Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 371
schon der Stimmung der Bürgerschaft folgend auf die Seite
des neuen Glaubens.

Unter den Fürsten hatte sich, wie wir wissen, selbst
Friedrich der Weise, der Landesfürst Luthers, der Reformation
mehr duldsam, als mit völlig offenem Herzen angeschlossen.
Er sammelte nach wie vor Reliquien; sein Allerheiligenstift in
Wittenberg behielt, ein Allerteufelsstift nach Luthers Ausdruck,
die Messe bei; innerlich noch immer schwankend ist der vor—
fichtige Fürst am 5. Mai 18528 gestorben, mitten in den
Greueln des Bauernkriegs; es schien, „als habe ihn Gott
weggezuckt, daß er solches UÜbel in der Welt nicht sehe“. Sein
Nachfolger Johann war nun freilich ein vollkommen überzeugter
Anhänger der Reformation. Aber er war zugleich ungemein
schwerfällig; die ganze Treuherzigkeit seines Glaubens trug er
in die äußeren Geschäfte; die Hoftheologen wurden Räte nicht
bloß seines Gewissens, sondern auch seines inneren obrigkeit—
lichen wie seines äußeren politischen Handelns. Unter diesen
Umständen mußte die weltliche Führung der protestantischen
Sache, die dem sächsischen Kurfürsten jetzt von Rechts wegen
gebührt hätte, in andere Hände fallen.

Die hessische Landgrafschaft hatte sich unter Ludwig J.
(1413 — 1458) ungemein erweitert; nach einigen Teilungen
war ihr gesamter Bestand im Jahre 1500 in den Besitz
Wilhelms II. gelangt; Wilhelm II. konnte seitdem als der
mächtigste Furst des westlichen Mitteldeutschlands gelten. Ihm
folgte sein im Jahre 1504 geborener Sohn Philipp; bald kannte
man ihn als einen der leidenschaftlichsten, aber auch gewand⸗
testen unter den deutschen Fürsten. Schon gegen Sickingen
hatte er sich hervorgethan; der energisch niedergeschlagene
Bauernkrieg in Hessen und teilweis auch in Thüringen zeigte
ihn dann als umsichtigen Landesherrn. Und schon begann er
an den großen Fragen der deutschen und europäischen Politik
selbständigen Anteil zu nehmen; soweit der Protestantismus
eine nationale und universale Macht ward, erschien Philipp
seit 1526 etwa als seine treibende politische Kraft.

Freilich standen neben ihm und dem Kurfürsten von