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        <title>Deutsche Geschichte</title>
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      <div>Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 417 
religiösen Versöhnung. Wie hätten die Katholischen es zugeben 
können, daß Luther in diesen Artikeln die Messe als den 
„größten und schrecklichsten Greuel“ bezeichnete und im Papst 
zweifelsohne den Antichrist sah? 
Während dessen wies der Kaiser nahezu gleichzeitig in einer 
seinem Vicekanzler Held für die Verhandlungen des Schmalkaldner 
Bundestages vom Februar 1537 erteilten Generalinstruktion 
die Protestanten von neuem an, sich an den Nürnberger 
Religionsfrieden und dessen Ausführungsbestimmungen zu halten, 
namentlich dem Kammergericht zu gehorchen. Was war hierauf 
nach fünf Jahren ununterbrochener weiterer Ausbreitung des 
Protestantismus zu sagen? Die Schmalkaldner sahen sich jetzt 
zweifellos als im Besitze eines neuen, wohlerworbenen Rechtes 
unabhängiger Existenz an; sie dachten nicht daran, es aufzu— 
geben; die ältere Ordnung des Reiches erschien ihnen als Un— 
recht, ehemalige Vernunft war ihnen zu Unsinn geworden. 
Sie erklärten das Kammergericht, das in seinen Prozessen 
gegen sie trotz der Nürnberger und Kadener Abmachungen 
fortfuhr, in der sogenannten Rekusation vom 80. Januar 1534 
als partetisch und darum als für sie nicht mehr bindend; sie 
behaupteten, ihr Erwerb geistlichen Besitzes sei gerecht: für sie 
var das alte Reich nicht minder dahin, wie das Papsttum. 
Es war der Abschluß der im Jahre 1525 und 1526 
begonnenen Bewegungen. Ein Dutzend Jahre hatte genügt, 
um durch Protest zunächst gegenüber ohnmächtigen Ständen, 
dann gegenüber einem ohnmächtigen Kaiser, endlich gegenüber 
der anfangs sorglosen und zu spät zur Einsicht erwachten 
Kurie die evangelische Bewegung so weit vorwärts zu schieben, 
daß an ein Rückwärts nicht mehr zu denken war. Das Recht 
des Daseins war jetzt gewonnen; in einem letzten, an Errungen⸗ 
schaften reichen Jahrfünft war es befestigt; nur durch Gewalt 
noch konnte es beseitigt werden: so standen jetzt gleich mächtig 
altes und neues Recht gegeneinander, und das Gottesurteil 
des Kampfes mußte entscheiden.</div>
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