit Reforma—
tion und Humanismus.
Der Vermittler nach beiden Seiten und damit die den
Bestrebungen des Adels auf Jahre hin unentbehrlichste Person
war Ulrich von Huttens. Ein Mann in den besten Jahren
reifender Mannesstärke, trotz unheilbarer Krankheit von un—
glaublicher Energie der Lebenslust, nach Freiheit dürstend,
von den stärksten Phantasieen getrieben, soweit es Größe
und Glück seines Standes galt, dabei begabt mit allen
Mitteln demokratischer Beredsamkeit, wenn auch nicht ohne
aristokratische Formgebung, kein großer Gelehrter, kein her—
vorragender Dichter, aber ein Agitator von Gottes Gnaden,
offen und wunderbar eingehend endlich auf alles geistig Große,
schien er recht eigentlich zu der ihm gerade jetzt bestimmten
Stellung geboren. Seit Januar 1520 war er von den Höfen,

S. oben S. 46.
3 S. oben S. 284.
s S. über ihn schon oben S. 200 ff.
        <pb n="340" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 331

an denen er zuletzt gelebt hatte, gleichsam vogelfrei erklärt
worden; wie Luther nach dem Wormser Reichstag hatte er
eines Asyls bedurft. Er fand es bei seinem Freunde Sickingen
auf der Ebernburg, im Mündungsbereich des Nahethals. Hier
nun, im Herzen des großen rheinischen Verkehrsgebietes, in—
mitten der zahlreichen Adelssitze des Landes, sah er die Mög—
lichkeit vollkommensten Wirkens in humanistisch und reforma—
torisch ritterlicher Richtung vor sich.
Nach humanistischer Seite galt es dabei nur die Fäden
festzuhalten, die Jahre früherer Thätigkeit gesponnen hatten;
längst war Hutten als einer der begabtesten jüngeren Huma—
nisten bekannt. Wichtiger aber war das Verhältnis zur Refor—
mation; ganz anders begann diese jetzt den Geist der Nation
zu beschäftigen, als früher der Humanismus. Und hier mußte
es darauf ankommen, die Einigungspunkte zwischen den aristo—
kratischen und den reformatorischen Bestrebungen herauszufinden
und ins Licht zu setzen. Es ist das Thema des Gespräch—
—F—
blatt deutet die eigenartige Verbindung der in ihm enthaltenen
Ideen an; auf einem Holzschnitt desselben kämpft ein ritter—
licher Haufe siegreich gegen die wehklagende Klerisei; darüber
sieht man in wuüͤrdiger statuarischer Haltung Luther und Hutten,
den Ritter mit seinem Wahlspruch: Perrumpendum tandem
est, perrumpendum est. In der That handelte es sich um
reformatorisch verbrämte kirchlich-politische Vorschläge zu Gun—
sten des Adels. Eine allgemeine Verminderung der Geistlichkeit
und eine Sälularisation des geistlichen Gutes sollte angebahnt
werden, und die Mittel des konfiszierten Gutes sollten zur
Durchführung einer Reichsreform Verwendung finden, als deren
wesentlicher Punkt die Aufstellung eines großen Reichsheeres,
und damit eines großen Wirkungsgebietes zur würdigen Be⸗
schäftigung des Adels, betont ward.
Und schon erwartete Hutten Ende 1620 die Verwirklichung
dieses Ideals nicht mehr auf friedlichem Wege. Er träumte
von einem frischen fröhlichen Pfaffenkriege durchs Reich unter
Sickingens Führung; ja, er suchte für diesen Bundesgenossen
        <pb n="341" />
        332 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

in Kreisen, die er sonst verabscheute; am Schlusse der Prädones
bringt er es über sich, sich symbolisch einen Angestellten des
Hauses Fugger zu verbinden; der Gedanke eines gemeinsamen
Vorgehens von Städten und Adel gegen Fürsten und Pfaffen
schlummert in der Tiefe seiner Pläne.
War nun bei solchen Anschauungen mit Sicherheit auf die
moralische Unterstützung der Reformation, auf die Billigung
Luthers zu rechnen?
Seit der Leipziger Disputation hatte Hutten mit Luther
Verbindung gesucht. Im Beginn des Jahres 1520 hatte er
sie durch Vermittlung Melanchthons gefunden. Aber zu einem
innigen Verständnis beider Männer führte sie nicht. Luther
traute Hutten nicht; er lehnte das Anerbieten eines Asyls durch
Sickingen nicht minder ab, wie im Juni 1520 das gleiche An—
erbieten seitens des fränkischen Ritters Silvester von Schaum⸗
burg; niemals hat er die revolutionären Ziele des Adels ge—
billigt. Fuür ihn galt der Satz „Durchs Wort ist die Welt
überwunden, durchs Wort die Kirche errettet, durchs Wort
wird sie auch reformiert werden!“: er wollte nichts wissen von
Aufruhr und Empörung: „Wenn Herr Omnes aufsteht, der
vermag Unterscheiden der Bösen und Frommen weder zu treffen
noch zu halten, schlägt in den Haufen, wie es trifft, und kann
nicht ohne großes gräuliches Unrecht zugehen.“
So ging die revolutionäre Strömung des Adels der Unter—⸗
stützung der Reformation verlustig; es zeigte sich, daß die
sozialen Bestrebungen der Ritter nur einer Kirchenreform be—
durften, deren Verwirklichung der Glaubensreform Luthers als
nebensächlich, ja falls eine tiefere Wandlung der Herzen aus—
blieb, als unsittlich erscheinen mußte?.
Aber die Ritterschaft ließ sich durch diese moralische Nieder⸗
lage nicht aufhalten. Immer unerträglicher war ihre wirt—
schaftliche Lage geworden; immer verbitterter sah sie sich auch
unter dem neuen Regiment politisch zurückgestellt; immer ver—

Brief an Spalatin vom 16. Jan. 1521.
S. dazu mit Rücksicht auf die Person Huttens schon oben S. 202.
        <pb n="342" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 333

haßter erschien ihr der Städter im gesellschaftlichen Wettbewerb
um die aristokratische Führung der Nation. Im Jahre 1521
zärte es überall; die schwäbischen Adligen planten ihren Austritt
zus dem fürstenfreundlichen schwäbischen Bunde; die Ritter—
schaft am Mittel- und Oberrhein hatte Sickingen in Landau
zum Hauptmann ihrer neuen „brüderlichen Vereinigung“ ge—
wählt und erwartete voll Spannung die weiteren Maßregeln
ihres Hauptes.
Sickingen hatte auf Seite Karls V. am Kriege gegen
Frankreich teilgenommen. Aber der Kampf hatte ihm nur
Verlust und Enttäuschung gebracht. Jetzt zog er heimwärts
mit müßigen Truppen. Lag es nicht nahe, diese für die Frei⸗
heit des Adels im Kampf gegen die fürstliche Geistlichkeit ein—
zusetzen? Einen Anfang zu machen mit dem großen Gedanken
der Säkularisation geistlichen Gutes? Die Idee hatte Sickingen
und seine Kreise schon früher beschäftigt; möglich, daß sie jetzt
hbon neuem, nun praktisch verwendbar, auftauchte. Freilich,
über den innersten Beweggründen Sickingens in diesem Augen—
hlick, da er dem Reich die Treue brach, lagert nicht minderes
Dunkel, wie über dem entsprechenden Momente im Leben
Wallenfteins, des zweiten großen Condottieres der deutschen
Beschichte. Es waren treulose Erwägungen, ungewohnt dem
deutschen Gemüt, ungewohnt auch dem Geschichtschreiber, der
sie nachzudenken die Pflicht hat.
Sickingen schien sich anfangs gegen Worms oder Speier
wenden zu wollen, schließlich brach er gegen das Kurfürstentum
Trier los, gegen das er wegen Rechtsverweigerung im einzelnen
gerechte Beschwerde hatte. Am 27. August 1522 sagte er die
Fehde auf, am 8. September erschien er vor der Stadt Trier
— DD schweren antichrist⸗
lichen Gesetz der Pfaffen zu erlösen und zu christlicher Freiheit
zu bringen“. Allein die Bürger hörten ihn nicht, und der
Erzbischof Richard von Greifenclau, ein hochgemuter und
kriegerischer Herr, zwang ihn, das Feld zu räumen; unter ent⸗
sfetzlichen Verwüstungen zog er sich ins untere Nahethal, den
Hauptsitz seiner Macht, zurück.
        <pb n="343" />
        334 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Das alles nun, die revolutionären Bewegungen unter dem
Adel wie der Zug Sickingens, hatte sich vereinigt, ohne daß
das Reichsregiment imstande gewesen war, einzugreifen:
woher hätte es hierzu die Mittel nehmen sollen? Erst am
8. Oktober 1822 erklärte es, nach vorhergegangenem Mandat,
Sickingen in die Reichsacht; Erzherzog Ferdinand selbst verlas
die Erklärung öffentlich und zerriß deren Urkunde nach altem
Brauche.
Allein was konnten diese Formalien helfen? Längst war
die Vollstreckung der Acht von einzelnen Fürsten in die Hand
genommen worden. Richard von Greifenclau hatte den Kur—
fürsten von der Pfalz und den Landgrafen von Hessen zu Hilfe
gerufen; diese waren herbeigeeilt und begannen nun den Kampf
gegen Sickingen und seine Helfer. Schon im Herbst 1522
brachen sie einige Burgen; zum Vernichtungskriege zogen sie
im Frühjahr 1528 aus. Sickingen wurde in seiner Hauptfeste
Landstuhl eingeschlossen; früh zeigte sich, daß die Burg gegen
die fürstliche Artillerie nicht zu halten war; Sickingen selbst
ward schwer verwundet. Dem Tode geweiht lag er in einem
tiefen Gewölbe seiner Burg; es blieb ihm nichts übrig, als
sich zu ergeben. Am 7. Mai zogen die Fürsten auf Landstuhl
ein; sie fanden Sickingen noch am Leben; in Gegenwart des
Pfalzgrafen, seines Lehnsherrn, versuchte er sich, alter Pflichten
gedenk, nochmals aufzurichten. Kurz darauf ist er. 42 Jahre
alt, verschieden.
Bald nach Sickingen, im Spätsommer 1828, starb Hutten.
Schon länger war er aus den Schlössern des mitteldeutschen
Adels entflohen; unstet und flüchtig, zum Tode siech, durch—
schweifte er Süddeutschland, bis Zwingli dem müden Manne
auf der Insel Ufnau im Züricher See eine Stätte bot. Aber
auch hier, mit dem Tode ringend, blieb er seiner Sache getreu.
Sein Testament war eine fürsten- und klerusfeindliche Schrift
In Tyrannos, die Eobanus Hessus nach seinem Tode nicht zu
veröffentlichen wagte; sein Nachlaß bestand in nichts, als seiner
Feder; „kein Buch, kein Hausrat mehr war ihm zu eigen.“
        <pb n="344" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 335

