Rirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 375
Es war damit nicht die Anerkennung des Protestantismus
ausgesprochen, wie man wohl gemeint hat, wohl aber war in
sehr günstiger, Weise wiederum eine ins Unbestimmte erneuerte
Frist erstreckt worden für seine weitere Befestigung und Ver—
hreitung, eine Frist, in deren Gewährung die Evangelischen
immerhin eine Art provisorischen Anerkenntnisses ihrer Stellung
erblicken mochten. Für die weitere Entwicklung aber hing jetzt
alles ab von den Schicksalen der kaiserlichen Centralgewalt und
von den versönlichen Leistungen ihres Trägers.

II

Während der großen Bewegungen in Deutschland seit dem
Wormser Reichstag war Karl V. vom Reiche abwesend und in
Kämpfen beschäftigt, die in ihrer allgemeinen Richtung den
deutschen Vorgängen vollkommen widersprachen. Für ihn war
keine Rede von einer Sprengung der alten Kirche; das verbot
seine gläubige Anhänglichkeit nicht minder wie die Thatsache,
daß die alte Kirche die notwendige Ergänzung zu der weltlichen
Universalgewalt war, in deren Verwirklichung er das höchste
Ziel seines Lebens erkannte. Denn wie Max J. der letzte
Ritter des Mittelalters gewesen war, so war Karl V. der letzte
mittelalterliche Kaiser. Persönliche Anlage wie die besondere
Gruppierung der ihm untergebenen Länder bestimmten ihn in
gleicher Weise hierzu!. Wie sollte der Besitz Spaniens, Neapels,
Deutschlands nicht dazu verlocken, den Kern dieser peripherischen
Reiche, Mittel- und Oberitalien sowie Frankreich, zu besitzen
oder wenigstens der Hauptsache nach zu beherrschen? Und Karl
persönlich klammerte sich zäh legitimistisch, wie sein Urgroßvater
Kaiser Friedrich III., an die alten Ansprüche des Kaisertums;
rechthaberisch glaubte er sie durchführen zu müssen; ganz
Frankreich hat er einmal auf Grund einer Schenkung Papst
Bonifaz' VIII. als kaiserliches Eigen angesprochen.

1S. zum Folgenden oben S. 274ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 2.