Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 363 Verzichtes hinzugefügt. Aber vermeidbar war dieser Zu— sammenhang nicht. Er lag aufs tiefste in der Verschlingung der sozialen und geistigen Entwicklungsfäden beschlossen; er wirkt noch heute nach in dem mehr aristokratischen Charakter des Protestantismus, wie er sich in jeder Gegend gemischter Konfession gegenüber dem Katholizismus ausprägt, und er lebt fort in der freieren geistigen Haltung des protestantis chen Bürger⸗ tums wie im landesherrlichen Charakter der evangelischen Kirchen. Zu Tage treten mußten die Folgen dieser tieferen Zu— sammenhänge nach den großen Katastrophen der Jahre 1528 bis 1525. Es mußte das um so mehr geschehen, als der Protestantismus, anfangs wesentlich nur ein Element der Gärung und negativer Wirkungen gegenüber der alten Kirche, nun zu einer positiven Lebenshaltung erstarkt war und eines vollen Ausbaues bedurfte. Es war eine Notwendigkeit, der man sich auch in Wittenberg nicht verschloß. Und nach manchen Richtungen wenigstens standen hierfür Luther die regsten Helfer zu Gebote, ein Nikolaus von Amsdorf und Justus Jonas, ein Melanchthon und Bugenhagen. Vor allem aber war Luther selbst ruhiger geworden; ein schäumender Gebirgsbach einst, der Sohn hoher Gipfel, zog er jetzt in fröhlicher Gelassenheit sanfter dahin. Dabei traten seine der rein praktischen Seite des Glaubens zugewandten Neigungen immer mehr zu Tage; die systematische Weiterbildung der Lehre und selbst die folge⸗ richtige Ausgestaltung eines neuen Kultus lagen ihm weniger am Herzen. Seine Lehre war eben nicht vornehmlich intellektuell verankert; er war kein Reinlichkeitsfanatiker des Denkens. Er hatte bewiesen und bewies, daß nicht der Verstand in erster Linie die Welt erobert, sondern die sittlichen Mächte der Willenskraft und der Wahrhaftigkeit. Er kritisierte nur, wo ihn Gewissensnot, Leidenschaft oder gemütliche Erregung trieben; das kühle Spottwort des einsamen Denkers war ihm fremd. So fielen denn vom alten Dogma eigentlich nur die