Es war das Ende der ritterlichen Revolution am Rheine.
Und inzwischen war auch der fränkische Adel zu Paaren ge—
trieben worden, der im Einverständnis mit Sickingen unter
der Führung des ritterlichen Räubers Thomas von Absberg
aufgestanden war. Der schwäbische Bund, diese fürstliche Ver—
tretungsgewalt des Reiches im Süden, hatte sich seiner an—
genommen; trotzdem, daß der Adel sich an die Vermittlung
des Reichsregiments wandte, ließ er seine Truppen gegen ihn
marschieren und brach im Verlauf weniger Wochen gegen zwei
Dutzend seiner schlecht verteidigten Burgen.
Es war das Siegel auf die gänzliche Unterdrückung der
sozialrevolutionären Bestrebungen des Adels; vergebens hatte
der führende Stand des platten Landes auf gewaltsamem Wege
eine Besserung seiner Lage erstrebt. Die Sieger aber waren
auf allen Punkten die Fürsten: sie, nicht mehr das Reich und
das Reichsregiment bestimmten den inneren, sozialen Gang der
Entwicklung.
Konnten nun die Fürsten, da sie einzeln oder in lockeren
je nach Gelegenheit geschlossenen Bündnissen ihre Interessen
aufs beste zur Geltung brachten, noch das Bestreben haben,
am Reichsregiment als ihrer ständigen, in schwerfälligen Formen
arbeitenden Vertretung festzuhalten? Schon im Mai 1528
waren die fürstlichen Sitze im Reichsregiment zumeist leer ge—
blieben, nur der Kurfürst von Mainz war noch vertreten. Am
10. Juli ließ sich auch Pfalzgraf Friedrich, der Vorsitzende,
nicht mehr halten; mißmutig reiste er ab. Funktionierte das
Reichsregiment trotzdem noch weiter, so zeigte sich doch auf
dem Reichstag zu Nürnberg im Anfang des Jahres 1524, daß
es nirgends mehr unter den Fürsten Anhang besaß; der Pfalz⸗
graf konnte seine unmittelbare Auflösung vorschlagen, ja man
ließ es ihm zu, daß er seine alten Rechte als Vikar des
Reiches während der Zeit der Abwesenheit des Kaisers betonte.
Kein Zweifel: den Fürsten wäre der gänzliche Verfall der einst von
ihnen mit soviel Ernst ertrotzten Behörde recht gewesen; sie sahen
ihre Interessen in gegenseitiger freier Vereinigung besser gewahrt.
        <pb n="345" />
        836 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Unter diesen Umständen mußten nunmehr der Kaiser und
sein Statthalter für das Regiment als das letzte wenigstens noch
symbolische Einheitsinstitut des Reiches eintreten: für dasselbe
Regiment, das Karl im Beginn seiner Herrschaft verabscheut
hatte. Aber indem dies geschah, erhielt das Regiment selbst
einen anderen Charakter. Es verlor sein föderatives Wesen,
es wurde im Grunde eine kaiserliche Behörde. Und zugleich
büßte es mit dieser Wandlung auch den Rest seines Ansehens
ein. Schließlich nach Eßlingen im Württembergischen, also
auf habsburgisches Gebiet verlegt, ward es das absterbende
Organ der Reichsverwaltung, die in dem Statthalter Ferdinand
verkörpert war.
Es war der letzte Versuch eines fürstlichen Föderalismus
im alten Stile. Er war gescheitert an dem Gegensatze zwischen
Städten und Fürsten, der trotz der Parteinahme des Kaisers
für die Städte doch im ganzen und großen zu Gunsten der
Fürsten gelöst ward. Er war gescheitert vor allem an dem
Siege der Fürsten über den revolutionären Adel. Ein Fürsten—
stand, der keinerlei sozial und politisch ebenbürtige Kräfte im
Reiche mehr neben sich sah, weder Bürger noch Ritter: was
bedurfte er noch ständischer Institutionen im Reiche? Er war
sich selbst genug; nur seiner Libertät lebend, nur seine Souve—
ränetät erstrebend mußte er jede föderalistische Fessel, sogar die
selbst geschmiedete, sprengen. Das war nun geschehen; mehr
als je bisher waren die Schicksale der Nation den einzelnen
Fürsten anvertraut. Und schon wartete ihrer neuen, verantwort⸗
licheren Stellung die ernsteste Prüfung. War die soziale Re—
volution des ländlichen Adels vereitelt und unterdrückt, konnten
sich die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Ritterschaft nur noch
nach unten hin Luft machen, so war mit um so unfehlbarerer
Sicherheit der rasche Ausbruch jener bäuerlichen Revolution zu
erwarten, der man auf Grund von tausend untrüglichen An—
zeichen schon längst entgegensah. In der That: kaum ein Jahr
nach Sickingens und Huttens Tode stand man vor dem Furcht—
baren: die Tiefen der Nation thaten sich auf.
        <pb n="346" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 337

IV.

Nach den letzten Aufständen im Schwäbischen und in den
südöstlichen Alpengegenden, von denen wir früher gehört!,
hatte die Gärung unter den Bauern überall fortgedauert.
Agitatoren zogen umher und sprachen auf Kirchweihen und
Märkten, zur Hochzeit und in der Schenke, und fast nie wurden
die Obrigkeiten ihrer habhaft. Und meisterhaft redeten sie in den
bittern Lauten einer über ein Jahrhundert alten Bedrängnis.
„Hilf Gott,“ heißt es in einem Flugblatt?, „wo ist doch des
Jammers je erhört worden? Sie schätzen und reißen den
Armen das Mark aus den Beinen .... Dazu müssen wir
Armen ihnen steuern, Zinsen und Gült geben, und soll der
Arme nichts minder weder Brot, Salz noch Schmalz daheim
haben mitsamt ihren Weibern und kleinen unerzogenen Kindern.
Wo bleiben hie die mit ihrem Handlehen und Hauptrecht? Ja,
verflucht sei ihr Schandleben und Raubrecht .... Hat ihnen
Gott solche Gewalt gegeben, in welchem Kappenzipfel steht das
doch geschrieben? Ja, ihre Gewalt ist von Gott, aber doch so
fern, daß sie des Teufels Söldner sind und Satanas ihr
Hauptmann!“ Und längst schon hatten es die Agitatoren zu
Schlagwörtern und Phrasen, ja zu denknotwendig erscheinenden
Ideen-Assoziationen gebracht. „Wer im 1528. Jahr nicht
stirbt, im 1524. nicht im Wasser verdirbt und 1525 nicht wird
erschlagen, der mag wohl von Wundern sagen“s, hieß es Land
auf Land ab; und die für das Jahr 1524 prophezeiten großen
Wasserflüsse verwandelten sich in der Anschauung der Zeit—
genossen schon früh in Ströme menschlichen Blutes.
Aus kleinen Verhältnissen heraus entwickelten sich die ersten
aufständischen Bewegungen im südlichsten Schwarzwald, vor
allem in der den Grafen von Lupfen gehörigen Landgrafschaft

1S. oben S. 114.
Zimmermann S. 131.
3 Friedrich, Astrologie und Reformation S. 14.
Zamprecht, Deutsche Geschichte V.

