364 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Theoreme der mittelalterlichen Sakramentskirche; vor allem trat
an die Stelle des Bußsakraments immer klarer entwickelt die
Lehre von der individuellen Rechtfertigung aus dem Glauben.
Damit schwand freilich zugleich auch der Begriff der Hierarchie;
die Kirche hatte nur noch die Anwendung des göttlichen Wortes
äußerlich zur Aufrechterhaltung feiner Zucht zu regeln. Und
der Gottesdienst blieb nicht Opferdienst, sondern ward zur Ver⸗
kündigung des Wortes, ging nicht in Messe auf, sondern in
Predigt. Hierin war denn, trotz der nach innen gewandten
Frömmigkeit gerade Luthers, die Gefahr gegeben, daß die Kult—
formen von der Lehre überwuchert würden. Es ist eine schon
früh nicht mehr zu verkennende Wendung. Und wie sollte dieser
tiefe Zug der Entwicklung abgelehnt worden sein in einem
Augenblick, da es unter allen Umständen notwendig war, eine
Tradition der neuen Anschauungen zu bilden!

Zur Aufrechterhaltung dieser Tradition aber bedurfte es
eines besonderen Standes. Freilich hatte Luther früher ge—
meint, der Geist Gottes wehe, wo er wolle, und in der Ge—
meinde solle als Lehrer und Leiter auftreten, wer immer ihr
dazu besonders geeignet scheine. Indes diese ideale Anschauung
ließ sich gegenüber dem geschichtlich gegebenen, einer verwickelten
Interpretationskunst bedürftigen Charakter der biblischen Offen—
bharung doch nicht halten. Es mußte ein Stand der Aus—
leger entwickelt und eine Methode für dessen wissenschaftliche
Vorbildung gefunden werden. So erwuchs, teilweise heraus
aus den Verbänden der alten Kirche, der evangelische Pfarr—
stand. Und nach einigen Schwankungen ward sein Bildungs⸗
zang humanistisch geregelt; die Pfarrer sollten gymnasiale und
akademische Lehre durchlaufen. Es war die engste Verschmelzung
des Humanismus mit dem Evangelium zu Gunsten der Kirche;
sie wurde eingeleitet durch Luthers Schrift vom Aufrichten und
Halten christlicher Schulen (1524), ihre Praxis begann mit der
Errichtung des Nürnberger Gymnasiums (1525); auf diesem
Gebiete liegen die größten Verdienste Melanchthons.

Indem aber nun die künftigen Diener der Gemeinden
vornehmlich auf den Tummelplätzen des Wissens geschult wurden,