Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 367
lische Bewegung, insofern sie Lebenshaltung ward und sich in
kirchlichen Einrichtungen niederschlug, hoffen dürfen, den städ—
tischen und fürstlichen Obrigkeiten selbständig entgegenzutreten?
Ihre Verfassung mußte über kurz oder lang der obrigkeitlichen
Einwirkung anheimfallen.

Freilich hatte sich Luther die Entwicklung einer Kirchen⸗
verfassung anfangs anders gedacht. In der Schrift an den
christlichen Adel (1520) zeichnet er die Verfassung der neuen
Kirche als reine Gemeindeverfassung; über der Gemeinde⸗
verfassung giebt es keine höhere Instanz obrigkeitlicher, sei es
kirchlicher oder weltlicher Art, und das Predigtamt in ihr ist
nicht ein Amt über der Gemeinde, sondern ein Dienst an der
Gemeinde zur Verwaltung der Offenbarung für alle. Hieraus
folgt, daß die Gemeinde das Recht hat, alle Lehre zu erteilen
und alle Lehrer zu berufen, ein⸗ und abzusetzen: eine Kon—
sequenz, die Luther in einer im Frühjahr 1528 erschienenen
Schrift ausdrücklich gezogen und aus der Bibel wie aus all—
gemeinen Erwägungen begründet hat.

Es ist ein völlig idealer Standpunkt, der sich nur ein—
nehmen läßt, wenn man von allem geschichtlich Gewordenen
und Werdenden absieht: „die Seele des Menschen ist ein ewig
Ding über alles, was zeitlich ist; darum muß sie nur mit
ewigem Wort regiert und gefasset sein“ Zu Grunde liegt
ihm die Gleichstellung der sichtbaren Gemeinde mit der Gemeinde
der Gläubigen, die Ineinssetzung des Zieles der letzten Tage
mit den Glaubenszuständen der Gegenwart.

Konnte eine solche Anschauung auf Verwirklichung hoffen?
Wie viele unter der Menge der Evangelischen waren durch die
Kritik der alten Kirche auf Luthers Seite gezogen worden, wie
viele durch das volle Erlebnis der Rechtfertigung allein durch
den Glauben? Luther selbst klagt im August 1625: „Das
Evangelium ist ins deutsche Land gekommen, viele verfolgen
es, viel weniger nehmen es an, und die es annehmen, stellen
sich so laß und faul dazu, lassen Schulen vergehen, Pfarren
und Predigtstühle fallen.“ Die Herstellung der idealen Gemeinde⸗
verfassung Luthers ist nirgends gelungen; ein Versuch des