2
        <pb n="347" />
        338 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Stühlingen; veranlaßt wurden sie hier angeblich durch den
Befehl der Gräfin an die Unterthanen, Schneckenhäuschen zu
sammeln, daß sie Garn darauf winden möge. Diese Bewegungen
waren an sich ziemlich harmloser Art; man verweigerte dem
Herrn die Dienste und Zinse, er beweise denn sein Recht
dazu; man forderte freie Jagd, Vogel- und Fischfang in den
Bannwäldern und gebannten Fischwässern, man protestierte
gegen die Verhaftung der zu Strafen Verurteilten. Aber in—
dem die Bauern ihre Beschwerden vor die Schutzmacht der
Landgrafschaft, das Haus sterreich, brachten, und dieses, von
äußeren Kriegen und inneren Schwierigkeiten bedrängt, zudem
aller Geldmittel entblößt, die bäuerlichen Anliegen sei es mit
Recht oder mit Gewalt zu erledigen zögerte, gewann die Flamme
des Aufruhrs an Kraft und verbreitete sich weiter. Die Stüh—
linger nahmen Fühlung mit der dem neuen Glauben ergebenen
und darum gegen sterreich aufrührerischen Stadt Waldshut,
die ihrerseits bald von Zürich her unterstützt ward; sie sahen,
wie in ihrer Nähe der Habsburg feindliche Herzog Ulrich von
Württemberg vom Hohentwiel aus Anstalten traf, mit Hilfe
der bäuerlichen Bewegung sein Land zurückzuerobern; sie er—
lebten, daß in der That die Hegauer um den Hohentwiel auf—
standen und schworen, „gut Schweizer zu sein, voneinander nit
zu weichen, und einen Zug zu thun, wohin sie Gott belangte“;
sie brachen schließlich selbst in die Baar los und wiegelten
weite Teile der Landschaft auf. Und dem allen stand das
Haus sterreich nahezu rat- und thatlos gegenüber; noch nach
vier bis fünf Monaten war kein Heer aufgestellt; schon verließ
sich Erzherzog Ferdinand auf die allenfalls eintretende Hilfe
des schwäbischen Bundes.
Aber der Aufstand war bereits weiter gedrungen und hatte
begonnen, eine andere Färbung anzunehmen. Im Klettgau,
wo man mit der wirtschaftlichen Lage an sich zufrieden war,
hatte die Stadt Zürich als Schutzherrin des Gaues am
11. Oktober 1524 angefragt, ob die Bauern dem anhangen
wollten, daß man das Gotteswort und Evangelien heiter
predigen, und, was man mit der göttlichen Geschrift der Bibel
        <pb n="348" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 339

und des Neuen Testaments berühren und beweisen möge, öffnen
und frei verkünden solle? Die Bauern bejahten die religiöse
Frage mit einem sozialen Aufruhr: die Herrschaft solle nichts
mehr empfangen, wofür sie keine Briefe und Kundschaft habe.
Und bald darauf ließ sich Thomas Münzer, aus Thüringen
kommend, mitten im Gau nieder und „däpperte“ viel von
der Erlösung Israels.
Kein Zweifel, im Klettgau trat das religiöse Element,
zunächst von schweizerischer und schwärmerischer Seite, in die
bisher rein wirtschaftliche und soziale Bewegung ein. Und
schon erscholl jetzt auch im Schwarzwald und auf der schwä—
bischen Alb das alte Wort von der „göttlichen Gerechtigkeit“,
die man zu fordern habe; bis in die Abhänge des Breisgaus
und bis Rottweil am Neckar griff die Empörung aus. Den
rechten Zusammenhang aber fanden die wirtschaftlichen, sozialen
und religiösen Momente erst in Oberschwaben, zwischen Donau,
Lech, Alpen und Bodensee.
Und hier war es weniger die lutherische oder die zwinglische
Form der Reformation, vielmehr die Anschauung der oberdeutschen
Schwärmer, die geistig zu herrschen begann: ihr asketischer
Zug, ihre demokratische Lehre von der Erleuchtung namentlich
der Niedrigen und geistig Armen, ihre Behauptung von der
Willensfreiheit, die kommunistische Richtung endlich, die, wenn
nicht ausgesprochen, so doch verborgen ihrem Dasein zu Grunde
lag: Das alles mußte den bäuerlichen Revolutionären be—
sonders leicht nahe treten, zumal wenn es ihnen von ihres—
gleichen, den Bauernpredigern verkündet ward, deren Verständ—
nis der Offenbarung nicht über einen absoluten und wörtlichen,
somit schwärmerischen Biblizismus hinausging.
Drei besondere Haufen aufrührerischer Bauern thaten sich
in Oberschwaben auf, die Bodenseer, die dreinfahrendsten und
tapfersten aller, mit im wesentlichen noch rein sozialen Zielen,
die Bauern des Donaurieds, die unter dem Hufschmied Ulrich
von Sulmentingen den Landfrieden Christi aufrichten wollten
zu brüderlicher Liebe, wie ihn der Herr in den Abschiedsworten
der Abendmahlsscene nach dem Johannesevangelium befohlen
99 *
        <pb n="349" />
        340 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

habe; endlich die Allgäuer, die eine christliche Vereinigung der
Landart im Allgäu schufen, deren Aufgabe sein sollte, alle
Brüder in Jesu Christo bei dem hl. Evangelium zu handhaben.
Am 6. März 1525 traten dann die drei Haufen in Mem—
mingen, einem früheren Sitze erst lutherischer, dann schweize⸗
rischer Reformation, unter dem Einfluß des schweizerischen
Prädikanten Schappeler, des religiösen Agitators Lotzer und
wohl auch des Täuferapostels Ludwig Hetzer zu einer „christ⸗
lichen Vereinigung“ zusammen. Ihre weiteste Aufgabe bestand
in der Begründung einer gemeinsamen Landesordnung, deren
militärische Bestandteile besonders ausgebildet wurden; aber
darüber hinaus versuchten sie auch, ein allgemeines Programm
ihrer einzelnen Beschwerden auf religiöser Grundlage aufzu—
stellen. Das schließliche Ergebnis dieser Bemühungen waren
jene Zwölf Artikel, die schon am 19. März 1525 zu Ulm käuf⸗
lich zu haben waren, die bald durch alle Lande flogen, und die
von nun ab das gemeinsame Programm bäuerlicher Mindest—
forderungen im ganzen aufrührerischen Deutschland gebildet
haben. In maßvoller Sprache, doch nachdrücklich, ist hier die
Summe derjenigen wirtschaftlichen und sozialen Beschwerden,
welche gegen die Grundherren geltend gemacht werden konnten,
von der angeblich neutestamentlichen Forderung allgemeiner
äußerer Freiheit des Christenmenschen her gezogen; zugleich sind
die volkstümlichsten kirchlichen Forderungen, soweit sie das Ge—
meindeleben betrafen, aufgenommen, und es ist Sorge getragen,
daß sich auf der gewählten biblischen Grundlage, wenn nötig,
auch noch weitere Forderungen entwickeln lassen. Es ist die
vollendete Kodifikation aller jener Bestrebungen, die sich in den
kleinen Gebieten Schwabens von der Basis eines geschmälerten
markgenossenschaftlichen und grundholden Daseins aus gegen
die Grundherren aufstellen ließen.
Aber schon längst war die Bewegung über Schwaben hin—
aus in andere Gegenden, andere Verhältnisse gedrungen. Zwar
im südlichen Oberrheinthal war es im wesentlichen bei dem
schwäbischen Charakter des Aufruhrs geblieben; Scenen eines
schwärmerischen Kommunismus, wie sie am Kaiserstuhl sich ab⸗
        <pb n="350" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 341

spielten, wären auch an der Donau möglich gewesen. Allein
indem die Empörung den Rhein hinabschritt und sich den
größeren Territorien des Elsasses sowie der Pfalz näherte, erhielt
fie auch einen veränderten Charakter. Zwar galten auch hier die
Zwölf Artikel fast stets als das zu verwirklichende Programm
wirtschaftlicher und sozialer Forderungen; aber daneben stellten
sich neue, territorialpolitische Bitten und Beschwerden ein;
schon im mittleren Elsaß forderten die Bauern von Reichenweier,
Kaisersberg und anderen Dörfern!: wenn sie einen Amtmann
hätten, der nicht für sie sei, so wollten sie Gewalt haben, einen
nach ihrem Gefallen zu setzen; sie wollten auch keinen anderen
Fürsten haben, als der ihnen gefiele. Und Bestrebungen dieser
Art, die sich im Elsaß noch in einem uferlosen politischen
Radikalismus verloren, wurden in der Pfalz von dem ver—
ständigen Kurfürsten Ludwig V. zu nützlichen Reformen um—
gebogen, indem er, nach blutiger Besiegung der aufständischen
Bauern, sie selbst in die Hand nahm und ihren berechtigten
Kern auf dem gesetzlichen Wege des Landtagsbeschlusses ins
Leben führte. Weitaus am deutlichsten freilich zeigt sich die
neue Phase, in welche die bäuerliche Bewegung mit der Auf—
stellung territorial-politischer Forderungen getreten war, fern
vom ursprünglichen Gebiete des Aufstandes, in Oesterreich, be—
sonders in Tirol. Hier hatte der Haß des Volkes von vorn—
herein nicht nur den Grundherren, sondern auch den Landes—
herren und deren zu voller bureaukratischer Wirkung entfalteter
Verwaltung gegolten. Schon unter Kaiser Max hatte man
geklagt, doch hatte die volkstümliche Gestalt des Herrschers immer
wieder obgesiegt über das Grollen der Massen. Jetzt aber
regierte Ferdinand, das spanische Blut, und unter ihm be—
fahlen fremde Räte, und der neue Glaube, inbrünstig em—
pfangen, ward verfolgt, und die altgläubigen Großkaufleute,
die Gläubiger Ferdinands, wurden geschont und mit landes—
feindlichen Privilegien überschüttet.
Im Spätherbst des Jahres 1525 regte sich der Aufstand;

