362 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
sozial Unterdrückten und trotz allen Widerspruches gegen die
Brutalität der Sieger. Eben Luther kann hier als beweisendes
Beispiel gelten. Gewiß hat er den Ackerbau einen göttlichen Beruf
genannt und als die einzige Nahrung bezeichnet, die stracks vom
Himmel herabkommt:, die lieben Patriarchen haben sie auch gehabt.“
Aber trotzdem hat er die furchtbaren Schriften gegen die Bauern
geschrieben und die Erhebung des Adels mißbilligt. Gewiß
hat er aus seiner Abneigung gegen die unsittlichen Seiten des
patrizischen Handelsbetriebs alles andere als ein Hehl gemacht
und sich bis zu einem gewissen Grade für das kanonische Zins—
verbot erwärmt: aber das hat ihn nicht gehindert, das Werben
des Kapitals als Handelskapital verständnisvoll zu billigen;
nur dem Gedanken reinen Personalkredits war er unzugänglich.
Und gewiß hat er die Fürsten Mordbuben und Henkersknechte
Gottes genannt; aber wir werden sehen, daß ihn das nicht
abgehalten hat, der Obrigkeit eine höhere Stellung anzuweisen,
als sie bisher jemals in der christlichen Welt besessen hatte.

Jetzt hatten nun die sozialen Träger des emporkeimenden
Individualismus gesiegt: städtische Räte und vornehmlich Fürsten.
Es ist selbstverständlich, daß der Individualismus in den Formen,
in denen er um 1528 bestand, und namentlich auch in seiner
religiösen Ausbildung, sich an diese Sieger als seine Nährer,
Schützer und Erzeuger anlehnen mußte. Und das ist der Gang
der Entwicklung gewesen.

Man darf von einem gewissen Standpunkte aus sagen:
ein tragischer Gang, namentlich soweit die religiöse Seite der
individualistischen Entwicklung in Betracht kommt. Eine
Geistesströmung, die berufen ist, alle zu erfassen, die Erlösung
tragen soll in jedes Herz, wird an die Unterstützung aristo—
kratischer Mächte gewiesen. Ein Reformator, dessen Wesen fern
war jeder politisch-konventionellen Haltung, muß sich fügen in
die engen Bedenken fürstlicher und städtischer Politik. Luther
hat in der zweiten Hälfte seines Lebens die Tragik dieser Zu—
sammenhänge an seiner Person durchgekostet; sie hat ihm
Jahre neuer Anfechtung gebracht; sie hat seinem Herois—
mus unverzagten Draufgehens den tieferen Heroismus leidenden