Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 369
von Melanchthon verfaßten Visitationsunterricht an die Pfarrer
billigte; eine völlig staatliche Visitationsordnung wurde in
Sachsen am 22. März 1528 veröffentlicht. Es war die Ein—
leitung zum landesherrlichen Kirchenregiment; gleichzeitig aber
wurde das Recht der Obrigkeit anerkannt, sich in die Besetzung
der Pfarrstellen, und damit in die zartesten und primitivsten
Vorgänge der neuen Kirchenbildung zu mischen.

Nun sah freilich die Zeit diesen Sieg der obrigkeitlichen
Gewalten nicht als eine Niederlage der Kirche an. Kirche und
Staat wurden längst nicht in dem Grade, wie heute, als ge—
trennte Lebensgebiete empfunden. Sie griffen von alters her
ineinander; gemeinsam, sich gegenseitig zu gute kommend
dachte man ihre Wirksamkeit.

Unter diesen Umständen war es möglich, daß der Ruin
der alten Kirche auch finanziell nicht so sehr dem neuen Glauben,
als den Obrigkeiten zu gute kam. Was sollte jetzt mit der
Fundation all der verfallenen Institute der alten Kirche, der
Stifter und Klöster, der Gottesdienste und Seelmessen ges chehen?
Sie fielen dem neuen Kirchenregimente zu und somit der sigat—
lichen Gewalt; nicht eigentlich im Begriffe des 16. Jahrhunderts,
wohl aber nach unseren Anschauungen und nach dem schließ—
lichen Erfolg der Maßregel kam es zu einer umfassenden Säku—
larifation des Kirchenguts.

Am glücklichsten säkularisierten hierbei die Städte; denn
hier waren die modernen Staatsbedürfnisse der geistigen und
leiblichen Wohlfahrt, der Wissenschaft und Kunst, der sozialen
Fürsorge und der wirtschaftlichen Ausgleichung, die das Mittel⸗
alter im allgemeinen noch als Aufgaben der Kirche betrachtet
hatte, am weitesten schon von Staats wegen entwickelt und
darum der Hebung auf finanziellem Wege fähig. Aber auch
die Fürsten verwandten in der weitaus überwiegenden Zahl
von Fällen den größten Teil des eingezogenen Kirchenguts außer
zur Ausstattung der neuen Kirche zu Zwecken allgemeiner Wohl⸗
fahrt; namentlich begründeten auch sie Schulen und andere
Einrichtungen, die die errungene Höhe der neuen Geistesbildung
aufrecht zu erhalten geeignet waren.