Hartfelder S. 93f.
        <pb n="351" />
        342 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

von Tirol griff er um sich bis ins Donauland, ins Salzburgische
und bis zu den Berg- und Hüttenleuten der steirischen Mark.
Den Mittelpunkt aber fand er im Herzen Tirols, in den
Thälern der Brennerstraße, in Meran und Brixen. Ein Meraner
Parlament der freien Bauern, die ihres Landtagsrechtes noch
immer genossen!, nahm hier den Plan radikaler politischer
Umgestaltung an, der dem Kopfe des früheren bischöflichen
Sekretärs von Brixen, Michael Gaißmayr, entsprungen war.
Darnach sollten die Kirchengüter im Lande säkularisiert, freie
Gemeindekirchen begründet, das Evangelium frei gepredigt werden.
Ferner sollten alle auf rechtlichem oder politischem Privileg
beruhenden Standesunterschiede, wie überhaupt alle Partikular—⸗
rechte beseitigt werden: der von der Kirche befreite moderne
Rechtsstaat, doch auf vornehmlich agrarischer Grundlage, war
das Ideal der Meraner Artikel.
Und dies Ideal hoffte man auf dem nächsten Innsbrucker
Sommerlandtage des Landes Tirol zu verwirklichen! That—
sächlich erreichte man nur einige, aber immerhin wesentliche
Zugeständnisse auf rechtlichem Gebiete: die bäuerlichen Lasten
wurden aufgehoben oder abgeschwächt, darunter auch der kleine
Zehnt; die Allmenderechte wurden wiederhergestellt und der Über—
vorteilung der ländlichen Bevölkerung durch kaufmännische Prak—
tiken vorgebeugt. Man sieht: Erzherzog Ferdinand kaufte sich
durch wirtschaftliche und soziale Zugeständnisse von den politischen
Forderungen der Bauern los. Diejenigen bäuerlichen Elemente
aber, die sich dem Kompromiß nicht fügten, wurden in ihrem
Widerstande blutig unterdrückt: bis tief ins Jahr 1826 dauerte
die Verfolgung.
Im Herzen des Reiches aber hatte inzwischen die Ent—
wicklung der Ideen innerhalb der Empörung wiederum einen
Schritt vorwärts gemacht: sie hatte die Pläne territorialer
Reformen durch den Gedanken einer großen politischen Reichs—
reform überholt.
Der Boden dieser neuen und größten Errungenschaft der

»S. dazu oben S. 77 f.
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        Weiterbildung der religissen Ideen, soziale Revolution. 348

revolutionären Elemente ist Franken, von jeher die besondere
Heimat des Reiches. Der Aufstand hatte hier beinahe gleich—
zeitig in der Gegend von Rotenburg ob der Tauber, im Oden⸗
wald und am mittleren, heute württembergischen Neckar be—
gonnen; allenthalben hatte man in den letzten Tagen des März
— DDDDDDDD
sich die Bewegung bald mehr im Westen, in der Gegend von Heil⸗
bronn. Freilich kam es auch hier, wie auch sonst zumeist, nicht
zu großen kriegerischen Thaten; die bäuerlichen Empörungen
verliefen ganz allgemein weniger im Sinne von Feldzügen, ja
auch nur im Sinne einer ununterbrochenen Reihe kleinerer kriege⸗
rischer Vorgänge, sondern sie waren vielmehr eine von fort—
währenden Verhandlungen mit den Grundherren und Fürsten
unterbrochene und begleitete langsame Mobilmachung, wie sie
durch das noch immer bestehende freie Waffen- und Versamm—
—D0
Das Besondere der fränkischen Bewegung aber bestand
darin, daß an ihr nicht bloß Bauern teilnahmen. Vielmehr
setzte gleichzeiig mit der Bauernempörung auch eine An—
zahl städtischer Bewegungen ein: hier endlich wurde der zeit⸗
liche Parallelismus der Entwicklung eines revolutionären städti⸗—
— auch
nach außen hin einmal wirksam. Die Bewegungen aber in
Frankfurt, in Würzburg, in Rotenburg, in Heilbronn und in einer
Reihe anderer Städte waren diesmal bereits wiederum mit
veranlaßt durch die Fortschritte der schwärmerischen Ideen
gerade unter den kleinen Leuten, den Gärtnern, Rebleuten,
Handwerkern der Städte. Schon längst waren diese, großen⸗
teils von Böhmen her, sektiererisch angesteckt. Jetzt lauschten
sie mit besonderer Andacht der Kunde des Heils, die ihnen im
Osten namentlich von Süddeutschland her, im Westen, besonders
in Frankfurt, durch mitteldeutsche Flüchtlinge der Schwärmer,
z. B. Karlstadt, vermittelt ward. Und indem sie sich diesen Ein—
drücken hingaben, indem sie das dumpfe Grollen der schwäbischen

S. oben S. 64 f., 68 f.
        <pb n="353" />
        8344 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

und rheinischen Aufstände vernahmen, traten sie auch ihrerseits
ein in die revolutionäre Bewegung.
Schon durch diesen Zuwachs wurde dem Denken der
bäuerlichen Empörer ein weiterer Ideenvorrat erschlossen. In
den letzten Jahren war die Reformation Kaiser Sigmunds vom
Jahre 1488 wiederholt gedruckt worden, diese gute Kodifikation
städtischer und ländlicher Beschwerden, in der nach Abhülfe
alles Unheils durch das Reich gerufen wird; im Jahre 1521
hatte der städtische Franziskaner Eberlin von Günzburg zu
Ulm die Statuten aus dem Land Wolfaria erscheinen lassen,
die das Ideal eines neuen Einheitsstaates auf demokratisch—
agrarischer Grundlage entrollten; und jetzt wurde das Büchlein
von „Teutscher Nation Notturft“ kolportiert, das verwandte
Gedanken mit konkretem Hinweis auf das Reich entwickelte.
Und diese Einflüsse wurden von anderen, noch viel mächtigeren
unterstützt. Auch der Adel verhielt sich gegenüber den bäuerlichen
Bewegungen in Franken nicht ablehnend, obwohl er äußerlich
teilweise zur Teilnahme gezwungen ward. Und was bedeutete
er hier! Das Gebiet des Aufruhrs war nach Osten und Westen
von den Gebieten jener Reichsritterschaft flankiert, die in den
Jahren 1522 und 1523 auf eine Reichsreform gehofft hatte
und in dem Sturze Sickingens aufs tiefste getroffen worden war.
Sollte sie nicht noch einmal versuchen, das Haupt zu erheben
und, dann freilich rettungslos revolutionär, mit Bauern und
Städten Sturm zu laufen gegen die Fürsten zur Befreiung des
Kaisers, zur Errichtung des geträumten neuen, glänzenden,
großen Reiches deutscher Nation? Und schon sah die Ritter—
schaft in dieser Richtung ein klares politisches Programm vor
sich; es ist niedergelegt in der pseudonymen, der Reformation Kaiser
Sigmunds nachgebildeten Reformation Kaiser Friedrichs III.
Dies Programm geriet nun auch in die Hände der Bauern—
führer, und es ward von ihnen in wesentlichen Punkten an—
genommen. Als ein Reformentwurf für das Reich, bearbeitet
von Wendel Hipler, einem ehemaligen pfälzischen Landschreiber,
und Friedrich Weigant, vormals mainzischem Kellner, verließ
es die Kanzlei der fränkischen Bauern zu Heilbronn. Es faßt
        <pb n="354" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 345

