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        <title>Deutsche Geschichte</title>
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      <div>Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 413 
seinen Söhnen trat Markgraf Hans von Küstrin schon 1537 
zum evangelischen Glauben über, und der älteste Sohn, Kur— 
fürst Joachim II., schwankte zwar noch lange, war aber in 
seinen katholischen Gesinnungen innerlich wohl schon seit den An— 
fängen seiner Regierung erschüttert. Als er dann am 1. November 
1539 die Reformation, wie sie große Teile seines Landes längst 
wünschten, einführte, indem er mit seinem Hofe in der Nikolai— 
kirche zu Spandau das Abendmahl in beiderlei Gestalt nahm, 
suchte er zwar den Anschein, als ob seine neue Landeskirche eine 
gewöhnliche evangelische Kirche werden solle, zu vermeiden, um 
sich gegenüber dem Kaiser womöglich eine besondere Stellung 
zu verschaffen. Aber in Wahrheit wurde die brandenburgische 
Kirche doch eine evangelische Kirche, nur mit besonders stark 
betontem landesherrlichem Einfluß; wie denn schon längst in 
der alten Mark die Bischöfe den energischen Einwirkungen 
der Markgrafen, und in dem hohenzollerischen Kurfürstentum 
des 15. Jahrhunderts die Domstifter vermöge besonderer Ab⸗ 
machungen mit der Kurie dem festesten Eingriffe der Kurfürsten 
unterlegen waren. 
Nun hielt im ganzen Osten und Centrum Norddeutsch- 
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alten Kirche. Und selbst im Westen, an der alten Pfaffen— 
traße des Mittel- und Niederrheins, erschien das Evangelium 
m Vordringen. Der Kardinalerzbischof Albrecht von Mainz, 
der alte Freund des Humanismus, begann von neuem zu 
schwanken oder ließ es wenigstens ruhig geschehen, daß sich im 
Norden des Mainzer Gebietes wie im Erzbistum Magde— 
hurg, das er zugleich regierte, das Evangelium weiteste Bahn 
hrach. Der Kurfürst von Trier fing an, sich den Schmal— 
kaldnern zu nähern, da er Säkularisationsgelüste des Kaisers 
fürchtete, und am Niederrhein drang von den burgundischen 
Landen her immer von neuem die evangelische Propaganda 
vor, während gleichzeitig sich in Jülich und Cleve Entwick— 
lungen anbahnten, die der evangelischen Sache auch hier, in 
diesem festesten Bollwerk der alten Kirche, den Sieg zu ver— 
sprechen schienen.</div>
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