376 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Die nächste Ergänzung aber, deren Karls Reiche im uni—
versalistischen Sinne bedurften, war zweifelsohne in Mittel—
und Oberitalien gegeben. Verbanden diese erst einmal den
neapolitanischen und den österreichisch-deutschen Besitz, dann
war der Zusammenhang des alten Kaiserreiches wiederhergestellt,
und geschlossen reichte die Macht des Hauses Habsburg von
den Dünen der Niederlande bis zu den Felshängen Apuliens
und der sizilischen Insel. Dann gab es nur noch zwei Hälften
der Universalmonarchie, Spanien und den Osten, und die
Eroberung Frankreichs hätte beide vereinigt.

So ward Italien zum eigentlichen Drehpunkt der kaiser—
lichen Politik, nicht Spanien und nicht Deutschland.

Italien war damals in eine Anzahl kleiner Staaten zer—
rissen, deren wichtigste in Oberitalien Mailand und das weit
auf die Terra ferma vorgestreckte Venedig, in Mittelitalien der
Kirchenstaat waren. Zerrissener aber, als das Land, war das
Volk. Ausschweifende Selbstsucht im Betrieb politischer Ge—
schäfte hatte fast jede Spur nationalen Sinnes getilgt; wo
patriotische Regungen auftauchten, wurden sie bald zu einem
durchsichtigen Vorwand des Eigennutzes. So lebte man im
Kriege aller gegen alle, und die hochentwickelte diplomatische
Kunst der Fürsten und Republiken ward für die kleinlichsten
Ziele eingesetzt.

In dieses Treiben war auch das Papsttum hineingezogen.
In der kurialen Politik des ausgehenden 15. Jahrhunderts
war sein Länderbesitz zu einem einfachen italienischen Terri—
torialfürstentum geworden; dementsprechend ging seine äußere
Politik gelegentlich ganz in den Interessen dieses Fürstentums
auf; Leo X. kannte kaum andere politische Ziele, als die,
kleine Territorien hinzuzuerwerben, und bei deren Auswahl
leitete ihn vielfach nicht einmal das Interesse des Patri—
moniums Petri, sondern das des mediceischen Hauses, dem
er angehörte. Als er am 1. Dezember 1621 starb, war das
Papsttum seiner früheren universalen Höhe fast verlustig ge—
gangen. Dann hat freilich Hadrian VI., jener fromme asketische
Erzieher Karls V., der letzte deutsche Papst, den großen Zielen