die Möglichkeit ins Auge, daß die Bauern vereint mit Adel
und Städten gegen die Fürsten vorgehen, daß sie eine große
kaiserliche Centralgewalt schaffen, die ausgestattet sein soll mit
den Erträgen des säkularisierten Kirchengutes und direkter
Steuern des Volkes. Und unter dieser Gewalt sieht es nicht
mehr die Fürsten stehen, sondern nur noch Beamte; eine einheitliche
Regierung der fürstenlosen Nation ist das Ziel. Doch soll das
Volk nicht der geschichtlich hergebrachten Standeseinteilung ver—
lustig gehen; im Rechtsleben soll sie fortdauern; in die einheit—
liche Gliederung der Gerichtsverfassung von den Lokalgerichten
hinauf bis zum Kammergericht soll sie dadurch hineinragen, daß
diese Gerichte durch Schöffen verschiedenen Standes besetzt werden.
Einheitlich dagegen und sozial unabgestuft sollen alle Voraus—
— DDD——
Maß und Gewicht; keine Zölle, kein Geleits- und Wegegeld;
für jeden die gleiche Freiheit des Verkehrs und des Zuges.
Auf kirchlichem Gebiete endlich soll die Verfassung möglichst
ihren Abschluß in der Ausgestaltung des Gemeindelebens finden;
dann wird die Trennung von Staat und Kirche leicht sein und
selbstverständlich.
Es ist ein wohldurchdachtes Programm staatlicher und
kirchlicher Umwälzungen, die reifste Frucht der Ideenbewegung
der bäuerlichen wie der ritterlichen Revolution in den zwanziger
Jahren des 16. Jahrhunderts. Aber war es noch durchführ—
bar in dem Augenblick, da die fränkischen Bauern es an ihre
Fahne hefteten?
Schon längst hatte sich die Fürstengewalt in voller Einheit
ihrer Vertreter, schon längst hatte sich neben ihr auch der große
Führer der deutschen Reformation gegen die bäuerliche Revolution
erhoben.

*

Luther ist der bäuerlichen Revolution zum erstenmale
näher getreten in seiner Schrift „Ermahnung zum Frieden auf
die Zwölf Artikel,“ die zwischen dem 17. und 20. April 1525
erschienen ist. Er stellt sich hier, was die äußere Seite der
        <pb n="355" />
        346 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Bewegung angeht, weder auf Seite der Herren, noch auf Seite
der Bauern; seine Wünsche sind: Vermeidung von Blutver⸗
gießen und Einsetzung eines Schiedsgerichts aus sozialen Klassen,
die seiner Meinung nach an den revolutionären Vorgängen un—⸗
beteiligt sind, aus Grafen und Stadträten. Von diesem Stand⸗
punkte aus fordert er nach beiden Seiten hin auf zum Frieden.
Aber das ist für ihn nur die eine Seite der Sache. Mit
dem Instinkte des religiösen Genies hat er zugleich den schwärme—
rischen Grundcharakter der Zwölf Artikel und damit des
größten Teils der süddeutschen Bewegung gewittert. Und hier—
gegen wendet er sich aufs eindringlichste. Er wird nicht müde,
zu betonen, daß Lügenprediger und tolle falsche Propheten in
diesen Artikeln das Evangelium mit revolutionären Forderungen
verknüpft haben. Darum ist er mißtrauisch auch gegen be—
— DDDVDD00
erscheinen, und aufs klarste verurteilt er das dieser Motivierung
zu Grunde liegende religiöse Denken. Das Reich der Religion
ist ihm transscendental; die Schwärmer aber haben es zu einem
Reich von dieser Welt gemacht. So sehen sie auch die Freiheit
eines Christenmenschen im äußerlichen Freisein. Hiermit will
Luther nichts gemein haben. Ihm bleibt die religiöse Welt ein
Noli me tangere, das keine weltlichen Sorgen erschüttern
können, von der sich daher auch keinerlei Theorien revolutio⸗
nären Handelns ableiten lassen, selbst in dem Falle nicht, daß
das Recht auf Seiten der Unterdrückten stünde.
So war Luthers Standpunkt zur bäuerlichen Revolution
von vornherein entschieden: energischer Kampf gegen die
schwärmerische Bewegung, wo nur immer sie mit der Revolution
verquickt schien; Mahnung zum Frieden an alle, die die Grenzen
herkömmlichen Rechtes überschritten; entschiedenste Verdammung
derer, die sich gegenüber Rechtsüberschreitungen der Obrigkeit
gewaltsam, etwa gar auf religiöse Motive gestützt, Recht zu
verschaffen suchten.

Und es war klar, daß sich Luthers starke Seele nicht enthalten
würde, diesen Standpunkt bei zunehmender Empörung noch offener
zu bekennen. Am 6. Mai 1225 erschien seine Schrift „Wider
        <pb n="356" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 347

die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern.“ Es ist
eine ergreifende Mahnung an die Fürsten, vor allem die evangeli⸗
schen, nochmals den Versuch gütlicher Verhandlung zu machen:
sollte er aber scheitern, dann auch keinen Augenblick zur
blutigen Unterdrückung der Revolution zu verlieren. Denn
dann bilden die Bauern nach Luther eine Landesgefahr, der
sich jeder zu erwehren hat, wie des eindringenden Wolfs einer
fernen Urzeit oder des landesfeindlichen Räubers im Mittelalter.
Das Gerüfte, das Landgeschrei gleichsam erhebt der Reformator
dann gegen die bäuerliche Blutgier: „Steche, schlage, würge
hier, wer da kann! Bleibst du darunter tot, wohl dir, seligeren
Tod kannst du nimmermehr überkommen. Denn du stirbst
im Gehorsam göttlichen Wortes und im Dienste der Liebe, den
Nächsten zu retten.“
Es war die Sprache eines stahlharten Herzens, des Junkers
Jörg gleichsam von der Wartburg; sie trug Luthern den bittersten
Haß ein, aber niemals hat er sie verleugnet. Noch später hat
er einmal gesagt: „Ich, Martin Luther, habe im Aufruhr alle
Bauern erschlagen, denn ich habe sie totschlagen heißen: alle
ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich weise es auf unsern
HErrn Gott; der hat mir das zu reden befohlen.“ Ein sozial—⸗
zkonomisches Verständnis der bäuerlichen Unruhen war durch
diesen Standpunkt freilich ausgeschlossen. Es ist eine der eigen⸗
artigsten Wendungen unserer Entwicklung im 16. Jahrhundert; die
beiden großen Bewegungen der Zeit, die soziale und die religiös—
individualistische, gingen aneinander vorbei, ja sie gerieten in
Gegensatz. Denn die Stellung, die Luther einnahm, war keine
persönliche: die lutherischen Prediger auch Süddeutschlands haben
nicht anders gedacht als er. Und niemand, der, von geldwirtschaft—
lich-individualistischen Geistesströmungen getragen, die mittelalter—
liche Welt im religiösen Individualismus Luthers überwunden
hatte, konnte anders denken: denn die bäuerliche Bewegung
war in gewissem Sinne reaktionär, sie wandte sich zum guten
Teile gegen die Konsequenzen des geldwirtschaftlich-städtischen
Fortschritts.
Klar aber war, daß Luthers Stellungnahme den Fürsten
        <pb n="357" />
        348 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

als den geborenen Bekämpfern der bäuerlichen Revolution
mächtig zu gute kommen mußte. Und schon hatten diese gewalt⸗—
sam durchgegriffen: sehen wir von einzelnen Teilen des Elsasses
ab, die der bigotte Herzog von Lothringen in Kreuzzugsweise
überrannt und fast zur Wüstenei gemacht hatte, so waren die deut—
schen Fürsten dem Aufruhr überall von sich aus entgegengetreten.
In den ursprünglichen Gebieten, in Schwaben, griff vor
allem der jetzt ganz fürstlich charakterisierte schwäbische Bund
durch; mit Beginn des Monats April 1525 war er gerüstet;
schon am 4. April schlug sein furchtbarer Heerführer, der
Truchseß Georg von Waldburg, die Bauern zum erstenmale;
und bereits gegen die letzte Aprilwoche war das Land am
Schwarzwald und der Alb wieder leidlich beruhigt.
Und inzwischen war man auch des Aufstandes in Nieder—
schwaben und Franken Herr geworden. Die große Gefahr, die
hier aus der militärischen Vereinigung der bäuerlichen Kräfte
des Landes mit dem städtischen Proletariat drohte, die Mög—
lichkeit, daß die ländlichen Bewegungen Stütz- und Halte—
punkte gewännen im festen Besitz großer Städte, war schließ—
lich doch nicht eingetreten; fast überall, mit Ausnahme von
Rotenburg und Würzburg, war es den Räten gelungen, noch
vor dem entscheidenden Augenblick die erregte Bevölkerung in
neue Abhängigkeit zu bringen. Damit war das Schicksal der
niederschwäbisch-fränkischen Bewegung entschieden. Nun schlug
der Truchseß die schwäbischen Bauern bei Böblingen am
12. Mai 1525 und zerstörte Weinsberg nebst fünf Dörfern der
Umgegend: im Westen des Aufstandsgebietes war Ruhe ge—
schaffen. Im Osten aber drängte sich die Entscheidung schließlich
um den größten Waffenplatz der Aufständischen, um Würzburg,
zusammen. Hier gelang es den Bauern nicht, der bischöflichen
Besatzung die Citadelle, den Kalkfelsen des Marienbergs, zu
entreißen. Und während sie sich in diese Aufgabe verbissen,
nahten von Südwesten her die fürstlichen Mächte. Das schwä—
bische Bundesheer vereinigte sich mit den Truppen der Kur—
fürsten von der Pfalz und von Trier, die inzwischen der ober—
rheinischen Bewegung Herr geworden waren; gemeinsam zog
        <pb n="358" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 349

