Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 361
im Reiche. Nun waren, seit 15823 bis 1525, Adel, Bauern und
Proletariat besiegt, und mit ihnen zugleich die Ideen der Durch—
führung einer centralisierten Reichsverfassung, die von jetzt ab
auf Jahrhunderte nicht wieder auftauchen sollten; und es war
zunächst keinerlei größere Anderung mehr in den jetzt festgelegten
Zielen der sozialen Bewegung zu erwarten. Die Gemeinden in
den Städten murrten nicht mehr, der Edelmann verlotterte oder
ward allmählich zum Diener des gnädigsten Landesherrn, der
Bauer saß für Jahrhunderte Lin angestellter Gült hart in der
Herrschaft“.

Welche Grundstellung nahmen zu alledem die religiösen Be—
wegungen ein, mit denen nach 1527 noch gerechnet werden
mußte, die Reformation Zwinglis und vor allem die Reforma—
tion Luthers? Sie waren nur ein Teil, aber allerdings der her⸗
vorragendste, der geistigen Entwicklung zum Individualismus hin,
wie sie seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eingesetzt
hatte; aus gleichen Wurzeln mit ihnen war die nationale Be—
freiung der Persönlichkeit in Denken und Anschauung, waren
Humanismus und Renaissance als Mittel dieser Befreiung ent⸗
sprungen. Offen zu Tage liegt dieser Zusammenhang fuͤr die
oberdeutsche Reformation Zwinglis; aber er gilt, bei allem
Widerwillen Luthers gegen einzelne Seiten des Humanismus,
auch für die Reformation in Sachsen.

Nun waren aber die sozialen Grundlagen dieses neuen
Geisteslebens nicht bei den überwundenen Ständen zu suchen.
Den besseren Bürgerkreisen des 15. Jahrhunderts entstammten
die Maler, die Bildhauer, die Baumeister und Schriftsteller, die
mit den mittelalterlichen Idealen der Kunst und Dichtung ge⸗
brochen hatten, und an den Fürstenhöfen des 15. Jahrhunderts
wie im Schoße der reichsten Geschlechter der Städte war der
Humanismus emporgeblüht; Luther selbst, mit welchem Recht
er sich auch einen Bauernsohn nannte, ist doch zugleich ein Kind
städtischer, bergmännischer Herkunft und städtischer, bettel—
mönchischer Erziehung.

Die Reformatoren sind sich auch über diese Zusammenhänge
nicht im unklaren gewesen — trotz aller Sympathien für die

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