man gegen den Aufstand am Main, gegen Würzburg. Ent—
gegentretende Haufen von Odenwälder Bauern wurden bei
Königshofen an der Tauber am 2. Juni geschlagen. Der
Würzburger Heeresmasse selbst begegnete man bei Sulzdorf am
4. Juni. Auch sie ward zersprengt; der Weg nach Würzburg
war frei. Und alsbald verzagte nach Städter Art die Würz—
burger radikale Partei; vor dem Schall der feindlichen Trom—
peten und Heerpauken übergab sie die Stadt. Kurz darauf
fiel auch Rotenburg; die städtischen Stützpunkte waren der
Empörung entzogen; sie sank zusammen.
Und schon war es um diese Zeit auch gelungen, eine merk—⸗
würdige Fortbewegung des fränkischen Aufstandes nach Norden
zu, eine Protuberanz gleichsam des centralen deutschen Brandes,
zu unterdrücken. Seit Mitte April hatte der Bauernsturm vom
Main her über das Rhöngebirge übergegriffen nach Hessen und
Thüringen. Und während es dem diplomatischen Geschick wie
der militärischen Geistesgegenwart des Landgrafen Philipp
gelang, Hessen rasch wieder zu beruhigen, hatte die Revolu—
ton sich in Thüringen mit den Resten alter täuferischer
Bewegungen verbunden und in Mühlhausen ein altberüchtigtes
Centrum aufgesucht.
Denn in Mühlhausen war nach der Verbannung Pfeifers
und Münzers (27. September 1524) nie volle Ruhe eingetreten;
Pfeifer war bald zurückgekehrt und hatte nun auch die Bauern
der Umgegend aufzuwiegeln begonnen. Es dauerte nicht lange,
so erhob sich ein neuer theokratischer Terrorismus unter Plün⸗
derung und Kirchensturm. Gesteigert ward er noch mit der
Rückkehr Münzers im Februar 1526. Bald breitete sich jetzt
die Bewegung über ganz Thüringen aus, angefacht durch den
aus Süden nahenden Aufruhr der Bauern; Anfang Mai war
das Land erfüllt von Raub und Brand; gegen vierzig Klöster,
unzählbare Schlösser wurden zerstört; auch große Städte, wie
Erfurt, öffneten sich dem Wahnwitz. Im Mittelpunkte aber
stand jetzt Münzer als ein unübertrefflicher Hetzer von fiebriger
Leidenschaft: „Dran, dran, dran,“ rief er den Mansfelder Berg—
knappen zu, „weil das Feuer heiß ist. Lasset euer Schwert
        <pb n="359" />
        350 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

nicht kalt werden von Blut; schmiedet pinkepank auf dem
Ambos Nimrod, werft ihm den Thurm zu Boden! Gott geht
für euch, folget!“ Dabei zog er seinen Heerscharen selbst
voran, ein grotesker Heiliger, mit dem Schwert Gideonis; das
Wort, das aus seinem Munde ging, sollte die Flamme sein,
welche die Fürsten in lebendigem Feuer verzehre.
Es war der theokratische, vom Schwärmertum gezeitigte
Paroxysmus des Aufstands; er war unfähig jedes Widerstandes
gegen geordnete Kriegsgewalt. Bei Frankenhausen, in der
Nähe Sondershausens, sammelte sich die fanatisierte, im übrigen
bunt zusammengewürfelte und hilflose Masse der Verführten;
am 15. Mai ward sie von hessischen, sächsischen und braun—
schweigischen Heeresmassen mühelos zersprengt; über 5500
Bauern wurden auf der Flucht getötet; Münzer ward gefangen
und bald darauf gerichtet.
Das Ende des thüringer Bauernkriegs und des mittel—
deutschen Schwärmertumes zugleich war herbeigekommen.
Nun aber, da die Bauern allenthalben darniederlagen vor
der Macht der fürstlichen Heere, was sollte geschehen?
Durch die Art, wie fast überall die Empörung unter—
drückt worden war, grausam, in rohem Übermut, in Freveln,
welche die Ausschreitungen der Bauern weit übertrafen, waren
sittliche Haltung und materielles Dasein der Bauern auf
lange geschädigt. Barbarisch wirkten noch auf Jahre hin
die Strafen, die man über Schuldige und Unschuldige ver—
hängt hatte, und schwer lastete auf den unglücklichen Dörfern
die ratenweise Zahlung von Entschädigungen und Kontribu—
tionen.
Im übrigen freilich, soweit es sich um den Organismus
des bäuerlichen Daseins handelte, trat nur in einzelnen Gegen—
den eine wesentliche Verschlechterung ein, so namentlich in
den habsburgischen Gebieten mit Ausnahme von Tirol. In
Schwaben dagegen und auch in Franken, also in den Mittel—
gebieten des ganzen Aufstands, lag eben in der nunmehr
gewährleisteten Erbärmlichkeit der politischen Einrichtungen
—VDD
        <pb n="360" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 351

die sich als kleine Landesherren aufspielten, hatten diesen Eigen—
dünkel wenigstens teilweis mit der geringeren Möglichkeit wirt⸗
schaftlicher Ausbeutung der Unterthanen zu bezahlen. Und am
Oberrhein, namentlich im Elsaß, in den zähringischen Gebieten
und in der Pfalz, hatten die Bauern sogar das Glück gehabt,
teils in gütlicher Verhandlung, teils durch Zwangsandrohung
einen Teil ihrer Forderungen dauernd gewährt zu sehn.
Überhaupt aber ging die Meinung der Fürsten, der Sieger
im Aufstand, nicht so sehr auf soziale Knechtung der Unter—
worfenen, als auf die politische Ausbeutung ihrer Erfolge im
Sinne einer Befestigung der territorialen Gewalten. Und von
diesem Standpunkte brauchten sie sich keineswegs unmittelbar
ablehnend zu verhalten gegen soziale Reformvorschläge zu
Gunsten der Bauern. In der That brachte der Speierer Reichs⸗
tag vom Jahre 18526 deren eine beträchtliche Menge; eine
Denkschrift schlug als notwendig vor: die Ablösung der Leib—
eigenschaft und einstweilen wenigstens die freie Heiratswahl
der Leibeigenen, ferner die Ermäßigung der Fronden, Abgaben
und Frevelgelder, wie eine Anzahl anderer Erleichterungen.
Nun wurden diese Vorschläge zwar nicht Gesetz; immerhin
aber zeigten sie, daß man sich der sozialen Pflichten gegenüber
dem Bauernstand nicht völlig unbewußt war, auch bildeten sie
— DD0—
Freilich: die tiefer liegenden Fäulnis- und Verwesungsmomente
der bäuerlichen Entwicklung wären auch bei ihrer emsigsten
Durchführung nicht beseitigt worden; hier konnte nur ein voll⸗
kommner Einsturz der agrarisch-⸗grundherrlichen und ein Neubau
der agrarisch-autonomen Verfassung helfen, wie sie erst das
19. Jahrhundert erlebt hat.
Hier aber einzugreifen, lag dem 16. Jahrhundert, lag
namentlich auch den fürstlichen Siegern dieser Zeit nach der
ganzen Konstruktion ihrer Territorialgewalten fern. Nicht so
sehr dem Bauer, als dem Edelmann gegenüber hatten sie ihren
Sieg auszunutzen: er konnte jetzt fürstlicher Macht untergeordnet
werden. Denn wo waren jetzt die großen Pläne eines Hutten
geblieben! Der Adel war jetzt kein selbständiger, bewegender
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        352 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Stand im Reiche mehr; er war den Territorien zugewiesen;
seine materiellen und sozialen Interessen verfielen infolge der
Besiegung seiner Unterthanen durch fürstliche Heere der oberen
Aufsicht und der Obhut der Fursten. So konnte er nicht um⸗
hin, sich selbst den Territorien einzuordnen, soweit er noch
ferner politische und soziale Bedeutung beanspruchte; die reichs⸗
unmittelbare Ritterschaft aber trat völlig in den Hintergrund:
ein leblos werdendes Glied der Entwicklung starb und verdarb
ie auf ihren Gütern.

Während so die soziale Bewegung der zwanziger Jahre
in sehr eigenartiger Weise zu Gunsten der Fürsten verlief, in⸗
dem sie den Adel, nachdem er vergebens auf revolutionärem
Wege eine politische Stellung im Reiche gesucht hatte, schließ⸗
lich durch den Bauernkrieg unter die Territorialgewalten beugte,
begann gleichzeitig auch die schwärmerische Bewequng zu Grunde
zu gehen.
Bauernaufruhr und Schwärmertum waren, wenn auch
keineswegs völlig parallele, so doch vielfach verwandte und in
zegenseitigen Beziehungen stehende Bewegungen. In beiden
verkörperte fich ein mittelalterliches und ein modernes Element;
ttrebten die Bauern einerseits rückwärts in die vergangenen
Zeiten eines agrarischen Sozialismus, während sie sich andrer⸗
seits den modernen Bestrebungen auf wirtschaftlichem wie poli⸗
tischem Gebiete einzuordnen suchten, so weist das Schwärmertum
mit seinem mittelalterlichen Ideal christlicher Vollkommenheit
und dem Streben nach subjektiver, modernster Freiheit einen
verwandten Gegensatz auf. Vor allem aber hatten sich beide
Bewegungen praktisch zusammengefunden; es war kein Zweifel,
daß nicht bloß der mitteldeutsche, sondern auch der oberdeutsche
Bauernaufstand von religiös-schwärmerischen Ideen getragen
war. Das hatte Luther, der seit dem Jahre 1524 seine alte
Toleranz gegen die Schwärmer aufgegeben hatte, zum Kampfe
gegen die Bauern veranlaßt; das veranlaßte jetzt wiederum die
Fürsten, nach Beendigung des Bauernkrieges, zur Ausrottung
        <pb n="362" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 353

der schwärmerischen Sekten. Und hatten sie hierbei nicht auch
eigenste Interessen? War der mitteldeutsche theokratische Kom—
munismus, war die staatliche Indifferenz der süddeutschen
Schwärmer nicht auch politisch gefährlich? Und konnte jetzt
nicht die ganze schwärmerische Bewegung als eine Resterscheinung
des Bauernkrieges betrachtet werden? Ja mehr: indem eben
nach dem Ende der bäuerlichen Unruhen das Schwärmertum
in Oberdeutschland mächtig um sich griff, während es in
Thüringen freilich erstorben war, schien sich ein neuer geistiger
Herd kommender sozialer Bewegungen bilden zu wollen.
Zwingli hatte Ende Januar 15251 die Schwärmer aus
Zürich entfernen lassen. Aber es hatte sich bald gezeigt, daß
diese Maßregel nicht genügte. Im Sommer 1525, eben nach
Beseitigung der letzten Bauernunruhen in Oberdeutschland,
wurden die schwärmerischen Elemente auch aus den übrigen
Hauptorten der schweizerischen Kirche vertrieben, aus St. Gallen,
aus Chur, aus Schaffhausen und Bern. Ihre Führer gingen
nun vornehmlich nach Augsburg und Ulm, nach schwäbisch
Rotenburg, nach Reutlingen, nach Eßlingen, nach Straßburg:
ganz Oberdeutschland füllte sich mit ihrer Propaganda. Und
beinahe gleichzeitig mit ihnen erschienen einige bessere Köpfe,
welche der Unterdrückung des thüringischen Schwärmertums
entronnen waren, der Pfarrer Melchior Rinck und der noch
wichtigere, als Agitator unermüdliche Buchführer Hans Hut,
ein Franke, der im ganzen mittleren Oberdeutschland zu Hause
war. Überall sproßten unter dieser doppelten Einwirkung die
oberdeutschen Täufergemeinden kräftig empor, namentlich in
Straßburg, wo ihnen eine weitherzige Toleranz zu teil ward,
und in Augsburg, wo unter dem Wirken Dencks auch Mit—
glieder der Geschlechter zum Schwärmertum übertraten und
dieses „um sich griff, wie ein Krebs, zu vieler Seelen jämmer—
lichem Schaden“.
Es war eine verheißungsvolle Entwicklung. Aber furcht—
bhar, in schrecklicheren Blutthaten, als sie der Bauernkrieg

1S. oben S. 320.
damprecht, Deutsche Geichichte V.
        <pb n="363" />
        354 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

gesehen hatte, ward sie von den fürstlichen Gewalten unter
Zustimmung der alten wie der neuen Kirche unterbrochen und
ausgetilgt. Bald loderten überall die Scheiterhaufen empor
mit Ausnahme etwa der Landgrafschaft Hessen, wo Philipp
Täufern und Katholiken die gleiche Duldung gewährte; und
in Bayern konnte Herzog Wilhelm die entsetzliche Vorschrift
geben: wer von den Täufern widerruft, wird geköpft, wer nicht
widerruft, wird verbrannt. Auch das Reich beteiligte sich an
der Verfolgung, die Katholiken und Protestanten gleich gefiel;
am 4. Januar 1528 sprach ein kaiserliches Mandat es aus,
daß auf Wiedertaufe der Tod stehe, und eine Verordnung vom
Speierer Reichstag des Jahres 1529 befahl, daß die Lehrer
der Täufer auch ohne vorhergehenden Spruch des geistlichen
Gerichts zum Tode durch Feuer und Schwert gebracht werden
dürften. Und schon begnügte man sich nicht mehr mit so
einfachen Maßregeln. Am 21. Mai 1527 war zu schwäbisch
Rotenburg der Täufer Michael Sattler erst der Zunge beraubt,
dann mit glühenden Zangen zerfleischt und schließlich verbrannt
worden, und tausend Scheußlichkeiten noch schlimmerer Art
übertrumpften alsbald diese Roheit.
Zu Tausenden starben so die Täufer dahin; sie wurden
gehetzt wie ein elendes Wild; das Dunkel des Waldes, die
Schluchten der Berge boten ihnen keine Sicherheit. Sie aber
bewährten die Standhaftigkeit der urchristlichen Zeugen. Selten
hörte man von Widerruf; und dem Blute der Ermordeten ent⸗
sproß hundertfach der Same des neuen Glaubens.
Aber die Grundlagen des Glaubens selbst, bisher in
Oberdeutschland quietistischer Natur, begannen sich im Feuer
der Verfolgung zu verändern. Kein Zweifel war jetzt mehr:
der Tag der Ernte war nahe, da der Herr kommt als
ein Schnitter, die Saat der Gottlosen zu mähen: denn die
Rache ist mein, spricht der Herr. Glücklich darum die Brüder,
die beharren bis ans Ende, die Ankunft des Herren zu feiern
in Gebet und stillem Brechen des Brotes. Als aber der jüngste
Tag verzog, als die heiß und heißer erschrieene Vergeltung
Gottes nicht hereinbrach, da wurden die Ärmsten ihres Harrens
        <pb n="364" />
        Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 355

irre und heischten Selbsthilfe. Maßlos, ungeheuerlich erhob
sich aus frühen Anfängen von Verwirrung ein zuchtloser
religiöser Kommunismus, der nur in der Anarchie noch Ret—
tung erblickte. Immer näher ward der Umsturz alles Bestehenden
prophezeit: dann werden die Gläubigen zum Schwert greifen«
gleich den Richtern und Patriarchen der Bibel, und eine
äuferische Theokratie wird das tausendjährige Reich eröffnen.
So verkündete im Jahre 1529 ein wahnwitziger Kürschner
zu Augsburg; die Lehren Münzers lebten wieder auf; und der
verzweifelte Schrei nach Gewalt ertönte fort und fort von
dumpfen Lippen, je mehr die neue Kirche von einer unbarm⸗
herzigen Verfolgung am Ausbau ihrer Lehre und Verfassung
zgehindert ward.
Zugleich aber verbreitete sich der Ruf nach Auswanderung,
nach Rettung. Während Oberdeutschland gesäubert ward von
jeglichem schwärmerischen Element, während auch in Mittel—
deutschland die letzten Scheiterhaufen vereinzelter Täufer rauchten,
flüchteten die Reste der Heiligen nach Mähren, wo sie seit dem
Jahre 1588 eine blühende Kirche begründeten, und nach dem
Niederland. Und hier, in den Landen, wo Karl V., der
Herzog von Geldern und der Bischof von Utrecht gleich
grimmig gegen jeden neuen Glauben gewütet hatten, auf
dem Boden der ersten Blutzeugen der „Lutherie“, fand
nun der schwärmerische Radikalismus Oberdeutschlands von
neuem freie Bahn. Mit Inbrunst nahmen die unteren Stände
des kräftigen und weitverbreiteten Bürgertums seine Lehre
auf; Melchior Hoffmann, ein fanatischer Kürschner aus
Schwäbisch-Hall, konnte sie im Jahre 1580 von Friesland aus
in der verwegensten Formulierung verbreiten. Überall in den
Niederlanden las man seine leidenschaftliche „Ordonnanz
Gottes“; und als er selbst nach Straßburg ging ewiger Kerker⸗
haft entgegen, übernahm ein Haarlemer Bäcker, Jan Mathys,
die Leitung der Heiligen Hollands.
Und inzwischen waren geistige Dispositionen zur Ver—
breitung der neuen Lehre auch in Westfalen geschaffen worden.
Nur langsam hatte sich die Reformation Luthers unter den
93*
        <pb n="365" />
        356 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.

bedächtigen Niedersachsen verbreitet; wo sie siegte, da geschah
es wenigstens in den größeren Städten fast immer im Gefolge
bürgerlicher Unruhen, unter gleichzeitiger Erhebung der Ge—
meinde. So in Münster und Osnabrück im Jahre 1525. Und
leicht schlug die revolutionäre Gärung halb ins Kommunistische
um; um 1530 zeigten sich Spuren hiervon in Lippstadt, in
Minden, in Soest.
Bei dieser allgemeinen Lage unternahm es seit 1531 der
Prediger Bernd Rothmann, Münster mehr als bisher der
evangelischen Lehre zuzuführen. Er begann lutherisch; er
ging zu zwinglischen Lehren über; er endete im Radikalismus.
So traten ihm die Anhänger der alten Kirche nicht minder
entgegen, wie die gemäßigten Evangelischen; Ende 1533 hallte
die Stadt wieder von Drohungen, Rottierung und Waffen⸗
geschrei.

In diesem Augenblick erschienen holländische Schwärmer,
—DD
gärenden Täufertum der Niederlande. Sie wollten die Stadt
ihrer Lehre gewinnen; sie begannen die besseren Kreise der
Bürger zu ängstigen. Und ihnen folgte gegen Ende Februar
1534 Mathys selbst, der Führer. Nun wurden die Täufer
Herren der Stadt, und Mathys begann lang gehegte Wünsche
zu verwirklichen. Ein weitgehender Kommunismus der Güter,
eine an Weibergemeinschaft streifende polygamische Lebenshaltung
wurden eingeführt; natürlich waren sie weder herzustellen noch
aufrecht zu erhalten ohne brutale Gewalt und kriegerische
Organisation der Massen. Vergebens erhoben sich die ge—
mäßigten Glemente der Stadt noch einmal; sie wurden ver—
trieben oder gerichte. Darauf ward eine völlig kom—
munistische Theokratie hergestellt, und als Mathys gefallen
war, richtete ein populärer und rücksichtsloser Führer des hol—⸗
ländischen Täufertums, Jan von Leiden, den Stuhl Davids
auf und herrschte als gottseliger Tyrann über die Stadt.
Es waren Zustände, die sich in ihren grotesk-abscheulichen
Einzelheiten nur bei völliger Ohnmacht des Reiches hatten
bilden können; ihren Urhebern, die einstweilen nur von unzu—
        <pb n="366" />
        Weiterbildung der religissen Ideen, soziale Revolution. 357

reichenden Heeren des Bischofs von Münster und des Landgrafen
von Hessen belagert wurden, schienen sie gesichert genug, um
die Propaganda über die Mauern Münsters hinauszutragen.
Im Oktober 1534 zogen 28 Apostel der Täufer durch ganz
Westfalen, die Aufrichtung des Reiches Davids zu verkünden.
Aber da zeigte sich, daß Münster doch nur zum vereinzelten
Schauplatz niederländischen Schwärmertumes geworden war.
Nur die Stadt Warendorf ließ sich durch die Sendboten König
Jans einschüchtern; sonst fanden sie nirgends Aufnahme,
während sich in den niederländischen Städten, in Amsterdam,
Groningen, Leiden, Deventer, Aufständische zu Gunsten der
Münsterischen regten. Es war die Peripetie in dem west—
fälischen Drama. Denn jetzt erwachte das Reich, ermannten sich
die zur Exekution der Täufer bestimmten Stände. Ende Juni
1535 fiel Münster nach hartnäckigster Verteidigung in die Hände
der Belagerer; am 27. Januar 1536 wurden die Führer der
Wiedertäufer auf dem nämlichen Marktplatze hingerichtet, der
ihre blutige Herrlichkeit gesehen hatte, und noch lange blickten
ihre bleichenden Gebeine aus den eisernen Käfigen des Lam—
hertiturmes herab auf die unglückliche Stadt.
Mit der furchtbaren Episode von Münster schließt für
Deutschland im wesentlichen die Geschichte des Täufertums, wenn
sich auch in Oberdeutschland noch gelegentlich schwärmerische
Neigungen hervorwagten und an einzelnen Geistern, wie Caspar
Schwenckfeld (f 1561), bis in die zweite Hälfte des 16. Jahr⸗
hunderts hinein Stütze fanden. Im ganzen aber war die
Bewegung auf ihrem heimatlichen Boden beseitigt. Und auch
in den Niederlanden lebte das Täufertum unter der Leitung
des Friesen Menno Simons (F 18561) wohl fort, brachte es
aber kaum zu größerer Bedeutung, als die älteren Reste des
oberdeutschen Schwärmertums in Mähren. Eine glanzpolle
Zukunft eröffnete sich dem Täufertum erst zu anderen Zeiten
und unter einem anderen Himmel. Früh haͤtte es schon eine
Diaspora in England erzeugt; aus ihren Anschauungen erwuchs
die Lehre der Independenten, und in ihrer Entwicklung gewann
der alte deutsche Kern des Täufertums eine weltgeschichtliche
        <pb n="367" />
        358 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Bedeutung für das Leben Englands und des amerikanischen
Nordens.
Die Reformation Luthers im 16. Jahrhundert zu be—
siegen und zu ersetzen war das Täufertum freilich nicht geschaffen.
Die eben erst in Entwicklung begriffene größere Freiheit des
Einzelmenschen, das Herauswachsen der mittelalterlichen Persön—
lichkeit aus der Gebundenheit früherer Jahrhunderte konnte
nicht alsbald fessellos erfolgen. Es bedurfte gewisser, nament⸗
lich geistiger Stützen. Die vornehmste dieser Stützen war
das Evangelium im lutherischen Verstand: das Luthertum war
der Zeit notwendig.
Dem Schwärmertum fehlte ein Prinzip religiöser Hem—
mung, wie Luther es an der biblischen Autorität besaß.
Karlstadt griff die Sakramente an, Hetzer die Trinität; Salz—
mann lehrte, Christus sei ein falscher Prophet gewesen, und
Nürnberger Schwärmer erklärten, der Herr sei ihnen nicht
mehr, als der sagenhafte Herzog Ernst, der in den Berg ge—
fahren. Diese Beispiele zeigen, wie sehr Luther für sein
Jahrhundert recht hatte mit dem Gedanken eines autoritativ
gegängelten Individualismus — und sie beweisen zugleich, daß
— DDDD
tion gewesen ist. Luther hat das wohl verstanden; er hat
einmal bemerkt, er habe nur drei gefährliche Feinde gehabt,
Münzer, Karlstadt und die oberdeutschen Täufer. Freilich nicht
er allein hat sie besiegt: sie schlugen sich selbst durch unzeitige
Vorwegnahme eines unreifen Subjektivismus.
        <pb n="368" />
        Abgeschlossen Leipzig, den 25. Februar 1894.

Tamprecht.

Pierer'sche Hofbuchdruckerei. Stephan Geibel &amp;amp; Co. in Altenburg.
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er religiösen Ideen, soziale Revolution. 335

de der ritterlichen Revolution am Rheine.
auch der fränkische Adel zu Paaren ge—
m Einverständnis mit Sickingen unter
erlichen Räubers Thomas von Absberg
er schwäbische Bund, diese fürstliche Ver—
sdeiches im Süden, hatte sich seiner an—
daß der Adel sich an die Vermittlung
‚andte, ließ er seine Truppen gegen ihn
im Verlauf weniger Wochen gegen zwei
verteidigten Burgen.
gel auf die gänzliche Unterdrückung der
Destrebungen des Adels; vergebens hatte
s platten Landes auf gewaltsamem Wege
Lage erstrebt. Die Sieger aber waren
Fürsten: sie, nicht mehr das Reich und
timmten den inneren, sozialen Gang der

Fürsten, da sie einzeln oder in lockeren
zeschlossenen Bündnissen ihre Interessen
g brachten, noch das Bestreben haben,
hrer ständigen, in schwerfälligen Formen
festzuhalten? Schon im Mai 1528
Zitze im Reichsregiment zumeist leer ge—
rst von Mainz war noch vertreten. Am
J Pfalzgraf Friedrich, der Vorsitzende,
Jeßmutig reiste er ab. Funktionierte das
In noch weiter, so zeigte sich doch auf
iberg im Anfang des Jahres 1524, daß
ge den Fürsten Anhang besaß; der Pfalz—
ttelbare Auflösung vorschlagen, ja man
er seine alten Rechte als Vikar des
eit der Abwesenheit des Kaisers betonte.
en wäre der gänzliche Verfall der einst von
trotzten Behörde recht gewesen; sie sahen
eitiger freier Vereinigung besser gewahrt.

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